Auf dünnem Eis

Nordpol Die Eisdecke des Nordpolarmeeres hat einen rekordverdächtigen Niedrigstand erreicht. Klimaforscher warnen: Das Meereis schmilzt schneller als erwartet

Auch am Nordpol ist der Sommer zu Ende, und damit ist auch die Saison der Eisschmelze vorbei. Die Tagundnachtgleiche ist bereits überschritten, und schon bald wird sich über den weiten Eis- und Schneeflächen wieder der Mantel der Dunkelheit ausbreiten. Meteorologen, Polar- und Klimaforscher hatten schon die letzten Wochen gewarnt, dass das Eis auf dem Polarmeer dieses Jahr besonders weit abgeschmolzen sei. Nun können sie endgültig Bilanz ziehen: Das Minimum vom Vorjahr unterschritt die Eisbedeckung zwar nicht, aber mit 4,52 Millionen Quadratkilometern liegt es nach Angaben des US-amerikanischen National Snow and Ice Data Centers (NSIDC) gerade mal knapp zehn Prozent darüber. Das ist der zweitniedrigste Wert in den letzten dreißig Jahren.

Völlig unerwartet kam das Messergebnis nicht. Eine Modellrechnung des Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven (AWI) im Frühsommer zeigte, dass die Eisfläche in der Arktis zwar ziemlich sicher unter dem Minimum des Jahres 2005 liegen würde, aber sehr wahrscheinlich nicht unter dem von 2007. "Betrachtet man die Meereseisbedeckung seit Beginn der Satellitenaufnahmen im Jahre 1979, ist der Messwert von 2008 dennoch eine kleine Überraschung, weil auf Sommer mit geringer Eisbedeckung wie 2007 häufig Winter mit starker Eisproduktion folgen", sagt Rüdiger Gerdes, der als physikalischer Ozeanograph am AWI tätig ist. Diese Erwartung hat sich trotz eines verhältnismäßig kalten Winters und eines kühleren Sommers nicht erfüllt.

Für die Betrachtung des Eisvolumens in der Arktis ist indessen nicht allein die flächenmäßige Ausdehnung des Meereises von Bedeutung. Ein wesentliche Rolle spielt auch die Eisdicke. Während Forscher die Fläche des Meereises relativ gut über Satellitenbilder aufzeichnen können, ist es weit aufwendiger, die Dicke der Platten zu bestimmen, denn dafür sind spezielle Messgeräte notwendig, die per Hubschrauber transportiert werden müssen. Auf diese Weise sammelte sich in den vergangenen 15 Jahren das Datenmaterial über den Rückgang der Eisdicke in der Zentralark-tis an. Andere ebenfalls relevante Teile des Nordpolarmeeres blieben jedoch außen vor, da die Reichweiten der Hubschrauber dafür zu gering waren

Beidseitiger Eisfraß

"Die gegenwärtigen Daten könnten darauf hin deuten, dass die Eisdicke dünner als angenommen war", erklärt Stefan Hendricks, Diplomgeopysiker am AWI. So habe der Anteil des alten Eises schon während der letzten Jahre immer weiter abgenommen. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle: Einerseits schmilzt das Meereis im Sommer aufgrund der steigenden Lufttemperatur und der Sonneneinstrahlung von oben, nimmt andererseits aber auch von unten her ab, je stärker das Wasser aufheizt. Für die steigenden Wassertemperaturen ist zunehmend das sogenannte Eis-Albedo-Feedback verantwortlich. Da Wasser dunkler ist als Eis, absorbiert es mehr Sonnenlicht und erwärmt sich auf diese Weise.

Negativ wirken sich auch die immer dünner werdenden Eisplatten aus, indem sie sich zu Presseisstücken zusammenschieben. Diese geben dann größere Meeresflächen der Sonneneinstrahlung frei und bieten aufgrund ihrer unregelmäßigen Struktur ihrerseits der Sonne eine größere Oberfläche zum Abschmelzen.

