Aufmerksamkeitsschenker

Kehrseite Keiner schaut hin, als das Cabriolet bereits zum zweiten Mal aufreizend langsam und mit aufgedrehter Stereoanlage am Eis-Café vorbeifährt. Höchstens ...

Keiner schaut hin, als das Cabriolet bereits zum zweiten Mal aufreizend langsam und mit aufgedrehter Stereoanlage am Eis-Café vorbeifährt. Höchstens aus den Augenwinkeln mustert der eine oder andere die deutschländischen Jugendlichen, die es anscheinend auf eine demonstrativ desinteressierte Mädchenclique am Nebentisch abgesehen haben. Da erbarme ich mich der Missachteten. Zunächst blicke ich unverwandt in ihre Richtung und weise dann meine Begleiterin mit ausladenden Gesten und kurzen Kommentaren auf diverse Details an dem sportlichen Gefährt hin. Die Botschaft kommt an - ein dritter Durchgang beim Schaulaufen unterbleibt. Für mich als Aufmerksamkeitsschenker sind solche Fälle reine Routine.
Mehr Sorgen macht mir da die leicht verwirrte alte Dame, die regelmäßig im selben Supermarkt wie ich einkauft. Den meisten Kunden fehlt die Zeit oder die Geduld, sich ihre Geschichten von den auserwählten, speziell gekennzeichneten Lebensmitteln anzuhören, die der göttliche Gebieter seinen irdischen Getreuen zukommen lasse. Verschwörerisch zwinkere ich ihr zu, drehe meine Orangen ein paar Mal und nicke beruhigt: "Mit denen ist alles in Ordnung, glaube ich." Sie unterrichtet mich noch rasch über die jüngste UFO-Landung ganz in der Nähe, die von Regierung und Zeitungen natürlich wieder totgeschwiegen wurde, schließlich macht sie sich auf die mühsame Suche nach der ihr zugedachten Salatgurke.
Das ist gut, denn ein bisschen Beachtung spare ich mir immer für die Skateboarder in der Bahnhofsunterführung auf, die sogleich ein paar besonders gewagte Sprünge vorführen, auch wenn ich bestimmt nicht zu ihrer bevorzugten Zielgruppe gehöre. Zwischendurch signalisiere ich einem überlauten Handy-Poser im Armani-Anzug, dass ich seine Verdienste um die lokale Immobilienwirtschaft zur Kenntnis genommen habe, woraufhin er sich prompt außer Hörweite begibt. Manche Leute sind mit erstaunlich wenig Aufmerksamkeit zufrieden. Anderen wiederum scheinen sogar spöttische oder feindselige Reaktionen lieber zu sein, als einfach ignoriert zu werden. Erst kürzlich habe ich eine extravagante Mittvierzigerin beobachtet, deren praktisch haarlose Hundzüchtung bei einer Gruppe Obdachloser für Aufsehen sorgte: "Guckt mal, da kommt mein Abendessen - und den muss ich nicht mal mehr rupfen." "Armer Kleiner, hat Frauchen dir den Pelz geklaut?" Die Frau nahm ihren Zwerg beschützend auf den Arm, und hinter ihrem giftigen Blick blitzte unverkennbar Triumph über die gelungene Provokation auf.
Ich bemühe mich freilich um positive Verstärkung, auch dort, wo es schwer fällt, zum Beispiel beim akademischen Nachwuchs. Wenn ich ab und zu in der Uni-Mensa esse, vermag ich angesichts der großen Zahl an postpubertären Profilierungsversuchen nur punktuell Abhilfe zu schaffen. Am liebsten setze ich mich zu den Naturwissenschaftlern, weil ich dort einfach nur zuhören kann und nicht in Versuchung gerate, nachzufragen oder gar zu widersprechen. Denn meistens habe ich keine Ahnung, wovon mein Gegenüber (fast immer ist es ein Mann) redet, verschaffe ihm aber gleichwohl durch Augenkontakt und gelegentliches Nicken die nötige Bestätigung - und seinem bisherigen Opfer (oft weiblich) die Gelegenheit, unbemerkt das Weite zu suchen. Einmal wollten sich nach einem solchen Mittagessen beide, das gerettete Opfer und sein Peiniger, unabhängig voneinander mit mir verabreden.
Um solche gefühlsmäßigen Verwicklungen zu vermeiden, müsste das Ganze schleunigst auf eine professionelle Basis gestellt werden. Umfassend ausgebildete Aufmerksamkeitsschenker würden dann an sozialen Brennpunkten wie Fußgängerzonen, Szene-Bars oder Theater-Foyers Streife laufen. Mit sicherem Blick würden sie akute Aufmerksamkeitsdefizite erkennen und durch genau dosierte Zuwendung verbaler und nonverbaler Art entschärfen.
Zum Glück hat man jetzt in Brüssel von der drohenden Kaspar-Hauserisierung breiter Gesellschaftsschichten Notiz genommen. 2006 soll zum Europäischen Jahr der gegenseitigen Aufmerksamkeit(en) ausgerufen und entsprechende Fördermittel bereit gestellt werden. - Meine Kontaktadresse nebst Bankverbindung gibt die Redaktion auf Anfrage gern bekannt.

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00:00 19.07.2002

Ausgabe 42/2021

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