Rüdiger Dannemann
24.05.2011 | 08:00 5

Auf Pilgerreise

Ikone Zum 70. Geburtstag ­von Bob Dylan erscheinen jede Menge Bücher. Eins davon ragt heraus

Dylan auf dem Cover des Rolling Stone, Dylan auf dem Cover der Spex. Dylan bei Rowohlt, Dylan bei Reclam (inzwischen fast eine Dylan-Hochburg), Dylan beim Deutschen Taschenbuch Verlag, beim Matthias-Grünewald-Verlag und bei Schwarzkopf­kopf. Dazu jede Menge Veranstaltungen: Das Spektakel zu Bob Dylans 70. Geburtstag ist für die einen eine plausible Selbstverständlichkeit und für die Fraktion der Dylan-Skeptiker ein Ärgernis. Hat der angebliche Maestro (der „Pate“ des Protestsongs) nicht neulich erst bei seinen Auftritten in China und Vietnam durch angepasstes Verhalten und vorauseilenden Gehorsam seine Reputation und seine Apologeten Lügen gestraft? Dabei hätte ein Pro-Ai-Weiwei-Statement seine Chancen in Stockholm (Nobelpreis!), in der Kunstszene und bei den Leitartiklern der New York Times deutlich verbessert.

Aber eben, wieder einmal ist der Eigensinnige nicht in die sorgsam bereitete Lagerstätte gestiegen – wie Jahrzehnte vorher, als er einen Auftritt in Woodstock abgelehnt hatte. Man kennt es doch und fragt sich, ob in den monografischen Standardwerken von Heinrich Detering, Richard Klein, Marcus Greil u.v.a. nicht längst alles gesagt wurde. Und tatsächlich stärkt ein erster Blick die Skepsis. So ist Klaus Theweleits How Does lt Feel nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein literarischer Greatest-Hits-Sampler.

Das als Dylan-Lesebuch bezeichnete Werk versammelt die üblichen Verdächtigen (von Willi Winkler über Sam Shepard bis zu Elke Heidenreich), repetiert auszugsweise die famose Spex-Dylan-Sondernummer vom Mai/Juni 2009, den avancierten Dylanologen-Reader Bob Dylan — Ein Kongreß, die Dylan-Sonderausgabe der Zeitschrift DU (Mai 2001) und diverse amerikanische Dylan-Standards von Ralph J. Gleason, Nat Henthoff u.a. Eine Repetition im abwechslungsreichen Kostprobenstil, der immerhin für Dylan-Einsteiger mindestens ebenso nützlich sein mag wie die Music Edition Bob Dylan – All Time Best von Reclam.

Für Novizen nützlich sind auch die Neuauflagen der Bücher von Robert Shelton und Willi Winkler oder Olaf Benzingers faktenintensive Geschichte seiner Musik. Für den eiligen Leser gibt es den schmalen Band Bob Dylan von A bis Z. Michael Endepols irritierend schmächtiges Lexikon hält überraschende Details bereit: So wird vermerkt, dass der heutige Papst gegen Dylans Auftritt anlässlich des Internationalen Eucharistischen Kongresses in Bologna mit der Begründung votierte, der Nihilismus solch falscher Propheten sei mehr als unpassend; wir finden außerdem ausgefallene Stichworte, unter „Kinderschreck“ etwa erfährt man von einem einigermaßen missglückten Auftritt von Grandpa Dylan in einem Kindergarten in Calabasas. Und nichts gegen Christof Graf, der Dylan liebevoll einen Tag lang durch Saarbrücken begleitet, aber wo bleibt eine neue Sichtweise, eine starke These?

Undogmatisch

Dylan ist nicht nur eine begnadete „Wortkrake“ (Theweleit), deren Finessen noch Generationen von Philologen beschäftigen werden, er war auch ein modischer Stilist. Die Bildbände der letzten Jahre sind wichtige Dokumente, sie zeigen, dass Dylan gerade der Intelligenz eine Möglichkeit eröffnet hat, einen eigenen Stil zu entwickeln. Die Bilder des Dylan der sechziger Jahre bleiben Sinnbilder der Coolness. Wer wollte nicht lieber ein Intellektueller wie der Dylan der Aufnahmesessions zu „Highway 61 Revisited“ sein als ein Abziehbild der urbürgerlichen Erscheinung eines Theodor W. Adorno? Die Synthese von sonnenbebrilltem Monadentum und hip-hochwachsamem Dandyismus, die dem Betrachter in den bei Bosworth (2010) und Schwarzkopf Schwarz­­kopf (2011) edierten Bildbänden begegnet, hat noch immer wenig von ihrer Magie verloren.

