Auferstanden

Alltag In Volkenroda wirken ein ehemaliger Expo-Pavillon, das Kloster und eine christliche Gemeinschaft Wunder

Es war ein öder Ort. Das Pflaster kaputt, Straßenbeleuchtung gab es nicht, die Leute liefen im Matsch. Volkenroda war ein sterbendes Dorf. Der nahe an der einstigen innerdeutschen Grenze liegende thüringische Fleck sollte zu DDR-Zeiten von der Landkarte verschwinden. "Absiedelungspolitik" nannte das SED-Regime die systematische Vernachlässigung einer Region, in die nur noch Menschen geschickt wurden, die störten. Die Dorfbewohner stellten sich jedoch stur. Sie krallten sich in den Boden wie sturmgepeitschte Bäume. Am Schluss ging dem Sozialismus für den Abriss von Volkenroda das Geld aus.

Zwölf Jahre nach der Wende führt der Weg nach Volkenroda mit der Postleitzahl 99998 zwar an das Ende der postalischen Welt, doch keinesfalls an einen gottverlassenen Ort. Was sich hier zugetragen hat, erstaunt. Ein längst aufgegebenes Kloster ist aus Ruinen wieder erstanden, ein vergessenes Dorf blüht auf, in dem auf ungewöhnliche Weise gelebt, gearbeitet und geglaubt wird. Mit der Umsetzung des Christus-Pavillons von der Expo in Hannover nach Thüringen - Einweihung war im August 2001 - ist der Ort zum Schauplatz eines kirchlichen Großprojekts avanciert.

Nach der mit viel Aufsehen begangenen Errichtung des Pavillons ist der Alltag in das kleine Dorf zurückgekehrt. Eine Katze räkelt sich vor dem Konventsgebäude. Ulrike Köhler ist unterwegs zum Mittagsgebet. Die diplomierte Agraringenieurin wohnt seit 23 Jahren in Volkenroda und ist die treibende Kraft hinter dem Wiederaufbau. Nach der Wende wie die meisten im Dorf arbeitslos, beschloss sie, die Wiederbelebung des Klosters zu ihrer Lebensaufgabe zu machen. Die Triebkraft dafür war ein "starkes religiöses Erlebnis", über das die agile Frau, die sich zu DDR-Zeiten eher "kirchenfern" fühlte, bis heute nicht gerne spricht. Trotzdem war sie froh, dass es in Volkenroda überhaupt eine Kirche gab. "Ich erinnere mich ganz genau daran, wie ich zum erstenmal in ihr stand. Die Sonne fiel durch die Fenster herein, Efeu wuchs durch Mauerrisse in das Innere. Die Kirche war traumhaft schön. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht einmal, dass die Zisterzienser sie erbaut hatten", erinnert sie sich. Mit befreundeten Familien begann sie mit den Aufräumarbeiten. Ein Vorhaben, das allen wahnwitzig erschien. Kirche und Konvent ein Trümmerhaufen, Dorf und Land bettelarm, die Bevölkerung hatte mit dem "Evangelium" nichts am Hut. Vom Kloster, das 1525 durch die Bauernheere des früheren Lutherfreundes Thomas Müntzer zerstört wurde, war kaum mehr geblieben als vage Erinnerungen. Sie schrieben Bettelbriefe an Stiftungen und holten Fachleute für Denkmalpflege aus dem Westen. Köhler beschreibt den Aufbau als eine Melange aus Glück und irrwitzigen Zufällen. "Ich fand Kontakt zu Menschen, die die Wende als Chance, nicht nur als Drama verstanden", sagt sie rückblickend.

Zufrieden schaut Ulrike Köhler auf die kunstvolle Anordnung eines Holzkreuzes, auf sorgsam renovierte Fachwerkhäuser und auf Plastiken befreundeter Künstler. Die Idylle ist das Werk der hier lebenden Kommunität, einer religiösen Gemeinschaft, der sie angehört. Mitte der neunziger Jahre ereilte der Ruf nach Aufbauwilligen auch die Jesus-Bruderschaft im hessischen Gnadenthal. Die Kommunität ließ sich auf das Abenteuer ein und sandte Brüder nach Volkenroda. Wenn sich Ulrike Köhler auf dem Gelände umschaut, staunt sie noch immer: Hier wurde ein modernes Kloster aufgebaut, mit den von Zisterziensern geprägten Wertgrundsätzen Arbeit und Schlichtheit. Rund 30 Menschen, Erwachsene und Kinder und drei zölibatär lebende Männer, gehören der Bruderschaft in Volkenroda heute an. Viermal am Tag treffen sie sich im Andachtsraum der Kirche. "Die Verrückten" werden die Mitglieder der Kommunität, die unterschiedlichen Konfessionen, Berufen und Lebensweisen angehören, manchmal von den Volkenrodaern genannt. Doch die "Mönche ohne Kutten" haben in den letzten Jahren nicht nur gebetet, sondern auch gearbeitet. Ein Ziel der Gemeinschaft sei es, Arbeitsplätze zu schaffen, sagt Koordinator Gerd Sander, Familienvater und zuständig für Medienarbeit im Kloster. Die Bilanz kann sich sehen lassen. Ob in der Hauswirtschaft, im Gästehaus oder im ökologischen Landbaubetrieb, überall sind Arbeitsplätze und Betriebe entstanden. Zwei Brüder haben einen Baubetrieb gegründet, ein anderer fertigt im eigenen Unternehmen Kunststeinplatten. Wieder andere sind Architekten.

