Auf der Jagd nach Credit-Points

Dienstleistungsunternehmen Hochschule Durch den europaweiten Umbau des Studiums nach den Kriterien des Marktes wird die Universität immer mehr zu einem Fast-Food-Betrieb

Eleni studiert eine ganz individuelle Mischung von Sprachen und Philosophie in Leipzig. Die griechische Studentin realisiert für sich den "europäischen Hochschulraum". Ihr griechisches Abitur hat sie in Leipzig anerkannt bekommen. Und dann will sie mit einem Bachelor, Magister oder Master, das ist ihr eigentlich egal, auch nach Griechenland zurückgehen können und ihr Examen dort umstandslos anerkannt bekommen. Ihre Krankenversicherung soll europaweit gelten. Dass Studierende aus EU-Mitgliedsländern in ihren Gastländern den einheimischen Studierenden gleich gestellt werden, wenn es ums Stipendium geht, so weit will sie gar nicht gehen. Das könnte in der Tat zum Beispiel das deutsche Bafög zum Zusammenbruch bringen. Dann könnten polnische oder litauische Studierende hierzulande eine Studienbeihilfe bekommen, die höher ist als das Einkommen eines Professors in ihrem Herkunftsland. Das befürchten Experten, wie der ehemalige Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks, Dieter Schäferbarthold. Der sieht aber zugleich die Notwendigkeit, ein europaweites Studienfinanzierungssystem zu schaffen, wenn man beim "europäischen Hochschulraum" wirklich die Mobilität der Studierenden im Auge hat. Doch davon möchten die Protagonisten des "Bolognaprozesses" nicht reden.

Am 20. und 21. Mai treffen sich die Wissenschaftsminister aus 40 europäischen Ländern im norwegischen Bergen, von Andorra bis zum Vatikan sind alle vertreten. Sie werden die nächsten Schritte auf dem Weg zu einheitlichen Studienstrukturen und gemeinsamen Qualitätsstandards im europäischen Hochschulraum beraten. Dass überall bis zum Jahr 2010 das gestufte Studiensystem mit Bachelor und Master eingeführt werden soll, ist längst beschlossene Sache. Nun geht es um weitere Fragen: Wie soll ein Promotionsstudium aussehen? Wird es allgemein anerkannte Qualitätsstandards für Hochschulen und Studiengänge geben? Und gemeinsame Verfahren, um sie zu überprüfen? Die Probleme, die für die Mobilität von Studierenden wirklich wichtig wären, wie die Sicherung des Lebensunterhalts, die ungleichen sozialen Bedingungen oder auch die unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnisse für das Hochschulpersonal, werden in Bergen wieder nur eine Nebenrolle spielen.

Zurück zu Eleni. "Der Sinn des europäischen Hochschulraums besteht für mich darin, dass man Ideen, Wissenschaftler und Studierende austauschen kann", sagt sie. Sie trägt ihren Teil dazu bei, indem sie als studentische Gutachterin an der Akkreditierung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge mitarbeitet.

In einem Seminar in der Jugendherberge in Hannover tauscht sie sich mit anderen Studierenden, Wissenschaftlern und Hochschulmanagern über den Stand der "Qualitätssicherung an deutschen Hochschulen" aus. Der Genehmigung von Studiengängen ist künftig eine Akkreditierung vorgeschaltet. Dafür gibt es bisher sechs Akkreditierungsagenturen in Deutschland. Sie werden von Hochschulverbünden mit Unterstützung von Ministerien und Fachverbänden eingerichtet, etwa dem der Ingenieure. Diese Agenturen wiederum müssen selbst durch den Akkreditierungsrat zugelassen werden, eine Einrichtung der Kultusminister- und der Hochschulrektorenkonferenz.

Bei diesen Verfahren arbeiten studentische Gutachter mit. Und Eleni ist durchaus zufrieden mit der Rolle, die sie bei der Akkreditierung spielt: "Sehr oft werden die entscheidenden Rahmen in den Gutachterverfahren von mir gesetzt. Die anderen Gutachter sehen nur die Fachqualifikationen. Sie hinterfragen nicht das Konzept, das sieht man als Studierende ein bisschen genauer."

