Aufbaupathos

ETHNISCHE VIELFALT UND MELANCHOLIE Brasilianische Fotografie im Kunstmuseum Wolfsburg

Geheimnisvoll schimmert die blaue Grotte. Ein gelber Wasserfall schwebt majestätisch sanft herab. Es scheinen paradiesische Bilder, in fast unwirklichen, traumhaften Farben. Die Fotografien des Brasilianers Araquém Alcântara zeigen die eine Realität des Landes: den Urwald mit Artenvielfalt und ästhetischem Reichtum. Auf der anderen Seite stehen der Mensch und seine Ausbeutung der Natur in den Fotos von Marcos Santilli. Riesige Baumwurzeln, von triumphierenden Arbeitern mit Motorsägen bekrönt, recken sich bizarr gen Himmel. Nach der Brandrodung bleiben kahle Landschaften zurück. Wie ein toter Koloss liegt der Baumstamm auf dem davonfahrenden Lastwagen. Trostlose Bilder in dumpfen, erdigen Farben.

Die Aufnahmen der beiden Fotografen gehören zu einer Ausstellung, die der brasilianischen Fotografie von 1946 bis heute gewidmet ist. Damals, in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, hat sich das Land zu einem modernen Staat herausgebildet. Unter dem Titel Labyrinth und Identitäten werden über 160 Schwarzweiß- und Farbfotografien von 31 Fotokünstlern gezeigt. Dokumentarische, journalistische und experimentelle Fotografie stehen gleichberechtigt nebeneinander, ebenso verschiedene Bildsprachen und Regionen. Die Spannbreite der ausgestellten Werke reicht von Reportagen bis zu Montagen, von historischen, die Entwicklung des Landes widerspiegelnden Aufnahmen bis zu künstlerischen Reflexionen über die Identität ihrer Bewohner. Nach Vollständigkeit wird nicht gestrebt.

Vier Generationen von Fotografinnen und Fotografen kommen zur Ansicht. Zur ersten gehört zum Beispiel Geraldo de Barros (seine "Fotoformas" werden derzeit im Kölner Museum Ludwig ausgestellt), dessen abstrakte Kompositionen den Neokonkretismus in der Kunst beeinflussten. Aufbaupathos verströmen die Fotos von Thomaz Farkas von der Errichtung der neuen Hauptstadt Brasilia in den fünfziger Jahren. José Medeiros, der die Leica in den Bildjournalismus einführt, erforscht die Lebensverhältnisse der Indios, wie jüngst wieder Valdir Cruz in eindrucksvollen Porträts. Der aus Frankreich stammende Ethnologe und Fotograf Pierre Verger, in Brasilien zum Condomblé-Priester geweiht, ist vor allem von der afro-brasilianischen Kultur fasziniert.

Steht bei Walter Firmo und Luiz Braga der einzelne Mensch vor leuchtenden Farben und üppiger Natur im Zentrum, sind es bei Juca Martins Demonstrationen gegen die hohen Lebenshaltungskosten oder die landflüchtigen Opfer der Dürre. Wie Aufnahmen aus versunkenen Zeiten erscheinen Fotos von Sebastiao Salgado: Ameisenhaft überwinden Arbeiter die steilen Wände einer Goldmine. Melancholie durchtränkt die menschenleeren Straßenszenen von Luiz Carlos Felizardo. Andere nutzen die Fotografie als bild- und ideengebende ästhetische Sprache, bedienen sich modernster Technologie (Carlos Fadon Vicente) oder archaischer Bildverfahren (Kenji Ota). Die Ausstellung bietet einen Einblick in das fotografische Schaffen eines Landes, das kontinentale Ausmaße, ethnische Vielfalt und eine höchst komplexe Kunstszene aufzuweisen hat.

Kunstmuseum Wolfsburg, Porschestr. 53, bis zum 30. Januar 2000. Mittwoch bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, Dienstag 11-20 Uhr. Katalog: 38,- DM.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 42/2021

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