Auf der Suche nach dem verlorenen Gedächtnis

Hirnforschung und Phänomenologie Warum wir uns an ein Rendezvous anders erinnern als an den 5. Präsidenten der Vereinigten Staaten

Und sind Sie sich da wirklich sicher? Sie meinen also wirklich Antwort B?" Bei diesen Worten schauen nicht nur die Kandidaten, sondern auch Millionen von Fernsehzuschauern Günther Jauch in die Augen, um vielleicht doch eine kleine Bestätigung oder Warnung herauszulesen, welche der vier vorgegebenen möglichen Antworten nun die richtige ist. Und auch wenn man als Zuschauer selbst nicht die leiseste Ahnung hat, wie die richtige Antwort lautet, fiebert man doch mit den Kandidaten mit.

Die vom Schema eigentlich nicht gerade neue Rate-Show hat mittlerweile sogar einen ebenso erfolgreichen Ableger erzeugt, der die Idee noch konzentriert: Jetzt wird direkt der Intelligenzquotient vermessen, und wer möchte, kann zuhause auf dem Sofa komplizierte Zahlenreihen vervollständigen, statt sich wie früher Erdnüssen und Salzstangen zu widmen. Und auch Christoph Schlingensief trägt in der Berliner Volksbühne seine Version eines diesmal politischen Ratespiels bei: Beim Quiz 3000 winken nicht nur ein "ideeller und moralischer Gewinn", sondern auch der Hauptgewinn, ein allerdings schon etwas betagt aussehender "Mercedes-Benz der Luxusklasse".

Doch bei all den zu vervollständigenden Zahlenreihen und seltenen Vogelarten, deren Namen man wissen sollte, wird leicht vergessen, dass es sich hierbei nur um einige wenige Aspekte der faszinierenden Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns handelt. So ist das menschliche Gedächtnis zu ungleich viel mehr in der Lage, als simple Fakten zu reproduzieren und nicht vergleichbar mit einem zu trainierenden Muskel. Auch die moderne Neurowissenschaft macht das deutlich, indem sie in neuesten Veröffentlichungen zeigt, wie neurobiologische Gedächtnismodelle direkt auf philosophische Theorien zurückgreifen.

Wie man in Kenia ankam

Das war nicht immer so. In der Nachkriegszeit dominierte die experimentelle Neurowissenschaft, die lange Zeit vollkommen unbeeindruckt von philosophischen Ideen arbeitete. Mit den bemerkenswerten Erfolgen der Neurowissenschaften, die wesentlich auch durch die neuen bildgebenden Verfahren möglich wurden, können nun aber die bisherigen neurowissenschaftlichen Erklärungsmodelle kaum mithalten. Die beeindruckenden Computersimulationen neuronaler Netze scheinen hier nicht weiterzuhelfen. Und erstaunlicherweise werden dann wieder philosophische Unterscheidungen wie die der husserlschen Phänomenologie für die Neurowissenschaftler interessant. So finden sich in neueren Veröffentlichungen der Neurowissenschaften Begriffe, die direkt dem husserlschen Vokabular entnommen worden sind: Endel Tulving vom Rotman Research Institute in Toronto unterscheidet ein noetisches von einem autonoetischen Gedächtnis.

Das bedeutet: Die Entwicklung von zeitlich und räumlich hochauflösenden bildgebenden Verfahren wie der Kernspintomographie hat zu einer Aufbruchsstimmung unter den kognitiven Neurowissenschaftlern und im Bereich des Gedächtnisses auch zu schnellen Weiterentwicklungen von theoretischen Modellen geführt. So unterscheidet man heute ein explizites von einem impliziten Gedächtnis, die sich auch neuroanatomisch voneinander abgrenzen lassen. Das implizite Gedächtnis bezieht sich dabei auf nicht-bewusste Prozesse wie beispielsweise das Erlernen des Fahrradfahrens oder das Trinken mit einem Strohhalm. Diese Fähigkeiten laufen unbewusst ab, und auch Patienten mit schweren Hirnverletzungen und daraus folgenden vollständigem Gedächtnisverlust behalten in der Regel diese Fertigkeiten. Das explizite Gedächtnis dagegen ist unser bewusstes Gedächtnis, welches wir gemeinhin meinen, wenn wir im Alltag vom "schlechten" Gedächtnis sprechen.

