Auf leisen Sohlen

Neuer Antisemitismus Wie der israelische Extremismus und der weltweite Antijudaismus zusammenhängen

Wenn antisemitische Schmierereien und Anschläge auf jüdische Einrichtungen, in Deutschland oder Frankreich seit vielen Jahren an der traurigen Tagesordnung, nun auch von jenseits des Atlantik aus dem bisher in dieser Hinsicht nahezu unberührt gebliebenen Kanada gemeldet werden, scheinen bestimmte Alarmrufe noch mehr Berechtigung zu erhalten. In einem von Juden bewohnten nördlichen Stadtbezirk Torontos wurden im März 2004 Hauswände mit Hakenkreuzen bemalt. Am 5. April warfen in dem Montréaler Stadtteil Ville-Saint-Laurent bisher unbekannt gebliebene Täter die Scheiben der dortigen Talmud-Torah-Schule ein und schleuderten einen Molotow-Cocktail in die Bibliothek. Viele Papiere und Bücher fingen Feuer, aber die Bibliothek insgesamt brannte glücklicherweise nicht aus.

Mag man sich nicht mit der ebenso jederzeit gültigen wie nichtssagenden Auskunft zufrieden geben, dass der Antisemitismus eben zum Erbe des christlichen Europa und auch des noch christlicheren Nordamerika gehört und sich von Zeit zu Zeit ein beliebiges Ventil sucht, dann drängt sich die Frage nach Hintergründen und Zusammenhängen auf, die rein kriminalistisch wahrscheinlich nicht zu beantworten ist.

Was die Zunahme antijüdischer Taten in Frankreich seit dem Beginn der so genannten Al-Aksa-Intifada im Jahr 2000 angeht, so ist es der israelische Premierminister und zuvor - als rechter Oppositionsführer Anstifter der Unruhen - Ariel Sharon selbst gewesen, der sogleich einen politischen Extraprofit glaubte, einstreichen zu dürfen. Er forderte die Juden Frankreichs auf, dieses für sie gefährlich gewordene europäische Land zu verlassen und nach Israel auszuwandern, wobei er auch noch mit Niederlassungsprämien winkte. Der ehemalige französische Maoist Luc Rosenzweig, Journalist bei Le Monde, wäre, wie er im Radio erklärte, dem Ruf Sharons gern gefolgt, fühlte er sich als Sechzigjähriger nicht zu alt für eine solch anstrengende Übersiedelung. Oh boy, kann ich da als ebenso alter, gerade von Deutschland über den Atlantik ins kalte Kanada Umgezogener dem Genossen Luc nur zurufen ...

Die Frage, ob Juden oder menschliche Erdenbewohner jedweder Herkunft im Israel von heute, wo jede Busfahrt durch ein Suizid-Attentat als Fahrt in den Tod enden kann, sicherer leben als in einem Land wie Frankreich, Kanada oder Deutschland, lässt Sharon seine Pressevertreter oder Botschafter selbstverständlich nicht beantworten. Für jedes Kind - oder etwa für die kritische israelische Tageszeitung Ha´aretz - ist der Zusammenhang zwischen der immer extremistischeren Politik Sharons und der Zunahme antijüdischer Aktionen überall in der Welt offenkundig. Von den USA wird Sharons Politik noch ermutigt. Doch nicht nur von den Tenören der israelischen Regierung selbst, sondern auch von Organisationen der jüdischen Diaspora wird der Zusammenhang hartnäckig geleugnet. Vom Sharon-Extremismus angesteckt, agieren manche von ihnen ebenfalls immer extremistischer.

Gerade im sonst friedlichen, von etwa hunderttausend Juden aller ethnischen und religiösen Schattierungen bewohnten Montréal ist das auf deprimierende Weise zu beobachten gewesen. Im September 2003 war ich dort zu einem Kolloquium an der Universität McGill eingeladen. Auf ihrer Website hatten die Veranstalter zuvor die Liste der eingeladenen Referenten bekannt gegeben, zu denen unter anderen der linke, im orthodoxen jüdischen Milieu Straßburgs aufgewachsene Israeli Michael Warschawski gehörte, dessen Buch An der Grenze (s. Freitag 10/2004 und 15/2004) gerade auf deutsch herauskam. Warschawski hatte vor einer Reihe von Jahren in Israel eine Gefängnisstrafe absitzen müssen, weil er damals verbotenerweise mit palästinensischen Gruppen verkehrte.

Militante kanadische Sharon-Anhänger sandten im Sommer 2003 elektronische Drohbriefe an die Veranstalter, sie ultimativ auffordernd, den Referenten Warschawski, den sie als "Nazi" beschimpften, wieder auszuladen. Als Warschawski im September am Ort des Montréaler Kolloquiums erschien, sahen die Veranstalter sich gezwungen, angesichts aufgezogener gewaltbereiter jüdischer Extremisten um Polizeischutz für die Diskussionen und vor allem für Michael Warschawski zu bitten. Was geht hier eigentlich vor?