Besonders stark macht sich der Eisschwund im russischen Teil der Arktis bemerkbar. Dort entsteht das Eis und driftet mit dem Transpolarstrom Richtung Kanada beziehungsweise über die Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen nach Süden in die europäische Arktis. Wie stark das Meereis auf diese Weise verteilt wird, hängt dabei von den Windverhältnissen ab. "Unsere Modellrechnungen zeigen, dass windbedingter Eistransport von der östlichen in die westliche Arktis ein wichtiger Faktor für die großen eisfreien Flächen nördlich der sibirischen Schelfmeere im Jahr 2007 war", resümiert Gerdes. Dieses Jahr sei dagegen mehr Eis geschmolzen, so Hendricks.

Während sich Klimaforscher und Umweltschützer besorgt über die derzeitige Entwicklung äußern, reiben sich die Reedereien bereits die Hände: Dieses Jahr waren im August erstmals kurzzeitig sowohl die Nordwestpassage, die sich durch die Inselwelt Kanadas und Alaskas schlängelt, als auch die Nordostpassage entlang der sibirischen Küste für Schiffe befahrbar. Auch über die Verteilung der Rohstoffe unter dem Eis und am Meeresgrund wird bereits eifrig gestritten. (vgl. Freitag 01/2008.) Gleichzeitig eröffnete die eisfreie Lage in großen Teilen des Nordpolarmeers auch Chancen für die Wissenschaft: So konnten Wissenschaftler an Bord des Forschungsschiffs des AWI Polarstern im Rahmen des Internationalen Polarjahrs an verschiedenen Orten den Meeresboden vermessen und Sedimentsproben entnehmen, wo sie in anderen Jahren wegen des Eises gar nicht herangekommen wären.

2030: Nordpol eisfrei?

Für das Leben von Flora und Fauna spielt das Meereis eine bedeutende Rolle. Kleinstlebewesen, wie Plankton siedeln sich erst unter mehrjährigem Eis an und betreiben dort die Photosynthese. Sie bilden die Grundlage alles Lebens in der Polarregion. Robben ziehen ihre Jungen auf den Eisschollen auf, ihre Feinde, die Eisbären, jagen auf dem Packeis. Zwar sind sie daran gewöhnt, weite Distanzen zu schwimmen, doch immer mehr fallen den widrigen Klimaverhältnissen zum Opfer: So sichteten Wissenschaftler auf der Polarstern dieses Jahr ungewöhnlich viele Eisbären, die, bis zu 100 Kilometer weit von Eis und Festland entfernt, um ihr Überleben kämpften. Ähnliche Meldungen kamen vom WWF aus Alaska.

Die Folgen dieser über zwei Jahre hinweg beobachtbaren Entwicklung des arktischen Meereises wissen Wissenschaftler noch nicht zu bestimmen und sind Gegenstand umfangreicher Forschungen. Möglicherweise deutet sich darin der Übergang zu einem neuen Klima-Regime an, wie es Forscher des AWI erst für Ende dieses Jahrhunderts voraussahen. Dann würde das Eis um den Nordpol deutlich schneller abschmelzen als bislang erwartet. "Der Nordpol bis 2030 im Sommer eisfrei", titelten die ersten Zeitungen bereits. Das wäre 40 Jahre früher, als es der Weltklimarat IPCC in seinem letzten Bericht prognostizierte. Nach Ansicht von Hendricks wäre es theoretisch aber auch denkbar, dass mit mehreren harten Wintern und günstigen Windverhältnissen die Eismenge zwischenzeitig noch einmal zunimmt.

Karsten Smid, Klimaexperte von Greenpeace Hamburg, spricht angesichts der aktuellen Zahlen von einer "dramatischen Entwicklung": Die Modelle und Prognosen der Klimaforscher hätten offensichtlich die "positiven" Rückkopplungseffekte an der Arktis unterschätzt. So schmelze das Eis nicht nur durch den Eis-Albedo-Feedback schneller als vermutet. Auch das Abschmelzen der Permafrostböden trage verstärkt zu dem beschleunigten Klimawandel bei. Denn dabei würden große Mengen an Methan freigesetzt, ein Treibhausgas, das 21 Mal so stark wirke wie Kohlendioxid. "Das bedeutet, dass der Anstieg der globalen Temperatur weit weniger als die vom IPCC propagierten zwei Grad betragen darf", so Smid. "Das System kippt nämlich viel schneller, als als wir gedacht hatten."

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