Auf Leben und Tod

Alter Theatergrund Ein Ausflug zu den "Ritterschauspielen" nach Kiefersfelde oder Wo Bayern sich noch duellieren

Es muss nicht immer Salzburg sein. Es kann auch das nicht allzu weit von Salzburg entfernte Kiefersfelden im Inntal mit seinem Stück Hochkultur sein. Kiefersfelden hat seine Kunstsaison im August. Dann lädt an neun Aufführungstagen die Theatergesellschaft Kiefersfelden zu ihren Ritterschauspielen ein. Sie sind etwas ganz anderes als die landauf, landab in Mode gekommenen "Mittelalterspektakel" mit dem Geschmack der Kunsttomate. Gespielt wird in Kiefersfelden in einem hölzernen Stadel, der beim ersten Hinsehen auch ein Heuschober sein könnte. Er sieht sich mit einigen feuerpolizeilichen, elektrischen und Klappsitz-Zutaten seiner Erbauung im Jahre 1833 noch immer ziemlich ähnlich. In Kiefersfelden sind wir nämlich auf altem Theatergrund und Boden. Sehr altem sogar.

Das Volkstheater Kiefersfelden ist das älteste Dorftheater Deutschlands und die Kieferer machen seit 1618 "Theater". Über Jahrhunderte brachten sie Heiligenlegenden zu frommer Erbauung zur Aufführung bis der arme Kohlenbrenner Josef Georg Schmalz um 1830 aus Tirol nach Kiefersfelden kam und aus Not und Talent - zehn Kinder - Theaterschaffender wurde. Anfangs Darsteller, kam Schmalz über die Schauspielerei zum Bearbeiten und Verfassen eigener Stücke und das waren dann "Ritterschauspiele". Sie waren so wirkungsvoll, zu Herzen gehend, abenteuerlich, phantastisch, dass der "Stuck Jörg", wie man ihn mittlerweile nannte, sich 1838 mit dem Ritterstück Richardus, König von England oder die Gewalt der Liebe unumkehrbar und bis heute die Kiefersfeldener Bühne eroberte. Für seine Stücke bediente sich Schmalz ohne Schamröte aus der Inflation der zeitgenössischen Ritter-, Räuber- und Schauerromane.

Schmalz brachte es auf 25 dramatische Ungetüme mit so hinreißenden Titeln wie Mangolf von Rottenburg oder: Der Kampf um Mitternacht, Ubald von Sternenburg oder: Der Rächer am Totensarg, Elvira und Almansor oder: Vom Sklaven zum Thron. Dafür kann man schon weit fahren.

Wem der Schwarze Ritter Kunibald von Wurmbach im Großen Ritterschauspiel Richard und Wulfhilde dienen will, ist an diesem Augustabend 2005 bald klar. Kunibald von Wurmbach will Berta von Eschenbach dienen, die tiefgekränkt auf Rache sinnt, seit der junge Graf Richard von Schreckenstein sie verschmäht hat. Wem der schwarze Trompeter Edmund, der im Nachbarort Oberaudorf geboren wurde, auf der politischen Bühne mit seinen Äußerungen dienen will, ist an diesem Augustabend weniger klar. Ist es wirklich Angela, das Nordlicht?. Auf der Bühne in Kiefersfeldern sagt Graf Hartmann von Schreckenstein zu Graf Eginhard von Eschenbach "Mein Sohn wird deiner Tochter Mann". Die beiden Alten sind gute Freunde und wollen ihre Kinder vermählen. "Nein" schleudert Sohn Richard heraus, als er von dem Plan erfährt, "lieber den Tod als Berta von Echenbach".

