Auf Nummer sicher

Porträt Kamala Harris passt als Joe Bidens Kandidatin für die Vizepräsidentschaft ins demokratische Konzept
Auf Nummer sicher
Kamala Harris hat einen guten Draht zum betuchten, weißen sowie liberalen Establishment von San Francisco

Foto: UPI Photo/Imago Images

Endlich, endlich eine Frau mit einer Lebensgeschichte und Identität, die trotz aller Kompetenz normalerweise nicht in die „engere Wahl“ käme für den Job einer Vizepräsidentin. Doch erzwingen die Anti-Rassismus-Meetings, indem sie weiße Privilegien anprangern, die überfällige Öffnung. Kamala Harris’ Familie hat Migrationshintergrund, wie man sagt. Ihre 2009 verstorbene Mutter, die Ärztin Shyamala Gopalan, stammte aus Indien. Vater Donald Harris, ein Wirtschaftswissenschaftler, kommt aus Jamaika.

Die 55-Jährige war Bezirksstaatsanwältin in San Francisco zwischen 2004 und 2011, danach bis 2017 Generalstaatsanwältin von Kalifornien. Sie hat sich politisch nie weit vorgewagt, vermag Trends rechtzeitig zu erkennen, schleppt nicht allzu viel brisantes politisches Gepäck mit sich herum und hat viel Kompetenz bewiesen, als sie 2017 im US-Senat Republikaner in die Mangel nahm. Ursprünglich hatte sich Harris selbst um die Präsidentschaftsnominierung beworben. Bei ihrem Wahlkampfauftakt Anfang 2019 in ihrer Geburtsstadt Oakland (Kalifornien) jubelten ihr eine bunte Mischung von 20.000 Unterstützern zu. Das erinnerte ein wenig an Barack Obama. Ein Gospelchor sang die Nationalhymne, bevor Harris erklärte, was Donald Trump veranstalte, das sei nicht ihr Amerika. Der amerikanische Traum sei in Gefahr wie nie zuvor. Sie werde stets mit moralischer Klarheit sprechen und alle Menschen respektvoll behandeln. Dennoch konnte Harris nicht ausreichend begründen, warum man sie wählen sollte. Gut zwei Dutzend Anwärter waren im Rennen. Die meisten konnten sich kaum Gehör verschaffen. Bei der unter den Demokraten zum regelrechten Glaubenstest hochgepuschten Frage nach dem richtigen Rezept für die Gesundheitsreform schwankte Harris zwischen Bernie Sanders’ umfassender staatlicher Versicherung und dem Konzept, staatliche und private Varianten koexistieren zu lassen.

Nach einer Fernsehdebatte im Juni 2019 hieß es plötzlich, Kamala Harris sei ein „neuer Star mit Kampfgeist“. Sie hatte sich mit Joe Biden angelegt, dem alten, etwas abgehalfterten Mann der Mitte, wie viele ihn damals sahen. Streitpunkt war eine Rede, die Biden kurz zuvor gehalten hatte. Früher habe man über Gräben hinweg Gemeinsamkeiten gesucht, hatte er beklagt. Während der 1970er Jahre sei es im Senat noch möglich gewesen, mit Kollegen wie James Eastland und Herman Talmadge, zwei rassistischen Hardlinern, zu kooperieren. Harris ließ das nicht stehen. Biden sei gegen bestimmte Maßnahmen zur Integration in Schulen gewesen. Ein kleines Mädchen in Kalifornien hätte ohne diese Maßnahmen keine bessere Ausbildung bekommen. „Dieses kleine Mädchen war ich.“ Das saß. Sie denke natürlich nicht, dass Biden ein Rassist sei, gestand ihm Harris wohlwollend zu. Biden verteidigte sich. Bürgerrechte seien ihm immer wichtig gewesen. Die Attacke habe ihn überrascht, sagte Biden später bei CNN, Harris kenne ihn doch persönlich.

Harris’ Kandidatur ging im Dezember 2019 zu Ende: Ihre Kampagne habe nicht genug Geld zum Weitermachen. Es soll heftige Zerwürfnisse gegeben haben über die Strategie. Später machte Harris für Biden Wahlkampf. Dieser werde Amerika „durch diese turbulenten Zeiten steuern“, warb sie. Pragmatiker Biden steckte den unangenehmen Vorfall bei der Debatte weg. Die Agentur AP hat einen Sprechzettel für eine Biden-Pressekonferenz abfotografiert. Unter Kamala Harris stand: „Nicht nachtragend sein ... talentiert, großen Respekt für sie.“ Dass sie sich 2003 für eine Karriere als Staatsanwältin entschieden habe, sei ungewöhnlich gewesen in ihren Kreisen, sagt Harris in Interviews. Sie habe das System von innen heraus ändern wollen. Der Posten war ihr Einstieg in die Politik. Bezirksstaatsanwältin ist ein gewähltes Amt. Ihre Basis sei die Black Community.

Sie verstand jedoch ebenso, wo das politische Zentrum der Demokratischen Partei lag und wo die Spender saßen. Die Zeitung SF Weekly hat Harris’ guten Draht zum betuchten, weißen und liberalen San Francisco sehr schön beschrieben: Die Gäste bei einem Fundraiser im Nobelviertel Pacific Heights seien „anscheinend fasziniert von Harris“, einer intelligenten Woman of Color, die ihre Sprache spreche und verstehe, „dass Liberale Recht und Gesetz bewahren wollen – doch mit einem gewissen ‚Noblesse oblige‘ im San-Francisco-Stil“.

Als Präsidentschaftsanwärterin arbeitete Harris an der Interpretation ihrer professionellen Vergangenheit, ein schwieriges Unterfangen angesichts der heftigen Kritik an Polizei und Justiz. Die 1980er und 1990er waren eine Zeit, in der viele Demokraten forderten, man müsse energisch gegen Kriminalität vorgehen und härter bestrafen. Heute werden weltweit in keinem Land so viele Menschen eingesperrt wie in den USA.

Harris beschreibt sich als „progressive Staatsanwältin“. Sie hat manche Reform durchgesetzt, etwa Alternativen zur Freiheitsstrafe, und wehrte sich gegen die Verhängung von zu vielen Haftstrafen. Kalifornien müsse Insassen seiner überbelegten Gefängnisse freilassen. Als Senatorin trat Harris für eine Strafrechtsreform ein und wollte den Genuss von Marihuana entkriminalisieren, was sie in Kalifornien nicht befürwortet hatte.

Zur Arbeitsnorm einer Vizepräsidentin gehört absolute Loyalität zum Chef. Keine Fehler machen, mit denen die Gegenseite zum Angriff einladen würde, dazu Wähler mobilisieren und Spender gewinnen. Kein Kommentar zu Kamala Harris kommt ohne den Hinweis aus, dass Biden der älteste US-Präsident wäre. Mutmaßungen, ob er die vier Jahre durchstehen werde, gehören nicht zum guten Ton, sind aber nachvollziehbar. Dann hieße es: US-Präsidentin Kamala Harris.

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12:10 12.08.2020

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