Aufs Kreuz gelegt

A-Z Miese Tricks Acht Badminton-Spielerinnen wurden bei Olympia disqualifiziert, weil sie verlieren wollten, um starke Gegner zu vermeiden. Mies, aber da gibt's noch ganz andere Tricks
Aufs Kreuz gelegt
Eigentlich ist der Igel ein übler Trickser, der nichts von Fair Play hält

Abb: Gustav Süs

A

Abofallen Sie sind die Kaffeefahrten auf den Datenautobahnen. Wie der organisierte Kaufzwang von Kamelhaardecken an Hartnäckigkeit kaum zu überbieten ist, so sind auch Abofallen trotz tausender Warnungen nicht totzukriegen. Ein paar persönliche Daten sind schnell eingegeben, wer will schon auf einen Lebenserwartungs-Rechner verzichten? Kriminelle Kreativität und User-Leichtgläubigkeit gehen dabei eine so unheilige Allianz ein, dass sogar das Bundesverbraucherministerium reagieren musste – der Markt regelt wohl doch nicht alles. So gibt es nun einen Kostenfinder als Browser-Plugin, der aufs fiese Kleingedruckte hinweist, und in einem Computerspiel mit süßem Raben kann man lernen, worauf es zu achten gilt. Nach diesem Schachzug lässt sich der nächste fiese Trick voraussagen: Auf registrierungspflichtigen Websites wird dann bald vor Abofallen gewarnt werden. Tobias Prüwer

B

Bibel Der Vatikan ist ja bekanntlich Kummer gewohnt, was miese Machenschaften angeht. Warum aber soll es im Kirchenstaat auch frommer und friedlicher zugehen als anderswo – zum Beispiel in der Bibel? Im Heiligen Buch wird getrickst, dass sich die Seiten rollen. Allen voran im Alten Testament Rebekka und ihr Sohn Jakob, immerhin einer der Erzväter der Israeliten und eine zentrale Figur für das Juden- wie das Christentum. Mutter und Sohn erlaubten sich einen veritablen Beschiss: Jakobs älterer und zottelhaariger Zwillingsbruder Esau sollte dem altersschwachen, fast blinden Vater Isaak eine leckere Jagdplatte zubereiten und dafür den Segen des Erstgeborenen erhalten. Rebekka bekam Wind davon und schickte ihren Lieblingssohn Jakob, in ein Ziegenfell gekleidet und mit Wildragout bewaffnet, zum Stammhalter. Der fiel darauf herein und gab Jakob den Segen. Esau soll über das unerlaubte Überholmanöver stinksauer gewesen sein. Mark Stöhr

E

Ehrenwort „Darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort.“ – Mit dieser Floskel werden schmutzige Tricks oft eingeleitet. Ob nun Uwe Barschels Ehrbekundung, Norbert Blüms sichere Rente, Bill Clintons vermeintliche Sexabstinenz oder Richard Nixons Watergate: Der Wortbruch hat demokratische Tradition. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen präventiven Ehrenworten, etwa Steuernichterhöhungsversprechen vor Wahlen, und defensiven. Diese werden oft als Salami-Rückzugstechnik angewandt, wie etwa Guttenbergs Plagiatsaffäre zeigte. TP

G

Geschlossene Systeme Niklas Luhmann widmete sein Leben dem Studium der selbstreferentiellen Systeme. Möglicherweise würde er heute als ein weiteres Studienobjekt ein Apple-Gerät hinzuziehen. Denn auch wenn sie sich oft in Weiß und Alu tarnen, stellen iPad & Co. die goldenen Käfige des 21. Jahrhunderts dar. So ist es mit der grenzenlosen Freiheit in der digitalen Welt, mit der die Geräte gern beworben werden, nicht mehr weit her, wenn nur Apps von Apples Gnaden aufs iPhone dürfen.

