Auf der langen Welle aus der Sackgasse

Beginn eines neuen Kondratjew-Zyklus Macht die Finanzkrise den Weg in einen sozialen Ökokapitalismus frei?

Das Jahr 2008 könnte eine besondere Bedeutung haben - den Beginn eines neuen großen Zyklus der Konjunktur. Nimmt man die Theorie des österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter (1883-1950) ernst, der in Anlehnung an die Überlegungen des sowjetischen Wirtschaftswissenschaftlers Nikolai Kondratjew (1892-1932) die durchschnittliche Dauer der "langen Wellen" auf 55 Jahre datierte; und geht man davon aus, dass der letzte Wendepunkt im Jahr 1953 liegt, dem Beginn des "Wirtschaftswunders", steht die Welt derzeit am Übergang vom vierten zum fünften so genannten Kondratjew-Zyklus.

Wird also nun die Weltwirtschaft, wie schon in früheren Zyklen, ergänzt und erneuert, wird es innovative Durchbrüche geben, die der Menschheit nützen werden? Ist das Ende der "endlosen Depression" in Sicht - gerade jetzt, wo viele befürchten, die Finanzkrise könnte allen Hoffnungen auf Prosperität den Todesstoß versetzen? Wer mag noch an einen neuen gewaltigen Schub von Innovation und Wachstum glauben, einen, der die Welt abermals so stark verändern und vielleicht sogar verbessern könnte, wie es die amerikanisch-europäische Revolution der industriellen Massenproduktion und die produktivitätsorientierte Lohn- und Sozialpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg taten?

Werden die Löhne wieder steigen, wird das Sozialsystem repariert und umgebaut? Wird es gar eine globale Energiewende geben? Wird der Aufstieg Chinas und Indiens doch nicht zu einem Kollaps wegen Umweltbelastungen führen? Leuchtet am Horizont gar die "Eine Welt" mit einer neuen Industrie ohne Kohlendioxid-Emissionen auf, mit Autos, die von Elektromotoren getrieben lautlos durch die Straßen in aller Welt gleiten? Gelingt es gar, Armut und Hunger, Unterentwicklung und Elend zu überwinden? Und, aus unserer Binnensicht: Wird es Ostdeutschland schaffen, seine Produktions- und Einkommenslücke zu schließen?

Schumpeter sah den Kapitalismus als eine Wirtschaftsweise an, in der Innovationen schubweise durchgesetzt werden. Unternehmer führen Innovationen ein, um der lähmenden Stagnation des "Gleichgewichts" auszuweichen. Dabei werden die gegebenen "Produktionsfunktionen" unterlaufen, also neue Kombinationen von Produktionsmitteln und Arbeit, neue Produkte und Verfahren durchgesetzt. Kreditfinanzierte Innovationen beschleunigen anfangs das Wachstum und erzeugen einen Aufschwung - der nach einer gewissen Zeit jedoch zum Erliegen kommt.

Die "fordistische" Nachkriegsprosperität der fünfziger und sechziger Jahre beruhte auf einem solchen Schub, dem als sozioökonomische "Neukombination" die Verbindung der fordistischen Massenproduktion (Auto, Petrochemie, Elektrotechnik und so weiter) mit einer produktivitätsorientierten Lohnentwicklung und einer Dynamisierung der Sozialsysteme zugrunde lag. Voraussetzung war der Paradigmenwechsel der Sozial- und Lohnpolitik, der mit dem New Deal der dreißiger Jahre in den USA eingeleitet wurde.

