Auf die Heimat nicht vorbereitet

USA Die NATO plant ihren ­Abzug aus Afghanistan. Schon dieses Jahr sollen 33.000 GIs in die Vereinigten Staaten ­heimkehren. Doch Jobs suchen viele Veteranen vergeblich

Nathan Hannans Bewaffnung, das sind heute aus Rundbürste und Sauger. Noch vor Kurzem saß er am Steuer eines M1-A1-Abrams-Kampfpanzers. Nachdem er aus dem Irakkrieg heimgekehrt war, musste er seine Monstermaschine aus 70 Tonnen Stahl mit der riesigen Kanone gegen ein schlichtes weißes Kehrfahrzeug eintauschen.

Die Stadt schläft bereits, als der 34-jährige Veteran das Gefährt leichthändig über Straßen und hell erleuchtete Parkplätze in Washington lenkt, um auf geflicktem Zement herumliegende Papierreste und Zigarettenstummel aufzusaugen. „Es war nicht einfach, einen Job zu finden, bei dem ich kein gepanzertes Fahrzeug mehr fahren konnte“, erzählt der Nationalgardist aus Roanoke in Virginia und lässt an seinen bärenhaften Tatzen ein Fingergelenk nach dem anderen knacken. „Cool, Sie haben einen Panzer gefahren! Und haben Sie sonst noch was gemacht?“, imitiert er die Personalchefs, bei denen er sich vorgestellt hat. „Es ist ihnen scheißegal, dass ich mit meiner 120-Millimeter-Kanone einen Panzer treffen könnte, der über eine Meile weit entfernt in der Gegend herumsteht. Wozu sollte ich in der zivilen Welt aus dieser Entfernung auf ein Auto oder sonst was schießen können? Wozu?“

So wie Nathan Hannan geht es Tausenden Veteranen der Army. Sie tun sich schwer, im zivilen Leben einen Beruf oder überhaupt eine Beschäftigung zu finden. Die Arbeitslosenrate unter ehemaligen US-Soldaten, die nach 9/11 zum Einsatz kamen, liegt laut offizieller Statistik bei knapp zehn Prozent. Unter den jungen Veteranen, den 18- bis 24-Jährigen, sucht sogar jeder Fünfte einen Job. Und die Lage dürfte sich noch verschärfen. Nächste Woche berät die NATO in Chicago über den Abzug aller Kampftruppen aus Afghanistan bis 2014. Schon bis Ende 2012 sollen 33.000 GIs zurückkehren auf den amerikanischen Arbeitsmarkt.

Es ist ein warmer Maitag in Washington, D. C. – 23 Grad Celsius kündigt die Stimme des Wettermoderators im Autoradio an. Während Cecil Byrd östlich des Anacostia- Flusses an heruntergekommenen, teils verfallenen Holzhäusern vorbeifährt, lässt er das Fenster seines Ford Taunus herunter, um sich Luft zu machen. Er hat sich ziemlich in Rage gesteigert. Plötzlich lehnt er sich zur Seite und zeigt auf ein kleines weißes Haus. „Dort sind drei Veteranen mit ihren Frauen untergekommen“, sagt der 65-Jährige, dessen wütender Bass mit Leichtigkeit das Radio übertönt. „Sie waren auf den Krieg nicht vorbereitet, als sie loszogen. Und sie waren auf die Heimat nicht vorbereitet, als sie zurückkamen.“

Mit Alkohol therapieren

Byrd arbeitet als Psychologe und ist Geschäftsführer der National Association of Concerned Veterans (NACV). Die Organisation kümmert sich in diesem Bezirk der US-Hauptstadt um über einhundert Veteranen, hilft ihnen bei der Wohnungssuche und leistet finanziellen Beistand. Während in Downtown die Leute vor ihren Computerbildschirmen sitzen, verfolgen zusammengekniffene Augen von windschiefen Veranden aus und hinter klapprigen Fenstern, wie Byrd um die Ecke biegt. Hier, im Stadtteil Ward 8, sucht jeder Vierte nach einer Beschäftigung. Und in diesem Viertel wie auch im Nachbarbezirk Ward 7 bringt die NACV zunächst die meisten ihrer Klienten von der Army unter. Andere Gegenden in Washington wären zu teuer.