Geschlossene Systeme lassen sich, so war sich Luhmann sicher, nicht wirklich reformieren. Klar, „Feedback“ in Rückkopplungsschleifen – bei Apple wohl Umfragen und Kundenberatung – kann auf Ecken und Kanten im Prozess hinweisen, die es abzuschleifen gilt. Ein grundlegender Systemwandel ist aber bei geschlossenen Systemen nicht möglich. Da bleibt nur die Revolution, die Kündigung des Gesellschaftsvertrags, in marktwirtschaftliche Logik übersetzt also der Gang zur Konkurrenz. Kein Wunder, dass Apple gerade so klagewütig gegen Samsung vorgeht. TP

H

Hase und Igel Das Märchen Der Hase und der Igel ist wohl eine der am häufigsten missinterpretierten Erzählungen. Die geläufige Auslegung ist, dass hier Schläue über körperliche Vorzüge triumphiert – der kluge Igel siegt durch den täuschenden Einsatz seiner Igel-Frau über den schnellen Hasen. Betrachtet man die Geschichte aber andersherum, zeigt sich, dass der Igel ein übler Trickser ist, der sich über jeden Fair-Play-Gedanken hinwegsetzt. Vergleiche zu olympischen Badminton-Spielerinnen drängen sich auf ( Verlieren). Dass in der Original-Fassung der Igel als „kleiner Mann“ charakterisiert wird, der es dem hohen Herren (Hase) mal richtig zeigt, macht es auch nicht besser. Denn im Original bricht der Hase beim 74. Rennen schließlich tot zusammen. Ganz schön mies. Jan Pfaff

Häusliche Gewalt Man hat eine Meinungsverschiedenheit mit seiner Partnerin, setzt sich mit seinen sehr, sehr guten Argumenten aber nicht so recht durch. Jeder weiß: Das kann unglaublich aggressiv machen, aber jetzt gelten fernöstliche Tugenden. Jetzt muss man sich beherrschen. Jetzt darf man seine Partnerin nur leicht anschubsen, sodass sie zurückschubsen muss; nach den Gesetzen der Psycho-Physik wird das so heftig sein, dass man umfällt. Dabei gilt es, so „unglücklich“ auf die Hand zu fallen, dass sie verstaucht wird. Das authentische Klagen über die Schmerzen, vollends nach einer schlaflosen Nacht, wird bei der Partnerin ein enorm schlechtes Gewissen und tätige Reue erzeugen, umso mehr, als sie eine Frau ist, die mitbekommen hat, dass dubiose Männerrechtler ein weiteres „Tabu“ brechen und endlich über die unglaubliche Gewalt sprechen wollen, die Frauen millionenfach an Männern verüben. Es ist also vielleicht doch was dran! Aber Vorsicht: Man kann sich bei diesem Trick leicht die Hand brechen. Das wäre dann des Guten zu viel. Michael Angele

K

Kreide fressen Der Wolf verdankt sein schlechtes Image nicht zuletzt den Grimms. In den von den Brüdern Grimm überlieferten Märchen ist der Wolf – man kann es nicht anders sagen – ein fieses Schwein. In Rotkäppchen frisst er erst die Großmutter und zieht sich dann deren Nachthemd über, um sich über die arglose Enkelin herzumachen. In Der Wolf und die sieben jungen Geißlein benutzt er eine doppelte Tücke, um sich die alleingelassenen Geißenkinder einzuverleiben: Erst frisst er Kreide, um seine Stimme geschmeidig zu machen. Als das nicht hilft, bestäubt er seine Pfote mit Mehl und erhält so Einlass ins Haus. Der Rest ist ein Massaker mit nur einem Überlebenden. Der Wolf ist ein Grobian und Gewalttäter in der Mythologie, aber anders als der Igel (Hase und Igel) auch immer als Schuft erkennbar, sogar im Schafspelz. MS

S

Scheidung Wer noch nie mit der Materie zu tun hatte, kann sich kaum vorstellen, wie viele üble Tricks es in Scheidungsverfahren gibt. Bestenfalls kennt man einige aus Hollywoodfilmen oder Klatschmagazinen. Scheidung ist eine Wissenschaft für sich, eine sehr schmutzige.

