Aufruf zur Kriegskunst

KRIEG UND LITERATEN Es ist soweit. Nachdem wir mit vereinten Kräften erreicht haben, dass sich die deutschen Künste endlich der freiesten aller Wirtschaftsformen nicht ...

Es ist soweit. Nachdem wir mit vereinten Kräften erreicht haben, dass sich die deutschen Künste endlich der freiesten aller Wirtschaftsformen nicht nur öffneten, nein, ihr zur uneingeschränkten Akzeptanz verhalfen, nachdem die Segnungen des Kapitals endlich tief in unseren Seelen verwurzelt worden sind, nachdem die Unterhaltungsliteraturen nicht nur gleichberechtigt neben sogenannten ernsten, verschwiemelten Produkten in den Feuilletons stehen und Herr Steinfeld in der Frankfurter Allgemeinen die Großen Romane Stephen Kings gegen gleichermaßen verkopfte und unmoralische Kunstprodukte, etwa Thomas Pynchons, stellen konnte, ist endlich auch der Pazifismus mit dem Krieg, diesem Vater aller unsrer Dinge, versöhnt. Es war keine leichte Aufgabe, die wir uns in den vergangenen 20 Jahren vorgenommen hatten, aber wir haben das Ziel erreicht und die letzten großen Bastionen kultureller Widerstandsnester genommen. Mit einem Wort: der Sieg, liebe Freunde! Der Kleistpreis, eigentlich moralisch fragwürdigen Dichtern wie Hans Henny Jahnn gewidmet, die sich um den einfachen Menschen nicht scherten, darf nun an leserfreundliche und ethisch saubre Oeuvres gehen, der Döblinpreis ist mit dem Mainstream sowieso längst kompatibel. Überhaupt, meine Damen und Herren: die Kompabilität! Schmitter neben Marcel Beyer, Konsalik zu Arno Schmidt, Jelinek an Wolfgang Hohlbein. Ich weiß, es gibt gelegentlich Verirrte, die es vorziehen, von Äquivalenzform zu sprechen, aber das ist sowohl sentimental wie unverantwortlich. Eigentlich, Genossen, handelt es sich dabei um intellektuelle terroristische Akte. Unserem großen Vorbild und Freund USA sind solche, einem wahren Christen unzumutbare ästhetizistische Verirrungen mehr als nur ein Schlag ins Gesicht. Deshalb fordern wir die deutschen Schriftsteller hiermit auf, sich eindeutig zu den Leistungen und der weltpolizistischen Sendung der Vereinigten Staaten von Amerika nicht nur zu bekennen, sondern deren Größe und humanitäre Weisheit in ihren Geschichten und Romanen und in der neuen Lyrik auch zu feiern. Solch eine Hymnik wird auf unser Land zurückleuchten wie die Sonne der Zivilisation und uns in der Welt ebenso wieder literarische Geltung verschaffen, wie sie sich die Wirtschaft schon lange erstritt... einmal abgesehen davon, dass in den Ranzen unsrer Soldaten Bücher dieser Art ganz gewiss aufbauend wirken und - sollten Opfer zu beklagen sein - die Verbliebenen zu Trost und Selbstbewusstheit führen werden. Die deutschen Dichter müssen sich nunmehr nachhaltig und voller Leidenschaft der Leiden und Freuden des bundeswehrischen Wesens annehmen, seiner Not und Verlorenheit, seines Mutes, seiner Dienst- und Pflichttreue. Insgesamt darf nun nicht mehr nur über deutsche Pflicht gesprochen werden, sondern diese unsere eingeborene Tugend wird in der Erde des leistungsstarken deutschen Charakters endlich wieder keimen, wachsen und darf sogar blühen. Meine Kameraden, ich bitte Sie, die deutschen Verlage und Literaturzeitschriften entsprechend zu instruieren. Mehr als jemals zuvor ist in dieser Zeit Treue gefragt. Wir brauchen seelischen Halt gegen die Ausgeburten des Islam. Dass 500.000 irakische Schlangenkinder verhungerten in ihrem Schlangennest, ist wahrlich nicht zu betrauern, sondern sollte uns Ansporn sein, die Brut auch anderswo zu zertreten. Die feigen Terrorattentate auf World Trade Center und Pentagon haben die Symbole unsere tiefsten inneren Werte beschädigt: Business und globale Gegenwart. Um so dringender fordere ich von jedem Dichter, sein Talent treu und unverbrüchlich der Glorie dieses Krieges zur Seite zu stellen. Wer hier ausschert und meint, irgend noch weiter l´art pour l´art betreiben oder in seinen Machwerken pazifistische Phrasen dreschen zu dürfen, handelt nicht mehr bloß verwerflich, sondern ist, in einem Wort, Volksfeind. Es geht um nichts Geringeres als um unser Ansehen in der Welt. Und dazu, meine Damen und Herren, gehört nun einmal die Kultur eines Volks.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

Der Autor wurde 1955 in Refrath geboren, studierte Philosophie, arbeitete als Broker und lebt heute als Schriftsteller in Berlin. Für seinen Roman Wolpertinger und das Blau wurde er 1995 mit dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet, für den ersten Band der Trilogie Kybernetischer Romane: Thetis. Anderswelt (1998) erhielt er den Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar. Zuletzt erschienen die Romane: New York. Manhattan und Buenos Aires. Anderswelt.

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00:00 07.12.2001

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