Auf einem Samtkissen

Dialog In ihrem Roman "Milene" erzählt Lídia Jorge vom Leben im postkolonialen Portugal

Mein Bestreben ist, nicht lyrisch zu sein. Ich möchte die Personen meiner unmittelbaren Umgebung in den Vordergrund stellen. Sie sind wichtiger als Fragen über meine Existenz oder Nicht-Existenz, über die Einsamkeit oder den Tod. Diese Themen kommen in meinen Büchern als Flash vor, bestimmen aber nicht das ganze Werk". Das erklärte die portugiesische Autorin Lídia Jorge 1982 in einem Interview, als gerade ihr zweiter Roman veröffentlicht war. Aber ihre poetische Standortbestimmung bleibt auch für den neuen Roman Milene gültig, der in Portugal schon 2002 erschien.

Verständlicher wird diese Abgrenzung vom Lyrischen und die Affirmation des Romans vor dem Hintergrund, dass das literarische Leben Portugals (und Spaniens) bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem von Lyrik und Theater bestimmt wurde. Der Dichter Fernando Pessoa gab, im Ausland einmal entdeckt - Hans Magnus Enzensberger war gut beraten, ihn 1960 "gerade noch" in sein Museum der modernen Poesie aufzunehmen -, bis in die achtziger Jahre den Ton an. Zuvor wurde Portugal in Westeuropa, wenn überhaupt, als imperiale Macht wahrgenommen, wie Peter Weiss´ Drama Gesang vom lusitanischen Popanz (1966) beispielhaft zeigt. Erst mit der Nelkenrevolution am 25. April 1974 - sie wird zum Parameter für das Literarische und Kulturelle - findet Portugal einen Platz auf der europäischen Landkarte.

Portugal musste - wie Spanien - bis in die achtziger Jahre warten, ehe mit José Saramago, António Lobo Antunes, Agustina Bessa Luís und Lídia Jorge oder Jüngeren wie Teolinda Gersão, Romanschriftsteller auf das internationale Parkett zurückkehrten. Über Insiderkreise hinaus wurde allerdings erst mit der Vergabe des Nobelpreises an José Saramago 1998 entdeckt, dass Portugal mit Autoren und Autorinnen von Weltrang aufwartet. Sie sind, wie auch die spanischen Romanciers, bei den Lateinamerikanern des Booms - Gabriel García Márquez, Julio Cortázar, Jorge Luis Borges (bei Lídia Jorge zählen auch brasilianische Autoren etwa Jorge Amado dazu) - in die Schule gegangen. Vergleiche mit lateinamerikanischen Schriftstellern empfindet Lídia Jorge zu Recht als Lob: "Ich bin über die mir nachgesagte Nähe zu Südamerikanern sehr erfreut, das stärkt meine Position als Romanschriftstellerin. Wenn ich García Márquez nicht gelesen hätte, würde ich nicht auf diese Weise schreiben können, da bin ich sicher".

Seit ihrem Debüt im Jahr 1979 veröffentlichte Lídia Jorge - sie wurde 1946 an der Algarve geboren, studierte in Lissabon Romanistik und arbeitete dort und in Moçambique und Angola als Lehrerin - 14 Romane und Erzählbände. In ihrem literarischen Diskurs manifestiert sich das Koloniale, das die portugiesische Lebenswelt bestimmt. Die "Pseudo-Veränderung" der portugiesischen Gesellschaft nach der Nelkenrevolution 1974, sagt sie, sei ihr Thema. Obwohl Portugal zweifelsohne zu den Ländern des "post" zählt, was spätestens durch die sogenannte post-revolutionäre Etappe, den EU-Beitritt (1986), die Wahl Lissabons zur europäischen Kulturhauptstadt (1994) und die Expo (1998) belegt ist, durchdringen Momente des Kolonialen die Sphären des Öffentlichen und Privaten. Lídia Jorges Kunst ist, dieses komplexe Problemfeld genau zu beschreiben und zu analysieren.