Nach dem verbrecherischen nächtlichen Brandanschlag auf die Montréaler Talmud-Torah-Schule hat die örtliche Polizei lobenswerterweise eine spezialisierte Einheit zusammengestellt, die "hate-crimes" verfolgen und, wenn möglich, verhindern soll. Nur zeigt die Warschawski-Episode, dass das Niveau der hasserfüllten Gewaltbereitschaft auf der anderen Seite ebenfalls steigt. Dass Israelis in Israel angesichts so vieler Suizid-Attentate in ständiger Angst leben, oft paranoid reagieren und dankbar zu dem als Beschützer betrachteten brutal zuschlagenden Ariel Sharon aufblicken, ist sozialpsychologisch nachvollziehbar. Allerdings müsste ihnen auch ein kühl gebliebener Verstand sagen, dass mit jeder von Sharon befohlenen Tele-Exekution eines palästinensischen Führers und mit jedem erweiterten Settlement auf der Westbank die Unsicherheit weiter zunimmt und eine Ende des Konflikts in immer weitere Ferne rückt.

Ein wachsendes Problem kommt ohne jeden Zweifel, wie Ha´aretz immer wieder betont, von Teilen der organisierten Diaspora, die sich päpstlicher aufführen als der Papst, obgleich sie, da nicht täglich existentiell bedroht, die Chance hätten, ein paar Schritte zurückzutreten, die Situation im Vorderen Orient sine ira et studio zu analysieren und in entsprechendem Sinn auf ihre israelischen Freunde und Verwandten einzuwirken. Stattdessen aber wird von ihnen ein Mann wie Michael Warschawski, der im Unterschied zu all den Philo-Zionisten der Diaspora sich tatsächlich in Israel niedergelassen hat, als Nazi und jüdischer Antisemit verunglimpft, nur weil er sich die militaristische Sharon-Ideologie nicht zu eigen macht.

Ein anderer israelischer Linker ist der einstige bewaffnete Kämpfer für die Unabhängigkeit Israels im Jahr 1948 und ehemalige Knesset-Abgeordnete Uri Avnery. Noch immer streitet der Journalist rührig für Verständigung mit den Palästinensern. Vor ein paar Jahren sagte er dem Schweizer Radio DRS, dass Sharon, den er seit Jahrzehnten kennt, für ihn natürlich ein Faschist sei - nur werde er Deutschen nicht gestatten, das ebenso laut zu sagen, wie er selbst als Israeli das sagen darf.

Ach, Deutsches in diesem Zusammenhang! Nach anderen Extremismen werfen Deutsche sich nun dem Diaspora-Extremismus an den Hals und identifizieren Kritik an Sharons Vorgehen mit Antisemitismus, wodurch sie der nahöstlichen Tragödie noch ihre eigene germanische Farce hinzufügen. Der deutsche Schreiber Richard Herzinger tat sich kürzlich besonders in dieser Kunst hervor. Mit dem Gestus des deutschen Besserwissers (von der deutschen Besetzung Norwegens im Zweiten Weltkrieg blieb im Land neben vielen fürchterlichen Erinnerungen unter anderem ein deutsches Lehnwort zurück, bezeichnenderweise das Wort "Besserwisser", das Norweger sich bis heute an den Kopf werfen, wenn sie sich etwas besonders Böses sagen wollen) belehrte er kürzlich die Leserschaft der Neuen Zürcher Zeitung (18.3.2004) über einen neuen Antisemitismus. Der, so Herzinger, speise "sich aus der Annäherung zwischen dem arabisch-nationalistischen beziehungsweise islamistischen und europäischen Antisemitismus".

Arabisch-nationalistisch - was soll das heute eigentlich heißen angesichts des permanenten Scheiterns des arabischen Nationalismus? Und islamistisch? Für Herzinger ist das einerlei: von nicht-arabischem, etwa pakistanischen oder indonesischen Islamismus hat der hervorragende Autor offenbar noch nie gehört. Aber er weiß alles besser. Frantz Fanon, schreibt er, habe in seinem Buch Die Verdammten dieser Erde die "universalen westlichen Werte von Humanismus und Aufklärung mit dem Rassismus identifiziert." Kein Wort davon ist wahr: der aus Martinique stammende schwarze Intellektuelle Fanon hat in seinem im Wettlauf mit der Zeit - im Angesicht seines bevorstehenden Leukämie-Tods - geschriebenen Buch die aus der Kolonialherrschaft entlassenen Länder der Dritten Welt vor der Gefahr eines "Schmalspur-Faschismus" warnen wollen, der sich in diesen Ländern einnisten kann, wenn ihre Gesellschaften nicht aufpassen. Aber gelesen haben muss man nichts als deutscher Besserwisser, sobald man auszieht, die Welt zu belehren.

