Auf direktem Beschwerdeweg

Museum Wer ihn nicht erlebt hat, kann sich den DDR-Alltag nun in einer neuen Berliner Ausstellung anschauen. Aber reichen ein paar Dokumente dafür aus?
Sophie Rohrmeier | Ausgabe 48/2013 2

Was kann man über den Alltag in der DDR erfahren, wenn man Mitte Zwanzig ist, den Großteil seines Lebens bisher in Bayern verbracht hat und den nicht mehr existierenden Staat bisher nur aus Büchern, Kinofilmen und Fernseh-Dokus kennt? Man lernt zum Beispiel, dass es Standardgraupen gab, und die Standardsorte Reis, Sorte 1. Die alten Papiertüten stehen in einem nachgebauten DDR-Regal.

Auf dem Areal der Berliner Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg hat vor Kurzem ein neues Museum eröffnet. Die Dauerausstellung „Alltag in der DDR“ darin wurde von der Stiftung „Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ organisiert: Auf insgesamt 600 Quadratmetern sollen Originalobjekte, Dokumente, Film- und Tonaufnahmen die Lebenswirklichkeit der DDR zeigen. Wenn man davon bisher kaum mehr kannte als Ostalgie-Sendungen und Diktaturhistorie, dann fragt man sich, ob es vom Reis auch Sorte 2 gab. Und wie knapp es wirklich mit Lebensmitteln war? Am Eingang der kleinen Ladenecke im Museum, die aus weißen Wänden besteht, hängt ein kleines Heft. Darin kommen Kunden zu Wort, die im HO-Laden ihre Anliegen und Beschwerden hinterlassen konnten. Die Blätter sind eine Kopie, aber Kugelschreiberfarbe und Handschrift vermitteln doch Authentizität. Sie erzählen vom Alltag einer Frau, die beklagt, dass es wiederholt nur altes Toastbrot gab. Der Eintrag zeigt nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit, und die Ausstellung behauptet auch nichts anderes. Aber ob dieser Mangel ein Einzelfall war oder die Regel, bleibt offen.

Ja, die HO antwortet

In dem Heftchen folgt auf jeden Eintrag die schriftliche Antwort eines HO-Vertreters: Die große Stimme des Staates, symbolisiert in der Handschrift eines einfachen Bürokraten, der letztlich sagt: Nun beschwere dich nicht mehr!

„Das ist ja Hammer, wie geil ist das denn!“ Ein Mann Ende 20 steht vor dem Heft im Gegenwartsberlin und staunt. „Dass es das gab, war mir gar nicht bewusst.“ Beinahe, so klingt seine Reaktion, beneidet er die Kunden in der DDR um den direkten Beschwerdeweg. Aber wer heute die großen Ketten anonym, unerreichbar und nur pseudo-kundennah findet, merkt beim weiteren Lesen, dass man mit der Antwort der Staatsvertreter auch damals dieselbe undurchdringliche Wand vor sich hat. „Nur mit Beziehungen bekommt man was. Und die hab ich nicht“, steht auf einem Zettel, der in einem sonst leeren Einkaufswagen liegt – ein Zitat einer Eingabe an den Staat. Solche Zeilen bleiben hängen. Und sie entwickeln, wie das Heft zum Anfassen, ihre eigentliche Wirkung erst Stunden nach dem Museumsbesuch.

Erst dann verwandelt sich der Eindruck von der Ausstellung in eine etwas konkretere Impression vom Leben in der DDR, zwischen den Bilderfetzen aus Good Bye Lenin und Phoenix-Dokus über den Mauerbau. Eine erstaunliche Erfahrung, denn zunächst fürchtet man, wenn man anfangs die Ausstellung betritt: Das hier wird nichts anderes als ein Schulbuch in 3D. Im Foyer steht eine Vitrine mit bronzenen Sozialismus-Köpfen: Marx und Engels, Lenin und Stalin, Ulbricht, groß und klein. Dahinter hängen Propagandaplakate an der Wand. Nichts, was man nicht schon gesehen hätte, und man mag gar nicht mehr so genau draufschauen. Vom Foyer führt eine grau gestrichene Stahlwendeltreppe ins erste Stockwerk, sie erinnert an ein Gefängnis.

Vergilbte Dokumente

„Im Takt des Kollektivs“ musste es gehen in der DDR-Arbeitswelt, sagt die Aufschrift am Eingang des ersten Raums. Hier hängen Metallschilder, auf denen etwa steht: „Nicht in laufende Maschinen greifen.“ Es gibt eine Entnahme-Kondensationsturbine vom Typ P-125-130/18. Das ist also Alltag. Aber es sind zu viele vergilbte Dokumente, DIN-A4-Seiten, mit denen die sozialistische Ideologie in das Arbeits- und Privatleben der DDR-Bürger transportiert wurde. Es wird dem Besucher nicht recht klar, was diese Anhäufung von Alltagsgegenständen sagen soll. Zu viele Uniformen, Bilder und Eheringe, die alltägliches Leben symbolisieren sollen – zu wenig Struktur und Erzählung, die solche Stücke verorten würden. Arbeitsplatz, Kinderkrippe, eine Mischung aus Politik, Kultur und Industrie, doch es fehlt der Zusammenhang. Andererseits: Mit diesen Dokumenten wurde Alltagsstruktur geschaffen, das ist heute nicht viel anders. Nur sind die Mitteilungsbriefe von Behörden – vielleicht auch die Papiere der Regierung – heute weniger offen ideologisch.

Dass die DDR bunter war als das Klischee, wie es ein groß positioniertes Zitat im zweiten Raum behauptet, will einem nicht so recht klar werden angesichts der doch trüben Farben von Trabi, Handpuppe und Datsche. Es mag an den Jahrzehnten liegen, die hier ausgestellt werden, aber die einzigen farblichen Knaller sind die FDJ-Hemden und die roten Fahnen – und auch ihnen hängt an, was die Ausstellung immer betont: Sie waren die Insignien der Diktatur. Die Schau manipuliert aber nicht mit Bildern von Unfreiheit und Gefängnis – sie will schon zeigen, dass es trotz der Diktatur im Privaten vielfältige, unterschiedliche Lebensgeschichten gab.

Es fehlen Geschichten!

Auf Schwarz-Weiß-Fotos an der Wand sind Familien abgebildet. Man sieht darauf jeweils einen Mann, eine Frau und Kinder. Wer die Bilder nach vorne klappt, kann die Berufe der Menschen lesen. Man sieht Musiker und Journalisten, Landmaschinentechniker und Sachbearbeiter. Nur: Was soll daran DDR-spezifisch sein? Warum sollte es in einer Diktatur nicht auch verschiedene Berufsbilder geben?

Unterschiede, die heute jungen Besuchern bei den Fotos auffallen, liegen eher in den Frisuren. Aber die Alltagsgegenstände und -bilder füllen dennoch Lücken im DDR-Bild, das allzu oft nur auf Ostalgie oder Diktatur verkürzt wird. Der Versuch, den Raum dazwischen zu zeigen, gelingt der Ausstellung zum Teil. Dennoch fehlt etwas. Mehr Geschichten darüber, wie man die Nischen beleben kann, die sich dem Totalitarismus entziehen.

06:00 11.12.2013
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