Auf Patrouille

Militanz In einigen europäischen Staaten und in Kanada übernehmen die „Soldiers of Odin“ eine Brückenfunktion zwischen bürgerlichen Milieus und Rechtsextremisten
Tobias Müller | Ausgabe 39/2016 1
Auf Patrouille
Auch in Norwegen ist die Gruppe aktiv

Bild: Heiko Junge/AFP/Getty Images

Mitte Juli sorgte eine Nachricht in den Niederlanden für Aufsehen: In der Provinz Groningen nahm die Polizei einen Asylbewerber fest, dem vorgeworfen wurde, mehrere Frauen belästigt zu haben. Zuvor war der Mann durch eine selbsternannte Bürgerwehr gestellt worden – dies geschah nach einer „Treibjagd“, wie die Tageszeitung Volkskrant berichtete. „Auf der Runde durchs Viertel“ sei man auf den Betreffenden aufmerksam geworden, schrieb die Gruppe „Soldiers of Odin“ auf ihrer Facebook- Seite. Es war das erste Mal, dass dieser Name in den Niederlanden auftauchte. Entsprechend überrascht wurde in den Medien gefragt: Wer sind die „Soldaten Odins“, und wo kommen sie her?

Inzwischen werden diese und andere Fragen bezogen auf mehrere Länder wiederholt. Im Februar firmierten unter jenem Label nächtliche Patrouillen in Estland und Norwegen. Im Frühjahr 2016 tauchten lokale Ableger in kanadischen Städten auf. In einem Video mit dem Titel United Pride Worldwide ziehen finster blickende, sehr kurzhaarige Männer in schwarzen Klamotten durch dunkle Straßen. Sie wirken männerbündisch, martialisch und so humorlos wie verspätete Hardcore-Bands. Am Ende erscheint das Logo von Soldiers of Odin (SOO) – die schwarz-weiße Silhouette eines Wikingers mit Hörnerhelm, dazu die Flaggen Finnlands, Belgiens, Frankreichs, Islands, Irlands, Großbritanniens, der Schweiz und Australiens. Auch in Tschechien, Deutschland, Norwegen, Schweden und den USA gibt es zwischenzeitlich SOO-Filialen.

Der Bezug auf den nordischen Kriegsgott ist kein Zufall. Schon geografisch nicht, denn die ersten SOO-Gruppen entstanden im Oktober 2015 in der finnischen Kleinstadt Kemi, die an der schwedischen Grenze liegt. Anlass war die Ankunft einer Gruppe von Migranten. In den Monaten darauf bildeten sich SOO-Abteilungen in allen skandinavischen Ländern – gerichtet gegen Einwanderung, gegen eine vermeintliche Überfremdung und Islamisierung Nordeuropas. Ihr Ziel: Städte und Straßen „sicher halten“, die einheimische Bevölkerung gegen eine angebliche Bedrohung durch Migranten verteidigen.

Selbstgerechter Eifer

Inhaltlich ist die Referenz an Odin ein deutliches Zeichen und semantischer Verweis auf die neonazistische Szene, wo die nordisch-heidnische Mythologie von jeher Anklang findet. SOO-Gründer Mika Ranta etwa ist Mitglied der Finnischen Widerstandsbewegung (SVL), ein Zweig der in Skandinavien aktiven „Nordischen Widerstandsbewegung“, deren neonazistische Grundierung über jeden Zweifel erhaben ist. Sie steht für zahlreiche rassistische, antisemitische und homophobe Aktionen sowie Angriffe auf Linke. Mika Ranta verkörpert nicht die einzige personelle Verbindung hin zur militanten Rechten. Gleiches gilt für andere Länder, für Kanada wie die Niederlande.

Die Soldiers of Odin stellen sich erwartungsgemäß ganz anders dar. „Protecting our Citizens and Defending our Streets“, wird als Parole bei Facebook verbreitet. Es gelte, das Abendland, aber besonders die eigene Nachbarschaft vor Fremden, die Grenzen vor Migranten und die Frauen zu Hause vor Antänzern zu schützen. Der Zustrom bei den SOO-Filialen in mehreren Ländern war Anfang 2016 offensichtlich, als die sexistischen Übergriffe der Kölner Silvesternacht den öffentlichen Diskurs bestimmten.

Das Selbstverständnis der „Soldaten Odins“ spiegelt sich in programmatischen Ansagen wie: „Wir halten die Straße sicher für Kinder, Frauen und Alte. Wir spielen nicht selber Richter, sondern übergeben Leute der Polizei. Und wir machen keinen Unterschied bei der Hautfarbe. Einen Weißen, der mit Drogen dealt, halten wir auch fest. Warum also sollten wir extrem sein?“ Nachzulesen als Erklärung einer niederländischen SOO-Formation mit dem Tarnnamen Ragnor, abgegeben gegenüber der Regionalzeitung De Limburger. Im Statement einer kanadischen SOO-Abteilung heißt es, man wolle „die Straßen zurückerobern“. Ronny Alte, Ex-SOO-Sprecher in Norwegen, meinte kürzlich gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters, man wolle „vor allem Gewalt und Drogenverkauf verhindern, nicht zuletzt sexuelle Übergriffe“. In SOO-Online-Foren klingen nicht wenige Beiträge von Mitgliedern und Sympathisanten so, als wäre es ihren Absendern mit solchen Ambitionen sehr ernst. Bedient wird eine Art Hilfssheriff-Mentalität, die in der Anmaßung gipfelt, wer Law and Order wolle, müsse das Gesetz in die eigene Hand nehmen.