Byrd wirkt mitgenommen. Gerade hat er von einem Irakkriegs-Veteranen erzählt, der von seinem Einsatz zwei Verwundetenabzeichen mitgebracht hat. Und eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Nun sitzt er im Gefängnis. Der 21-Jährige hatte versucht, sich mit Alkohol zu therapieren. In keinem Job hielt er es länger als ein paar Wochen aus. Niemand habe diesem Jungen geholfen, sagt Byrd. Auch er habe nichts tun können. „Man musste zuschauen, wie sich der gute Junge in sechs Bundesstaaten eine Anzeige nach der anderen einhandelte und irgendwann im Gefängnis landete. Gerade habe ich mit seinem Anwalt gesprochen. Der meint, dieser Junge habe seine letzte Chance vertan.“

Natürlich weiß niemand, ob ein fester Job etwas geändert hätte. Erwiesenermaßen hätten viele Arbeitgeber Angst, dass Veteranen Depressionen bekommen und oft ausfallen, sagt Tom Tarantino, der selbst Soldat war. Vergangenes Jahr sprach er bei einer Anhörung im US-Kongress für die Iraq and Afghanistan Veterans of America (IAVA). Er zitierte Studien, wonach zwischen 20 und 35 Prozent der Soldaten, die im Irak oder am Hindukusch gekämpft haben, an jenen „versteckten Wunden“ leiden, die kaum jemand behandeln kann.

Immer wieder, zuletzt 1994, erließ das Repräsentantenhaus Gesetze, die verhindern sollen, dass Angehörigen der Streitkräfte aus ihrem Militärdienst Nachteile im zivilen Arbeitsleben erwachsen. Dennoch sei es für sie schwer, einen Job zu finden, sagt Tarantino. Viele Arbeitgeber wüssten weder die Fähigkeiten und Erfahrungen noch die Moral ehemaliger Soldaten zu schätzen. Fänden sie eine Arbeit, würden sie oft schlechter bezahlt. Hinzu komme die Befürchtung, einstige Berufssoldaten könnten schnell wieder einberufen werden.

Wie wichtig eine feste Arbeit für Soldaten ist, die nicht nur ihre Uniform abgegeben haben, sondern damit auch das Gefühl verlieren, eine Aufgabe zu haben, zeigen die Selbstmordraten. Nach Zahlen des Department of Veteran Affairs setzen im Schnitt an jedem Tag mindestens vier Veteranen ihrem Leben ein Ende. Diese astronomisch hohe Zahl sei nicht nur durch psychische Erkrankungen zu erklären, meint Peter D. Kramer, der an der Brown University auf Rhode Island als Professor für Klinische Psychiatrie lehrt. „Tatsächlich lassen unsere Erhebungen darauf schließen, dass Arbeitslosigkeit ebenfalls ein Grund ist, der Veteranen verzweifeln lässt.“

Sieben Meilen jenseits des Anacostia-Flusses durchblättert Jan Scruggs in seinem Büro im Watergate Building eine Ausgabe des Life-Magazins aus dem Jahr 1969. Er sieht die Gesichter von 242 Kameraden, die seinerzeit in Südvietnam binnen einer Woche fielen. Als Veteran des Indochina-Krieges habe er nach Abzug und Abschied aus der Army begriffen, was es heißt, wenn das Gefühl der „Zugehörigkeit“ wegfällt, das man bis dahin gekannt habe. „Im Militär gibt es eine Kultur der Ehre, der Pflicht, der Loyalität und des Mutes – das sind wunderbare Maßstäbe“, sagt Scruggs und lehnt sich in seinem blauen Anzug zurück. „Dann aber verlässt man diese Kultur und wird in die amerikanische Gesellschaft geworfen – eine zerbrochene und gespaltene Gesellschaft, die aus meiner Sicht nur als pathologisch beschrieben werden kann.“ Scruggs ging es wie vielen Soldaten, die das Vietnamkriegs-Trauma überfiel. „Wir glaubten, Helden zu sein, und wurden in der Heimat plötzlich Babykiller genannt und als Handlanger eines ungerechten Krieges geächtet.“

