Queere Lebenslust als anarchische Bewegung für ein freies Leben

Gesellschaftsstudie Die US-amerikanische Kultursoziologin Saidya Hartman erzählt fulminant intime Geschichten Schwarzer Weiblichkeit und Queerness
Was in den Akten als unsittlich, promisk und krankhaft pathologisiert wurde
Was in den Akten als unsittlich, promisk und krankhaft pathologisiert wurde

Foto: Mario De Biasi/Mondadori via Getty Images

Zuerst stieß Saidiya Hartman auf das Foto eines nackten Schwarzen Mädchens auf einem alten Rosshaarsofa – und war gefesselt von dem wütenden Blick. Dann beschloss die Professorin an der Columbia University in New York, dem möglichen Schicksal dieses Mädchens auf den Grund zu gehen. Beschäftigte sich dafür mit der Soziologie des Gettos, sichtete Polizeiakten, Zeitungsberichte, Notizbücher und Bildarchive. Doch wo sie auch suchte, Mädchen wie ihres gingen stets elendig zugrunde. In den Fallakten und Studien wurde ihr Widerstand gegen gesellschaftliche Normen zum kriminellen Muster erklärt. Hartman aber wollte daran glauben, dass diese Frauen ein aufrechtes Leben führen konnten. Um ihre Rebellion als Akt der Selbstermächtigung zu identifizieren, musste sie zwischen den Zeilen lesen, um die verankerte Geschichte aufzubrechen.

Die weiße Sittenpolizei

Es ist keine streng akademische Herangehensweise, die die Expertin für afroamerikanische Literatur- und Kulturgeschichte für ihre intime Chronik schwarzer Radikalität gewählt hat. Das Lesen „gegen den Strich“ hat sie mit der literarischen „Methode des verschränkten Erzählens“ ergänzt, um individuelle biografische Informationen mit kollektivem historischem Wissen zu verbinden und dort imaginierend weiterzuschreiben, wo das beredte Schweigen der Archive beginnt. Hartman ist für diese Form der kritischen Befragung historischen Materials bekannt. Sie hat sich immer wieder mit den problematischen Beziehungen zwischen Erinnerung, Erzählung und Darstellung auseinandergesetzt, um die vielschichtigen Erfahrungsräume Schwarzen Lebens ans Tageslicht zu bringen, wie etwa der Essayband Diese bittere Erde beweist. In ihrer mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Erkundung Aufsässige Leben, schöne Experimente zeigt Hartman, wie die fortgesetzte Verflechtung von Rassismus, Gewalt und Sexualität in den amerikanischen Städten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine ins Zwielicht gerückte Schwarze Freiheitsbewegung hervorgebracht hat: „Nach dem Sklavenschiff und der Plantage entfaltete sich die dritte Revolution des schwarzen Intimlebens in der Stadt. Hausflur, Schlafzimmer, Treppe, Dach, Luftschacht und Kitchenette-Zimmer boten Raum zum Experimentieren.“

In diesen städtischen Räumen beobachtet sie den aktiven Widerstand gegen die Konventionen der sexuellen Schicklichkeit der weiß und männlich dominierten Gesellschaft ihrer Zeit. Nichteheliche Partnerschaften, flüchtige Beziehungen und queere Konstellationen waren im Getto an der Tagesordnung. Hartman wertet diese Arrangements, die sexuelle Konventionen und Gendergrenzen überschritten, als pragmatisches Instrument, um mit den Folgen von Rassismus und Gewalt, die die Schwarze Familie immer wieder auseinanderrissen, umzugehen. Allgemeine Entwicklungen und konkrete Lebenswege analysierend zeigt sie, wie sich aus dieser Praxis Schwarzen Überlebens eine subversive Bewegung entwickelt hat, die im kreativen und lebensbejahenden Aufstand gegen die althergebrachten Normen eine ungeheure Anziehungskraft – auch über die Color Line hinaus – entwickelte.

Die weiße Sittenpolizei führte den Kampf gegen liberale Tendenzen äußerst hinterhältig und brutal. Nichtverheiratete Frauen und junge Mädchen wurden als potenzielle Prostituierte und Herumtreiberinnen verfolgt. Dabei konnten sich die Sittenwächter auf Gesetze stützen, die die Sklaverei in neuem Gewand wiederauferstehen ließen. Billie Holiday schrieb in ihrer Autobiografie Lady Sings the Blues: „Frauen wie meine Mutter, die als Dienstmädchen arbeiteten und Büros sauber machten, wurden auf dem Heimweg aufgegriffen und der Prostitution beschuldigt. Konnten sie die Kaution zahlen, waren sie wieder frei. Wenn nicht, kamen sie vor Gericht, wo ihr Wort gegen das eines dreckigen, geschmierten Polizisten stand.“

Hot Spots queerer Lebenslust

Was in den Akten als unsittlich, promiskuitiv und krankhaft pathologisiert wurde, deutet die Amerikanerin als anarchische Bewegung für ein freies Leben um. Die Revuetänzerinnen, Bulldaggers, Lady Lovers und Freudenmädchen, die ästhetischen Schwarzen, schwarzen Lesben und Anarchistinnen, deren intime Schicksale Hartman aufblättert, waren Racheengel für die fortgesetzte Knechtschaft der Schwarzen Frau. Anhand ihrer Lebenswege führt die Historikerin aus den Besserungsanstalten hinaus in die Hot Spots queerer Lebensfreude, in den Garden of Joy oder das Clam House, wo die funkigen Rhythmen von Ragtime-Drag, Funky Butt und Black Bottom Menschen ermutigten, das Gefängnis der harten Wirklichkeit zu verlassen.

Hartman arbeitet mit literarischer Imagination, um die unzähligen Schicksale nachzubilden und zu einer gemeinsamen Erzählung zu verdichten. Ihre von Anna Jäger sorgfältig übersetzte Suche ist nichts weniger als die fulminante Rehabilitation der ins kriminelle Abseits gedrängten Schwarzen Weiblichkeit. Die Texte afroamerikanischer Autor:innen des 20. Jahrhunderts liest man jetzt mit anderen Augen. Die zahlreichen Fotografien der queeren Lebenskultur im Buch bilden das notwendige Gegengift für die entblößten und gebrandmarkten Schwarzen Körper, die im kollektiven Gedächtnis deutlich präsenter sind. Mit diesem wissenschaftlich aufsässigen Ansatz verändert die Kulturhistorikerin nachhaltig die Perspektive auf Schwarze Intimität und Zugehörigkeit. Sie lenkt unseren Blick auf queere Pionier:innen, deren Verbrechen darin bestand, sich frei durch die Stadt zu bewegen und mit ihrer Lebenslust öffentlichen Raum zu reklamieren.

Info

Aufsässige Leben, schöne Experimente Saidiya Hartman Anna Jäger (Übers.), Claassen 2022, 528 S., 28 €

Diese bittere Erde (ist womöglich nicht, was sie scheint) Saidiya Hartman Yasemin Dinçer (Übers.), August Verlag 2022, 150 S., 14 €

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