Konstantin Wecker, Prinz Chaos II.
Ausgabe 3713 | 16.09.2013 | 11:39 25

Aufruf zur Revolte

Essay Vielleicht muss gar nicht mehr viel passieren, bis wir aus dem Dornröschenschlaf erwachen. Konstantin Wecker und Prinz Chaos II haben jedenfalls Hoffnung

Aufruf zur Revolte

„Wir vertrauen auf die Macht derer, die sich selbst erkannt und aus freien Stücken miteinander verbündet haben“

Foto: Polaris / laif

Wenn man einmal alle Faktoren der Gegenwart zusammenrechnet, die ökologische Situation, die wirtschaftliche Lage, den gigantischen, präventiv ausgebauten Repressionsapparat und auch, ja, leider, die zunehmende Verrohung und Entsolidarisierung der Menschen untereinander, dann muss einem Himmelangst werden. Dazu kommt das weltumspannende Netz von Geheimdiensten außer Rand und Band, und wir stellen uns die Frage, ob das hartnäckige Ausbleiben der Weltrevolution bei fortschreitender, krisenhafter Globalisierung des Kapitals nicht einen Weltputsch möglich macht, gewissermaßen einen 11. September für Fortgeschrittene. Hirngespinste? Das wäre zu hoffen.

Wir beide jedenfalls haben Angst vor einer Zukunft, die uns droht, wenn die globale Revolte ausbleibt. Im europäischen Süden und in Nordafrika hat diese Revolte bereits begonnen. Damit sie gelingt, muss jetzt auch in Deutschland etwas passieren. Wer tatenlos zuschaut, wie die Griechen sich gegen die Angriffe nicht zuletzt in Deutschland stationierter Konzerne abkämpfen, verrät am Ende sich selbst so sehr wie unsere griechischen Schwestern und Brüder.

Immerhin hatten die Enthüllungen Edward Snowdens einen kuriosen Effekt auf die Kommunikation der Menge. Zuvor war eine unausgesprochene Vorsicht, die berüchtigte Schere im Kopf, speziell auf Facebook überdeutlich spürbar, weil man ja insgeheim ohnehin vermutet hat, dass dieses Netzwerk massiv überwacht wird. Aber etwas vermuten und etwas wissen, ist ein großer Unterschied. Man muss das am nackten Körper brennende vietnamesische Mädchen aus dem Dorf laufen sehen, um zu verstehen, was Napalm bedeutet. Und wir mussten das grundanständige Gesicht Edward Snowdens sehen, um endlich wieder zu lernen, was das heißt: Anstand! Zivilcourage! Bürgerpflicht! Seit Snowden scheint der Würgegriff der Angst aufzubrechen. Immer mehr Menschen kommunizieren nach dem Motto: „Bist Du restlos archiviert, schreibt es sich ganz ungeniert“.

Auch in den deutschen Medien kann man von einer Situation vor und nach Edward Snowdens Enthüllungen sprechen. Viele Journalisten haben erkannt, dass diese ausufernden Praktiken staatlicher Kontrolle die Grundlagen ihres Berufes bedrohen. Prompt erleben wir in Bezug auf den Überwachungsskandal einen wachen und selbstbewussten Journalismus, wie wir ihn oft vermisst haben. Die breite Solidarität der Branche mit dem fabelhaft mutigen Glenn Greenwald und dem englischen Guardian ist beispielhaft.

Göttlicher Funke

Diese Besinnung auf das Berufsethos des Journalisten kommt zur rechten Zeit, denn offen und laut zu sagen, was ist, ist der erste Schritt auf dem Weg zur Revolte. Nur gibt es bekanntlich nichts Gutes, außer man tut es, und Missstände werden nicht dadurch abgeschafft, dass sie öffentlich aufgezählt werden. Ein spontanes Aufbegehren kann man auch nicht herbeischreiben. Dafür braucht es den göttlichen Funken der Inspiration, der auf die Menge übergreift ... und Organisation. Vorbildlich ist derzeit die türkische Taksim-Solidarität, ein Bündnis aus über hundert, mitunter sehr unterschiedlichen Bürgerbewegungen.

Was die massenhafte Verbindung inspirierter Entschlossenheit und präziser Organisation auch in Deutschland bewirken kann, durften wir beide als Teilnehmer der Dresdner Anti-Nazi-Blockaden erleben. Der bis dahin größte Naziaufmarsch Europas ist Geschichte. Dies ist gelungen, nachdem sich ein breites Bündnis von der autonomen Antifa über Gewerkschaften, Kirchen und Parteien bis hin zu bekannten und weniger bekannten Künstlern auf einen Aktionskonsens und ein klares taktisches Konzept einigen konnte. Beides wurde dank einer brillanten Organisation der Blockaden und großer, vertrauensvoller Einigkeit in der Aktion drei Jahre lang erfolgreich umgesetzt. „Dresden nazifrei“ ist eine Blaupause für erfolgreichen Widerstand in Deutschland.

