Auf der Suche nach dem Gelobten Land

Ausgangspunkt der Black-Power-Bewegung Am 4. April 1968 wurde der schwarze Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Martin Luther King ermordet

Ich bin auf dem Berggipfel gewesen, und habe das Gelobte Land gesehen", beschwor Martin Luther King am 3. April 1968 spät abends auf einer Solidaritätskundgebung im überfüllten Mason Tempel in Memphis.Ê Emotional, die Versammelten auswühlend.Ê "Vielleicht komme ich nicht mit euch dorthin. Aber ihr sollt heute abend wissen, dass wir, als ein Volk, in das Gelobte Land gelangen werden." Und leiser: "Wie jeder andere würde ich gerne lange leben... Aber darüber mache ich mir jetzt keine Sorgen." Denn: "Meine Augen haben die Pracht des Kommens unseres Herrn gesehen." King habe Tränen in den Augen gehabtÊ nach seiner Rede, berichten Anwesende. Dieser letzten Rede seines Lebens.

Der Mörder Ray im weißen Mustang

Der Mord an Martin Luther King am 4. April 1968 liegt nun 40 Jahre zurück. Der Täter James Earl Ray habe King von einem Badezimmer im ersten Stock einesÊ Billigmietshauses (Mrs. Brewer´s Rooming House) ins Visier genommen, ergaben die Ermittlungen. King stand etwa 70 Meter entfernt auf dem Balkon des Lorraine Motels, scherzend und lachend mit Freunden. Die Kugel zerfetzte seinen Hals und seinem Kiefer. Keine Überlebenschance. Die Mordwaffe wurde vor dem Mietshaus gefunden, ein Remington-Gewehr, das Ray unter falschem Namen gekauft hatte, mit Rays Fingerabdrücke auf dem Gewehr. Sofort nach dem Schuss fuhr Ray in seinem weißen Mustang aus Memphis weg. Ray hatte eine lange kriminelle Karriere vorzuweisen: Diebstahl, Raub, Fälschung. Ein Jahr vor dem Mord war er aus einem Gefängnis in Missouri ausgebrochen und hatte sich danach von einem Chirurgen sein Gesicht verändern lassen.

King war in Memphis, um die streikenden Arbeiter der Müllabfuhr unterstützen.Ê Es sei "ein Verbrechen, dass manche Menschen in diesem reichen Land für Hungerlöhne arbeiten", protestierte King. 1968 war das Lorraine eines der wenigen Hotels in Memphis, in dem Schwarze absteigen konnten. Der Mordort ist heute "Nationales Bürgerrechtsmuseum". Das Badezimmer mit Toilette und Badewanne und dem Schiebefenster sieht nochÊ genau so aus wie am Mordtag. Auch im Zimmer 306 im Lorraine, Kings Zimmer, ist die Zeit stehen geblieben. Der gelbe Vorhang ist zugezogen, das Bett ungemacht, die Kaffeetasse halb ausgetrunken. Ein Kranz hängt vor dem Zimmer.

Rauchschwaden über Washington

Amerikas Städte explodierten nach dem Attentat. "Jetzt, wo sie Dr. King weggeputzt haben, ist es Zeit, mit diesem Blödsinn der Gewaltlosigkeit Schluss zu machen", verkündete Stokely Carmichael, ein Führer der militanten Black-Power-Bewegung.Ê 39 Menschen kamen ums Leben bei den Rassenaufständen (darunter 35 Schwarze), viele hundert wurden verletzt, Tausende festgenommen. In der Hauptstadt Washington gingen Straßenzüge in Flammen auf. Mehr als 13.000 schwer bewaffnete Soldaten sollten die Stadt sichern. Marineinfanteristen verschanzten sich mit Maschinengewehren auf den Stufen zum Capitol. Die Washington Post quartierte Reporter in einem Hotel nahe der Zeitung ein. Vom Dach sah man: Die H Street brannte, das Shaw-Viertel brannte, Columbia Heights brannte, Rauch hing über der Stadt.