Den Startschuss gab dann der bis dahin größte kreditfinanzierte Boom aller Zeiten: der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Dem folgten der Aufbau der Rüstungswirtschaft, der Ausbau der Produktionsmittelindustrie, ein ungeahnter und nicht endender Anstieg der Löhne sowie die Expansion der Konsumgüterindustrie, die nicht nur die gesamten USA, sondern auch teilweise Großbritannien und die Sowjet­union, sowie nach dem Krieg halb Europa versorgte. Die materielle und finanzielle Rolle der USA in der Nachkriegswirtschaft machte aus der fordistischen Kombination von Massenproduktion, Lohnanstieg und Konsumgesellschaft ein globales Erfolgsmodell, das bis in die siebziger Jahre ganz gut funktionierte

Auf den Prosperitätseffekt solcher "Neukombinationen" folgte eine Phase des Abstiegs in die Rezession: Neue Produkte gelangen auf den Markt, neue Unternehmen verdienen viel Geld, zahlen ihre Kredite zurück, alte Produkte werden nicht mehr gebraucht, alte Unternehmen geraten unter Druck, es gibt auf einmal unverkäufliche Produkte, nutzlos werdende Fabriken und überflüssig gewordene Arbeit neben dem zuvor entstandenen Neuen. Es ist nicht Sättigung, sondern die durch den vorangegangenen Innovationsschub ausgelöste Notwendigkeit eines Strukturwandels, die den Aufstieg zum Erliegen bringt.

Eben dies widerfuhr auch der "immerwährenden Prosperität" der Nachkriegszeit, die Ölkrisen der siebziger Jahre waren der Auslöser. Nach Schumpeter kann man solche Rezessionen nicht vermeiden - man kann aber den sich in ihnen geltend machenden Bereinigungsbedarf zulassen, also den erforderlichen Strukturwandel fördern, gestalten und abfedern. Es kann aber auch passieren, dass die Rezession zu einer Depression verlängert wird, wenn die Akteure im Krisenszenarium falsch reagieren. Dies sind nicht nur die großen Zentralbanken, die Regierungen und die Finanzminister, sondern auch die Unternehmen, die Arbeitnehmerorganisationen und Institutionen der Weltwirtschaft.

Es spricht viel für die Vermutung, dass in den siebziger Jahren eine weltweite Kondratjew-Rezession begann, die sich durch falsche Reaktionen der wichtigsten Akteure zu einer "endlosen" Depression vertiefte. Die restriktive Geld- und Finanzpolitik, der Druck auf Löhne und Sozialausgaben, die Forcierung des globalen Standortwettbewerbs und die Deregulierung der Finanzsysteme hatten zwei fundamentale Effekte: Erstens die Sicherung "alten" Kapitals vor der "schöpferischen Zerstörung" - und zwar durch Abwälzung der Lasten auf die Masseneinkommen und auf den Staat. Und zweitens die Verschleppung der Kondratjew-Rezession und ihre Verwandlung in eine scheinbar alternativlose "endlose Wachstumsschwäche".

Indem mächtige Akteure, Finanzkapital, Banken und Versicherungen, Autokonzerne, aber zuweilen auch Regierungen, Gewerkschaften und scheinbar sozial orientierte Bewegungen gegen die Entwertung ihrer bisherigen Besitzstände ankämpften, verhinderten sie den Innovationsschub, der die Grenzen des alten Typs wirtschaftlicher Entwicklung vielleicht hätte überwinden können - und mit dem die verloren gehenden Besitzstände durch neue und - weil zukunftsfähig - bessere abgelöst worden wären.

Die wirkliche Alternative zur "endlosen" Depression wäre ein neuen Typ wirtschaftlicher Entwicklung, der einerseits die historische Innovation der Nachkriegszeit, die Kombination von Massenproduktion und Teilhabe der Massen auf vernünftige Weise wiederherstellt und weltweit sichert. Das aber wäre noch keine neue Kombination, sondern nur die Bewahrung einer geschichtlichen Lehre.

Die Neukombination, die einen Zyklus wirtschaftlicher Entwicklung tragen könnte, müsste die zentrale Entwicklungsgrenze des alten Zyklus überwinden: das Zurückbleiben der Ressourcen-Effizienz hinter der Produktivitätsentwicklung, das Überschreiten von Tragfähigkeitsgrenzen der Natur durch die Belastungen, die mit dem steigenden Energie- und Rohstoffbedarfs sowie den zunehmenden Emissionen von Kohlendioxid und anderen Klimagasen einhergehen.

