Aufschneider

A–Z Prinzipiell verwerflich ist die Hochstapelei aber nicht, bereichert sie doch die Karriereplanung, den Städtebau – oder die Medienlandschaft: unser preisgekröntes Lexikon
Redaktion | Ausgabe 28/2016
Aufschneider
Foto: Evening Standard/Hulton Archive/Getty Images

A

Akademiker Doktortitel gelten manchen immer noch als unerlässlich für das berufliche Fortkommen (➝ Schauspieler). Wenn man sich dazu noch in ohnehin statusorientierten Milieus bewegt, zur Anfertigung einer Doktorarbeit jedoch nicht in der Lage ist, scheint sich das Plagiat anzubieten. In den vergangenen Jahren machten zumindest zahlreiche Politiker Schlagzeilen, die ihren Doktorgrad offenbar auf unlauterem Wege erreicht haben.

Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan, Silvana Koch-Mehrin sind da nur die prominentesten Namen. In einigen Fällen wurden gar Strafverfahren eingeleitet. Das Interessante an der Sache: Bisher haben sich in diesem Bereich ausschließlich liberal-konservative Politiker hervorgetan. Ausgerechnet jene also, die so gern von Fleiß und harter Arbeit sprechen. Angesichts dieser kognitiven Dissonanz bleibt nur zu hoffen, dass Einwanderer sich diese spezielle liberal-konservative Leitkultur nicht aneignen. Andrea Wierich

E

Etymologie Buchstäbliche Profiaufschneider (➝ Horzon) sind Gerichtsmediziner, Fleischer und Bouchers. Als Letztere bezeichnet man in der gehobenen Küche jene, die fürs Filetieren von Fleisch zuständig sind. Von dieser Tätigkeit, also dem Zerteilen von toten Tieren, leitet sich der Begriff des Aufschneiders tatsächlich ab. Ähnlich wie das sprichwörtliche Auftischen, das ursprünglich nur das Reichen des Mahls bezeichnete, erlebte das Wort im 17. Jahrhundert seinen Bedeutungswandel. Der Aufschneider etablierte sich als Prahlhans, der den Leuten unglaubliche Geschichten auftischte. Dabei scheint die fortgeschrittene Wichtigtuerei so facettenreich, dass das Wortfeld fast unüberschaubar ist. Das Angebot reicht von Angeber bis zum Windbeutel, von „sich brüsten“ bis „auf die Kacke hauen“. Mein persönlicher Liebling: Angeben wie zehn Sack Seife. Tobias Prüwer

H

Heiratsschwindler Auch unter den Hochstaplern gibt es etwas fürs Herz: Heiratsschwindler. Sie sind meist gute Gesprächspartner, supercharming, humorvoll, vertrauenerweckend, gut frisiert und ultraperfide. Mit oft erstunkener Biografie und hohem Geltungsbedürfnis nutzen sie ihre messerscharfe Zuneigung für den gewerbsmäßigen Betrug und die finanzielle Erpressung meist vermögender, alleinstehender, reiferer Damen. So auch im Fall des Schweizers Helg Sgarbi, der als der „Gigolo-Erpresser“ durch die Medien und dann für sechseinhalb Jahre ins Gefängnis ging. Während seiner Affäre mit der BMW-Erbin Susanne Klatten hatte er zuerst sieben Millionen Euro erschwindelt und daraufhin versucht, ganz uncharmant, mittels brisanter, intimer Fotos weitere 14 Millionen von ihr zu erwirtschaften (➝ Trump). Felix-Emeric Tota

Horzon Hochregalstapler der neusten Generation ermöglichen maximale Raumnutzung und Umschlagleistung. Sie zeichnen sich durch hohe Fahrgeschwindigkeiten, Tragfähigkeiten und Hubhöhen aus und sind mit einem branchenweit einmaligen, hochstabilen Mast ausgestattet – für optimale Leistung und dauerhafte Zuverlässigkeit. Mit einem Hochregalstapler können Sie Ihre Umschlagleistung maximieren, da Lasten bei gleichzeitig längerer Laufleistung schneller befördert sowie ein- und ausgelagert werden können. Das Anheben der beladenen Plattform bestimmt das Tempo des gesamten Lagerprozesses. Mit Staplern erreichen Sie eine Steigerung der Hubgeschwindigkeit von bis zu 41 Prozent!