Spannend ist nun, dass dieses explizite Gedächtnis neuerdings nun weiter in ein semantisches und in ein episodisches Gedächtnis unterteilt wird. Das semantische Gedächtnis stellt unser Reservoir an Faktenwissen dar, mit dem man unter Umständen bei Günther Jauch Millionär werden kann. Wie die Hauptstadt von Island heißt, in welchem Land der Kilimandscharo liegt oder wer das Dynamit erfunden hat: An diese Fakten erinnern wir uns mittels des semantischen Gedächtnisses.

Wenn man sich dagegen erinnert, wie man selbst einmal den Kilimandscharo bestiegen hat, wie man in Kenia ankam und nach langer Vorbereitung tatsächlich den Gipfel erklimmen konnte, dann ist das episodische Gedächtnis aktiv. Das episodische Gedächtnis beinhaltet so unsere eigene Geschichte, beschreibt konkret, wie wir vielleicht in der Führerscheinprüfung durchfielen oder ein erstes Rendezvous hatten. Der Unterschied besteht in der Erlebnishaftigkeit des episodischen Erinnerns, man erinnert sich hier direkt an eine eigene Episode, die man erlebt hat.

Dagegen ist beim Faktenwissen das Wissen einfach da, man weiß nicht mehr, wann und wo man gelernt hat, welche Stadt die Hauptstadt von Island ist. Wir rufen dieses Wissen einfach aus unserem Wissensspeicher ab. Das episodische Gedächtnis ist damit sehr dicht an Begriffen von unserem Selbst oder auch von Bewusstsein angesiedelt. Da es all das beinhaltet, woran wir uns erinnern, wenn wir an die Vergangenheit denken, ist es fast identisch mit unserem Begriff vom bewussten Selbst.

In Tee getauchte Madeleines

Forscher wie Endel Tulving aus Toronto und Hans-Jürgen Markowitsch von der Universität Bielefeld beschreiben das episodische Gedächtnis nun durch eine ganz spezifische Weise der Erinnerung, die sie als autonoetisch beschreiben, im Gegensatz zum noetischen des Faktenwissens beim Erinnern von semantischen Gedächtnisinhalten. Sie wollen dabei nicht einfach die Begriffe ersetzen. Vielmehr möchten sie mit den alten husserlschen Begriffen die Unterscheidungen besser charakterisieren.

Episodische Erinnerungen, so Endel Tulving und Hans-Jürgen Markowitsch, sind von einer eigenen phänomenalen Qualität, der man autonoetischen Charakter zuschreiben kann, da der sinnhafte Bezug zu den Gegebenheiten unmittelbar gegeben ist. So wie der Held in Marcel Prousts berühmter Szene der Suche nach der verlorenen Zeit überschwemmt wird von Kindheitserinnerungen just zu dem Zeitpunkt, als er den Geschmack eines in Tee getauchten Madeleines wiederentdeckt. Die Erinnerungen machen für ihn automatisch Sinn.

Im Unterschied dazu ist reines Faktenwissen nur von einem noetischen Bewusstseinszustand begleitet: Wenn Günther Jauch fragen würde, wüsste man, wie der amerikanische Präsident heißt. Dennoch hat diese Art des Erinnerns eine andere phänomenologische Qualität: Vielleicht muss man sich erst orientieren, vielleicht andere Fakten zu Hilfe nehmen. Der Sinnbezug ist nicht automatisch vorhanden. Wenn man die Antwort weiß, hat man sich ganz anders erinnert, als an das erste Rendezvous: Es fehlt die plötzlich einsetzende Erlebnishaftigkeit, die das Kennzeichen vom autonoetischen Erinnern ist. Die Neurowissenschaften versuchen so, neuronale Korrelate für den Unterschied von Erinnern und Wissen zu finden.

Die Verwendung von Begriffen aus der phänomenologischen Methode zeigt, wie dicht man mit den modernen Methoden der Neurowissenschaften schon an philosophisch relevanten Themen arbeitet. Warum wird gerade die Philosophie Husserls interessant für die Neurowissenschaftler? Hintergrund ist die husserlsche Betrachtungsweise, die sieht, indem sie an den Phänomenen, "den Sachen selbst" in ihrer "anschaulichen Selbstgegebenheit" ansetzt.