Baptistenpastor Martin Luther King war 39 Jahre alt. 1964 hatte er für sein gewaltloses Bürgerrechts-Engagement den Friedensnobelpreis erhalten. Im selben Jahr unterzeichnete Präsident Lyndon Johnson ein bahnbrechendes Gesetz, um Rassentrennung in öffentlichen Einrichtungen abzuschaffen. Heutzutage ist Martin Luther King der Inbegriff der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, sein Geburtstag ist seit 1986 Nationalfeiertag. Man erinnert sich vor allem an Kings auch von republikanischen Politikern gerne zitierte I have a dream-Rede beim Marsch auf Washington 1963. Er habe einen Traum, sagte King damals, dass eines Tages "meine vier kleinen Kinder in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt".

Doch der Pastor war kein naiver Träumer: Amerikas Probleme könnten nur gelöst werden durch "radikale Umverteilung der wirtschaftlichen und politischen Macht", sagte King 1967 gegenüber Mitarbeitern. Und in einer Predigt im selben Jahr erklärte er, der "größte Verbreiter von Gewalt in der ganzen Welt" seien die USA.Ê "Wenn wir so viel Geld ausgeben für Tod und Zerstörung, (und) die Waffen des Krieges eine nationale Obsession sind, dann müssen die sozialen Belange leiden." Für sein "Nein" zum Vietnamkrieg erntete King heftige Kritik: Er schade der Bewegung und gefährde die guten Beziehungen zu Johnson und den regierenden Demokraten.Ê Die Washington Post erhob den warnenden Zeigefinger: Mit solchen Reden "verringere King seinen Nutzen ... für sein Land und sein Volk".

King hatte viele Feinde. FBI-Direktor J. Edgar Hoover machte Überwachung und Störung der BewegungÊ zur Chefsache. Angeblich beeinflussten Kommunisten den schwarzen Baptistenpastor. Kings Telefone wurden abgehört, Gerüchte wurden gestreut, und das FBI war fieberhaft auf der Suche nach "Schwächen", die man ausnutzen konnte. So ließ Hoover Tonbänder anfertigen, auf denen King mit anderen Frauen in Hotelzimmern zu hören war. Die Bänder wurden an Kings Frau Coretta Scott King geschickt und an Politiker. King erhielt einen anonymen Brief, in dem er aufgefordert wurde, Selbstmord zu begehen, sonst werde seine "dreckige Persönlichkeit vor der ganzen Nation" enthüllt. Martin Luther King lebte auch mit Todesdrohungen weißer Rassisten. Auf dem Weg nach Memphis hatte Kings Flugzeug eine Bombendrohung erhalten.

James Earl Ray habe im Knast anscheinend Wind bekommen, dass man "viel Geld" durch den Mord an einem prominenten Bürgerrechtler verdienen könne, berichtete Gerald Posner, Autor eines Buches über das King Attentat (Killing the Dream).Ê Ray habe Schwarze nicht leiden können. Einmal habe er sogar Hafterleichterung abgelehnt, weil er im lockeren Vollzug zusammen mit Schwarzen untergebracht worden wäre. Nach dem Mord floh Ray mitÊ gefälschtem Pass nach England. Angeblich wollte er sich nach Rhodesien absetzen. Ray wurde in London festgenommen. Zu einem "richtigen" Prozess kam es freilich nicht. Ray bekannte sich sofort schuldig. Die Fakten über mögliche Geldgeber und Helfershelfer seien daher nie ans Licht gekommen, bedauert Posner. Ray widerrief ein paar Tage später sein Geständnis.

1997, fast 30 Jahre nach dem Mord: Ein grauhaariger, gebeugter Mann kommt unsicheren Schrittes zum Interview in den Konferenzraum des Gefängniskrankenhauses von Nashville. Das ist James Earl Ray, verurteilt 1969 auf Grund seines Geständnisses zu 99 Jahren Haft. Er ist blass und dünn. Ray leidet an Hepatitis, deswegen kriege er nur Schonkost, sagte er, und er hoffe, dass die Ärzte endlich etwas tun würden, um seinen Leistenbruch zu operieren. Das Lois DeBerry-Krankenhaus am Ufer des Cumberland-Flusses versorgt "pflegefällige" Häftlinge wie damals auch Ray. Ray hoffe auch auf eine Lebertransplantation. Wegen seines schlechten Gesundheitszustands käme das aber nicht in Frage, entschieden die Ärzte. Ray starb ein paar Monate danach.

