Aufbruch und Verlust

Persönliches Gedenken Irmtraud Morgner wäre am 22. August 70 Jahre alt geworden

Irmtraud Morgner, die in diesem Jahr einen runden Geburtstag hätte feiern können, verstarb im November 1990 an einem langjährigen Krebsleiden.

Da ich bis zu jener Zeit an der damaligen Karl-Marx-Universität Leipzig am Lehrstuhl DDR-Literatur unterrichtete und forschte, gehörten ihre Bücher zum sozusagen selbstverständlichen Gegenstand unserer, meiner Arbeit. 1933 Chemnitz, in einer Lokführerfamilie - die Mutter war Hausfrau - geboren, gehörte Irmtraud Morgner zu jener ersten Generation nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes, in der den Mädchen und jungen Frauen gleich den Knaben und Männern - unabhängig vom Status und Besitz der Eltern - die Türen zu Gymnasien, Fachhochschulen, Universitäten, zur Lehrausbildung auch in den traditionell männlich dominierten Berufen offen standen. Und seit Anfang der sechziger Jahre bezeugten dann "plötzlich" ungewöhnlich zahlreiche Autorinnen aus dieser Generation, dass nach ihrer Ansicht Schreiben als ästhetisch-ethische Produktion den neuen Umwälzungen unbedingt angemessen sei und dass sie darin den schreibenden Männern, oft innovativer, kritischer als jene, in keiner Weise nachstanden. In dieser Hinsicht trugen sicherlich auch die Bücher Irmtraud Morgners für uns Kolleginnen am Lehrstuhl einen gewissen Extra-Akzent.

Seit ihrer Erzählung Hochzeit in Konstantinopel (1968) aber und vor allem seit dem ersten Roman ihrer Trilogie, der 1973 unter dem erstaunlichen Titel Die Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura erschien, kamen für mich noch andere Momente hinzu, die meine Aufmerksamkeit dauern, ja sich steigern ließen und die nicht vorrangig beruflich begründet waren: so Laura Salmanns, einer Hauptfigur, hartnäckige Hinterfragung des angeblich hochsozialistischen Funktionärs Fakal, dessen braune Kommandeursjacke ihr im Tonfall und Verhalten seiner Frau und anderen "Untergebenen" gegenüber - ausgesprochenerweise - unannehmbar wurde; so Lauras nicht mehr kaschierte Dauererschöpfung als geschiedene, wieder eine produktive Partnerschaft suchende Alleinerziehende, die aber mit Passion Triebwagenführerin im östlichen Berlin sein wollte; so Beatriz´ merkwürdige, sie gleichsam zu modernen zornigen Einsichten führende Zurück- und Herabsetzung als Frau im mittelalterlichen französischen Hochadel: "Eine mittelalterliche Minnesängerin ist historisch denkbar. Eine mittelalterliche Liebessängerin nicht" - ihr echtes Gefühl muss verschwiegen bleiben; so die von Lauras Freundin Vilma notgedrungen erfundene Methode, die in der privaten oder offiziellen Männer-Welt nicht erwünschten Frauen-Sätze zu schlucken.

All dies qualifizierte gewissermaßen nicht in erster Linie meine Fähigkeit zur Literaturanalyse, es qualifizierte mich in meiner "Dreieinigkeit" als Mutter, Ehefrau und Wissenschaftlerin - es half mir, den Kopf oben zu behalten. Ich erinnere (wie eine erdachte Anekdote), dass ich im sommerlichen Fünfbett-Bungalow-Urlaub 1983 in Bad Saarow zu meinem eigenen Erstaunen wie dem meiner ganzen Familie mitteilte: "Geht mal alleine runter zum Strand, ich komme heute nicht mit, ich will (!) bis Mittag diesen Hexenroman (Amanda) endlich zu Ende lesen..."

Das intensivste Betroffensein von der sich nicht mehr für andere "glättenden" Persönlichkeit Irmtraud Morgners empfand ich jedoch dann seit Mitte der neunziger Jahre, nach ihrem Tod schon, als ich selbst nach Karzinom-OPs auf eine Lebenschance hoffte. Ich musste mir vorstellen, wie es für sie war, in den Krankenzimmern zu liegen und zu hören, zu erfahren, zu wissen, dass draußen das eigentlich auch von ihrer Arbeit heftig Ersehnte, dass das bisher eigentlich nicht Vorstellbare geschah: Ihre Gesellschaft schien sich endlich selbstkritisch zu erneuern und die - jede weitere Geschlechterrollenemanzipation verhindernden - zentralistischen, patriarchalischen Strukturen zu überwinden. Andererseits verlor ihre Gesellschaft im selben Zeitraum dafür von Woche zu Woche die Legitimation und Fähigkeit. Einerseits endlich schien der "Eintritt" der Frauen in die reale Geschichte - Utopie seit Jahrhunderten - massenhaft zu beginnen, andererseits aber restaurierten sich triumphal konservative, kapitalistische Produktions- und Lebensbedingungen. Wie schmerzlich mag dieser Frau jener damals kurzzeitig derart verflochtene Aufbruch und Verlust eines real-sozialistischen Prozesses gewesen sein, dem sie bekennend-schreibend verbunden war. Wie schwer und wie schwierig ihre letzten Tage ...

Der 1998 von Rudolf Bußmann höchst kompetent als "Roman in Fragmenten" herausgegebene dritte Trilogie-Band Das heroische Testament belegt dies vielfach in relativ beendeten Manuskripten, in Entwürfen und Notaten: "Dass der Mensch ihn (seinen utopischen Entwurf - d. V.) nicht benutzt und dass ich glaube, es ist zu spät, sich seines Entwurfs als Mensch zu erinnern, die Chance eines Jahrtausends vertan - das ist eine (...) Sache. Aber um über den alltäglichen Krieg des Alltags zu kommen, muss sich der Mensch ab und zu seines Entwurfs erinnern. (...) Ich selber kann nicht leben, ohne mich meiner Utopien zu erinnern. Und einigen Menschen wird es ähnlich gehen. Für mich und für die schreibe ich."

00:00 22.08.2003

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