Aber jetzt kommt es darauf an, diese Erfahrungen auf soziale Themen und den Kampf gegen den Überwachungsstaat anzuwenden. Das ist ungleich schwieriger, und die 20.000 Demonstranten von Dresden werden für dieses Unterfangen nicht ausreichen. Umfragen zufolge sind wir Deutsche ja hochzufrieden mit der Arbeit unserer Regierung. Aber wer fragt da wen? Was muss noch passieren, bis auch wir aus unserem Dornröschenschlaf erwachen und uns beispielsweise der Tatsache stellen, dass die glänzenden Erfolge beim „Abbau der Arbeitslosigkeit“ auf Billiglohn und Zeitarbeit basieren? Wer aber bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt ist, hat keinen Arbeitgeber mehr, sondern einen Zuhälter, wie Volker Pispers richtig sagt.

Es hat auch gar keinen Zweck zu hoffen, dass die Krise alle anderen zuerst erwischt und uns verschont. Die Krise ist längst da, nur noch nicht bei allen. Die Einschläge kommen näher. Wenn „Dresden nazifrei“ die organisatorische Blaupause ist, sind 1968 und 1989 deshalb die Vision. Was auch immer jeweils aus diesen demokratischen Eruptionen folgte – und wir meinen, in beiden Fällen überwiegen die positiven Folgen – bei Weitem! –, sie beweisen, dass auch der deutsche Bürger und die deutsche Bürgerin grundsätzlich zur Revolte fähig sind. Es mag lange dauern, bis in diesem alten, schweren Land die Steine ins Rollen kommen und Mauern brechen. Doch dass es möglich ist, wissen wir, wie wir auch um den Abgrund wissen, der sich gähnend vor uns auftut und in den wir alle miteinander stürzen werden, wenn wir nicht schleunigst massenhaft aufbegehren.

Kann man sich nun auch in Deutschland „räumungsfreie Zonen“ vorstellen, wo die örtlichen Behörden die Zwangsräumungen von Wohnungen nicht mehr unterstützen? Bayerische und thüringische Feuerwehrleute, die es ihren Kameraden auf Ibiza und in Galizien oder aragonesischen Schlüsseldiensten gleich tun und sich weigern, bei der Exekution von Räumungsbeschlüssen zu helfen?

Auch in Spanien haben die Allerwenigsten mit solch betörenden Schönheiten einer gesamtgesellschaftlichen Revolte gerechnet. Die Bloggerin María Luisa Toribio schreibt: „Ein großer Teil der Bürger war eingeschlafen und hatte sich enthusiastisch der Rolle hingegeben, die man sich für uns ausgedacht hatte: die der Konsumenten. Nun haben sich neue Bewegungen gebildet, die neue Formen der Bürgerbeteiligung erfinden und einfordern.“

Stolz und Tränen

Sehen wir uns die Schwulen und Lesben an! In einem Tagebucheintrag von 1992 jubelt der Prinz, weil sage und schreibe 10.000 Menschen zum CSD in Berlin kamen. Eine Sensation! Wenige Jahre später waren es auch in Hamburg oder München Hunderttausende. Und ungezählte Einzelne standen im Alltag, im privaten Umfeld, am Arbeitsplatz, in den Schulen für ihre Freiheit und gegen den Rassismus in der Liebe auf. Früher kaum vorstellbare emanzipatorische Fortschritte wurden so erkämpft – aus einer Lage heraus, wie sie nach der AIDS-Katastrophe verzweifelter kaum hätte sein können.

Alles ist möglich, wenn Leute zu sich selbst stehen; wenn sie als Einzelne und als Menge aufstehen für ihre Träume und Rechte; wenn sie mit Stolz und Tränen in den Augen stehen bleiben – und wieder aufstehen, wenn sie niedergeschlagen werden.

Du bist aber allein? Du bist aber machtlos? Soweit wir sehen können, hat Edward Snowden eine sehr einsame Entscheidung getroffen und dann gehandelt. Alleine zu sein und machtlos zu sein, ist durchaus nicht dasselbe. Auch der schweigend anklagende „Stehende Mann“ vom Taksim-Platz hat uns bewiesen, welche moralische Kraft ein einzelner Mensch entfalten kann, der im richtigen Moment die Logik einer Situation versteht und mit dem Mut, das Unvorhersehbare entschlossen auszuführen, durchbricht. Nun haben wir mit dieser Schrift den Bereich der Kunst bisher nicht verlassen, und wir werden es nicht tun, indem wir uns zu präzisen, taktischen Handlungsanweisungen versteigen. Entscheide Du selbst, was Dein Schritt ist, in die globale Revolte einzutreten. Was Du Dir zutraust, was Deine persönliche Farbe und Form der Revolte ist. Revoltiere nach Deiner Melodie.

