Auf weitem Raum

Russland Ich bin nach Moskau eingeladen. Ein Pferd küsst mir die Hand, an jeder Ecke klingt Musik. Dieses Land will den Frieden
Auf weitem Raum
Die Straßen sind voller Leben. Unsere Autorin kann hier kein Regime erkennen

Montage: der Freitag; Fotos: Getty Images, Alamy, Privat

Vor dem Abflug in Berlin-Schönefeld: Mir gegenüber sitzen zwei Herren. Wenn sich das nicht ändern würde, könne man nicht mehr zusammenarbeiten, schimpft der eine. Der andere lässt mir den Vortritt in der Warteschlange und spricht mich auf Russisch an: „Die werden uns nie verstehen.“ – „Deutsche eben“, antworte ich, „wobei ich übrigens auch Deutsche bin, obgleich ich Russisch spreche.“

Ich reise zu einem Rundtischgespräch der „Russischen Universität der Völkerfreundschaft“, eigentlich der „Russländischen“, weil der aus vielen Nationalitäten bestehende Staat gemeint ist. Dass „russländisch“ bei uns ungebräuchlich ist, deutet auf verengte Sicht. „Die Russen“, so hieß es auch früher oft bezüglich der Sowjetunion, egal, ob es Ukrainer oder Kirgisen, Georgier oder Litauer waren.

In der „Russländischen Universität der Völkerfreundschaft“ (RUDN) lernen junge Leute mit 157 Nationalitäten. Professor Alexander Kowalenko, der den Lehrstuhl für russische und ausländische Literatur leitet, bringt mich mit Studenten zusammen, die gerade ihre Magisterprüfung abgelegt haben und etwas über Methoden der Literaturkritik und deutsche Gegenwart erfahren wollen.

Sie kommen aus China, Nigeria, Russland, aus Kirgistan, Pakistan und woher alles noch, haben sich mit Turgenew, Bunin, Aitmatow beschäftigt, mit Sartre und Simone de Beauvoir, haben die Poesie von Joseph Brodsky mit dem chinesischen Daodejing verglichen und das Igorlied im Kontext chinesischen Denkens betrachtet. Wenn sie in ihre Länder zurückkehren, werden sie Russisch können. Wie viele Menschen in der Welt sprechen diese Sprache? Um die 265 Millionen sollen es sein.

Bei einer Konferenz über Tschingis Aitmatow voriges Jahr in Kirgistan fand ich es normal, dass Kasachen und Usbeken, Ukrainer und Letten sich russisch unterhalten konnten, war aber erstaunt über Chinesen, Inder und einen Redner aus den Emiraten. Wie dankbar war ich da, dass ich einst in meinem Thüringer Internat 13 Stunden Russisch in der Woche hatte. Wobei wir nicht hoffen konnten, einfach mal so in die Sowjetunion zu kommen. Das geht allerdings auch heute nicht. In Reiseangelegenheiten herrscht Gegenseitigkeit. Während ich mir wünschte, es möge irgendwann mal ohne die Warterei auf ein russisches Visum gehen, musste ich mich an die entwürdigende Befragung eines russischen Professors bei der Passkontrolle in Schönefeld erinnern: Wo genau er unterrichten, wo er wohnen würde, wie viel Geld er vorzuweisen hätte? Die junge Beamtin folgte ihrer Vorschrift, doch war da nicht auch deutsche Überheblichkeit im Spiel?

Sind wir Deutschen überheblich? Georgi Gatschew (1929 – 2008), dessen Schaffen Thema des Rundtischgesprächs in der Universität der Völkerfreundschaft war, hätte höflich lächelnd auf einen deutschen Hang zur Grenzüberschreitung verwiesen, der sich indes mit der Fähigkeit paart, sich selbst auch Widerpart zu sein. In Russland aufgewachsen als Sohn eines bulgarischen Vaters (der war Musikwissenschaftler, Kommunist, starb in einem sibirischen Gefangenenlager) und einer jüdischen Mutter, wurde er zu einem der interessantesten russischen Kulturwissenschaftler. Angestellt in der Akademie der Wissenschaften, hat er viele seiner Bücher „für den Schreibtisch“ geschrieben. Ab 1988/89 kamen sie auf den russischen Buchmarkt (nichts davon ist bislang übersetzt) und bezaubern durch originelle Gedanken, mitreißenden Stil.

