Auf Rezession gepolt

Brexit Ein schwindsüchtiges Pfund schürt bei den Briten die Angst vor mehr Inflation und einer Wirtschaftskrise
Michael Krätke | Ausgabe 43/2016 6

Auf das Brexit-Votum am 23. Juni folgte ein gehöriger ökonomischer Schock – das Pfund brach ein, die Wertpapiermärkte spielten verrückt. Nur ein paar Tage lang, dann trat wieder eine Erholungsphase ein, auch wenn sie nur temporärer Natur sein sollte. Dennoch blieb die Beschäftigungslage auf der Insel stabil und die britische Wirtschaft erlebte einen warmen Sommer. Sie schrumpfte zwar um etwa 0,6 Prozent, aber der guten Stimmung eines shoppenden Publikums konnte das nichts anhaben. Zugleich florierte der Tourismus, was einem schwachen Pfund zu verdanken war. So herrschte mehr oder weniger eitel Freude, zumindest unter den Anhängern des Brexit.

Dessen Gegner – immerhin eine respektable Minderheit von gut 16 Millionen Menschen oder 48 Prozent derer, die am 23. Juni zu den Wahlurnen gingen – mussten einiges an Hohn und Spott ertragen: Wo bleibt die ökonomische Katastrophe, die ihr uns als Schreckensszenario prophezeit habt? – Zu früh gespottet. Wer lesen konnte, der wusste, keiner der viel geschmähten Experten hatte den Kollaps für die Tage nach dem Referendum vorausgesagt, vielmehr war von einer zu erwartenden Brexit-Rezession Anfang 2017 die Rede. Von einem solchen Einbruch wird üblicherweise erst dann gesprochen, wenn die Ökonomie eines Landes in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft. Momentan sieht es danach aus, als würde das in Großbritannien locker geschafft.

Inzwischen ist klar, dass die Regierung von Theresa May auf einen harten Brexit, den Ausstieg aus dem Europäischen Binnenmarkt und der Zollunion, lossteuert, weil sie die Freizügigkeit für EU-Ausländer kappen will. Koste das, was es wolle. Ab Ende März 2017 soll der Ausstieg verhandelt, bis Mitte 2019 vollzogen sein. Auf dieses Zeitfenster, das die Konservativen nicht etwa einmütig aufstoßen, reagierten die Märkte prompt: Das Pfund ging wieder in einen Sinkflug über.

Großbritannien importiert weit mehr, als es exportiert. Das ergibt das größte Leistungsbilanzdefizit von allen Industrieländern in der OECD. Im Vorjahr lag es bereits auf Rekordhöhe – 2016 wird es die Sechs-Prozent-Marke streifen. Um das wachsende Manko im Warenverkehr mit dem Ausland zu finanzieren, sind die Briten auf das Wohlwollen externer Geldgeber angewiesen. Die werden angesichts der erratischen Abschwünge des Pfunds zunehmend nervös. Und die Ratingagenturen sind dabei, es ihnen gleichzutun und die britische Kreditwürdigkeit nicht nur anzuzweifeln, sondern gleich um zwei Stufen abzuwerten. Ein unerhörter Vorgang für die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt. In London, dem bedeutendsten Finanzplatz weltweit, steigt das Unbehagen von Tag zu Tag. Auch weil auf der Insel inzwischen die Inflationsangst wächst.

Die steigenden Importpreise schlagen durch, die Konsumenten beginnen, die Kollateralschäden der Brexit-Perspektive im Portemonnaie zu spüren. Es gab einen Eklat, als der Unilever-Konzern drohte, alle Lieferungen an Tesco, die führende Supermarktkette Britanniens, einzustellen, weil das Unternehmen die zehnprozentige Erhöhung der Großhandelspreise für Unilever-Produkte nicht sogleich akzeptieren wollte. Es zeichnet sich ab, dass die Bezieher von Importware in der Regel nachgeben müssen. Dass dafür am Ende der Verbraucher zahlt, wäre nicht weiter überraschend. Normal- und Geringverdiener müssen sich für längere Zeit auf sinkende Realeinkommen gefasst machen.

Denkbarer Statusverlust

Jedenfalls hat die Bank von England ihre Inflationsprognosen sofort geändert und zu verstehen gegeben, dass die Briten in den kommenden Monaten mehr an Geldentwertung bekommen, als ihnen lieb sein kann. Bankvorstand Mark Carney ist sich sicher, das Land werde das offizielle Inflationsziel von zwei Prozent weit überschreiten, es sei 2017 mit einer Quote der Geldentwertung zwischen vier und fünf Prozent zu rechnen. Da die offiziell gemessene Inflationsrate im III. Quartal nur 0,6 Prozent betrug, kann man ohne Übertreibung sagen, dass die Inflation zu traben beginnt. Doch resultieren daraus nicht die einzigen Sorgen, die Carney hat. Britische Staatsanleihen (die mit dem Goldrand) gingen bis vor kurzem weg wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Das ist vorbei, die großen Investoren haben begonnen, die britischen Papiere abzustoßen, und das in großem Stil. Die Staatsschulden zu refinanzieren, die zwischenzeitlich bei weit über 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes liegen, wird in den kommenden Monaten schwieriger, da deutlich höhere Zinsen fällig sind.

Wegen der sich erkennbar eintrübenden Konjunktur sind Investoren mehr als zurückhaltend geworden. Sie warten ab und fahren ihre Pläne zurück oder schieben sie auf lange Bänke. Die britische Industrie – soweit noch vorhanden – lebt aber von ausländischen Kapitalgebern, die derzeit eher ein zurückgezogenes Dasein fristen. Auch die deutsche Autoindustrie, auf deren Entgegenkommen man im Brexit-Lager zählte, hat bereits durch ihren Verbandschef hochoffiziell wissen lassen, dass sie Investitionen auf der Insel zurückfahren und Produktionsstätten nach Ost- und Südeuropa verlagern könnte, wenn der von Theresa May gewünschte harte Brexit kommt. Die kleine Renaissance, die der einheimischen Autoindustrie dank zahlreicher Kooperationen mit europäischen Konzernen und dank reichlich fließender Auslandsinvestitionen für ein paar Jahre zuteil wurde, könnte bald vorbei sein.

Die Brexit-Trommler in der Regierung zeigen Nerven. Besonders die drei Brexit-Minister David Davis, Liam Fox und Boris Johnson reagieren gereizt auf Horrorzahlen, die der Presse aus dem Wirschafts- und Finanzministerium zugespielt wurden. Diese internen Studien prognostizieren einen regelrechten Absturz der britischen Wirtschaft für den Fall eines harten Brexits, weil der das Land auf den Status eines einfachen Mitglieds der Welthandelsorganisation (WTO) zurückwerfen würde. Mit einem bis zu zehn Prozent schrumpfenden Ausstoß des produzierenden wie des Dienstleistungsgewerbes wird kalkuliert.

Der Exportsektor würde dramatisch verlieren, was den britischen Fiskus bis zu 70 Milliarden Pfund an Steuereinnahmen kosten kann – bei steigenden Staatsschulden wohlgemerkt. Die Brexiteers können so laut „Sabotage“ schreien, wie sie wollen, die kapitalistische Weltökonomie hat nun einmal ihre eigene Logik. Wer sie ignoriert, den bestraft der Weltmarkt.

06:00 27.10.2016

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