Wir brauchen und wollen auch – und hier widersprechen wir entschieden dem anderweitig geschätzten Slavoj Žižek – keine charismatischen Führer an der Spitze einer Bewegung. Wir sind von der Notwendigkeit einer wirkungsvollen Organisation der Revolte überzeugt, aber wir vertrauen und setzen mit Antonio Negri auf die Intelligenz der Menge, auf die Selbstorganisation des Schwarms, auf die Macht derer, die sich selbst erkannt und aus freien Stücken miteinander verbündet haben. Es geht eben nicht mehr darum, dass die Einzelnen in einem großen Ganzen vereinheitlicht werden und ihre eigenen Ideen, Geistesblitze und ihre Kreativität einem fertigen Weltbild unterordnen. Wir können viele werden und dabei Einzelne bleiben, die mit all ihrer Eigenständigkeit, Verrücktheit, ja, mit ihrem individuellen Wahnsinn dazu beitragen, die Idee einer wirklichen Demokratie immer wieder neu entstehen zu lassen, selbst zu gestalten.

Wir träumen und streiten für eine aktive Bürgergesellschaft, für eine Bewegung freier, selbstbestimmter Menschen, für eine freie, selbstbestimmte Menschheit! Die Zeit der Propheten, Führer und Tribunen liegt hinter uns. Wir wünschen auch keine blutige Revolution und wollen sogar dieses ungeliebte eine Prozent an der Spitze der globalen Apartheid nicht an den Laternenpfählen aufknüpfen. Wir ersehnen eine Revolution der Liebe, eine zärtliche Revolte.

Nein, wir haben mit dieser Schrift den Bereich der Kunst nicht verlassen. Dass viele unserer Kolleginnen und Kollegen und das breite Publikum von dieser Rolle der Kunst noch kaum etwas ahnen, geht uns nichts an. Wir haben getan und gedenken weiterhin zu tun, was seit jeher das Recht und die Pflicht des Künstlers war: Wir haben der kulturfeindlichen Verkommenheit unserer irrfahrenden Zeit ein längst überfälliges „J’accuse!“ entgegengeschleudert, unser zorniges: „Ich klage an!“ Wir ergreifen Partei, wo Parteien versagen. Auf den „Luxus der Hoffnungslosigkeit“, wie Fulbert Steffensky es genannt hat, verzichten wir dankend. Aber nicht auf den Zorn, und wir bekennen uns mit Steffensky und Dorothee Sölle zur Voreingenommenheit, denn: „Es gibt eine unerlässliche Voreingenommenheit, die die Augen öffnet. Wenn ich nicht voreingenommen bin von dem Wunsch nach Gerechtigkeit, dann nehme ich das Leiden der Gequälten nicht einmal wahr. Voreingenommenheit ist die Bildung des Herzens, die uns das Recht der Armen vermissen lässt. Ein Urteil zu haben ist nicht nur eine Sache des klugen Verstandes und der exakten Schlüsse, es ist eine Sache des gebildeten Herzens. Das gebildete Herz ist nicht neutral, es fährt auf, wenn es die Wahrheit verraten sieht. Der Zorn ist eines der Charismen des Herzens.“

Aufruf zur Revolte gibt es als kostenloses E-Book im Gütersloher Verlagshaus 

 

Konstantin Wecker, geboren 1947, stand nur unwesentlich später schon auf der ersten Bühne – bei einer Kinderoper. Wuchs mit Klavier, Geige, Gitarre und dem politischen Protest der Sechziger auf. In seinen Liedern singt er gegen die bürgerliche Moral an. Strebt eine herrschafts- und gewaltfreie Gesellschaft an

Prinz Chaos II. heißt eigentlich Florian Ernst Kirner. Seit 2003 ist der Liedermacher mit Wecker befreundet. Besitzt ein Schloss in Weitersroda südlich von Erfurt, auf dem er bunte „Paradiesvogelfeste“ veranstaltet. Die thüringischen Nazis finden das nicht so toll und riefen 2012 zum Paradiesvogelschießen auf

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 37/13.

Kommentare (25)

anne mohnen 16.09.2013 | 14:24

Beide Künstler sind authentisch. Konstantin Wecker, dessen Lieder ich sehr mag, ist mit der Forderung zum Widerstand, „nein“ zu sagen, seit Jahrzehnten unterwegs. Sein soziales Engagement unbestritten.