Ersterer präsentiert übrigens 100 Songs Bilder (nebst Kommentaren in der Übersetzung von Max Dax) nicht nur der Frühzeit. Und es ist nicht uninteressant, Dylan bei seiner stilbewussten Reaktion auf das Älterwerden zu beobachten: bei den Verirrungen in den Achtzigern und der verblüffenden Neuerfindung spätestens seit 1997. Die kulturwissenschaftliche Studie über den Stilisten Dylan, den Julien Gautier „un genie en liberté“ nennt, bleibt noch zu ­schreiben.

Wie diffizil es im Fall von Dylan ist, Authentizität und Maskerade zu unterscheiden, hat ein katholischer Theologe untersucht – es ist die interessanteste hiesige Publikation des Jubiläumsjahres. In HoboPilgrim macht sich Knut Wenzel daran, den Routen des Reisenden auf seinen nie endenden Touren zu folgen. Wenzel, der Ernst Bloch der Dylan-Literatur, legt endlich auch hierzulande eine profunde Untersuchung von Dylans Verhältnis zur Religion vor. Dabei war es doch schon lange klar, dass neben Liebe, Sarkasmus und Politik Folk, Rock und Religiösität zu den Essentials seines Werks und seiner Person gehören.

Es ist sehr sympathisch, wie undogmatisch der Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie aus Frankfurt dem Streuner Dylan seine Freiräume lässt. Er sucht keineswegs verkrampft nach Bezügen zu institutionalisierten Formen des Christentums. Sondern er deutet Dylans oft auf nächtlichen Pfaden mäandernde Pilgerreise als Weg zu einem autonomen Umgang mit religiösen Erfahrungen, in denen sich der keineswegs „religiös unmusikalische“ Dylan als souveränes Subjekt seines Glaubens erweist.

Es ist nur konsequent, dass nicht die im engeren Sinn religiösen Songs im Fokus von Wenzels Interesse stehen, sondern Songs wie Mr. Tambourine Man. Die detaillierte Untersuchung dieses Liedes gehört zu Wenzels Glanzstücken – mit keineswegs gegenstandsfremden Bezugnahmen auf Herodot, Augustinus, Benjamin, Deleuze, Michael Theunissen, (kritisch) Ernst Jünger u.a. Die Hauptfigur ist in seinen Augen nur ganz unzureichend als Protagonist eines Drogendramoletts zu erfassen, es handelt sich vielmehr um die Figur eines „Tricksters“, d.h. eines Boten, der Verbindungen herstellt zwischen Unsichtbarem und Sichtbarem, zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre, dadurch irritierend, verstörend, neue Sichten auf die Wirklichkeit eröffnend.

In den Texten, in denen die expressis verbis vom Himmlischen handeln, (Knockin’ On Heaven’s Door, Tryin’ To Get To Heaven), findet der auch in Americana und im Pop-Universum von Presley bis zu den Sex Pistols versierte Theologe nicht die tradierte Metaphysik wieder, sondern einen im Diesseits verankerten Himmel, der doch die Erfahrung des ganz Anderen festhält. Dylans work in progress liefere den Beweis, dass Pop sich das „Absolute“ zumuten kann, und zwar „das Absolute im Relativen, die Bedeutung im Trivialen“. Der berühmte Surrealismus Dylans hat auch damit zu tun, dass „Evokationen des Absoluten“ immer etwas Irreales, Surreales haben.

Knut Wenzels Studie, sprachlich eine originelle Mischung aus Predigerton und stilisierter Beatliteratur-Attitüde, aus Roland Barthes, Rilke und vielem mehr, macht verständlich, warum Dylan, der sarkastische Kritiker des intellektuellen Mr. Jones, ein Liebling der Intellektuellen geblieben ist: Seine Songs und Wandlungen, seine Performance und seine Weltsicht(en) sind so komplex und in ihrer Enigmatik anregend, dass sie immer wieder zur Analyse reizen. Wenzels HoboPilgrim ist dabei das Produkt einer durchaus europäischen Aneignung von Dylan, keineswegs frei von kühnen Lesarten, die aber, selbst wenn sie übers (theologische) Ziel hinausschießen, den frischen Wind interpretatorischen Eigensinns atmen.