Bemerkenswert ist, dass Husserl am Sinnbegriff ansetzt: Wenn wir auf dem Schreibtisch einen Bleistift sehen, denken wir ihn unwillkürlich als verbunden mit der Tätigkeit des Schreibens, was dann einen "autonoetischen Akt" darstellt, da wir dies automatisch mitdenken. Der Bleistift wird also sogleich mit seinem Sinn, dem Schreiben, in Verbindung gesetzt. Dagegen müssen wir bei der Frage nach der Hauptstadt von Island ein wenig nachdenken, um dann bei Reykjavik dennoch eine Art positives Sinngefühl zu haben. Das wäre dann ein "noetischer Akt", weil die Antwort für uns einen Sinn ergibt, aber nicht automatisch.

Der "sinnverleihende Akt" wird von Husserl so mit den alten antiken Begriffen Noesis und Noema in Verbindung gebracht. Diese sind bis auf Aristoteles zurückzuführen. Bei der von Husserl begründeten Phänomenologie dienen diese Begriffe jedoch als sinnverleihende Prozesse und damit als Bausteine des Bewusstseins. Da die Neurowissenschaften mit all ihren Simulationen neuronaler Netzwerke und kühnen Visionen der künstlichen Intelligenz dem eigentlichen Problem der Erklärung des Bewusstseins offenbar nicht nah genug gekommen sind, interessiert man sich jetzt für die husserlschen Begriffe, um damit die Funktion des Bewusstseins besser zu begreifen.

Wo das Bewusstsein sitzt

Und tatsächlich scheint sich die husserlsche Terminologie äußerst fruchtbar auf die Forschungsbemühungen auszuwirken. So ließ sich jetzt tatsächlich ein anatomisches Korrelat für die Unterscheidung autonoetisches (episodisches) versus noetisches (semantisches) Gedächtnis finden. Aus Studien mit Hirnverletzten weiß man schon lange, dass der Hippocampus, eine Struktur tief im Schläfenlappen, mit Gedächtnisprozessen zusammenhängt. Welche Rolle der jahrzehntelang intensiv untersuchte Hippocampus aber genau spielt, war immer umstritten.

Neuere Studien deuten nun darauf hin, dass wahrscheinlich nur das episodische Gedächtnis mit seinen autonoetischen Erinnerungsakten auf den Hippocampus angewiesen ist, während das semantische Gedächtnis auf weitere und andere Strukturen gründet, wobei insbesondere das parahippocampale, also neben dem Hippocampus liegende Areal, ins Blickfeld rückt. Diese erstaunlichen Ergebnisse geben Spekulationen neue Nahrung, dass sich vielleicht doch ein präzises anatomisches Substrat als Sitz unseres Selbst oder unseres Bewusstseins finden lassen könnte, auch wenn die modernen Neurowissenschaftler descartschen Vorstellungen mit der Zirbeldrüse als Sitz der Seele oder des Geistes immer eine Absage erteilt haben. Möglicherweise brauchen wir den Hippocampus, um uns an unser erstes Rendezvous zu erinnern.

Dagegen ist das Wissen, welches für die Quizshows wichtig ist, in anderen Gehirngebieten organisiert und von ganz anderer Art. Vielleicht sollten wir also nicht vorschnell über unser schlechtes Gedächtnis klagen, nur weil wir in den Quizshows so schlecht abschneiden. Und vielleicht sind die eigentlichen Gedächtniskünstler nicht auf der Gedächtnisolympiade anzutreffen, sondern vielmehr in Schriftstellern wie Marcel Proust, der sein vielbändiges Meisterwerk bei abgedunkelten Fenstern im Bett liegend schuf, ganz allein aus der Fülle seines Gedächtnisses und fast ganz abgeschlossen von der äußeren Welt. Und während seine Haushälterin ihn versorgte, vollendete Proust in seinen letzten Lebensjahren Band um Band seiner Suche nach der verlorenen Zeit. Welcher Gedächtniskünstler könnte da mithalten?

00:00 27.09.2002

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