Und P.C.?„Wir erwarten von der aktuellen Menschheitsmehrheit keine Wunder. Wir sind nicht blind optimistisch. Aber Fatalismus bringt uns auch nicht weiter. Ich hab mal geschrieben: »Frustriert ist immer das Bequemste, was einer sein kann«. Und letztlich beginnen Revolten ja nie mit der Mehrheit, sondern mit dem Mut Einzelner.“

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Ehemaliger Nutzer 16.09.2013 | 15:17

Ja, Revolte ist nötig, außerparlamentarisch wie durch die Wahl!

Natürlich nicht, um vermeintlich durch "Rot-Rot-Grün" einen "Politikwechsel" zu bewirken, denn, keine Illusionen: eine Rot-Rot-Grüne Koalition würde keinen tiefgreifenden Politikwechsel bewirken, aber DIE LINKE den Weg der Olivgrünen nachgehen lassen. Die SPD und die Grünen sind auch noch so tief im „Transatlantischen Netzwerk“ verfangen, dass sie der LINKEN tödliche Anpassung auferlegen würden. Wichtig ist aber, dass „NichtwählerInnen“ begreifen: Nicht-Wählen kratzt die Macht kein bisschen, DIE LINKE wählen stört sie aber erheblich. Damit steigt auch die Chance, den „Hohepriester“ von Profit und Egoismus, den Weinkönig Brüderle und seine gesellschaftspolitisch verkommene FDP-Bande vom Hof, sprich aus dem Bundestag zu verjagen! Hierzu http://wipokuli.wordpress.com/2013/09/16/an-alle-nichtwahlerinnen-und-nichtwahler-zeigt-der-politik-die-rote-karte/ & http://wipokuli.wordpress.com/2013/09/16/nachtrag-zu-an-alle-nichtwahlerinnen-und-nichtwahler/ !

Andreas Schlüter

Soziologe

Berlin

Rüdiger Heescher 16.09.2013 | 15:55

Wenn wir wieder eine historische Situation wie 1968 und darauf folgend "Willy wählen" 1972 bekommen, dann kann es klappen. Damit vereint sich ausserparlamentarischer Widerstand mit Parlamentarismus. Nur der "göttliche Funke" fehlt halt noch.

Vielleicht können wir 2017 oder 2021 dann hoffentlich "Sahra wählen" rufen.

Denn auch wenn wir keine Propheten oder Führer brauchen, einer muss es trotzdem machen. Da kommen wir nicht drum herum.

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Ehemaliger Nutzer 16.09.2013 | 16:35

danke ... danke !!! wir brauchen künstler in der gesellschaft ... und zwar an vorderster front ... für die herzen, die lebensfreude ... kunst im sinne von erneuerung - gegen verkrustung ... damit die menschen langsam ihren kopf in eine andere atmosphäre drehen ... und wunder - möglichkeiten - visionen sehen ...

drhwenk 16.09.2013 | 20:51

die namen negri, zizek, sölle deuten an, dass die linke eine immensen corpus an superbster theorie aufzuweisen hat, von erfahrenen leuten aller alterstufen, klassen, hintergründe. deerr geniale spinoza wusste die lösung derscheinbare unfruchtbaren stretereien: "entweder reden sie von was verschiedenem, oder sie meinem das gleiche." das is ähnlich genial wie die fundamentale rolle der identifikation und nachahmung sowie, das dass gegenliebe erzeugen der schlüssel zu allen liebesaffären aller zeiten aller völker ist. wie sollten diese ressourcen nicht wie ein feiertagsgeschirr für den tag "revolution" im schrank lassen.- ach ja, 2 % vernünftige gibt es so nach spinozistischer abschätzung. das wahlergebnis der LINKEn in bayern.

iDog 16.09.2013 | 23:28

"... die Macht derer, die sich selbst erkannt und aus freien Stücken miteinander verbündet haben" ist gegeben ... und wir können tatsächlich darauf vertrauen, dass diese Macht nicht missbraucht wird, denn sonst würde sie schon längst missbraucht werden.

Die Revolte ist längst da und die, die Angst vor ihr haben, denn sie haben diese Revolte verursacht, wissen das besser als die Revoltierenden selber.

Der Versuch die Revolte nach wie vor fein säuberlich und bürokratisch in getrennten "Gehegen" und mit personalisiertem BlaBla zu sedieren gerät zum Chaos der Widersprüche - wird selbst zur Revolte.

Auf wieviele Krücken kann die Ideologie der Wirklichkeit sich noch stützen? Propaganda nährt nur die Wenigsten.

Jeder pisse also dem Scheinriesen, der gerade vor der Haustür steht, ans Bein bis es weich werde. Ob aus Liebe zur Wahrheit oder aus Enttäuschung ...

Die Enttäuschung aber ist der erste Hoffnungsschimmer des Vereinzelten. Diese Hoffnung ist die Wahrnehmung des Defizits und auch die Ahnung und Phantasie von dem, was im entstehen und was möglich ist.