Bis zum Ende seines Lebens wollte Ray dieÊ Welt von seiner Unschuld überzeugen. "Ich hatte nichts damit zu tun", sagte er noch im Krankenhaus. Ray hat eine Reihe vom Anwälten angeheuert, um eine Urteilsrevision zu erzwingen, angefangen mit dem militant antisemitischen Publizisten J. B. Stoner, dem zufolge Hitler zu mild umging mit den Juden. Rays Thesen von der Verwicklung der Geheimdienste fielen auf fruchtbaren Boden angesichts der bekannten FBI-Kampagne, King zu zerstören. Selbst Coretta Scott King erklärte, sie habe Zweifel an Rays Schuld. Die Verschwörungstheorien sind freilich nach und nach auseinandergefallen. Eine mysteriöse Schlüsselfigur namens "Raoul" entpuppte sich als Rentner mit einem perfekten Alibi für fragliche Zeiten. Die These von William Pepper, Rays letztem Anwalt, von einer für den Mord verantwortlichen Scharfschützeneinheit der Green Berets fiel auseinander, als der laut Pepper verstorbene Kommandeur der Einheit sehr wohl am Leben war und Pepper gravierende Fehler nachwies.

Das blutige Jahr 1968

1968 war ein blutiges Jahr. Zwei Monate nach Martin Luther King wurde Präsidentschaftskand1idat Robert Kennedy erschossen, der Hoffnungsträger des fortschrittlichen Amerikas. Gewählt wurde Richard Nixon. Der Republikaner machte ganz strategisch Politik mit verdeckten und nicht so verdeckten Appellen an den Rassismus vieler Weißer. "Südliche Strategie", nannte man das, Nixon verleibte die bis dahin demokratisch wählenden weißen Südstaatler in die Republikanische Partei ein - wo sie noch heute sind und wesentlich zu den Erfolgen von Ronald Reagan, George H.W. Bush und George W. Bush beigetragen haben.

In dem 1968 niedergebrannten ColumHeights-Viertel von Washington werden erst jetzt, 40 Jahre seit der "Unruhen",Ê leer stehende oder zerfallende Straßen wieder aufgebaut. Die Neubauten sind aber nicht die Reihenhäuser und Mietswohnungen der Schwarzen von damals, sondern Einkaufszentren und Eigentumswohnungen für die besser Situierten, weiß und schwarz. Im kommenden November wird wieder gewählt in den USA. Und zum ersten MalÊ hat mit Barack Obama ein Afro-Amerikaner reale Chancen.Ê Süd Carolinas Gouverneur Mark Sanford fasste zusammen: Viele Wähler hätten es noch persönlich erlebt, dass "ein Mann, der aussieht wie Barack Obama, in Süd Carolina keine öffentliche Toilette benutzen konnte".

King war Prophet, Pastor und Aktivist, Obama ist Politiker. King sprach von radikalen Umwälzungen, die nötig seien, Obama spricht von Wandel. King verabscheute Krieg, Obama will US-Streitkräfte schrittweise und teilweise aus dem Irak abziehen. Clarence Jones war einer von Kings Redenschreibern. Zum 40. Jahrestag des Attentats legte er ein Buch vor mit dem Titel Was würde Martin sagen und spekulierte, wie King mit der politischen Realität des Jahres 2008 umgehen würde. Obamas Kandidatur sei wohl ein "Stück von dem Gelobten Land", von dem Martin Luther King gesprochen habe, vermutete Jones. Barack Obama war zwei Jahre alt, als Martin Luther King seine I have a Dream-Rede hielt.

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00:00 04.04.2008

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