Auf Erbkrankheiten und andere Risiken durchleuchtet

ILO-Report 2007 Kaum irgendwo sonst wird Altersdiskriminierung auf dem Arbeitsmarkt so offen und unverschämt betrieben wie in Deutschland

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die einzige Unterorganisation der UNO mit einer tripartiten Struktur - der Beteiligung von Gewerkschaften, Unternehmerverbänden sowie nationalen Regierungen - hat ihren Weltbericht 2007 (Equality at Work: Tackling the Challenge) vorgelegt. Es geht diesmal besonders um Diskriminierungen am Arbeitsplatz sowie auf dem Arbeitsmarkt in den ILO-Mitgliedsstaaten. Untersucht wurden alle bekannten Motive der Repression - ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Alter, Religion, Gesundheit, sexuelle Orientierung.

Auch im so fortschrittlichen Europa können ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Religion und vieles andere noch immer darüber entscheiden, wie jemand am Arbeitsplatz behandelt wird. Besonders die Frauen haben bis heute mit Diskriminierungen im Berufsleben zu kämpfen. Während Behinderte, Homosexuelle oder an AIDS Erkrankte - so vermerkt es der Report 2007 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) - auf subtilere Weise benachteiligt oder gedemütigt werden als es noch vor einigen Jahren der Fall war.

Repräsentatives Auftreten

"Es ist frappierend zu sehen, wie überall auf der Welt - ganz gleich wie arm oder reich ein Land ist oder welches politische System dort herrscht - Diskriminierung am Arbeitsplatz nach wie vor praktiziert wird", schreibt Manuela Tomei, eine der Hauptautorinnen des Berichts. Überall auf der Welt würden immer mehr Frauen eine bezahlte Arbeit verrichten und bei vergleichbarer Tätigkeit weiterhin deutlich weniger verdienen als Männer. Die so genannte "gläserne Decke" verhindere überdies den beruflichen Aufstieg - die Spitzenpositionen in den betrieblichen Hierarchien blieben nach wie vor eine Domäne der Männer.

So erzielten in den meisten asiatischen Ländern Fabrikarbeiterinnen Ende 2006 um mindestens 30 Prozent geringere Einkünfte als ihre männlichen Kollegen, doch ist es in vielen europäischen Ländern, darunter auch in Deutschland, nicht signifikant besser, beklagt die ILO. Dort erhielten Fabrikarbeiterinnen im Schnitt noch nicht einmal 80 Prozent der Entlohnung von Männern in gleicher Funktion oder Position. In Bahrein sei das Lohngefälle am schlimmsten - in Schweden und Australien am geringsten oder nicht vorhanden.

Obwohl eine solche Praxis inzwischen in fast allen Ländern gesetzlich geächtet wird, fragen Arbeitgeber Frauen bei Bewerbungsgesprächen weiterhin nach ihren Kinderwünschen. Das Fazit der ILO: Diskriminierung in den üblichen Formen ist ihm Jahr 2007 wohl vielerorts verboten, ändert aber nichts daran, dass die Unternehmen immer raffiniertere Methoden finden, um über ihre Belegschaften auch in Abhängigkeit von Geschlecht, Hautfarbe oder sozialer Herkunft zu befinden. Das "repräsentative Auftreten" oder das "repräsentative Erscheinungsbild", das in vielen Stellenanzeigen verlangt werde, bedeute faktisch "weiß", "groß" und (sozial) "gut situiert". Wenig überraschend hat die ILO kaum ein vergleichbares Land gefunden, in dem die Altersdiskriminierung so offen, unverblümt und unverschämt betrieben wie in Deutschland. In den meisten angelsächsischen Ländern ist diese Form der Herabsetzung gesetzlich verboten und kommt auch sehr viel weniger vor.