Denn mit den neuen Titel Bachelor und Master wird nicht nur eine neue Stufung durchgesetzt, sprich: Kurzstudiengänge von sechs Semestern für die wachsende Studierendenzahl, sondern auch eine neue "Philosophie": Man studiert nicht mehr eine oder zwei wissenschaftliche Disziplinen, also Altphilologie oder Biochemie, sondern für einen berufsorientierten Abschluss, dessen Inhalte sich möglichst interdisziplinär zusammensetzen sollen. Was noch vor zehn Jahren von Hochschulrektoren mit verständnislosem Kopfschütteln zurückgewiesen wurde, dass sie "Berufsfertigkeit" produzieren sollten, ist heute selbstverständlich geworden. Also muss überprüft werden: Entspricht der Studiengang dem Erfordernis der "employability", wie es in den kultusministeriellen Strukturvorgaben heißt? Und was bedeutet das? Soll ein Bachelor in seinem Sechs-Semester-Studium in die allgemeinen Grundlagen der Konstruktionstechnik und Physik eingeführt oder zum Fachingenieur für Brauereitechnik ausgebildet werden, weil die Kürze der Zeit nur für einen kleinen Ausschnitt an Fachwissen reicht? Dann hätten er oder sie schlechte Karten, wenn gerade keine Brauereimaschinenspezialisten gebraucht werden, sondern welche für die Verpackungsindustrie, zum Beispiel.

Der viel beschworene Bruch mit Humboldt ist damit offiziell vollzogen. Bildung durch Wissenschaft? Sicher - das war schon immer Ideologie. Es ging immer um Berufsausbildung, mal verschult, wie bei den Medizinern, mal als Härtetest, wie in den Examina der Juristen, oder als Training, sich in einer unstrukturierten, oft fremden Welt auf sich allein gestellt einen Weg zu bahnen, wie in den Geisteswissenschaften. Aber es standen bestimmte Inhalte im Vordergrund. Man konnte sich ein paar Jahre seines Lebens mit Kafka oder Schumpeter, mit dem Klimawandel oder der Wirkung von bestimmten Schadstoffen beschäftigen, weil man sich dafür interessierte. Und dabei die Methoden lernen, die einem im späteren Beruf zupass kamen. Heute soll gleich Methodentraining betrieben werden, ohne den vermeintlich unproduktiven Umweg über Inhalte. Rhetorik, Computerprogramme, Mindmapping, Sozialkompetenz als Kursprogramm - womit und wofür auch immer, die Inhalte sind gleichgültig.

Die alte Fächerstruktur wird aufgelöst zugunsten von "Modulen". Bei der Akkreditierung muss geprüft werden: weiß man im Fachbereich überhaupt, was Module sind? Das sind zusammengefasste Lehrveranstaltungen, also zum Beispiel Vorlesungen und Tutorien etc. zu einem bestimmten Thema. Nun werden Lehrangebote verlangt, die näher an den Studierenden dran sind, das ist gut so. Wenn das neue Studienkonzept wirklich ernsthaft umgesetzt wird, bringt es gravierende Einschnitte für die Professoren mit sich. Falls Lehrende weiter ihre Hobbies pflegen, lässt sich ein genau definiertes Studienprogramm nicht realisieren. Nur: Wird sich der umworbene Star seiner Branche herablassen, Einführungsveranstaltungen abzuhalten, sich über die ganze Breite seines Fachs auszulassen, oder wird er dann schnell den Ruf einer Uni annehmen, die ihm statt der Freiheit der Lehre die Freiheit von der Lehre anbietet? Wird es dann verschiedene Klassen von Professoren geben - die einen, die 18 Stunden im Seminar stehen, wie heute schon die Fachhochschullehrer, und die anderen, die unbeschwert von Kongress zu Kongress jetten und ihre Assistenten Drittmittel einwerben lassen?

Die Freiheit der Studierenden besteht nun darin, sich aus einem Menü von vorgefertigten Teilen einen Studienplan zusammenzustellen, das sogenannte Cafeteria-Prinzip. Das zu bewältigende Pensum wird nicht mehr in Semesterwochenstunden berechnet, sondern in "Workloads" - der Arbeitsbelastung der Studierenden - und schließt das Anfertigen einer Hausarbeit oder das Absolvieren eines Praktikums ein. Die Workloads werden dann zu "Credits" - 180 Kreditpunkte muss man haben, um den Bachelor zu bekommen.

Die Berechnung der Credits soll eigentlich erleichtern, Studienleistungen von einer Hochschule zur anderen, sogar aus einem Land zum anderen mitnehmen zu können, eine Art Studien-Euro also. Doch zunächst einmal führen sie zu veränderten Prüfungen und anderem Studienverhalten: Die Abschlussprüfung wird durch das kontinuierliche Sammeln der Credits ersetzt. Was zur Folge hat, dass Studierende plötzlich gehäuft in den Seminaren auftauchen, und dass Hochschullehrer permanent Arbeiten nachsehen und korrigieren müssen. Eine paradoxe Situation: Auf der einen Seite gehen Studierendenzahlen in vielen Hochschulen nach unten, nachdem dort Langzeitstudiengebühren eingeführt wurden, gleichzeitig nimmt die tatsächliche Überfüllung aber aufgrund des anderen Studienverhaltens zu. Studierende müssen nur noch Punkte sammeln - die credits werden zur "allgemeinen Geldware" des Studiums - Inhalte werden zu Punkten, Qualität wird zur Quantität.