Mit dem deutschen Titel Milene (im portugiesischen Original Der pfeifende Wind in den Kränen) setzt der Verlag auf das gute alte Pferd "Frauenliteratur", obwohl es sich eher um einen postkolonialen Familienroman handelt. Im Zentrum der Handlung, die um die Jahrtausendwende in der Provinz südlich Lissabons spielt, steht eine weibliche (Anti-) Heldin: Milene, die verwaiste, aufgrund traumatischer Erlebnisse kindlich gebliebene junge Frau kommt aus einer alteingesessenen Fabrikbesitzerfamilie. Mit dem Tod der Großmutter verliert sie ihre einzige Bezugs- und Vertrauensperson. In ihrer Trauer legt sie ein pubertäres Verhalten an den Tag, hört dröhnend laute Musik, schaut Videos, telefoniert stundenlang in alle Welt.

Den Tanten und Onkeln der in Regional- wie Lokalpolitik und Geschäftswelt verankerten reichen Familie ist Milenes Schicksal egal, sie kümmern sich um Erbschaft, Besitzstand und Karriere im wirtschaftlich aufstrebenden Portugal. Einzig beim Clan der Matas, die mit der dritten Migrantenwelle von den Kapverdischen Inseln in Portugal eingetroffen sind, findet sie Unterschlupf. Die Matas bewohnen das leerstehende, ehemalige Fischkonservenfabrikgebäude als ordentliche Mieter: ein Deal, der zu Lebzeiten der geschäftstüchtigen Patronin-Großmutter abgeschlossen wurde. Die jungen Männer der Familie Mata arbeiten mit Ausnahme des Jüngsten - ein Sänger mit vielversprechender Karriere - auf dem Bau. Milene verliebt sich in einen der Söhne: Antonio, der verwitwete Vater dreier Kinder träumt davon, vom Hilfsarbeiter zum Kranführer zu werden.

Lídia Jorges entscheidende Erzählstrategie ist, Milene mit einer weiblichen Erzählerfigur in einen intensiven, intimen, ununterbrochenen Dialog zu verwickeln. Aus dieser Doppelung und gleichzeitigen Differenzierung der weiblichen Stimmen und Körper lebt der Roman. Gegen das Monologische, das für Lídia Jorge "die Leere des Du" ist, wird vehement das dialogische Prinzip gesetzt, das vielstimmig, fabulierend, kollektiv daherkommt. Die Autorin ist mit allen Wassern postmodernen und postkolonialen Erzählens gewaschen. Souverän und effektvoll setzt sie akzentuiert, aber dezent Erzähltechniken des magischen Realismus ein. Magisches Erleben findet in der Annäherung, der Liebe des ungleichen Paares Milene und Antonio statt, die beschließen, niemals vom Schmerz zu sprechen: Milene trägt Züge weiblicher Figuren aus García Márquez´ Von der Liebe und anderen Dämonen. Sie besitzt magischen Glauben, den siebten Sinn, das Wissen der 13-jährigen Protagonisten.

So weiß Milene genau, dass sie "etwas wichtiges, entscheidendes verloren hat", als sie ohne Kenntnis ihrer Tante, der Bürgermeistergattin, in einer Privatklinik "sterilisiert" wird. Diese rassistisch motivierte "Trennlinie" ist der spätkolonialistische, offensichtlich auch heute einzig akzeptable Kompromiss für eine weiße Oberschichtfamilie der portugiesischen Provinz, um eheliche Verbindung mit dem Mitglied einer schwarzen Migrantenfamilie zu dulden. Lídia Jorge bringt die Manifestation spätkolonialistischen Bewusstseins präzise und deutlich zum Ausdruck: im Gespräch zwischen Bürgermeistergattin und Chauffeur: "›Senhora, was ist ein Kaffer?‹ ›Ein Kaffer‹? ›Ja, ein Kaffer‹. Und dann in gesenktem Blick in uralter Vertraulichkeit, ähnlich der, die seit Menschengedenken möglich macht, dass zwei Männer sich einen dritten greifen, ihn an einem Baum aufhängen und gemeinsam auffressen, ein Verhalten, das weder gut noch schlecht, weder edel noch niedrig ist, einfach nur üblich, hatte der Chauffeur Frutuoso gesagt: ›Senhora, Sie wissen es nicht, sollten aber wissen, was die Leute überall erzählen, dass nämlich ihre Nichte Milene, die ja auch die Nichte vom Herrn Bürgermeister ist, sich verkaffert. Sie isst und schläft bei denen. Alle wissen es und demnächst steht es in der Zeitung‹."