Diese Dynamik lässt sich nicht verhindern, nicht regieren.

Grabert 17.09.2013 | 00:50

Moin, lieber Andreas Schlüter,

diese Botschaft habe ich nun in diversen Threads gelesen, das macht mir die Worte aber irgendwie auch nicht symphatischer. Aber der Reihe nach, im Text von Wecker und Co. lese ich viel "ich klage an" aber kein "ich biete an", ich lese in vielen Posts heute von destruktiven Wegen, nicht von konstruktiven. Ich lese von Steinen, die man in den Weg werfen will, nicht von Brücken, die es zu bauen gilt. Hier machen es sich "die Revolutzer" aus meiner Sicht deutlich zu einfach. Wenn niemand einen konstruktiven Gedanken fasst, dann bleibt nach einem Aufstand nur ein jämmerlicher Trümmerhaufen der Ideale, von denen man einst geträumt hat. 1989/1990 hatte man das große Glück, die konstruktiven Gedanken nicht alleine fassen zu müssen. Die Französische Revolution, Mutter aller Aufstände, scheiterte letztlich im unorganisierten Wirken der Jakobiner. Die russische Revolution ebenso im Leninismus und Stalinismus. In Italien ging in den 1990ern das Parteiensystem unter, Berlusconi konnte bis vor kurzem darüber lachen.

Wer den Aufstand probt, der/die sollte auch einen guten Plan haben, wie es nach dem Aufstand laufen soll und die Leute sollten dies auch vorher wissen. Aufstand um des Aufstands willen ist mir zu wenig Substanz.

Ihr Aufruf jedenfalls zementiert bestenfalls eine Fortführung der bestehenden Koalition, schlimmstenfalls eine Große Koalition, die deutlich problematischer werden dürfte als jene von 1966, die Willy Brandt die Bahn ebnete, oder die von 2005, die noch nicht das Chaos der letzten vier Jahre bedeutete. Die größte Gefahr sehe ich darin, dass langfristig auch die letzten Sachpolitiker aufgeben und nur noch Geschrei vorherrscht. Und dann darf man wohl gespannt sein, welche Hohepriester auf das Tapet kommen. Ich möchte es besser nicht erleben müssen, meist sind es Vertreter einer Minderheit, die sich erlaubt, für die (schweigende) Mehrheit zu sprechen, ob von links oder von rechts.

Beste Grüße

Grabert

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Ehemaliger Nutzer 17.09.2013 | 02:44

Wir brauchen keine Revolte weil das Blutvergießen bedeutet und das nütz nur den feudalistisch konservativen Kräften. Die einzige Revolte die was nützt ist eine demokratische und das könnte der Bürger, vor allem die Nichtwähler, am Sonntag leisten wenn sie die Linkspartei wählen. Die Linkspartei ist die einzige Partei die für einen Politikwechsel steht!!!!

tlacuache 17.09.2013 | 08:25

Der Kommentar hat was...

;-)

Man muss natürlich sagen, dass z.B. der Rote Dani '68 auch keinen Plan hatte, auch J. Fischer hatte keinen Plan, so '79,

aber da kam er, der PLAN:

Ein Gang durch die Institutionen, ob Afg, Piraten oder die Linke, das steht ihnen noch bevor, wenn man erst mal von den Chefsesseln der Autobranche zum Dinner geladen wird, kommt schon ein Plan, oder Jörg Asmussen, der sich als SPD Mitglied für forderungsbesicherte Wertpapiere einsetzte, das ist ein grosser Plan, da kann sogar Ackermann gut schlafen und Mutti kann beim Mitglieds des Direktoriums der Europäischen Zentralbank (Asmussen bis 1. Januar 2020) nachfragen, ob sie denn jetzt gut schlafen kann...

Die Transatlantiker haben schon einen Plan, aber der geht die deutschen Wähler nix an, der hat nämlich mal NULL PLAN...

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Ehemaliger Nutzer 17.09.2013 | 09:58

Was mir besonders gut gefallen hat an dem Text, ist die Einheit in der Vielfalt, die immer hervorgehoben wird. Dass man sich nicht zu etwas treiben lässt von irgendwelchen Parolen, sondern aus sich heraus das tut, was man wichtig findet und kann. Dass es nicht darum geht, anderen zu sagen was sie zu wollen haben. Was jeder soll, muss verschieden und individuell sein.

