Florian Schmid
25.09.2011 | 15:00 1

Auf Leben und Tod

Wirklichkeitseinfluss Auf den ersten Blick verbindet den Philosophen nichts mit der Karibikinsel. Doch der Sklavenaufstand von Haiti 1791 prägte Hegels Dialektik von Herr und Knecht

Auf den ersten Blick gibt es eigentlich nichts, was den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel mit der Karibikinsel Haiti verbinden könnte. Und doch lautet der Titel eines Essays, der bei seinem Erscheinen in den USA für beträchtliches Aufsehen sorgte: Hegel und Haiti. Geschrieben hat ihn die US-Autorin Susan Buck-Morss, und die Kernthese des jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches lautet: Hegels Dialektik von Herr und Knecht, einer der zentralen Punkte in seiner Philosophie und in der Phänomenologie des Geistes, ist vor allem unter dem Eindruck des Sklavenaufstandes auf Haiti 1791 entstanden.

Das ist nicht irgendeine neue Erkenntnis im wissenschaftlichen Elfenbeinturm der Hegelforschung, sondern legt eine andere Bewertung des Komplexes von Kolonialismus und Sklaverei nahe – und eröffnet außerdem ein neues Verständnis der Universalgeschichte, in dem Haiti nicht mehr nur Opfer ist, sondern historischer Protagonist wird. In ihrem übersichtlichen und flott geschriebenen Text schlüsselt Susan Buck-Morss, Professorin für politische Philosophie an der Cornell Universität, diese These mit detektivischer Raffinesse auf.

Als in der französischen Revolution 1789 in Paris mit Losungen wie „Lieber tot als Sklave!“ das Ancien Régime beseitigt wird, ist die Kolonie Saint Domingue mit fast einer halben Million afrikanischer Sklaven der weltweit größte Zuckerproduzent und damit eine der wirtschaftlichen Stützen des Mutterlandes Frankreich. Diese frühe Industrialisierung von Plantagenwirtschaft und Zuckerverarbeitung erlebt ihren großen Wachstumsschub im 18. Jahrhundert, die Zahl der Sklaven stieg um 1.000 Prozent. Während die Menschen in Frankreich 1789 zu „Bürgern“ werden, bleiben die Sklaven so unfrei wie zuvor. Zwei Jahre später kommt es zu einem Aufstand der Sklaven, den sogenannten schwarzen Jakobinern, den das revolutionäre Frankreich niederzuschlagen versucht – vergeblich. Symptomatisch steht hier eine Anekdote, nach der sich französische Soldaten den Aufständischen nähern und verblüfft feststellen, dass ihre angeblichen Feinde – ebenso wie sie selbst – die Marseillaise singen. 1805 kommt es schließlich zur Gründung der Republik Haiti, laut deren Verfassung jeder Mensch gleich ist und die somit weitaus radikaler ist als die revolutionäre Konstitution des Mutterlandes.

Sklaverei als Symbol

Susan Buck-Morss bettet diese historischen Ereignisse in eine Übersicht der philosophischen Ideengeschichte ein. Denn die Sklaverei spielt als Symbol in der französischen Revolution ebenso wie für die Theoretiker der Aufklärung, etwa bei Rousseau oder Locke, eine zentrale Rolle. Sklaverei ist für die kritischen Vordenker der damaligen Zeit als Metapher allgegenwärtig, nur dort, wo es sie wirklich gibt, stört sie niemanden. So schreibt Locke zwar über die „Ketten der Menschheit“ und nennt die Sklaverei – gemeint ist die metaphorische des weißen Mannes – einen „verächtlichen, erbärmlichen Zustand“, die tatsächliche Versklavung schwarzer Menschen findet er aber vertretbar. Rousseau schweigt zu dem Thema und steht damit exemplarisch für die weitverbreitete Grundhaltung der damaligen Zeit, die tatsächliche Sklaverei schlicht zu ignorieren. Gleichzeitig bildet sich im Zuge der Abolitionisten-Bewegung politisch und journalistisch wohl ein Diskurs dazu. Hegel erfährt von den Vorgängen auf Haiti aus der Zeitung. Er ist Leser der Minerva, eines monatlich erscheinenden Journals, das recht detailliert über die Vorgänge auf der Insel berichtet. In einer Auflage von 3.000 Exemplaren im Jahr 1798 und mit der doppelten Menge zehn Jahre später erfreut sich das Blatt bei einigen berühmten Zeitgenossen wie Goethe, Schiller, König Friedrich Wilhelm III. und General Lafayette größter Beliebtheit.

Laut Buck-Morss „erhaschte (Hegel) einige Blicke aus einer globalen Perspektive und betrachtete den Aufstand (…) als Manifestation der universellen Freiheit, in deren Verwirklichung er das eigentliche Strukturprinzip und Ziel der Geschichte sah.“ Hegel definierte das Verhältnis von Knecht und Herr als einen Kampf auf Leben und Tod, wodurch sich seine Sichtweise vom philosophischen Verständnis eines Hobbes’ und Rousseaus deutlich unterschied. Beide stellten den versklavten Menschen einem Naturzustand gegenüber, während Hegel dieses Verhältnis als Teil eines historischen Prozesses sah.

Eine gewisse Blindheit

Gleichzeitig machte Hegel darin ein Abhängigkeitsverhältnis aus, das durch einen „qualitativen Sprung“ im Bewusstsein des Knechts eine radikale Veränderung erleben kann. Ob damit die Revolution gemeint ist, darüber wurde in der Hegelrezeption lange gestritten. Sollte der haitianische Aufstand Hegel inspiriert haben, erscheint diese Frage noch einmal in einem ganz anderen Licht. Dann gäbe es eine engere Verbindung zwischen Theorie und Praxis als gemeinhin angenommen. Genau dies betont Susan Buck-Morss. Für sie liegt der Unterschied in Hegels Wahrnehmung gegenüber Locke oder Rousseau darin, dass sich die politische Realität in sein Werk eingeschrieben hat.

Sie geht in ihrem Essay außerdem auf die marxistische Hegelrezeption ein, in der Sklaverei ebenfalls nur als Symbol, nämlich des Klassenkampfes, interpretiert wird. Der bisherigen Hegelforschung bescheinigt sie eine gewisse Blindheit, ebenso wie Hegels Zeitgenossen, von denen viele die Ereignisse auf Haiti einfach ignorierten. Für Hegel dagegen, so Buck-Morss, ist Haiti eine „historische Wirklichkeit, die ihn wie unsichtbare Tinte“ umgibt. Diese Tinte wird nun endlich sichtbar.

Hegel und Haiti Susan Buck-Morss Edition Suhrkamp, 240 S., 16

Florian Schmid schrieb im Freitag zuletzt über die Jugendkrawalle der achtziger Jahre

Kommentare (1)

Florian Arnold 26.09.2011 | 03:13

Lesenswert zudem: "Die Verlobung in St. Domingo" von 1811. Im Rückgriff auf die Ereignisse um den "Sklavenaufstand" hat Heinrich von Kleist die Hegelsche Dialektik von Herr und Knecht bereits als eine "Dialektik der Aufklärung" vorgeführt. Am Schluss also keine geglückte Vermittlung oder erhoffte Heirat, sondern der Tod der Verlobten, während die entgegengesetzten Parteien weiterhin Bestand haben.