Der Herausforderer

Porträt Ekrem Imamoğlu wurde mit seinem Wahlsieg in Istanbul ein ernstzunehmender Konkurrent für Präsident Erdoğan. Nun wird er ausgebremst
Der Herausforderer
Die Bevölkerung, die wegen der allgemeinen Misere den Ausweg suchte, konnte gar nicht anders, als Imamoğlu Vertrauen zu schenken

Foto: Chris McGrath/Getty Images

Die oppositionelle CHP hatte sich vor den Kommunalwahlen am 31. März dazu durchgerungen, für die Millionenmetropole Istanbul einen bisher eher unbekannten Kandidaten aufzustellen: Ekrem Imamoğlu. Dessen Erfolg gab der Partei recht. Der 48-Jährige war seither designierter, noch nicht endgültig bestätigter Oberbürgermeister der Stadt am Bosporus. Er wurde teilweise als direkter Gegenspieler von Staatschef Erdoğan wahrgenommen.

Der wollte mit seiner AKP die erlittene Niederlage nicht akzeptieren, ließ die Stimmen in sämtlichen Wahlbezirken neu auszählen und rief den Hohen Wahlrat an. Der hat nun entschieden: Das Votum muss "wegen Regelwidrigkeiten" wiederholt werden, sodass die Bürger Istanbuls am 23. Juni erneut an die Wahlurnen gerufen sind. Es war offenbar eine Prestigefrage für die AKP und den türkischen Staatschef persönlich, sich ausgerechnet in dieser Stadt durchzusetzen. Ekrem Imamoğlu spricht von einer hinterhältigen Entscheidung und von Verrat, lässt sich jedoch nicht beirren. "Ihr werdet sehen, wir werden gewinnen", sagte er vor seinen Anhängern, als die Entscheidung der Wahlkommission bekannt wurde.

Der ursprünglich aus der Schwarzmeerstadt Trabzon stammende Imamoğlu wurde 1970 im Dorf Cevizli bei Akçabat geboren. Seine Familie verdiente ihren Lebensunterhalt durch Tabakanbau und Tierhaltung, während der Vater Hasan Imamoğlu schon damals viel dafür tat, sich später einmal im Baugewerbe etablieren zu können. Ekrem Imamoğlu besuchte das Lyzeum im nordtürkischen Trabzon und zog danach für ein Studium der Betriebswirtschaft in das facettenreiche Istanbul. An der dortigen Universität machte er nach dem Studium auch den Masterabschluss in Personalmanagement und begann 1992 im Baugewerbe und damit Familienbetrieb seines Vaters zu arbeiten. Ein Unternehmen, das Imamoğlu als Vorstand führte, bis er seine politische Karriere begann.

Toleranz und Bürgernähe

Die war davon geprägt, nicht dem Vorbild des Vaters zu folgen, der vor 1980 zunächst ein überzeugter Anhänger der nationalistischen MHP war, bis er Jahre später in Trabzon zum Mitbegründer der rechtskonservativen Mutterlandspartei ANAP wurde und einen Stadtbezirk führte. Ekrem gehorchte sehr früh anderen politischen Interessen, indem er sich nach eigenen Angaben der CHP-Jugend anschloss. Auch wenn er zunächst im Hintergrund und mehr auf lokaler Ebene agierte, sorgte er mit seiner standhaften, einfordernden sowie ruhigen Haltung dafür, dass ihm mehr und mehr Zuspruch zuteilwurde. Mit der sich anbahnenden politischen Laufbahn ging es langsam, aber sicher voran.

Vor seiner Kandidatur als Oberbürgermeister der Metropole am Bosporus war Imamoğlu Bürgermeister der Istanbuler Gemeinde Beylikdüzü, die zuvor zehn Jahre lang von der AKP beherrscht wurde. Imamoğlu zog gemeinsam mit seiner Familie in diesen Stadtteil und übernahm 2009 den CHP-Bezirksvorsitz.