Und das weiß nur er und sie. Ich glaub das Individuelle, Inspirierte macht den Unterschied aus zwischen einer Bewegung und einem Mob. Man darf sich nicht von Schlachtrufen in einen Kampf führen lassen, egal von wem sie kommen, egal wie gut die Sache ist. Man kann nur für seine eigene Übrzeugung einstehen, nie für die anderer. Die Überzeugungen und kleinen Schlachten können sich in ein Größeres einfügen oder sie verpuffen unbemerkt. Das ist gar nicht wichtig. Hauptsache man tut es. Auch glanzlos, fehlerhaft, gutwillig, peinlich, es einfach versuchend. Jeder auf seiner/ihrer individuellen Plattform. Auf dem Fundament anderer kann man nicht stehen.

Sonst nimmt sich die Beweung ihrer größten Kraft, nämlich die authentische Vielfalt der Masse. Das war ein schwerer Fehler an der Frauenbewegung, dass sie zu wenig beachtet hat, dass es ganz viele verschiedenartige Frauen gibt und nicht nur einen Typ. Dass sie nicht alle das Gleiche wollen, aber jede will Gleichberechtigung, jede auf ihre Art. Wenn das Individuelle keinen Raum hat, verengt sich die Bewegung und ist entkräftet.

Als ich den Text gelesen hatte, bin ich aufgestanden und dachte, aber ich will nicht soviel Widerstand ich will Fürstand... ;-) der Satz ist schwer verbesserungsbedürftig ^^, aber sagt, was ich meine, ich will keine Revolten, bei denen Ideen wichtiger sind als Menschen, keine Opfer, keinen Krieg, keine Helden.

Ich weiß, dass Viele das wollen. Aber ich denk, dass ein bisschen guter Wille wichtiger ist als eine Heldentat, dass es gut ist sich zu bemühen, mit seinem Mut und seiner Hilfsbereitschaft und damit mal einen Schritt zurückweichen, um abzuwarten, ob sich nicht in einem Toleranz entwickeln kann, bevor man jemandem die Fresse poliert. Ich weiß ich weiß, Auseinandersetzungen, Polarisierung, Konfrontation und Steine schmeißen, sehr wichtig, sehr demokratisch, aber es ist nicht als Vision in mir drin.

In mir ist drin, dass man immer an seine Grenzen geht, aber niemals drüber. Ich möchte nicht, dass sich irgendjemand opfert. Egal wofür. Wenns nach mir ginge, könnten wir sämtliche gute Sachen, wofür sich auch nur ein einziger opfern und leiden muss, auf einen großen Haufen schmeißen und verbrennen. Den Kack einfach weglassen und uns wie Menschen benehmen.

Ich weiß für viele geht der Weg über das "Gegen", das sollen sie mal machen (ich versuche derweil Toleranz dafür zu entwickeln, mehr geht nicht^^), aber ich will die Helden nicht bewundern und ich will auch keinen Job als Sanitäterin für ihre Kriegswunden. Ich zieh derweil ein paar Karotten, wenn es fürs Pflanzen eines Apfelbaums nicht reicht ;-)

@ Wecker: ich bin seit ich 14 bin ein großer Fan. Die erste LP, die ich mir überhaupt gekauft habe, war von Ihnen (Liederbuch, weil Konstatin Wecker live war zu teuer) und ich fürchte Wecker live könnte ich noch heute fehlerfrei aufsagen und -singen^^

rioges 17.09.2013 | 11:24

"Man muss das am nackten Körper brennende vietnamesische Mädchen aus dem Dorf laufen sehen, um zu verstehen, was Napalm bedeutet."

Das scheint mir eines der Grundprobleme, die Menschen abstrahieren zu wenig, meist brauchen sie die eigene Betroffenheit. Ob Stuttgart 21, ob die anhaltenden montäglichen Demos am Frankfurter Flughafen, ob der Kampf gegen prekäre Arbeitsverhältnisse - ohne die eigene Betroffenheit geht fast nichts.

Und hier ist ein weiteres Problem im Kampf gegen die vielen sozialen Missstände: In diesen Fällen kippen dann die meisten Betroffenen ganz weg, gehn nicht mehr Wählen oder verfallen in Lethargie oder suchen sich eigene Sündenböcke.

Gibt es dann einmal Bündnisse, sind sie meist, wie Blocupy o.ä. recht bescheiden: Mit dutzenden von mitunterschreibenden Minigrüppchen lügt man sich oftmals selbst in die Tasche.

Warum kommt den der Nichtwahlkampf in Bayern oder im Bund so gut an bei den Menschen? Weil das Nichtbenennen von Problemen die Menschen in ihrer scheinbaren Ruhe belässt. Bis sie betroffen sind.

Schön wenn die beiden Künstler über unsere düstere Zukunft nachdenken - allein ihnen fehlt der Resonanzboden.

Eberhardt 17.09.2013 | 12:53

Schön Konstantin, dass du uns beistehst. Es ist immer gut von deiner Menschlichkeit zu hören und zu lesen.