Sicher gilt es, die fortschreitende Verbreitung von Neighbourhood-Watch-Projekten ins Auge zu fassen, um zu begreifen, woher das Modell Bürgerwehr im 21. Jahrhundert seine Anziehungskraft bezieht. Bürger fühlen sich berufen, einen Beitrag zur Sicherheit in ihrem Viertel zu leisten, und werden zu Augen und Ohren der Polizei. Der Unterschied zu den „Soldaten Odins“ liegt freilich darin, dass konventionelle Nachbarschaftspatrouillen in einigen Ländern als geduldete Ergänzung zur staatlich gewährleisteten Sicherheit durch Polizeibeamte gelten.

Im Umfeld der SOO-Trupps wird dem Staat in der Regel vorgeworfen, dieser sei angeblich zu schwach, um die „eigenen Bürger“ zu verteidigen, oder aber er vernachlässige diese Mission. Dies sei auch ein Zeichen für den „multikulturellen Ausverkauf“. In dieser Hinsicht besteht eine ideologische Verwandtschaft zu den Minuteman-Patrouillen an der Grenze zwischen den USA und Mexiko oder den xenophoben Anti-Migrations-Bürgerwehren in Ungarn und Bulgarien, die allerdings keinen Wert darauf legen, sich von Gewalt zu distanzieren.

Geradezu frappierende Parallelen gibt es zu den Gruppierungen, die sich als entschiedene Gegner der „Soldaten Odins“ betrachten wie die besessenen Tugendritter der Londoner Muslim Patrols oder der Wuppertaler Scharia-Polizei, die für sich in Anspruch nimmt, „ihr Quartier“ gegen schändliche Einflüsse zu verteidigen. Dass man dabei wie in London handgreiflich wird, zum Beispiel gegen angeblich zu leicht bekleidete Frauen oder Homosexuelle oder nächtliche Passanten mit Bierflaschen, gehört zum Selbstverständnis, das vor allem genährt wird durch selbstgerechten religiösen Eifer. In der britischen Hauptstadt reagierte der National Front-Ableger Britain First auf die Muslim Patrols mit sogenannten Christian Patrols. In Oslo haben sich die Soldiers of Allah gefunden und patrouillieren als Gegenmaßnahme zu den SOO-Aktivitäten. Ihr selbst gestellter Auftrag lautet: „Das Böse verhindern und das Gute ermutigen“, wie die Zeitung Verdens Gang schreibt. Skandinavische Politiker warnen vor einem zunehmenden Drang nach Bürgerwehren.

Die üblichen Distanzierungen

Was nun Soldiers of Odin betrifft, so distanziert man sich in den wenigen offiziellen Statements selbstredend nachdrücklich von Gewalt wie nazistischen Umtrieben einiger Mitglieder. Frühere Aktivitäten etwa in der White-Pride-Szene werden als Jugendsünden abgetan. Medienberichte, wonach sich in Kemi, der finnischen Wiege der Jünger Odins, manche Migranten nachts nicht mehr auf die Straße trauen, lassen allerdings am beteuerten Gewaltverzicht zweifeln.

Ungeachtet dessen ist es gar nicht so leicht, SOO klar in einem Koordinatensystem rechter und ultrarechter Strömungen zu verorten. Die rechte britische Boulevardzeitung Daily Mail hielt nach einem Besuch des Hauptquartiers in Kemi fest, dass dort um einen Tresen herum Waffen ebenso auslagen wie Nazi-Devotionalien, darunter ein Totenkopf mit SS-Mütze und ein Hakenkreuz-Dolch. Zugleich leisteten SOO-Mitglieder im kanadischen Edmonton Freiwilligenarbeit für ein Obdachlosenheim, niederländische Gesinnungsfreunde starteten in diesem Sommer per Facebook einen Spendenaufruf, um sozial Bedürftigen zu helfen. In Belgien sorgte man sich darüber, dass es sich bei einigen SOO-Mitglieder um Armeeangehörige handelte.

Sicher greifen die Kategorien „Nazi“ oder „kein Nazi“ zu kurz, um diese Tendenzen in ihrem Bezug zu einer identitären europäischen Rechten zu erfassen. Trotz personeller und inhaltlicher Affinitäten sind die „Soldaten Odins“ mit dem Begriff „rechtsradikal“ noch nicht hinreichend definiert. Hier findet sich auch eine diffuse Offenheit nach rechts, wie man sie von gewissen Patriotenrockbands oder nationalpopulistischen Parteien und Bewegungen kennt. Mit einer Brückenfunktion zwischen bürgerlichen Milieus und ultrarechter Peripherie sind die „Soldaten Odins“ Teil des um sich greifenden rechten Zeitgeists.

Als Amalgam fungieren dabei einmal mehr die angebliche Islamisierung Europas – und der identitäre Wille, gegen diese vermeintliche Entwicklung vorzugehen. „Bei vielen islamophoben Gruppen umfasst das Spektrum alle Schattierungen – von Neonazis bis hin zu ,besorgten‘ Professoren und Hausfrauen“, meint Cas Mudde, ein niederländischer Politologe und Autor mehrerer Schriften über Rechtsextremismus und -populismus. Ähnlich Pegida in Deutschland, sagt Mudde, spreche SOO aber vor allem Männer aus der Unter- und Mittelschicht an.

Bemerkenswert erscheint noch ein weiterer Trend: der zur forcierten Internationalisierung rechter Kräfte. Cas Mudde sieht damit allerdings nicht die Annahme widerlegt, Nationalisten seien unfähig zu einer grenzüberschreitenden Kooperation. Vielmehr sieht er diese Entwicklung einer Strategie geschuldet. „Wenn der vorgebliche Feind international ist, steht die nationale Identität nicht mehr unbedingt im Zentrum. Islamophobe Gruppen gehen von einem Krieg des Westens gegen den Islam aus. Bei diesen Gruppen herrscht die Überzeugung, ein einzelnes Land könne diesen Krieg nicht gewinnen.“

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