Es braucht in der Regel nur geringfügige Investitionen, um Arbeitsplätze für Blinde oder Taube beziehungsweise Schwerhörige passend einzurichten. Im ILO-Bericht werden die gängigen Maßnahmen sowie deren Kosten benannt und mit dem Hinweis versehen: Trotz regierungsamtlicher Förderungen und gesetzlicher Diskriminierungsverbote ist es für Behinderte nach wie vor schwer bis unmöglich, eine vollwertige Beschäftigung zu bekommen. Europa schneidet da allerdings weit besser ab als Nordamerika, Australien oder Asien.

AIDS-Test unterworfen

Erst seit kurzem gilt nach den ILO-Normen die Diskriminierung von homosexuellen Männern und Frauen am Arbeitsplatz als nicht hinnehmbar, doch nach wie vor ist Homosexualität in mehr als 75 Mitgliedsstaaten der UNO verboten und strafbar. Es kommt dabei nicht zuletzt in den reichen Ländern des Nordens, in denen Homosexuelle offiziell akzeptiert werden, immer häufiger vor, Bewerber einem AIDS-Test zu unterwerfen, ohne dass sie davon wissen. Gleichfalls werden laut ILO-Report Stellenanwärter in gesteigertem Maße auf Erbkrankheiten durchleuchtet. Der vermeintliche oder vermutliche Gesundheitszustand eines Arbeitnehmers wird - neben dem Lebensalter - auf diese Weise zum entscheidenden Kriterium einer Einstellung. Krankheitsrisiken sind Ausschließungsgründe - das gilt zwischenzeitlich auf den nationalen Arbeitsmärkten ausnahmslos aller ILO-Staaten.

Im Jahr 1951 hatte die ILO eine Konvention beschlossen, die gleichen Lohn für Männer und Frauen bei gleicher Arbeit bindend vorschreibt. Damals galt das als äußerst gewagt, aber bis heute haben immerhin 163 von den 180 ILO-Mitgliedsländern dieses Dokument unterzeichnet, das vor allem von den arabischen Staaten seit Jahrzehnten boykottiert wird. Eine weiteres ILO-Dokument wie die 1958 erarbeitete Konvention gegen sämtliche Formen von Diskriminierung am Arbeitsplatz haben Tigerstaaten wie Thailand und Singapur zwar signiert, aber bisher nicht durch ihre Parlamente ratifizieren lassen. Die Vereinigten Staaten verweigern sich nach wie vor beiden Konventionen. Und auch die brave und zivilisierte Bundesrepublik, die wohl unterzeichnet hat, kennt noch immer eine ganz gehörige Geschlechter- und Altersdiskriminierung. Wir haben allen Grund zur Unzufriedenheit.


International Labour Organization - ILO

Die ILO war ursprünglich eine ständige Einrichtung des Völkerbundes und dank der Forderungen der sozialdemokratischen Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale entstanden. Sie begann ihre Tätigkeit am 11. April 1919 auf der Friedenskonferenz in Versailles. Seit dem 14. Dezember 1946 ist die ILO eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen und hat ihren Sitz in Genf. 1969 wurde die Organisation mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Derzeit vereint die ILO 180 Mitgliedstaaten (zuletzt wurde am 17. Januar 2007 das Sultanat Brunei als Vollmitglied aufgenommen).

Das höchste ILO-Organ ist die Internationale Arbeitskonferenz (International Labour Conference), die einmal jährlich in Genf zusammen tritt, Rechtsakte und das Budget beschließt. In diesem Gremium hat jeder Mitgliedsstaat vier Delegierte, davon zwei Vertreter der Regierung und je einen Vertreter der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen. Die ILO erarbeitet rechtsverbindliche Konventionen sowie Empfehlungen an die Mitglieder, bei denen es in der Regel um das Arbeitsrecht geht: Standards für den Mutterschutz, Schutz von temporären Angestellten, Altersgrenzen für bestimmte Arbeiten und so weiter. Insgesamt existieren bis heute 187 Konventionen und 198 Empfehlungen, die nur teilweise in innerstaatliches Recht übernommen wurden.

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00:00 15.06.2007

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