"Was will der Biospinner denn?" Diese Frage musste Daniel Stäbler im Dorf oft hören, als er vor sechs Jahren nach Volkenroda kam. Für die Therapie mit beziehungsgestörten Menschen sollte er eine Schafzucht für eine psychiatrische Klinik aufbauen. Ohne Geld und Auftrag sollte eine ökologische Landwirtschaft aus dem Nichts aufgebaut werden. Er borgte sich von Freunden Geld, holte sich ostfriesische Milchschafe und bepflanzte den Boden neu. Als er eine Frau aus dem Dorf als Melkerin einstellen konnte, war das Eis zwischen ihm und den Dorfbewohnern gebrochen. In seinem Laden kann Stäbler heute bereits Schafmilch, Molke und Wollprodukte anbieten. Der verwegene Mut der Aufbauwilligen erinnert ein wenig an den Pioniergeist der Zisterzienser, die 1131 in Volkenroda die vierte Abtei auf deutschem Boden gründeten. Der Orden galt als anerkannter Baumeister und zog stets in wilde, unerschlossene Gegenden, wo er gezwungen war, Brachland urbar zu machen. "Baukultur, Agrikultur und Lebenskultur entstanden aus dem Engagement des Glaubens. Da fühlten wir uns verstanden", sagt Gerd Sander. Der Zisterzienser-Orden pflegte eine starke Bibelfrömmigkeit. Auch darauf nimmt die Kommunität Bezug, doch entgegen mancher Vermutungen haftet ihr nichts aufdringlich Frömmelndes an. "Wir sind keine religiöse Eiferer oder weltabgewandte Menschen. Wir leben ganz im Heute", beteuert Sander. Zunächst von der Kirche argwöhnisch beobachtet und belächelt, findet die Kommunität heute Zuspruch.

Vom Konventsgebäude standen bis vor zehn Jahren nur die Grundmauern und einige gotische Bögen. Jetzt erhebt sich auf den groben Mauersteinen eine kunstvolle Konstruktion aus Glas und Stahl. Seit 1999 ist das Europäische Jugendbildungszentrum hier untergebracht. Die Seminare werden gut besucht. "Kloster auf Zeit" heißt ein Angebot, junge Leute können dabei auch in der Klosterwirtschaft mithelfen.

Der Wiederaufbau von Volkenroda fiel in eine Phase, in der sich die Kirche nach ihrem Höhenflug während der 89er-Wende in einer tiefen Agonie befand. Die tragende Spiritualität, die Kraft des Wortes, die Solidarität untereinander, all dies schien in der Kirche seltsam zu verkümmern. Das Wort "Heldenkirche", eine Erfindung der West-Medien, führte zu einem Erwartungsdruck, dem die ostdeutschen Gemeinden nicht standhalten konnten. Allmählich aber stetig verlor die Kirche den moralischen Kredit, den sie sich mit der von ihr mitinitiierten "Kerzenrevolution" erworben hatte. Dies geschah nicht ohne ihre Schuld: Da war die Verwicklung der Kirche mit der DDR-Staatsicherheit und das resignierte Verharren in der Trutzburg Ost. Nicht nur in Volkenroda, auch in den umliegenden Dörfern verkamen die Kirchen. Als die Brüder aus Gnadenthal nach Ostdeutschland kamen, fanden sie ein größtenteils entkirchlichtes Land vor. Ein Phänomen. Wer heute nach Russland schaut, beobachtet die Renaissance der Orthodoxie. In Polen blüht der Katholizismus. Die Brüder mussten feststellen, dass die ehemalige DDR mit Ausnahmen weniger Flecken wie des katholischen Eichsfelds in Sachsen atheistisch geworden war. In nicht ganz zwei Generationen wurde ein Rückgang der Christen von 94 Prozent auf 30 Prozent verzeichnet. Genug Gründe, warum sich die Brüder in Volkenroda als Christen zum Engagement aufgefordert fühlten. Eine spirituelle Oase sollte geschaffen werden. Dass sie heute geschätzt wird, zeigt die Besucherzahl: 25 000 Gäste kamen im vergangenen Jahr in die Klosteranlage.

Wie ein eratischer Block steht der Christus-Pavillon auf dem alten Klostergelände. Erstmals montiert wurde der Kubus auf der Weltausstellung in Hannover, wo er als Publikumsmagnet galt. Der Pavillon sollte nach der Expo weiter genutzt werden. So wurde er in Hannover zerlegt, nach Thüringen verfrachtet und dort nahezu unverändert wieder aufgebaut. Im Dorf waren Vorbehalte zu spüren, weil mit dem Pavillon erneut Fremdes in das Dorf einzog. Auch wenn die Kommunität nicht gerne darüber spricht, die Spannungen zwischen Dorf und Bruderschaft sind noch nicht ausgestanden. Zu unterschiedlich sind die Lebensläufe der Menschen, die hier auf engstem Raum zusammenleben.

Die neue Kirche ist ein irritierend schöner Bau. Die Außenwände des Kreuzgangs bestehen aus Glasscheiben, zwischen denen aufgeschichtete Gegenstände des Alltags liegen. Aus der Natur: Bambus, Holzscheiben und Mohnkapseln. Aus der Technik: Zahnräder, Schrauben und Spritzen. Die Wände des Kirchraums sind aus lichtem Marmor, in der Kirche ist es auch an dunklen Tagen hell. Es deutet sich an, dass der Pavillon weniger zu einem Ort des Gebets, als zu einem Pilgerort für Architekten werden könnte. Das neue Gotteshaus mit Leben zu füllen, das scheint nun für die Bruderschaft eine neue Herausforderung zu werden. Dennoch: Ein aufgegebenes Dorf hat sich neu erfunden und die Kirche wieder ins Dorf geholt.

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00:00 02.11.2001

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