Daraus könnte man folgern, dass die sozioökonomische "Neukombination", mit der die Bewegung aus der "endlosen" Depression in einen neuen Zyklus wirtschaftlicher Entwicklung ausgelöst würde, eine Energiewende und eine Effizienzrevolution wäre - "Faktor vier: doppelter Wohlstand, halbierter Naturverbrauch". Dies würde ein neues wirtschaftliches Paradigma, nämlich Ressourcen-Effizienz, möglichst geringen Material- und Energieverbrauch sowie Ökokonsistenz, mit der Massenproduktion und der Massenteilhabe rekombinieren und so einen neuen Pool für technologische und zugleich sozioökonomische Inventionen und Innovationen schaffen.

Etwas Derartiges deutet sich im Aufstieg der ökologischen Industrien zaghaft an - aber bislang dominiert immer noch die "Rettung des Alten". Ob der weltwirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre der faktische Beginn eines neuen Zyklus wirtschaftlicher Entwicklung wird oder ob es sich nur um ein Zwischenhoch in einer verschleppten Depression handelt, das wird man erst in ein paar Jahren wissen.

Klar ist aber: Wer die Bankenkrise wirklich überwinden will, muss neue Wege realwirtschaftlicher Entwicklung beschreiten. Das Jahr 2008 ist nicht nur der rechnerische Beginn eines neuen Kondratjew-Zyklus, es wird auch als das Jahr einer der größten Banken- und Finanzkrisen in die Geschichte eingehen. Seit Monaten hat die Immobilien- und Bankenkrise die Wirtschaftsaussichten im Würgegriff, seit Oktober aber ist eine "neue Qualität" festzustellen: Untergangsstimmung und Rettungsaktionismus. Die Regierungen überbieten sich mit Milliardensummen, die sie zur Rettung des globalen Finanzsystems und Finanzkapitals bereitstellen wollen. Udo Ernst Simonis fragt in dieser Zeitung (Freitag 42/08) ganz richtig, wann endlich das 500 Milliarden Euro schwere Rettungspaket für das Klima verabschiedet wird.

Die Finanzkrise könnte nun auch die "reale" Wirtschaft, die Güterproduktion, die Konjunktur, die Löhne und Staatshaushalte niederdrücken. Eine Finanzkatastrophe würde auch die noch zaghaften Hoffnungen und Vorläufer einer ökologischen Transformation des Kapitalismus zunichte machen. Aber ein langfristiges Programm massiver öffentlicher und privater Investitionen in eine Effizienzrevolution und eine Energiewende weltweit wäre das beste Mittel, die "reale" Wirtschaft vor depressiven Folgen des Finanzmarktdesasters zu bewahren.

Die Gesellschaft - Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Bürger - hat die Chance zu lernen, dass man nicht auf Dauer Geld mit Geld machen kann. Das aber reicht nicht. Sie könnte jetzt, im Jahr eins eines neuen Zyklus, zusätzlich erkennen, dass es um neue Produkte und neue Unternehmungen gehen muss. Und zwar nicht irgendwelche, die eine Marketingabteilung gerade gut findet, sondern genau um solche, die die Menschheit zum Weiterleben braucht und mit denen deutsche, amerikanische und chinesische Unternehmen gleichermaßen und gemeinsam auf vernünftige Weise gewinnen könnten: ein neue globale Energiewirtschaft, ein ressourceneffizienter Umbau der Industrie, und Konsumgüter für eine nachhaltige Lebensweise. In einem solchen Projekt könnten Bürger, Unternehmen, Anleger, Gewerkschaften und Politik einen Weg aus der neoliberalen Sackgasse der vergangenen 25 Jahre finden. Einen Weg, der ebenso wirkungsvoll wie versöhnlich ist und allen nutzt.

Rainer Land, Jahrgang 1952, ist Philosoph und promovierter Wirtschaftswissenschaftler. Von 1968 bis 1990 Mitarbeit am reformorientierten Projekt "Moderner Sozialismus" an der Berliner Humboldt-Universität, später Forschungen unter anderem zur Transformation in Ostdeutschland. Zum Thema Kondratjew, Finanzkrise und "Endlose Depression" ist ein Themenschwerpunkt in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Berliner Debatte Initial erschienen. Mehr unter: www.berlinerdebatte.de

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00:00 20.11.2008

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