Aber Revolte tut es alleine nicht. Wie manch andere es auf dieser Seite geschrieben haben, brauchen wir ein(en) Plan/Prokekt, dass für die Menschen glaubwürdig ist.

Ich würde so gerne, dass Du mir das Lied singst,

von den Menschen, die nach gandhischem Vorbild eine gewaltfreie Revolution in die Wege leiten,

von den Bürger, die die Produktionsverhältnisse demokratisch ändern, wo die Konzerne zerschlagen werden und nur noch kleine und mittelständische Unternehmen gesunde Produkte herstellen,

von den Menschen, die Grundbedürfnisse herstellen und sich während ihrer Freizeit in Kunst, Politik, Geschichte, gemeinnützige Forschung, Soziales entfalten,

von der Abkehr von dem pyramidalischem System, wo die Spitze entscheidet und wir dagegen mit der Basis lokal und regional die Politik selbst entscheiden,

von Vater und Mutter, die genug Zeit aufbringen, um sich liebevoll um die Kinder zu kümmern,

von einer Schule, die die Jungend zu politisch bewusste Menschen ausbildet,

von der Liebe, die aus eros, agape und philia besteht.

Dieses Programm mit organisierten Menschen aufzubauen ist die Aufgabe des 21. Jahrhunderts. Ich weiss, es ist schwer, aber es ist wichtig schon jetzt mit den entsprechender Praxis anzufangen.

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Ehemaliger Nutzer 18.09.2013 | 06:42

ja, dass kann ich unterschreiben ... auch ich bin für "fürstand"

doch auch schwierig zu machen ... gesehen aus der tradition ... der widerstand im 3.reich u.a.

schwer zu ignorieren was in der gesellschaft "läuft" und mit einem emanzipierten EIGENENTWURF sich zu artikulieren (ohne bezug zu nehmen)

doch schwierig hin und her - ich sehe auch nur da den weg ... das verbindende lied des "fürstandes", welches übergreift und den chor der aufrechten immer lauter klingen lässt ... der text und die melodie sind noch nicht fertig ... und doch ... möglicherweise schon viele komponisten daran ...

gelse 18.09.2013 | 06:47

>>...DIE LINKE wählen stört sie aber erheblich.<<
Um zu verstehen warum muss man sich nur mal Parteispendenlisten anschauen.
So ein Wahlkreuzlein beim Störfaktor zu machen kostet keine Anstrengung, und man läuft auch nicht Gefahr von der Obrigkeit bestraft zu werden.
Aber das kann natürlich nicht Alles sein, es ist nur ein allererster Schritt zum Ungehorsam. Was darüber hinaus geht, braucht mehr Mut. Wir brauchen Zeit, um ihn aufzubauen, hoffentlich nicht zuviel Zeit...

Eberhardt 19.09.2013 | 14:55

Jeder auf seiner/ihrer individuellen Plattform. Auf dem Fundament anderer kann man nicht stehen.



Wenn das Individuelle keinen Raum hat, verengt sich die Bewegung und ist entkräftet.



aber ich will nicht soviel Widerstand ich will Fürstand..



ich will keine Revolten, bei denen Ideen wichtiger sind als Menschen,



einen Schritt zurückweichen, um abzuwarten



immer an seine Grenzen geht



sämtliche gute Sachen... auf einen großen Haufen schmeißen und verbrennen


Liebe Christine,

Ich bin wie Sie. Ich will auch Fürstand. Sie beschreiben eigentlich die göttliche Liebe von der uns Jesus erzählt hat. Wie lieben Gott und umgekehrt. Wir lieben uns auch untereinander. Und das schönste ist wenn agape, philia miteinander vereint sind. Die Gefühle sind grundlegend, um einen richtigen und erwachsenen Mensch zu sein.

Doch meine ich, dass Sie den anderen Teil unseres Menschseins vergessen. Wir sind gesellschaftliche Wesen, wie übrigens alle Lebewesen. Seit Gott, oder welch auch immer ein unergründliches Prinzip, den Urknall provoziert hat, ist ein dialektisches oder dialektisch verwandtes System entstanden: Die Planeten brauchen Sterne, um eventuell das Leben entstehen zu lassen. Mann und Frau überwinden ihre Unterschiede, um sich langfristig um ihre Kinder zu kümmern.

Aus diesem Grund soll man nicht die Spannungen einfach unter den Teppich kehren, nur um fürständig zu sein. Es ist sehr wichtig, ob in den Familien oder in der Gesellschaft, die verschiedene Widersprüche zu untersuchen, bevor man einen guten Weg findet.