Die schockierende Zustandsbeschreibung des heutigen Portugals bekommt Konturen und Tiefe durch den historischen Rahmen. Der Familienroman erzählt 100 Jahre portugiesische Geschichte: von der Fabrikgründung 1908 im Zuge der Industrialisierung, über die Weltkriege, das Salazar Regime, die Nelkenrevolution, die Annäherung an Europa und die Eingliederung bis in die jüngste Phase der ökonomischen und kulturellen Globalisierung. Mit dem Tod der Patronin-Großmutter steht der Verkauf der unter Denkmalschutz stehenden alten Fabrik und des dazugehörigen Küstenstreifens an ein holländisches Immobilienunternehmen auf dem Plan. Anlass, die Unternehmens- und Familiengeschichte in einer tragischen, aber sauberen Version zu erzählen:

Die Gründung der Fischkonservenfabrik Leandro 1908 in "Mar do Prainha" südlich Lissabons erscheint als wohltätiger Akt in der von Armut und Hunger gekennzeichneten Region. Kinderarbeit stand auf der Tagesordnung. Der Großvater galt als großzügiger Beschützer von über 100 Patentöchtern "deren kleine Finger sich wie bei einem Pizzicato auf der Geige bewegten, wenn er überraschend in der Halle erschien". Die Etappe, in der Konservenfabriken "große Vermögen" machten, war die Salazar-Diktatur. Während des Zweiten Weltkriegs gravierten viele Fabriken ein Hakenkreuz auf den Dosen ein, um direkt an Hitlerdeutschland zu verkaufen. In diesen Jahren wurden statt Thunfisch Abfall, Algen, Innereien und Steine abgefüllt. Selbstverständlich gab es im großväterlichen Unternehmen so etwas nicht, betont der Onkel Milenes im Verhandlungsgespräch mit dem liberalen Holländer. Der Großvater hatte mit Händlern Verträge abgeschlossen, "die verlangten, dass die Lieferungen mit dem Vermerk Überschuss aus Portugal über die Grenze gingen, was gelogen war, von den Händlern gelogen. Denn was gab es im armen Portugal an Überschüssen?" Doch der Großvater habe mit dunklen Geschäften nichts zu tun gehabt. Nach dessen Tod führte von 1950 bis 1970 die Großmutter die Geschäfte. In unruhigen Zeiten, als Slogans wie "Die Fabriken denen, die darin arbeiten" oder "Nieder mit den Ausbeutern" oder auch "Die Chefin ist ein Schwein" auf Mauern geschrieben standen, übergab die Patronin die Fabrik an den ältesten Sohn. 1975 wechselten die Schlüssel zur Fabrik "auf einem Samtkissen" die Seiten: vom Besitzer an die Arbeiter, damit die Familie die staatliche Entschädigung habe einstreichen können: "Denn die Branche war längst dem Untergang geweiht". 1985 bekam die Familie - auf dem inzwischen "vergammelten Kissen" die Schlüssel zurück. Seitdem stand das alte Gebäude leer, seit einigen Jahren unter Denkmalschutz und nun zum Verkauf. Am Tag der Hochzeit ist von der Fabrik nur eine riesige Baugrube übrig geblieben. Die Sprengung war heimlich von einem von der holländischen Firma unabhängigen Unternehmen in 15 Sekunden vollzogen worden. Geplant ist der Bau einer neuen Siedlung: "Stadt der Palmen".

Mit Milene liefert Lídia Jorge eine treffende und erschreckende Gegenwartsdiagnose Portugals, indem sie zeigt, wie stark spätkolonialistische Momente in Bereichen des Sozialen, Politischen und des Kulturellen auf institutioneller Ebene, im öffentlichen Leben und im Alltag Wirkung haben. Milene spielt im "kleinen Portugal" mit zehn Millionen Einwohnern. Aber die lusophone Welt (Brasilien eingeschlossen sind das 200 Millionen Menschen) ist hier mit dem Mata-Clan, den Migranten der Kapverden, dessen neues Mitglied Milene (mit ihrer schwarzen Seele) ist, allgegenwärtig. Lídia Jorge schreibt sich in den neuen historischen Diskurs der sogenannten lusophonen Kultur ein, der von portugiesischen, angolanischen, mosambikanischen und brasilianischen Autoren entwickelt wird. Ihr Buch ist ein wichtiger Beitrag, weil an der Präsenz des Kolonialen gearbeitet wird.

Lídia Jorge: Milene. Roman. Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner. Suhrkamp. Frankfurt am Main 2005, 640 S., 24,80 EUR


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00:00 21.10.2005

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