Manches an diesen neuen Verfahren ist durchaus ein Fortschritt gegenüber einem Studienbetrieb, in dem es für die meisten längst keine persönliche Beziehung mehr zu den Hochschullehrern und damit einen Zugang zur Wissenschaft gibt. Doch der Preis dafür ist hoch: Nicht nur die Forschung wandert aus den Hochschulen aus, wie heute im Kampf um den Standort Europa immer wieder beklagt wird. Die Hochschulen verlieren damit auch den Anspruch - den sie schon lange nicht mehr einlösen - so etwas wie ein kritisches Korrektiv, ein Freiraum der Reflexion zu sein. Sie werden ganz offiziell den Gesetzen von Markt und Wettbewerb unterworfen. Das ist auch der Hintersinn der Akkreditierungsverfahren. Nicht mehr ein - wie auch immer - demokratisch legitimierter Staat kann darüber befinden, welche Studien sinnvoll betrieben werden und deshalb aus Steuermitteln finanziert werden sollen, sondern die Entscheidung darüber wird den Hochschulen übertragen. Und sobald Gebühren eingeführt worden sind, werden sie sich wie gute Geschäftsleute daran orientieren, wo sie mit möglichst wenig Aufwand hohe Erträge erzielen können. In BWL zum Beispiel - da gibt es viele Studierende und man braucht wenig Ausstattung. Aber nicht in Judaistik, das interessiert kaum einen.

Die Akkreditierungsagentur gibt dazu ihr "TÜV"-Gütesiegel. Vor der Akkreditierungsagentur sind alle gleich - ob private oder staatliche Hochschule. Doch diese Gleichheit bezieht sich nur auf den Zugang zum Markt der Hochschuldienstleister. Auf dem Markt selbst dagegen ist es mit der Gleichheit vorbei. Bisher ist ein Hochschuldiplom aus Vechta wenigstens formal so viel wert wie ein Hochschuldiplom aus Heidelberg. Doch nun haben die "TU9", ein Zusammenschluss der neun "renommiertesten" technischen Lehranstalten, erklärt: Bei ihnen würden nur Studierende unbesehen zum Masterstudium zugelassen, die einen Bachelor von einer ihrer Mitgliedshochschulen vorweisen können. Tatsächlich sind diese Unterschiede ja gewollt. Es bleibt den privaten Marktteilnehmern überlassen - den Studierenden und den Unternehmen als den eigentlichen Abnehmern der Bildungsdienstleistungen, welchen Wert sie welchem Produkt beimessen.

Wie sollen 11.000 Studiengänge ernsthaft durch Akkreditierungsagenturen geprüft werden? Zumal ein Verfahren etwa 12.000 Euro kostet? Da gibt es schon die Überlegung, künftig nur noch die hochschulinternen Verfahren der Qualitätssicherung zu prüfen und sich gar nicht mehr um die Studiengänge selbst zu kümmern. Eine andere Gefahr: Die Mainstream-Gutachter definieren, was in den jeweiligen Fächern angesagt ist. Unter der Hand vollzieht sich eine Standardisierung der Inhalte. Und wenn es nach dem Vorschlag der EU-Kommission geht, so brauchen künftig alle Agenturen neben der Zulassung durch den Akkreditierungsrat noch eine europäische Zulassung, um in ein Register der anerkannten Akkreditierer aufgenommen zu werden. Eine endlose selbstreferentielle Akkreditierungsmaschinerie - und alles unter dem Stichwort Entstaatlichung, sprich: Entbürokratisierung.

In Brüssel arbeitet man schon an europaweiten Vorgaben für einzelne Studiengänge. Dann stünde eine McDonaldisierung des Studiums ins Haus: Wie in einer Fast-Food-Kette halten die Unis in Bologna, Bergen und Berlin ein genormtes Studienangebot parat. Warum soll man dann noch nach Budapest gehen, wenn man dort ohnehin das Gleiche geboten bekommt wie in Bochum?


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Der Bologna-Prozess plant, die unterschiedlichen Hochschulsysteme in Europa zu vereinheitlichen. Drei Studienphasen (Bachelor, Master und Promotion) sollen Hochschulabschlüsse international vergleichbar machen. Studienleistungen ("credits") erleichtern die Übertragung und Mobilität von Studierenden und Lehrkräften. Der Bologna-Prozess soll bis 2010 abgeschlossen sein.

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00:00 01.04.2005

Ausgabe 39/2020

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