Herzingers zentrale These lautet: der Antisemitismus in Europa ist nicht mehr der alte. Er hat sich durch die Zutat eben jenes "arabisch-nationalistischen beziehungsweise islamistischen" Antisemitismus, durch Solidarität mit Palästinensern, durch die Globalisierungskritik von Gruppen wie Attac, und durch die Präsenz eingewanderter Muslime, die ihrem jeweiligen Imam lauschen, in etwas Neues verwandelt. Herzinger meint eine offenbar AIDS vergleichbare Krankheit, denn der Autor diagnostiziert als kultureller Laienmediziner ein in Europa durcheinandergeratenes "Immunsystem".

Dieser Stumpfsinn ist, wie Brecht einst über Lukács´ Realismustheorie sagte, "gigantisch" angesichts der Realität in dieser Welt. Der wirre Text des ehemaligen militanten Marxisten-Leninisten Richard Herzinger bestätigt ein weiteres Mal die Richtigkeit der Einsicht, die wir dem durch Suizid umgekommenen Philosophen Gilles Deleuze verdanken: aus einem abgefallenen Priester, sagte Deleuze sinngemäß, wird nicht immer ein brauchbares Mitglied der laizistischen Gesellschaft. Oft kommt nur ein wildgewordener Priester dabei heraus.

Es versteht sich von selbst, dass Ereignisse wie die eingangs erwähnten antijüdischen Akte in Kanada Zeitgenossen, die den Weltlauf verfolgen, beunruhigen müssen. Um ihre Bedeutung angemessen einzuschätzen, das eventuell "Neue" daran zu bestimmen, scheint es mir jedoch unerlässlich, sich erst einmal wieder einen Begriff von dem in Europa wie in Nordamerika weitervererbten alten Antisemitismus zu verschaffen. Nur wenige Leute werden zum Beispiel wissen, dass in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts Luxushotels in den Bergen des US-Bundesstaats New York damit warben, dass sie "judenfrei" seien. Aber wie erklärte kürzlich der US-Botschafter bei der Europäischen Union: der Antisemitismus in Europa sei heute so schlimm wie in den dreißiger Jahren, immerhin dem Jahrzehnt der Nürnberger Gesetze und der Progromnacht, was der wackere Diplomat allerdings vergessen zu haben scheint ...

Es sind ja nicht allein umgeworfene jüdische Grabsteine, beschmierte Hauswände oder undifferenzierte Beschimpfungen aller Israelis, die die Virulenz antisemitischer Ressentiments anzeigen. Oft kommen diese, gerade in Deutschland, auf sehr leisen Sohlen daher. Der aus Syrien stammende deutsche Schriftsteller Rafik Schami, der sich seit Jahren verzweifelt anstrengt, israelische und palästinensische Intellektuelle zum Dialog zusammenzubringen, hat vor Jahren einmal von einem Augenblick der Wahrheit berichtet, der etwas von dem sonst in den sozialpsychologischen Untiefen gehaltenen aufscheinen ließ.

Zur Zeit der unsäglichen Diskussion über "Leitkultur" kam Schami im Zug mit einem älteren, gepflegt wirkenden Deutschen ins Gespräch. Er fragte sein Gegenüber, ob er denn glaube, dass viele Leitkultur-Deutsche heute noch Goethe läsen oder die zahlreichen Bücher, die der Philosoph Theodor W. Adorno geschrieben hatte, zur Kenntnis genommen hätten. Darauf der Deutsche: "Aber war Adorno nicht Jude?" Da haben wir es, das antisemitische Ressentiment in Reinkultur, das keine Polizeiaktionen und keine herzigen Herzinger-Papiere aus den Köpfen verscheuchen wird. Der gepflegte Herr wird selbstverständlich niemals ein Hakenkreuz an irgendeine Wand malen. Er hat auch nie ein Palästinensertuch getragen oder Frantz Fanon gelesen. Nachrichten von der jüngsten Tele-Exekution eines Palästinensers durch die Luftwaffe Sharons, dem auch gleich die Familie zum Opfer fiel, werden ihn kalt lassen. Vielleicht bewundert er Sharon sogar wegen dessen Tatkraft. Möglicherweise begibt er sich sogar einmal zur Einweihung einer wiederaufgebauten, 1938 von den Nazis zerstören Synagoge, wird willig eine Papp-Kippa aufsetzen und gesenkten Hauptes erhabene Gedanken haben. Ein Antisemit? Never.

Lothar Baier lebt als Publizist und Autor in Montréal. Zuletzt erschienen von ihm 2001 die Bände: Keine Zeit. 18 Versuche über die Entschleunigung und Was wird Literatur?


00:00 07.05.2004

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