Wie die Pflanzen, so die Welt

Weil er sich vergeblich danach sehnte, fremde Länder zu sehen, erforschte er sie aus dem Geistigen heraus. Er zog von der jeweiligen Natur, Pflanzen und Tieren, der Sprache, der Architektur, literarischen und musikalischen Werken Rückschlüsse auf „nationale Weltbilder“.

Da ist sein Buch „Tschingis Aitmatow und die Weltliteratur“, erschienen 1982 in Kirgistan, damals schon aufschlussreich für mich gewesen, weil darin ein Zusammenhang hergestellt war zwischen unserem heutigen Bedürfnis, die Welt als Ganzes zu sehen, und den Traditionen der kirgisischen Nomaden in ihrem ursprünglichen Kollektivismus und ihrer Naturverbundenheit. Diese Hervorhebung des Nationalen habe ich damals als geradezu subversiv empfunden. Wenn den Kirgisen ein nationales Weltbild zugesprochen wird, wie ist es dann mit den Deutschen? Wie viele Fragen hätte ich heute an ihn. Doch so durchgeistigt, wie er lebte, traf ihn der Tod: In ein Buch vertieft, wurde er im März 2008 von einem Vorortzug erfasst.

„Suche das Fremde“, steht in seinem Buch „Mentalitäten der Völker der Welt“, das mir seine Tochter, Anastasija Gatschewa, überreicht. Ich treffe sie im Museum „Ostrouchow-Haus“ in einer Seitenstraße des Neuen Arbat. (Unglaublich, wie viele Museen es hier gibt!)

Was ist das Fremde in Moskau, wenn man lange nicht dort gewesen ist? Die machtvolle Größe und Weite – ein Gefühl, das über die Stadt hinausreicht. Da kommt mir Psalm 31,9 der Lutherbibel in den Sinn: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Deutschland ist winzig, verglichen mit Russland – doch gebärdet es sich mitunter, als sei es der Nabel der Welt.

Mit dem Bus fahre ich vom Wohnheim zur Metrostation „Jugo-Sapadnaja“ und steige in „Ochotny Rjad“ aus. Auf dem „Platz der Revolution“ steht ein nostalgisches Karussell; dahinter ist ein Markt aufgebaut: „Moskauer Fischlein“ mit Ständen verschiedener Fischverarbeitungsbetriebe. Es duftet nach Geräuchertem und Gegrilltem. Ich laufe zum Bolschoi-Theater und von dort durch die „Petrowka“, jene Straße, die mir noch aus früheren Zeiten in Erinnerung ist – allerdings nicht mit dermaßen vielen Geschäften und Restaurants. Noch ein Abstecher zur Fußgängerzone „Kusnezki Most“, dort küsst mir ein „Pferd“ die Hand. Dem Mann in diesem Kostüm muss schrecklich warm sein. „Wofür machen Sie Reklame?“, frage ich. „Einfach für gute Laune!“ Es ist ein sonniger Tag, die Leute, die mir entgegenkommen, wirken beschwingt. Die Schokoladenseite, denke ich. Das Gegengewicht zu dieser großen Weite – „der weiblich gedachten Rodina“ – war immer „ein ordnend männliches“, steht in Gatschews Buch, das ich in meiner Tasche herumtrage. Im Klartext heißt das: Dieses Riesenland hat immer eine starke Staatsmacht gebraucht.