Es gilt: Alles ist möglich. Angriffspunkte sind das Vermögen (Geld verprassen, den anderen wegen Steuerhinterziehung anschwärzen, arbeits-/mittellos werden), die Kinder (vom Partner entfremden, gegen ihn aufhetzen, ins Ausland schaffen) oder das Aufdecken schmutziger Geheimnisse (Liebschaften, sexuelle Perversionen). Für die Nichtinvolvierten ist es dabei immer wieder faszinierend, wie aus inniger Liebe tiefster Hass werden kann, der auch vor dem finanziellen und gesellschaftlichen Ruin des Ex-Partners nicht zurückschreckt. Sophia Hoffmann

U

Ur-Trick Das Trojanische Pferd ist eine der frühesten Listen der Literaturgeschichte (Bibel). Nach zehn Jahren glückloser Belagerung meinte der Grieche Odysseus: „Ich hab’s!“ Er ließ die Seinen ein großes Holzpferd zimmern, stellte es vor der Stadtmauer ab und fingierte den Abzug. Unvorsichtig parkten die Trojaner das Pferd in ihrer Stadt und wurden von darin versteckten Griechen überrascht. Mögen heute konservative Politiker im Beitritt zum Euro-Raum den folgenreichsten Trick Griechenlands ausmachen, so war doch dem Trojanischen Pferd als Metapher der größte Siegeszug bestimmt. Als „Bundestrojaner“ hat es es sogar in die digitale Politik geschafft. TP

V

Verlieren Schaut man sich die Zusammenfassung der abgekarteten Badminton-Spiele in London noch mal an, wirkt das Ganze wie Slapstick. Das bemerkte auch das Olympia-Publikum vor Ort und bedachte die clowneske Performance mit scharfen Buh-Rufen. Verwundert wie kleine Kinder blickten favorisierte chinesische Badminton-Spielerinnen den Bällen hinterher statt sie zu treffen. Von Fair Play – dem olympischen Ideal – keine Spur, weshalb die Disqualifikation aller vier involvierten Teams aus China, Südkorea und Indonesien auf dem Fuße folgte. Auch im Nachhinein sind sich die Athletinnen keiner Schuld bewusst und schieben ihr Versagen auf vorausgegangene Verletzungen. Die Ideengeber sind aber wohl eher auf den Trainersesseln und in den Chefetagen der zuständigen Verbände zu finden. Tricksereien gibt es im Sport immer wieder, allerdings sind sie, wenn sie auch noch so offensichtlich sind, nicht besonders effektiv. Sondern einfach nur peinlich. SH

W

Watergate Am 17. Juni 1972 wurden in Washington im Hauptquartier der Demokratischen Partei fünf Einbrecher verhaftet. Sie hatten versucht, Abhörwanzen anzubringen und Dokumente zu fotografieren. Gleich wurde eine Verbindung zu den Präsidentschaftswahlen hergestellt, die im Dezember desselben Jahres stattfanden. Die Ermittlungen bestätigten das. Die „Watergate-Affäre“ war geboren, die Mutter aller politischen Skandale nach dem Zweiten Weltkrieg, benannt nach dem Häuserkomplex, in dem sich die Parteizentrale der Demokraten befand. Eine Reihe von unglaublichen Verstößen während der Ära Nixon kam in der Folge ans Licht: Lauschangriffe auf Journalisten, illegale Parteispenden, schwarze Listen mit Gegnern der Regierung, deren gezielte Durchleuchtung durch die Steuerbehörden oder, wie zum Hohn, eine Steuerhinterziehung durch den Präsidenten selbst. Nixon kam 1974 einer Amtsenthebung durch seinen Rücktritt zuvor. MS

Z

Zusatz Als einer der miesesten Tricks der internationalen Diplomatie muss das geheime Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1939, dem Hitler-Stalin-Pakt, gelten. Während die beiden Staaten sich im öffentlichen Teil als friedliebend beschrieben und einander versicherten, sich nicht gegenseitig angreifen zu wollen, teilte man im Zusatzprotokoll die Interessensphären in Osteuropa auf und bereitete die Teilung Polens vor. Der Pakt wurde am 24. August 1939 in Moskau unterzeichnet, knapp eine Woche später marschierte Hitler-Deutschland in Polen ein.

Allerdings war auch der offizielle Teil des Hitler-Stalin-Pakts nicht mehr als ein mieser Trick, wie sich knapp zwei Jahre später zeigen sollte. Im Juni 1941 brach Deutschland mit dem von langer Hand geplanten Überfall auf die Sowjetunion auch diese Abmachung. jap

13:00 10.08.2012
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