Aufgebahrte Momente

Ausstellung Tanz ist öffentlich kaum sichtbar. Die Akademie der Künste versucht, das zu ändern

Tanz ist flüchtig: ein Ereignis, das rasch vorbei ist und keine materiellen Spuren hinterlässt. Mehr noch als das Theater ist der Tanz angewiesen auf die „körperliche Kopräsenz“, die gleichzeitige Anwesenheit von Aufführenden und Zusehenden. Dieser Momentbezug führte dazu, dass Tanz als Kunstform öffentlich kaum sichtbar ist. Wer Malerei sehen möchte, geht in ein Museum; eine reiche Orchesterlandschaft pflegt das musikalische Erbe; wer spaziert, sieht Architektur. Der Tanz und seine Geschichte hingegen sind bislang Spezialisten vorbehalten – seine Artefakte schlummern in Archiven. Die Ausstellung Was der Körper erinnert. Zur Aktualität des Tanzerbes will das ändern.

Im 20. Jahrhundert war der Tanz Teil gesellschaftlicher Emanzipationsbewegungen, ebenso wie bildende Kunst, Architektur oder Film. Vermittelt wird das in der Berliner Ausstellung durch Fotos, choreografische Notizen, Zeitungsausschnitte, Briefe, auratisch aufgebahrt in einer 33 Meter langen Vitrine. Einzelne Objekte tanzen gewissermaßen aus dieser langen Reihe: Masken von Mary Wigman und Jean Weidt, Bühnenbildmodelle oder das Röntgenbild eines Knies – das kaputte Gelenk der Ausdruckstänzerin Dore Hoyer war mit ein Grund für ihren Freitod 1967. Vielerlei Bezüge tun sich auf in diesem Kernbereich der Ausstellung, die ihren Schwerpunkt auf das frühe 20. Jahrhundert legt: Rudolf von Labans Zeichnung seines Tanztempels zeigt den Einflusswillen und das Massenbewusstsein der Tanzkunst in den 1920ern; die golden schimmernde Holzmaske zu Mary Wigmans Hexentanz erweist den ästhetischen Einfluss des japanischen Nô-Theaters; von den Bezügen zur bildenden Kunst künden nicht nur die Schminkanweisungen Oskar Schlemmers zu seinem Triadischen Ballett, sondern auch ein Buch, das Fotos der Tänzerin Gret Palucca neben Wassily Kandinskys Tanzkurven setzt, seine grafischen Interpretationen von Paluccas Posen und Sprüngen. Wissen wird allerdings vorausgesetzt – kontextualisiert sind die Exponate in der Vitrine nicht.

Unvermittelt und sehr heftig stößt das Konzept der kontextfreien Auratisierung denn auch an seine Grenzen: Neben dem Foto-Kunst-Buch zu Palucca und Kandinsky liegt, kommentarlos auf neutral weißem Untergrund, Paluccas Zugangsausweis zu den Olympischen Spielen 1936. Nichts deutet darauf hin, dass dieser Ausweis vom großen Bruch in der deutschen (Tanz-)Geschichte zeugt: Der von Massenwirkung faszinierte moderne deutsche Ausdruckstanz ließ sich ein mit der Macht. Mary Wigman eröffnete Hitlers Sommerspiele mit ihrer Totenklage für 80 Tänzerinnen, ihre Schüler Gret Palucca und Harald Kreutzberg standen auf der Bühne. Von diesem frühen Mitläufertum des Ausdruckstanzes kündet der Begleittext ausweichend.

Bruchlos lässt sich die Geschichte der Emanzipation durch Tanz also keineswegs erzählen, wie auch Johannes Odenthal, Programmdirektor der Akademie der Künste und einer der Kuratoren, im Begleitbuch offenlegt. Durch die gleichrangige Aufreihung der Exponate wird dieser Epochenbruch allerdings kaum deutlich. Mary Wigman und Gret Palucca, die sich, letztlich erfolglos, mit den Nazis zu arrangieren versuchten, stehen für eine andere (Tanz-)Historie als etwa Jean Weidt, der in der Weimarer Republik mit seinen „Roten Tänzern“ sozialkritische Stücke aufführte, von den Nazis verhaftet und gefoltert wurde und emigrierte, ebenso wie Kurt Jooss, dessen Antikriegsballett Der Grüne Tisch von 1932 bis heute weltweit einstudiert wird.

Pina Bausch fehlt

Wie sich der deutsche Nachkriegstanz in der DDR mit Gret Palucca, Arila Siegert oder Marianne Vogelsang und in der BRD mit Johann Kresnik, Susanne Linke oder Reinhild Hoffmann entwickelt hat, bleibt offen. Auch wenn die Ausstellung mit 75 Objekten aus den Tanzarchiven in Berlin, Bremen, Köln und Leipzig vergleichsweise bescheiden bestückt ist, fallen markante Auslassungen auf: Pina Bausch, die Erfinderin des Tanztheaters, ist nicht vertreten, vielleicht, weil ihr Wuppertaler Nachlass nicht zugänglich war. Ihre Spur, ebenso wie die anderer Tanz-Neuerer in Deutschland – VA Wölfl, William Forsythe oder Meg Stuart, John Cranko und Sasha Waltz –, findet sich nur in den umfangreichen Filmaufzeichnungen, die in Dauerschleife projiziert werden.

Eine Erweiterung ihrer explizit europäischen Perspektive erfährt die Ausstellung durch das umfangreiche Performanceprogramm, ebenso wie durch den im Alexander-Verlag erschienenen Reader. 100 Tanzschaffende des 20. Jahrhunderts stellt er in Fotografien und Selbstzeugnissen vor. Mit Tanzgrößen wie Alvin Ailey, Merce Cunningham und Kazuo Ōno und unbekannteren Wegbereitern wie Chandralekha, die klassische indische Tanzformen ins Zeitgenössische transferierte, Min Tanaka, dem Anverwandler animistischer Traditionen Japans, oder Katherine Dunham, der Gründerin des ersten schwarzen US-Tanzensembles, würdigt das Buch internationale Entwicklungen. Hier offenbart sich denn auch die große Chance der späten Geschichtsschreibung: Einschreiben lassen sich in den Tanzkanon auch aktuelle Diskurse, zu Postkolonialismus, Cultural Appropriation oder Gender. Und damit könnte der Tanz im 21. Jahrhundert ebenfalls ganz vorne mit dabei sein in puncto Emanzipation.

Info

Was der Körper erinnert. Zur Aktualität des Tanzerbes Akademie der Künste, Berlin, bis 21. September

06:00 18.09.2019
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