Auf nach Afghanistan

China Die Taliban brauchen Geld, die Volksrepublik hat Interesse an Bodenschätzen. Läuft da was?
Auf nach Afghanistan
Kohle gibt es auch: Die Karkar-Mine liegt knapp 200 Kilometer nördlich von Kabul

Foto: Ahmad Masood/Reuters

Was die politischen Eliten „des Westens“ offenbar nicht mehr vermögen, Chinas politische Führung kann es: Langfristig strategisch denken, und zwar im Weltmaßstab. Geopolitik ist für die Kommunistische Partei kein Fremdwort, sondern eine wohlvertraute Kategorie. Wie es einer Weltmacht geziemt.

Zentralasien gehört zu ihrem direkten Interessens- und Einflussgebiet. Mit Pakistan besteht eine enge Kooperation, die sich aus der Rivalität mit Indien ergibt. Chinas erstes Interesse ist die Sicherung seiner Handelsrouten gen Westen, eine der wichtigsten neuen Seidenstraßen verläuft nicht weit von der pakistanisch-afghanischen Grenze. Weitere Parallelrouten sind denkbar, doch hat die Sicherheit der bestehenden Routen Priorität.

Chinas Außenpolitik wird zweitens vom Ressourcenhunger einer rasch wachsenden Wirtschaft getrieben. Afghanistan hat reichlich Bodenschätze zu bieten: Eisen, Kupfer, Gold, Lithium, seltene Erden, Kohle, Öl, deren Wert insgesamt auf mehr als drei Billionen Dollar geschätzt wird. Allerdings befinden sich die meisten interessanten Bergbaugebiete in unwegsamem Gelände. Nun sind es auf absehbare Zeit die Taliban, die den Bergbau in Afghanistan kontrollieren. Um die Bodenschätze jedoch zu fördern oder überhaupt zu finden (70 Prozent des Landes sind noch kaum erforscht), fehlen den Taliban Technologie, Wissen und Geld. Die Chinesen haben es. Seit 2007 besitzen sie eine Konzession für eine Kupfermine, seit 2011 für ein Ölfeld. Um die Bodenschätze jedoch erfolgreich ausbeuten zu können, werden sie Straßen und Eisenbahnen bauen müssen, zu einem großen Teil im Hochgebirge. Hier braucht es langfristige und sorgfältige Planung und viel Erfahrung mit großen Infrastrukturprojekten. Auch die hat China.

Schlafmohn, Kupfer und Öl

Wie dringend die Taliban diese Zusammenarbeit brauchen, zeigt ein Blick auf ihre wirtschaftliche Lage. Ihre wichtigste Geldquelle ist bislang der Export von Schlafmohn und Rohopium – neben Schutzgelderpressung und Zöllen, die willkürlich erhoben werden. Insgesamt haben die Milizen 2020 rund 1,6 Milliarden Dollar aus diversen dunklen Quellen eingestrichen – die afghanische Regierung konnte im gleichen Zeitraum etwa 5,6 Milliarden Dollar an Einnahmen verbuchen. Auch wenn einzelne Taliban-Sprecher das nun verkünden: Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass sie ihre Finger vom äußerst renditeträchtigen Opiumgeschäft lassen. Zumal sie nach ihrer Machtübernahme in großen finanziellen Schwierigkeiten stecken.

Um das Land zu regieren, brauchen die Taliban aber deutlich mehr. An die Devisenreserven der afghanischen Zentralbank – derzeit 9,4 Milliarden Dollar – kommen sie nicht heran: Die liegen im Ausland, das meiste bei der US-Zentralbank. Der Internationale Währungsfonds hat dem Regime den Zugang zum Anteil des Landes an den Sonderziehungsrechten, 340 Millionen Dollar, gesperrt und das Corona-Hilfsprogramm für das Land, noch einmal 370 Millionen Dollar, ausgesetzt. Bisher machten Hilfsgelder aus dem Westen gut 43 Prozent des afghanischen Bruttoinlandsprodukts aus – der Staatshaushalt selbst wurde zu mehr als 60 Prozent vom Westen finanziert. Diese Gelder fallen nun fast ganz weg, auch wenn etwa die Briten ihre Zahlungen vorläufig noch nicht einstellen wollen. Nach wie vor erhalten die Taliban zwar Millionenspenden aus einigen Golfstaaten, zugleich sind sie aber mit anderen arabischen Staaten verfeindet.

Kurzum: Das neue Regime wird gerne bereit sein, Bodenschätze an China zu verkaufen. Förderkonzessionen bringen gutes Geld, als Straßenbauer wären die Chinesen auch willkommen. China hat Partner in Pakistan und anderen islamischen Ländern, was den Markteintritt in Afghanistan erleichtert. Es sieht danach aus, als könnten die Chinesen den Wettlauf um die afghanischen Bodenschätze für sich entscheiden.

Bleibt noch der Terrorismus

Die Chinesen ihrerseits machen sich über die neuen Machthaber am Hindukusch keine Illusionen. Deren Versicherungen, dem Terrorismus keine Heimstätte bieten zu wollen, misstrauen sie. Zu Recht. Zwar ist die Grenze zwischen Afghanistan und China nur 76 Kilometer lang, aber die Bedrohung durch den Terrorismus ist real. Uigurische Dschihadisten, die aus Syrien oder Afghanistan zurückkehrten, waren in China für Terroranschläge verantwortlich. Darauf hat die chinesische Regierung mit Härte reagiert, die Autonome Region Xinjiang steht unter eiserner Kontrolle.

Bisher haben die Chinesen mit Bergbauprojekten in Afghanistan zudem keine guten Erfahrungen gemacht. So bot ein Konsortium unter Führung der China Metallurgical Group Corporation mehr als drei Milliarden Dollar, um die weltgrößte Kupferstätte in der Provinz Logar zu einer Bergbauregion zu entwickeln – mit Bergwerk, Eisenbahn, Elektrizitätswerk. Bis heute haben die Arbeiten nicht begonnen, weil die Provinz zwischen Taliban und Regierung umkämpft blieb. Das staatliche Ölunternehmen hat die Förderung in der Amudarja-Senke wieder aufgegeben: Es gelang nicht, sichere Transportwege nach China für das geförderte Öl zustande zu bringen.

Wenn es zu einer langfristigen Kooperation zwischen China und dem Taliban-Regime kommen soll, werden die Taliban ihr Versprechen wahr machen müssen, den islamischen Terrorismus im Zaum zu halten. Denn China ist auf die Taliban nicht angewiesen. Afghanistan lässt sich umgehen, die gemeinsame Grenze sich abriegeln. So war es bisher in den Planungen für die neuen Seidenstraßen auch angedacht. Die Volksrepublik hat Alternativen.

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06:00 30.08.2021

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