Jeder Hochregalstapler ist mit einem besonders stabilen Mast ausgestattet. Sie erreichen dadurch große Hubhöhen und benötigen nur eine geringe Grundfläche. So können Sie Ihr Lagervolumen voll ausschöpfen. Der exklusive MonoLift-Mast bietet ausreichend Stabilität (➝ Zement), um Lasten bis auf eine Höhe von über 17 Metern zu heben. Die extreme Steifigkeit eines MonoLift-Masts ist der geschlossenen Bauweise und dem Einsatz von hochfestem Stahl zu verdanken. Dadurch kommt es zu weniger Schwankungen als bei herkömmlichen Hubgerüsten in Leiterbauweise. Rafael Horzon schwört seit fast 20 Jahren auf den MonoLift-Mast. Rafael Horzon

I

Investor Der Bau eines Flughafens, Berliner wissen das, kann im Desaster enden. Aber auch schon der bloße Verkauf scheint für manche Amtsträger (➝ Akademiker) eine unüberwindbare Hürde zu bilden. Nachdem sich bereits die hochtrabenden Pläne von chinesischen Investoren in Lübeck und Parchim als heiße Luft entpuppten, hat es nun den Regionalflughafen Frankfurt-Hahn getroffen. Der designierte Käufer, die Shanghai Yiqian Trading Company, ließ zunächst Unterlagen vermissen. Dann kam heraus, dass sich hinter deren Adresse nur ein verrümpeltes Minibüro befand und der Kaufvertrag von einem Bernsteinhändler aus Idar-Oberstein unterschreiben wurde. Die rheinland-pfälzische Regierung hat den Kauf nun gestoppt. Nils Markwardt

K

Krise Bis über beide Ohren stecken wir schon drin, in der dunkelsten Zeit, die der gemeine, ehrenwerte Aufschneider je erleben musste: Das Internet hat, wieder einmal, alles ruiniert. In der nur noch verschwommen wahrzunehmenden Ära, die der alles erfassenden Digitalisierung vorausging, musste der gesellschaftlich ambitionierte Hochstapler sein hübsches Hälschen (➝ Heiratsschwindler) lediglich ein wenig höher aus der Masse der Uniformierten herausstrecken, schon erstrahlte seine Person in einem Glanz, von dem all die Rechtschaffenden eben nicht einmal zu träumen wagten. Kurzum: Bloß mutig musste man sein!

Das Internet hat uns dieser schillernden Exit-Option aber nun beraubt. Und zwar, nach Lage der Dinge, schon wieder mit einem doppelten Paradoxon. So wie den Menschen seit einiger Zeit vorgegaukelt wird, just in dem historischen Moment der größtmöglichen finanziellen Ausbeutung die vermeintliche Freiheit zu finden (Stichwort Shared Economy), so verschwindet mit dem Sieg des Digitalen nun einerseits der letzte Rest Privatsphäre sowie die Kultur des Geheimnisses (Voraussetzung für jeden gelungenen Betrug!), während andererseits das wirkmächtige Social-Media-Diktat heute jeden einzelnen von uns dazu zwingt, sein Leben fortlaufend als Aufschneider zu führen. The last exit was closed. Timon Karl Kaleyta

L

Literatur Mögen in deutschen Krankenhäusern auch noch so viele falsche Amtsärzte (➝ Postbote) herumlungern, die höchste Dichte von Blendern findet man immer noch in der Literatur. Das zeigt sich bereits in den guten alten Märchen der Gebrüder Grimm, allen voran beim tapferen Schneiderlein. Ausgehend von dem Missverständnis, er habe sieben kräftige Männer auf einen Streich erschlagen, schafft es dieser buchstäbliche Aufschneider ja immerhin, sich bis auf den Königsthron hochzuschwindeln.

