Aufbruch aus Brokdorf

Energiewende Jürgen Trittin gilt als Vater des Atomausstiegs. Hier nimmt er Abschied von den letzten Atomkraftwerken
Seit dem 1. Januar ein historisches Bild: Qualmende Kühltürme des Atommeilers in der Wilstermarsch
Seit dem 1. Januar ein historisches Bild: Qualmende Kühltürme des Atommeilers in der Wilstermarsch

Foto: Krisztian Bocsi/Bloomberg/Getty Images

Der Silvesterabend war eine Zäsur. Neben den Atomkraftwerken von Grohnde und Gundremmingen wurde auch Brokdorf im Rahmen des Atomausstiegs abgeschaltet. Nun sind nur noch drei Meiler am Netz, sie werden spätestens Ende dieses Jahres stillgelegt. Dann ist die Atomenergie in Deutschland Geschichte. Aber das AKW Brokdorf an der Unterelbe hat eine besondere Bedeutung. Es war für viele, und nicht nur Grüne, das Symbol des Widerstands gegen diese Technologie. Es war der Ort, an dem sich die Ablehnung gegen die Atomkraft am deutlichsten definierte. Denn in Brokdorf demonstrierten am 19. Februar 1977 rund 50.000 Menschen gegen den Bau des Reaktors. 12.000 Polizisten versuchten vergeblich, die Demonstration zu verhindern. Gegen die Protestierenden wurden Wasserwerfer und Hubschrauber eingesetzt. Es war einer der brutalsten Einsätze der Staatsmacht gegen Atomkraftgegner.

Der Einstieg in die Atomenergie gelang in Deutschland nur unter Anwendung massiver Polizeigewalt – getrieben von einer sozialliberalen Bundesregierung und angefeuert von CDU- und CSU-Landesregierungen. Das Ausmaß gesellschaftlicher Spaltung über Brokdorf verdeutlicht, dass es um mehr als die Nutzung der Kernspaltung zur Erzeugung von Strom ging.

Müll für eine Million Jahre

Brokdorf – und zuvor auch schon die Proteste gegen das AKW Grohnde – veränderte auch die Linke in Deutschland. Der Aufstieg der Anti-AKW-Bewegung läutete das Ende der K-Gruppen ein, gerade weil sie, wie etwa der Kommunistische Bund (KB), die Demos so erfolgreich mitorganisiert hatten. Die Erfahrung der Vergeblichkeit der Mobilisierung von 100.000 Menschen gegen ein Allparteiensystem, das für Atomenergie und Atomraketen stand, führte zur Bildung der ersten Bunten und Alternativen Listen. Zwei Jahre später wurden die Grünen gegründet.

Heute legt die CDU Wert darauf, Angela Merkel habe nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima Deutschland endgültig auf den Weg des Atomausstiegs gebracht. Dabei wird verschwiegen, dass sie nach einer Laufzeitverlängerung 2010 nur unter handwerklichen Fehlern und somit schadenersatzpflichtig zum rot-grünen Ausstiegsgesetz von 2001 zurückgekehrt ist. Doch Tatsache ist: Heute gibt es in Deutschland unter Demokraten einen breiten Konsens gegen die Atomenergie.

Diesen Konsens haben die Menschen in den Gräben der Wilstermarsch bei Brokdorf 1981 mit auf den Weg gebracht.

Umso bizarrer wirkt es da, wenn 45 Jahre später die EU-Kommission die weitere Produktion von Atommüll im Rahmen ihrer Taxonomieregeln für nachhaltig erklären möchte. Für Atommüll wurde bisher nirgendwo in der Welt eine belastbare Lösung zur Beseitigung gefunden. Nachhaltig sind nämlich vor allem die nuklearen Zerfallsprozesse, die es erfordern, den Müll über eine Million Jahre von der Biosphäre sicher abzuschließen.

Doch paradoxerweise liegt in der verzweifelten Eröffnung von Finanzierungsmöglichkeiten für Atomanlagen auch eine Bestätigung für die Energiewende, die in Brokdorf, Grohnde und Gorleben begann und 2001 in Gesetz gegossen wurde.

Deutschlands Ausstieg aus der Atomenergie ging einher mit dem Einstieg in den Ausbau erneuerbarer Energien. Diese übertrafen nicht nur in Deutschland alle Wachstumsprognosen. Heute liefern hier die Erneuerbaren doppelt so viel Strom wie die Atomkraftwerke in ihren besten Zeiten.