Radikale Diskurse

Aber ist der Rahmen der (und sei’s auch negativen) Theologie nicht doch zu eng, ist der „Größte“ unter den Songwritern (so die Berliner Volksbühne in ihrer Ankündigung zu ihrer Dylan-Hommage zum 24. Mai) nicht doch eher aus der Perspektive des musikalisch versierten Philosophen zu erfassen? Wenzel findet bei Dylan Spuren für ein „universalistisches Ethos der vorbehaltlosen Anteilnahme“. So liefert der Autor Material für ein philosophisch angelegtes Buch über Dylans keineswegs ironiefreie, aber stets radikale Diskurse der Lebens- und Weltaneignung, das noch aussteht. Denn Theweleit liegt ja nicht so falsch, wenn er schreibt: „Ich jedenfalls tausche den gesamten Suhrkamp-Laden gegen die gesammelten Columbia-Records.“

HoboPilgrim. Bob Dylans Reise durch die Nacht Knut Wenzel Matthias-Grünewald 2011, 200 S., 19,90

How Does lt Feel. Das Bob-Dylan-Lesebuch Klaus Theweleit Rowohlt 2011, 304 S., 19,95

Bob Dylan Tino Markworth Rowohlt 2011, 160 S., 8,99

Bob Dylan von A bis Z Michael Endepols Reclam Verlag 2011, 164 S., 8,95

Bob Dylan Highway 61 Revisited. Ein Album schreibt Geschichte Colin Irwin Edel 2010, 332 S., 19,95

Dylan 100 Songs Bilder Max Dax (Übers.), Bosworth 2010, 500 S., 49,95

Bob Dylan. Bilder eines Lebens Die frühen Jahre Ty Silkman Schwarzkopf Schwarzkopf 2011, 160 S., 19,95

Bob Dylan America oder Der Tag, an dem Bob Dylan durch Saarbrücken fuhr Christof Graf Schardt 2011, 176 S., 14,80

Bob Dylan. Ein Leben Willi Winkler Rowohlt 2011, 224 S., 9,99

No Direction Home: The Life and Music of Bob Dylan Robert Shelton Backbeat Books 2011, 352 S., 23, 70

Kommentare (5)

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lisaschwert 25.05.2011 | 12:26

Oh, das Wort "Wortkrake", wunderbar, das werde ich mir merken (auch wenn es der Krake ist, nicht die Krake, wurst).

Am Wochenende lief eine Dylan-Doku, in der zum Beispiel ein Manager sich minutenlang für ein verwüstetes Hotelzimmer erklären musste, während Dylan sich aus dem Staub machte, großes Kino.

Columbus 25.05.2011 | 22:45

Viel Zustimmung, Herr Dannemann, und Dank für einen solchen Rundumschlag zum Jubiläum in aller Kürze. Dylans Liedtexte, zumindest einige, werden im Gedächtnis bleiben, sie sind Kulturgut und Futter für Mythen. So sehe ich es.

Aber die Songs spielten und sangen andere Männer und Frauen meist besser. The Band rettete einige Sachen, Joan Baez war uneigennützig, weil sie um sein und ihr Talent wusste, usw.

Das gilt und wäre daher auch einmal eine Betrachtung wert, nicht für Joni Mitchell, deren Songs zwar ebenso gecovert und von unzähligen anderen Künstlern nachgespielt werden, diese aber meist nicht die muslikalisch bessere Interpretation anboten.

Es ist da ein wenig, wie mit Springsteen. Dessen "Atlantic City" klingt von "The Band" gespielt einfach besser, treffender, und k.d.lang singt Cohens "Hallelujah" so, dass die Bedeutung unterstützt wird.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Kleiner Hinweis zur Änderung im Text: Der Autor des "Like a rolling stone" Buchs heißt Greil Marcus, nicht Marcus Greil.

Columbus 25.05.2011 | 22:45

Viel Zustimmung, Herr Dannemann, und Dank für einen solchen Rundumschlag zum Jubiläum in aller Kürze. Dylans Liedtexte, zumindest einige, werden im Gedächtnis bleiben, sie sind Kulturgut und Futter für Mythen. So sehe ich es.

Aber die Songs spielten und sangen andere Männer und Frauen meist besser. The Band rettete einige Sachen, Joan Baez war uneigennützig, weil sie um sein und ihr Talent wusste, usw.

Das gilt und wäre daher auch einmal eine Betrachtung wert, nicht für Joni Mitchell, deren Songs zwar ebenso gecovert und von unzähligen anderen Künstlern nachgespielt werden, diese aber meist nicht die muslikalisch bessere Interpretation anboten.

Es ist da ein wenig, wie mit Springsteen. Dessen "Atlantic City" klingt von "The Band" gespielt einfach besser, treffender, und k.d.lang singt Cohens "Hallelujah" so, dass die Bedeutung unterstützt wird.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Kleiner Hinweis zur Änderung im Text: Der Autor des "Like a rolling stone" Buchs heißt Greil Marcus, nicht Marcus Greil.