Schon damals sollten seine Bürgernähe, Toleranz und Fürsorge auf lokaler Ebene Anklang finden. Imamoğlu liebte plötzliche Hausbesuche, bei denen die Menschen Anliegen ohne Umschweife direkt vortragen konnten. Für ihn boten diese Umgangsformen eine Gelegenheit, seine Vision von einer sozial gerechten Gemeinde mit Leben zu erfüllen. Dass damals seine engagierte Ehefrau Dilek Imamoğlu, Mutter von drei Kindern, einen Tag im Rollstuhl verbrachte, um die Mängel der städtischen Infrastruktur am eigenen Leibe zu erfahren, war vielen bis vor wenigen Wochen vielleicht nicht bekannt, aber für die Gemeinde ein Zeichen der Zuverlässigkeit und Seriosität.

Imamoğlu wussten viele als „ruhige Seele“ zu schätzen. Ungewöhnlich für Menschen des Schwarzmeerraumes, die eher durch ihr dominantes Auftreten bekannt sind. Besonders ungewöhnlich ist Imamoğlus Habitus für die türkische Politik, die sich in den vergangenen Jahren eine immer aggressivere Rhetorik zu eigen machte. Trotz häufiger Provokationen im Wahlkampf ließ sich Imamoğlu auch vor laufender Kamera nicht aus der Ruhe bringen. Er wisse, dass erhobene Beschuldigungen ihn nicht treffen könnten – warum also solle er sich aufregen, meinte er in einer Live-Sendung kurz vor den Wahlen und plädierte für einen friedfertigen Umgang unter den Politikern. Das klang anders als bei seinem Kontrahenten Binali Yıldırım (AKP), dessen Wahlkampf durch Präsident Erdoğan persönlich mit die Nation tief spaltenden Reden geführt wurde.

An einem Tisch

Seit Beginn des Wahlkampfes hatte das Regierungslager versucht, die CHP wegen ihrer gemeinsamen Wahlstrategie mit der prokurdischen HDP zu schwächen. Auch wenn die kemalistische Partei daher oft der „Terrornähe“ beschuldigt wurde, war Imamoğlu persönlich nicht Opfer dieser Attacken. Womöglich lag es daran, dass solche Diffamierungen angesichts seiner Integrität kaum glaubwürdig erschienen. Handelte es sich doch bei ihm um jemanden, der seine religiöse Verbundenheit zu nutzen verstand, um Menschen zu gewinnen, ohne den Laizismus dabei zu missachten. So waren denn auch Imamoğlus Kontakte zu Erdoğan und einer Vielzahl von AKP-Bürgermeistern keineswegs unumstritten, aber völlig charakteristisch für jemanden, der versprach, mit allen 39 Bürgermeistern Istanbuls an einem Tisch sitzen und Oberbürgermeister von 16 Millionen Einwohnern sein zu wollen.

Bisher war dieser Mann vor allem deshalb ein guter Lokalpolitiker, weil er seine Vorstellungen mit und durch den Beistand der Bürger zu entwickeln wusste. „Ich habe mit den Kindern dieser Stadt gesprochen“, erklärte er stolz in einer Fernsehsendung und überzeugte durch Problem- und Lösungskompetenz. Die Bevölkerung, die wegen der wirtschaftlichen und politischen Misere einen Ausweg suchte, konnte gar nicht anders, als ihm Vertrauen zu schenken. So wurde es für ihn möglich, sowohl in religiösen, rechtskonservativen wie auch vielen linken Milieus Stimmen zu holen. Obwohl Imamoğlu womöglich noch einen zähen Kampf am sein Amt führen muss, punktet er durch seinen Willen, Erdoğans AKP die Stirn zu bieten.

Meşale Tolu ist Journalistin und Übersetzerin kurdischer Herkunft. Sie war von April bis Dezember 2017 in türkischer Haft

Dieser Text wurde am 07. Mai 2019 aktualisiert

11:20 25.04.2019
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