Dieser stürmische Ausbau reduzierte die Kosten für Wind- und Sonnenstrom um mehr als 90 Prozent. Kein Energieträger – nicht Kohle, nicht Öl, nicht Gas – kann die Kilowattstunde Strom so billig produzieren. Deshalb investiert China heute zehnmal so viel in Erneuerbare wie Deutschland. Deshalb macht der Konzern RWE mit Windparks im öl- und gasreichen Texas blendende Geschäfte.

Völlig aus dem Rennen geriet dabei die Atomenergie. Im vergangenen Jahr wiederholten sich die jahrzehntealten Ankündigungen über eine angebliche Renaissance. Real schaffte die Atomenergie weltweit einen Zubau von netto gerade mal 0,4 Gigawatt. An Erneuerbaren kam über 250 Gigawatt weltweite Kapazität dazu.

Während die Kosten für Sonnen- und Windstrom sinken, explodieren die Kosten der Atomenergie. Die einzigen zwei realen Bauprojekte in Europa, Olkiluoto-3 in Finnland und Flamanville in Frankreich, sind jenseits aller Zeit- und Finanzierungspläne. Der finnische Reaktor ging nicht 2009 ans Netz, sondern wohl erst im Laufe dieses Jahres und war dreimal so teuer wie zugesagt. Flamanville sollte 3,3 Milliarden Euro kosten und dürfte gar auf mehr als 19 Milliarden Euro kommen. Er geht statt 2012 nicht vor 2023 ans Netz.

Nachhaltig an der Atomenergie sind neben den atomaren Altlasten die Kosten, die in Milliardenhöhe bei den Steuerzahlern landen. Daran ändert auch das recycelte Märchen der Atomenergie als Klimaschützer nichts.

Die EU-Kommission irrt

Diese Debatte besticht durch ihre Verlogenheit. Die gleichen Kräfte, die darauf drangen, dass gegen den massiven Widerstand der Grünen Kohlekraftwerke wie Moorburg, Hamm oder Datteln ans Netz gingen, werfen ihnen heute vor, das „falsche Schwein geschlachtet“ zu haben. Doch es war der von Grünen durchgesetzte Emissionshandel, der diesen Kohlekraftwerken schon nach wenigen Jahren Betrieb ihr Aus im Jahr 2021 bescherte.

Atomkraft ist nicht CO2-frei. In Atomkraftwerken werden Unmengen von CO2-intensivem Stahl und Beton verbaut. Auch die Förderung und Aufbereitung des notwendigen Urans erzeugt massenhaft Treibhausgase.

In Wahrheit gibt es keine CO2-freie Energieerzeugung. Das gilt für AKW, für Wasserkraftwerke wie für Windräder oder Solarpanele. Die Frage ist nur, nach welcher Frist diese mehr Treibhausgase vermeiden, als Bau und Betrieb verursachen. In dieser Lebenszeitbetrachtung schneiden Atomkraftwerke zwar besser ab als Kohlekraftwerke oder Verbrennungsmotoren – sie sind aber eben nicht besser, sondern schlechter als erneuerbare Energien.

Wenn die Welt auf den 1,5-Grad-Pfad kommen will, dann muss sie deutlich vor 2050, also in rund 20 Jahren, klimaneutral sein. Wie soll das mit Energie gelingen, die heute gerade für 4,27 Prozent der Welt Primärenergie liefert? Wollte man Kohle und Gas durch Atomenergie ersetzen, so schrieb die taz, müssten wir in diesen 20 Jahren 15.000 neue Atomkraftwerke zu den weltweit rund 400 existierenden hinzubauen. Statt weniger als fünf Cent würde die Kilowattstunde dann wohl mehr als 20 Cent kosten. Und um diese Kraftwerke zu betreiben, fehlt es schlicht an Uran.

Atomkraft kann das Klima nicht schützen, dafür ist sie zu klein, zu teuer, zu langsam, zu schmutzig.

Dennoch hat die Atomenergie mächtige Lobbyisten. So mächtig, dass sie es schafft, von der EU-Kommission ein Nachhaltigkeitslabel zu bekommen. Doch dies hat nichts mit Energiepolitik, mit Versorgungssicherheit oder gar Klimaschutz zu tun.

Nächstes Silvester, wenn die letzten AKW abgeschaltet werden, ist Schluss mit der atomaren Stromerzeugung in Deutschland. Und das ist auch gut so.

Jürgen Trittin ist Bundestagsabgeordneter der Grünen. Von 1998 bis 2005 war er der erste grüne Bundesumweltminister. Als solcher war er maßgeblich an den Verhandlungen zum Atomausstieg beteiligt, der im Jahr 2000 von der rot-grünen Bundesregierung beschlossen wurde.

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