Um Tod und Leben geht es beinahe in jeder Minute im Kiefersfeldener Theaterstadel. Ri-chard von Schreckenstein hat im Wald den Hirsch gejagt, doch eine schöne verirrte Jungfrau mit dem Pfeil getroffen und sich in sie in sie verliebt. Im echten Pappwald ist eben ein echter Hirsch aus Pappe vorbei gesprungen als der Pfeil fliegt. Berta von Eschenbach wählt sich als Vollstrecker ihrer Rache den Intriganten Kunibald von Wurmbach und das Schicksal nimmt in vier Aufzügen seinen Lauf. In den Zwischenakten spielt hinterm Bühnenvorhang eine Blaskapelle. Sie ist echt, wie man vor dem letzten Akt sieht. Der Vorgang hat sich gehoben. Kunibald von Wurmbach bläst im Ritterkostüm in der Spielschar mit. Seinen dämonisch angeschminkten Blick hat er auch hier.

Die Kiefersfelder bringen die alte Geschichte von Richard und Wulfhilde ohne jede Zutat, die das moderne Regietheater für alte Geschichten bereit hält, um sie nach seiner Meinung spielbar zu machen, auf und über die Bühne und die Sache geht ganz herrlich auf. Die "Bühne" kommt den Kiefersfeldenern allerdings auch auf eine besondere Art zu Hilfe. Sie besitzen als einzige in Deutschland noch eine barocke, bayrisch-tirolerische Dreh-Klappkulissenbühne und wissen ihre Möglichkeiten zu nutzen. Links und rechts der Szene stehen auf jeder Seite fünf bemalte Drehkulissen, zweimal klappbar, womit vier Grundbilder vorhanden sind. Wie von Geisterhand strecken sich Arme hervor, nur Arme, und drehen blitzschnell in eine neue Szene, in die Dekorationen herabschweben.

Und dann haben die Kiefersfeldener Darsteller eine besondere Bühnensprache, die so unwirklich klingt, wie es das ganze Spiel ist. Ein großer Teil der theatralischen Anstrengung der Bayern und Tiroler ist seit langen Zeiten darauf gerichtet, "hochdeutsch" zu sprechen, hier alle Endungen deutlich auszusprechen, was außerordentlich ritterlich klingt. Nur dem Kasper, dem "Lipperl", der im Narrenkostüm durch die Szenen stürmt und die hohen Töne und die hohe Romantik persifliert, ist es als Stimme des Volkes wie im Barockspiel, aus dem er stammt, erlaubt, Mundart zu sprechen. Schließlich darf als am Erfolg beteiligt nicht das Publikum vergessen werden. Es ist ein illusionsloses und zur Illusion bereites Publikum. Mit Vergnügen überlässt es sich dem romantischen, pathetischen, moralischen Spiel, ohne darin zu versinken. Berta vermag Richard in ein finsteres Verließ zu verbringen. Die verirrte Jungfrau erweist sich auf der Folter als die edle Wulfhilde, Gräfin von Dassenburg. Ein Engel erscheint Richard im Kerker und verspricht Rettung. Zwei Ziegenhirten vollbringen sie. Alles wird gut. Richard und Wulfhilde ein Paar. Berta erdolcht sich. Kunibald fällt im Duell mit Richard.

Edmund will sich mit Oscar duellieren. Edmund aus Oberaudorf hat mit Blick auf die Septemberwahl gesagt: "Wir haben leider nicht überall so kluge Bevölkerungsteile wie in Bayern." Am Abend nach der Vorstellung lese ich an diesem 13. August 2005 im Oberbayrischen Volksblatt was Florian Wagner aus Bruckmühl der Zeitung geschrieben hat: "Alle arbeitslosen Maurer sollten sich an der Grenze versammeln und schnell die Mauer wieder hochziehen, um jene unzufriedenen und unrealistischen Mitbürger in ihrem eigenen Sumpf zu belassen."

Bayern hat Bevölkerungsteile, die wunderbar Theater spielen können.

Die nächsten Vorstellungen in Kiefersfelden sind am 20., 26., 27., 28. August im Theaterstadel.


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00:00 19.08.2005

Ausgabe 38/2020

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