Als ich am nächsten Tag Mila treffe, der ich mit ihrem Mann, Professor Chairow, schon bei mehreren Konferenzen in Kirgistan begegnete, unterhalten wir uns über Gatschew, den sie kannte, mehr hatte sie allerdings mit seiner klugen Frau, der Literaturwissenschaftlerin Swetlana Semjonowa, zu tun. (Über die Liebe der beiden gibt es einen berühmten Film.) In der Schriftstellersiedlung Peredelkino lagen ihre Datschen nebeneinander. Mila hat noch vor Augen, wie er Schnee schippte und voller Begeisterung auf Skiern im Wald verschwand, obwohl er eigentlich in der Akademie sein sollte.

Ich weiß, dass Mila Tatarin ist, ich frage sie nach ihrer Religion. „Natürlich bin ich Muslimin“, sagt sie und lacht, während wir auf dem Weg zum orthodoxen „Neujungfrauenkloster“ sind. Am Eingang zur Kirche legen wir uns Tücher über die Köpfe, Weihrauch liegt in der Luft. Wir reden über Islam und Christentum, Kinder und Enkel. Ihre Tochter hat sich einen komplizierten Beinbruch zugezogen, als sie, mit ihrem Smartphone beschäftigt, in ein Schlagloch trat. (Überall sind hier vielspurige Straßen entstanden, manche Bürgersteige aber sind zerklüftet wie zu Sowjetzeiten.)

Mila erzählt von den Wirren der 1990er Jahre unter Jelzin, die jetzt unter Putin mühsam überwunden werden. Als die Sowjetunion zerbrach, habe es eine regelrechte Not gegeben – auch seelisch: Wofür sie gelebt und Opfer gebracht hatten, sei für viele Menschen mit einem Mal dahin gewesen. Manche hätten es nicht ausgehalten und sich umgebracht.

Wurde die neue Freiheit auch begrüßt? „Freiheit ohne Absicherung der kleinen Leute? Das heißt doch bloß: Nimm dir, was du kannst. Damals entstand die Oligarchie. Vieles ist zu reparieren, was zu Jelzins Zeiten kaputtgegangen ist. Die Leute aber sagen: Hauptsache, es gibt keinen Krieg.“

Leuchtender Kreml

Mila muss nach Hause zu ihrer Tochter, und ich will noch etwas durch die Stadt spazieren. In der Fußgängerzone auf dem Alten Arbat klingt fast an jeder Ecke Musik. Die Straßen sind voller Licht und Leben – sieht so ein „Regime“ aus?

Nach Erfahrungen mit islamistischen Terroranschlägen wird innere Sicherheit hier großgeschrieben, auch wenn man es nicht sofort sieht. Und die äußere Sicherheit sowieso. Mila hat recht: Russland will Frieden. Dieser Staat wird keine Angriffskriege führen, sich aber so effizient zu verteidigen wissen, dass man nur hoffen kann, keiner käme je auf die Idee, mit dem Feuer zu spielen. Vom Alten Arbat laufe ich zur Leninbibliothek und will am letzten Abend in Moskau noch einmal den festlich beleuchteten Kreml sehen. Sag, was du willst, es ist ein Machtmonument. Auf den Türmen leuchten wie eh und je die rubinroten Sterne.

Ich denke an verhärtete Fronten, an die Szene vor meinem Abflug nach Moskau, den schimpfenden Deutschen und den Stoßseufzer des Russen. „Die werden uns nie verstehen.“ Und noch ein Satz bleibt mir im Gedächtnis: „Ne pereshivaijte, vsjo budet charascho.“ Das habe ich in diesen Tagen gerade von Frauen immer wieder gehört, wenn ich in meiner deutschen Zielstrebigkeit (Gatschew vergleicht sie mit einem Keil) Ungewissheit schwer ertrug.

„Machen Sie es sich nicht so schwer, alles wird gut.“

Info

Irmtraud Gutschke ist Essayistin, Buchautorin und Journalistin. Sie promovierte über Tschingis Aitmatow. Ihre Moskau-Reise wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung unterstützt

06:00 05.11.2019
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