Auf der Gegenseite

Vergangenheit Eine neue Biografie über Helmut Schmidt zeigt: Der Ex-Kanzler wusste mehr von den NS-Verbrechen, als er stets behauptet hat
Hannes Heer | Ausgabe 03/2015 17

In einem Gespräch mit Marion Gräfin Dönhoff und Richard von Weizsäcker hatte Helmut Schmidt behauptet, er sei als Rekrut 1937 im „einzigen anständigen Verein im Dritten Reich gelandet“, nämlich in der Wehrmacht. Dank dieser „Schutzzone“ habe er weder die Pogromnacht im November 1938 „mitgekriegt“ noch eine „Ahnung von den Deportationszügen“ gehabt. Die Reaktion Richard von Weizsäckers, der als Hauptmann an der Ostfront gedient hatte, war ein ungläubiges „Na ja“. (Notabene fand das Ganze zum 50. Jahrestag des 20. Juli 1944 statt.) Als Helmut Schmidt schon aufbrausen wollte, lenkte von Weizsäcker ein und berichtete als Augenzeuge von der Zerstörung der Synagoge im Zentrum Berlins, über die Menschen, die später den „Judenstern“ trugen, und was er 1941/42 über den Judenmord der SS-Einsatzgruppen hinter der deutschen Front erfahren hatte.

Diese Szene wiederholte sich im Februar 1995 bei einem Gespräch über die verschwiegenen Verbrechen der Wehrmacht, an dem neben dem ehemaligen Flakoffizier Helmut Schmidt auch Marion Gräfin Dönhoff, Theo Sommer, der ehemalige Regimentskommandeur Klaus von Bismarck, der Militärhistoriker Wolfram Wette sowie der Autor dieses Artikels teilnahmen.

Im Widerspruch zu Schmidts Behauptung, in seiner achtjährigen Militärzeit habe er „irgendeine nationalsozialistische Beeinflussung nicht erlebt“ und er sei nur einem „einzigen Nazi“ begegnet, teilte Bismarck seine Beobachtung mit, wie weit es schon 1941 „gelungen war, das Heer zu nazifizieren“. Am Ende des Kriegs sei vermutlich sogar „die Mehrheit der Wehrmacht von der skrupellosen Nazi-Ideologie erheblich infiziert“ gewesen. In beiden Gesprächen, die in der Zeit veröffentlicht wurden, hatte Schmidt seinen jüdischen Großvater erwähnt: Dieser sei einer der Gründe gewesen, warum er „kein Nazi werden konnte“.

Progressiver Vater

Das Gesagte findet sich auch in einem Bericht, Politischer Rückblick auf eine unpolitische Jugend, der 1992 veröffentlicht wurde und sich wiederum auf in der Gefangenschaft 1945 notierte Stichworte stützte. Schließlich wurde dieses Aide-Mémoire einer „unpolitischen Jugend“ die Grundlage der von seinem ehemaligen Assistenten in der SPD-Bundestagsfraktion, dem späteren Geschichtsprofessor Hartmut Soell, verfassten, 2003 veröffentlichten Biografie. Schmidts Lob der „anständigen Wehrmacht“ wurde von Soell ebenso wenig hinterfragt und mit offiziellen Quellen oder der wissenschaftlichen Literatur konfrontiert wie dessen Behauptungen, er habe an der Front vom „Kommissarbefehl“ nur „gehört“, er sei bei seiner 1. Panzerdivision keinen Kriegsgefangenen begegnet und er habe nicht gewusst, dass „Juden vernichtet wurden“.

Auch seine Aussagen über den „unpolitischen“ Charakter von Elternhaus und Schule wie über die Schlüsselrolle seines jüdischen Großvaters wurden nicht angezweifelt. Kurz: Das Handwerk des Historikers ruhte, eine Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Quellen, in diesem Falle also des Zeitzeugen Schmidt, fand nicht statt.

Hannes Heer, Jahrgang 1941, war Leiter der ersten Wehrmachtsausstellung (1995 – 1999). Der Historiker lebt in Hamburg

Geleistet wird sie nun erstmals durch Sabine Pamperrien, die eine Studie über die Jahre 1918 bis 1945 verfasst hat. Anhand von Personal- und Schulakten weist Pamperrien nach, dass Schmidts Vater, der seit seiner unehelichen Geburt bei Adoptiveltern gelebt und erst als Erwachsener von seinem jüdischen Erzeuger erfahren hatte, ein überzeugter Demokrat war. Er war im angesehensten Lehrerverein aktiv, unterrichtete das Fach „Staatsbürgerkunde“ und schickte seinen Sohn in die „Lichtwarkschule“, die damals modernste Schule Deutschlands.

Das vom rechten Lager als „Kommunisten- und Judenschule“ diffamierte Gymnasium wurde von einem Bürgerschaftsabgeordneten der Deutschen Demokratischen Partei geleitet, es verfügte über ein „linkes“ Lehrerkollegium, das die politische Betätigung der Schüler unterstützte und daher schon 1929/30 einen Hitlerjugendtrupp sowie eine sozialistische Gruppe an der Schule duldete. Helmut Schmidt wusste also, was er tat, als er im Herbst 1933 mit drei Kameraden freiwillig in die HJ eintrat.