Geräusche von draußen

Bei den Afghanistan-Veteranen sei das heute anders, denkt Scruggs, sie würden weithin für ihren Dienst geachtet, auch wenn sie ebenfalls aus einem unpopulären und sinnlosen Krieg nach Hause kämen. „Die Probleme, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden, bleiben allerdings die gleichen. Diese Soldaten kehren wie ich in den siebziger Jahren mit sehr guten militärischen Fähigkeiten zurück. Aber vier Jahre lang Granaten auf afghanische Taliban geworfen zu haben – was bringt einem das in einer technologisch weit fortgeschrittenen Gesellschaft?“

Scruggs selbst meldete sich im Alter von 18 Jahren freiwillig zur Army. Er kam aus einer armen Familie in Alabama, hatte keine Möglichkeit, ein College zu besuchen, und nahm das Angebot der Army dankbar an. Gut vier Jahrzehnte später hat es den heutigen Straßenkehrer Nathan Hannan aus ganz anderen Gründen zum Militär gezogen. Wie so viele wollte er nach dem 11. September 2001 ein guter Patriot sein. Der Musiker legte sein Waldhorn beiseite und seinen Bachelor in Kompositionslehre auf Eis.

Anfang 2005 gehörte er im Irak zu einem Team der Army, das in den Trümmern einer Explosion nach Körperteilen von Soldaten der Air Force suchte, die ein Anschlag auf die berüchtigte „Irish Route“ in Bagdad zerfetzt hatte. „Es war frustrierend“, erinnert sich Nathan. „Wir sahen, wie unsere Kameraden in die Luft geblasen wurden, ohne dass sie eine Chance hatten, selbst zu schießen. Und dann musste man auch auf die Irish Route, ohne zu wissen, ob man auf einer Bahre oder am Steuer sitzend aus dem Einsatz zurückkehren würde.“

Als es heimwärts ging, hatte Nathan im Irak mit seinem Schnellfeuergewehr kein einziges Mal geschossen. Trotzdem fühlte er sich noch zwei Monate lang wie ein Soldat im Einsatz. Ständig weckten ihn nachts Geräusche von der Straße. Seine Frau fand ihn am Fenster sitzend und argwöhnisch die in Mondlicht getauchte Nachbarschaft beobachten. „Es war schwer, sich daran zu gewöhnen, an einem sicheren Ort zu sein, nachdem man sich jahrelang ständig in Gefahr befunden hatte. Ich war immer in Alarmbereitschaft und hatte das Gefühl, ununterbrochen mit meiner Frau im Streit zu liegen.“ Zwei Jahre nach dieser zermürbenden Zeit hat er sich beruhigt und wieder einen Platz gefunden.

Die Obama-Regierung schätzt, dass in den kommenden fünf Jahren eine Million Soldaten im zivilen Leben ankommen müssen. Kritiker wie Cecil Byrd erwarten deshalb heftige Konflikte. „Wenn sie kommen“, sagt er im frisch renovierten Aufenthaltsraum des Hauptsitzes der NACV auf Rhode Island, „werden wir mit dafür sorgen müssen, dass sich produktive, verantwortliche und gesunde Menschen in der Gesellschaft zurechtfinden.“

Diesmal werden es nicht allein betagte Ex-Soldaten wie Jan Scruggs sein, die sich darum kümmern, sondern idealistische junge wie Nathan Hannan. „Ich habe den Eindruck, dass ich eine recht einfache Rückkehr ins zivile Leben hatte und kann es nicht mit ansehen, wenn Kameraden dabei Schwierigkeiten haben.“ Der Familienvater – er zählt auch zwei Dobermänner zu seinen Kindern – möchte mehr für ehemalige Soldaten tun. „Das hier ist doch Amerika. Auch wenn wir irgendwie im Schlamassel stecken, sind und bleiben wir doch eines der reichsten Länder der Welt. Wir sollten in der Lage sein, unsere Leute zu ernähren und ihnen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen.“ Er hält einen Augenblick inne, um die richtige Betonung für seine Worte zu finden. „Das ist jetzt vielleicht eine Floskel aus meiner Zeit bei der Army – aber ich lasse einfach ungern jemanden zurück.“

Lukas Ondreka arbeitet als freier Journalist

Übersetzung: Zilla Hofman

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12:00 21.05.2012

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