Auf einer Ostberliner Kosmetikliege

Monolog „lck frage ihn jeden Tag, ob die Kunden merken, dass ick aus'm Osten bin“
J.Z. | Ausgabe 45/2015

Also die ersten vier Wochen war ick total kaputt von all dit Neue. Mein Mann musste mir abends die Stullen schmieren, um acht, wenn die Tagesschau anfängt, war ick schon im Bett.

Man muss doch fit sein da drüben. Mein Chef, 42 isser, hat wirklich menschliche Züge, is ja selten da im Westen. Aber was meinen se, was der für Geduld hat am Computer! Ick darf fragen, und er erklärt es dann. Immer gleichmäßig freundlich. Die Technik da drüben ist ja wunderbar, alles das Neueste und Feinste.

lck steh jeden Morgen ne halbe Stunde früher auf. Diese schönen Straßen da drüben. Das ist ein Genuss am Morgen. lck hab et ja ooch besonders jut getroffen, jedesmal morgens und abends den Kudamm lang.

Jetzt arbeite ick schon sechs Wochen im Westen. Man muss ja janz schön flink sein da. Dass ick aus der DDR bin, hat mein Chef geheimgehalten, das weiß nur noch sein Stellvertreter. Ick frage ihn jeden Tag, ob die Kunden merken, dass ick aus'm Osten bin. Mein Chef beruhigt mich immer und sagt, da ist nichts zu merken, Frau Bergmann.

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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