Damit kann Pamperrien dessen „Urgeschichte“ ins Reich der Legende verweisen: Angeblich hatten ihm seine Eltern im Jahr 1933 den Beitritt zur Hitlerjugend unter Hinweis auf den jüdischen Großvater „strikt verboten“. Helmut Schmidts jüngerer Bruder Wolfgang hatte schon früh darauf hingewiesen, dass das Familiengeheimnis des Großvaters erst nach dem Krieg enthüllt worden war. Und der Ariernachweis des Vaters war, wie Sabine Pamperrien zeigt, mit Hinweis auf den „unbekannten“ Vater anerkannt und nicht, wie von Schmidt immer behauptet wurde, „gefälscht“ oder „manipuliert“ worden.

Wie wenig sich Pamperrien vom Zeitzeugen Schmidt täuschen lässt, demonstriert sie auch an dessen Behauptung, er sei in der Wehrmacht „von jedem bewussten NS-Einfluss so gut wie entzogen gewesen“. Sie kontrastiert diese unpolitische Idylle mit seinem im Stil der Nazi-Propaganda verfassten Plädoyer für die Annexion des Sudetenlandes und enthüllt, dass sein Flakregiment an der Besetzung am 1. Oktober 1938 wie an der Sicherung der Beute in den folgenden Wochen teilgenommen hatte und nach der Rückkehr in Bremen-Vegesack von der Bevölkerung jubelnd empfangen worden war.

Auch Schmidts Einlassung, er habe in seiner Kaserne von den Aktionen der SA gegen die Juden fünf Wochen später „nichts gemerkt“, ist zweifelhaft: In der Nacht des 9./10. November 1938 wurden in unmittelbarer Nähe der Kaserne drei Juden ermordet. Der Sohn eines der Ermordeten, ein „Halbjude“, erfuhr in der Kaserne vom Tod des Vaters. Anderntags steckten SA-Männer eine zwei Kilometer entfernte Synagoge in Brand.

Schmidt hatte 1979 gegenüber einem Parteifreund zugegeben, auch er sei „1934 und 1935 unter den Einfluss der braunen Machthaber geraten“. Und danach, wo stand er da? In seinen Aufzeichnungen in der Gefangenschaft zeichnet er eine stetig abfallende Zustimmungskurve: 1937 „Endgültige Abkehr, wenn auch zunächst noch tastend vom N.S.“, 1939 „Nunmehr klare Kontra-Stellung zum N.S. Lediglich Hitler persönlich noch ausgenommen“, 1941 „Erstmaliger Knacks im persönlichen Vertrauen zum Führer“ und 1943 „Nur noch geringe Reste von Vertrauen. Immer größere Klarheit über Kampfstellung gegen NS“. Pamperrien zeigt, dass er für Freunde seit Beginn des Kriegs „auf der Gegenseite“ stand.

Nicht im Ton der Anklage

Das entsprach auch der Einschätzung seiner Vorgesetzten in Görings Reichsluftfahrtministerium. Sie honorierten Helmut Schmidts Bemühungen, in den riskantesten Situationen – zu Beginn des Ostfeldzugs, nach Stalingrad und der alliierten Invasion – an die Front versetzt zu werden. Auch seine Verdienste um die Entwicklung der Flakwaffe wurden gewürdigt, im September 1944, zwei Monate nach dem Attentat auf Hitler, mit der Entscheidung, ihn für die „Führergehilfenlaufbahn“ vorzuschlagen. Das war das Sprungbrett zu einer Generalskarriere.

Die Journalistin Sabine Pamperrien hat eine überzeugende Studie vorgelegt, die nie in den Ton der Anklage verfällt und, unbeabsichtigt, in den Erinnerungen Helmut Schmidts eine besondere Form von Schuldvergessenheit erkennen lässt. Die Soziologen Peter Berger und Thomas Luckmann haben untersucht, was Menschen, wenn sie gezwungen sind, plötzlich ihre alte Welt gegen eine neue einzutauschen. „Da man leichter etwas erfindet, was sich nie ereignet hat, als etwas vergisst, das sich ereignet hat, fabriziert man Ereignisse und fügt sie ein, wo immer sie gebraucht werden, um Erinnerung und neue Wirklichkeit aufeinander abzustimmen.“

Weil dem Erfinder sein Werk „absolut plausibel“ erscheine, könne er auch absolut aufrichtig sein. Subjektiv erzähle er keine Lügen über die Vergangenheit, er bringe sie nur „auf Vordermann“ mit einer Vergangenheit und Gegenwart umfassenden neuen „Wahrheit“. Der italienische Schriftsteller Primo Levi (1919 – 1987) hat dafür die Formulierung vom „Lügen auf Treu und Glauben“ gefunden: „Wer auf Treu und Glauben lügt, lügt besser, spielt seine Rolle besser, findet leichter Glauben, beim Richter, beim Historiker, beim Leser.“ Helmut Schmidts Umgang mit seiner Vergangenheit ist nicht zwangsläufig. Richard von Weizsäcker und Klaus von Bismarck haben die Verbrechen des Dritten Reichs aus der eigenen Erinnerung bezeugt, ihren Anteil Schuld dafür übernommen und auf diese Weise in ihr Leben integriert.

Helmut Schmidt und der Scheißkrieg: Die Biografie 1918 bis 1945 Sabine Pamperrien Piper 2014, 352 S., 19,99 €

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