Ich kenne eine Frau, sie will immer alles schlichten. Sobald Spannungen in der Gruppe auftreten, geht sie zu jedem hin und redet zu jedem ein, damit es keinen Krach gibt und alle Probleme vergessen werden, ohne dass bestimmte praktische und ethische Lösungen gefunden werden. Diese Frau ist sehr sehr lieb und würde sofort vom Papst heilig gesprochen werden, wenn er von ihr erfahren würde. Doch besteht in dieser Gruppe leider immer noch Krieg, weil eben sich nichts auf der ethischen Ebene bewegt. Konservativ, selbstzerstörerisch. Das ist auch die Situation unserer post-christlichen Gesellschaft.

Ich habe über diese Probleme zwei Konferenzen abgehalten. Sie können, falls Sie das wünschen, die Texte auf meine persönliche Seiten lesen:

Familiengeheimnisse und andere Tabus

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Ehemaliger Nutzer 19.09.2013 | 20:28

Vielen Dank für Ihre nette, innige Antwort! Aber ich fürcht (also bin mir sicher ^^) da bin ich wohl zu lieb rübergekommen. So lieb bin ich nicht, ich wollte das FÜR nur neben das WIDER stellen, das hab ich wohl nicht ausreichend gemacht. Persönlich bin ich auch eine ziemliche Streitaxt, aber insgesamt bau ich lieber auf, als ins Wider zu gehen. Ich wollte sagen, dass das Individuelle, dem der Artikel so wohltuend Raum gibt, auch darin bestehen kann, dass man im Widerstand wenig Erfüllung findet.

Aber natürlich ist die Notwendigkeit von Widerstand (gegen Unrecht) nicht verhandelbar. Ich möcht das andere nur danebenstellen.

Ich glaube Sie haben mich eh verstanden, zumindest fühl ich mich verstanden, vielleicht aber auch nur, weil Sie so warm und freundlich geschrieben haben :-))

Wie auch immer ^^: Danke und LG

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Ehemaliger Nutzer 24.09.2013 | 09:03

Aber natürlich ist die Notwendigkeit von Widerstand (gegen Unrecht) nicht verhandelbar.

Der ist sogar Gesetz: Artikel 20 GG Satz 4: Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben all Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.

Andere Abhilfe sind legaler Streit, Dialog oder gar Streik - das heißt Verweigerung von Leistungen.

Grabert 24.09.2013 | 10:24

Moin, liebe(r) Derde,

nein, natürlich nicht rumdösen. Eine gelebte Demokratie ist anstrengend für alle Seiten, daher findet sie auch fast nirgends statt. Meist ist es nur ein müder Abklatsch, man hat es ausgerechnet bei S21 gesehen. Ja, ich weiß, dort sind die Leute aufgestanden, die wir nun dank S21 "Wutbürger" nennen dürfen. Vielfach wird dies aber auch wieder als gelebte Demokratie missverstanden.

Das klingt paradox, ich werde es begründen. Das Planfeststellungsverfahren lief über einen langen Zeitraum, in dem immer bekannt war, was die Bahn in Stuttgart plant, das Ding fiel ja nicht vom Himmel. Aber außer einer Anzahl "Hardcore-Interessierter" ging die Planung aber den meisten Menschen, auch sehr vielen der späteren "Wutbürger" am Allerwertesten vorbei. Sie wurden erst aktiv, als mit rechtskräftiger Planfeststellung Hand an die Bäume und das Bahnhofsgebäude gelegt wurde.

Gut, man kann durchaus kritisieren, dass Planfeststellungsverfahren und das Gegenstück Bauleitplanung nicht einfach zu verstehende Vorgänge sind und nur begrenzt Einflussmöglichkeiten bieten. Auch ich sehe das so, aber nicht die punktuellen Widerstände oder hypothetischer flächendeckender Aufruhr bei anderen Fragen sind der richtige Weg, richtig kann nur das aktive Mitwirken sein. Dafür muss aber einerseits der rechtliche Rahmen gegeben werden und andererseits wird man es nicht vom Fernsehsessel aus erreichen, egal ob man dort BILD lies oder RTL sieht. Ich tue beides nicht.

Um noch einmal den Bogen zum Aufstand zu nehmen, Aufstände bilden immer den Höhepunkt in versagenden gesellschaftlichen Systemen. Das Problem eines jeden Aufstands ist aber, dass an seinem Ende etwas neues steht oder zumindest stehen sollte. Auf einige Aufstände folgte die "immerwährende Revolution", das zum Prinzip erhobene Provisorium. Auch das ist in meinen Augen keine wirkliche Lösung.

Dem spricht auch nicht entgegen, wie tlacuache schrieb, dass auch "der Rote Dani" keinen Plan hatte, was mich allerdings auch nicht wundert. Von den 68ern hatte wohl niemand wirklich einen Plan. Und genau deswegen blieben die 68er ja letztlich auch nur eine kurze Zwischenepisode, selbst wenn einige der damaligen Protagonisten bis heute "nachwirken".

Beste Grüße

Grabert