So weit reicht es bei Thomas Manns gleichnamigen Helden in den Bekenntnissen des Hochstaplers Felix Krull zwar nicht, doch immerhin bricht dieser am Ende des Romans nicht nur als vermeintlicher Marquis de Venosta zur Weltreise auf, sondern führt auch umfänglich vor, dass die Hochstapelei gewissermaßen selbst eine Kunstform ist (➝ Krise). Zumal eine, die im Vergleich zu vielen anderen nicht brotlos ist. Und das wiederum ist auch der Grund, warum Aufschneider besonders oft in der Literatur der krisengeschüttelten Weimarer Republik auftauchen. Etwa in den Romanen Vicki Baums und Joseph Roths oder in den Schriften des heute fast vergessenen Autors Otto Soyka. Nils Markwardt

P

Postbote Der ehemalige Postbote Gert Postel bewarb sich 1982 unter dem Decknamen Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy mit 24 Jahren als Amtsarzt in einer psychiatrischen Klinik. Sein angelesenes Wissen und der erfundene Lebenslauf samt gefälschter Urkunden müssen makellos gewesen sein. Er wurde eingestellt, arbeiteteunentdeckt mehrere Jahre und stellte Gutachten aus. Besonders zynisch: sein Berufungsvortrag Die Lügensucht im Dienste der Ich-Erhöhung am literarischen Beispiel der Figur des Felix Krull (➝ Literatur). Nur durch Zufall flog der Schwindel auf, den Postel ungern so nennt. Er sagt lieber „Kompetenzsimulation“. Heute ist er Autor, Twitterer und Talkshowgast. Nie wird er müde, seine Hochstapelei als Systemfehler darzustellen, Selbstkritik übt er kaum – übrigens ein typisches Merkmal des Narzissmus. Was Postel aber sicher weiß. Konstantin Nowotny

S

Schauspieler Als Erich Stroheim, Sohn eines Wiener Hutmachers, 1909 in die USA (➝ Trump) emigrierte, gab er bei seiner Einreise den Namen „Graf Erich Oswald Hans Carl Maria Stroheim von Nordenwall“ an, von Beruf Offizier. Seiner Karriere im Hollywood der Stummfilmzeit war die Flunkerei zuträglich, zumal nach dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg Darsteller gesucht wurden, die als böse „Hunnen“ überzeugen konnten. Die deutsch-österreichische Propaganda griff den Unsinn auf und dichtete noch eine unehrenhafte Entlassung aus der K.u.K-Kavallerie hinzu. Ein erfolgloser Versuch, ihn zu diskreditieren. Stroheim starb 1957. Auf seinem Grabstein steht natürlich „Erich von Stroheim“. Uwe Buckesfeld

T

Trump Ein Mensch, der den eigenen Namen zur Marke stilisiert, muss ein Vollblutaufschneider sein. Tatsächlich feiert Donald Trump vor allem sich und seinen Reichtum (➝ Investor). Dabei ist vieles davon Dampfplauderei. Einmal erklärte er etwa, er habe aus eigener Tasche 20 bis 25 Millionen Dollar in seine Kampagne gesteckt. Tatsächlich gespendet hat er jedoch nur 250.000 Dollar. Weitere 17,5 Millionen gewährte er der Kampagne lediglich als Kredit. Dieses Geld könnte er also wiederbekommen.

Im Juni mehrten sich sogar die Berichte, wonach Trumps Wahlkampfkasse so gut wie leer sei. Er wird sich aber wohl trotzdem weiter mit seinen Trump Magazines brüsten, die eingestellt wurden, genauso wie mit der Trump University, die ihm eine Klage einbrachte, und mit der Trump Airline, die ebenfalls floppte. Er kann einfach nicht anders. Das bewies er auch bei einer TV-Debatte, als er doch tatsächlich mit der Größe seines Gemächts prahlte. Hoffen wir, dass das nie überprüft wird. Benjamin Knödler

Z

Zement Richard „Mörtel“ Lugner gibt Geld für sinnlose Sachen aus, etwa sich von Prominenten auf den Wiener Opernball begleiten zu lassen. Für sinnvolle Sachen setzte hingegen Jürgen Schneider Geld ein, das er gar nicht hatte. Der Baulöwe rette Leipzigs Innenstadt vor der kleinteiligen Sanierung in die Beliebigkeit und machte sie ab 1990 mit rund 60 Gebäuden zur Schneider-City.

Niemand fragte, woher all das Geld stamme. Offene Handwerkerrechnungen in Höhe von 50 Millionen D-Mark nannte ein Deutsche-Bank-Vorstand „Peanuts“; die Gesamtschulden betrugen über fünf Milliarden. Schneider kam ins Gefängnis. Nach der Haftentlassung richtete er aus Bucheinnahmen (➝ Literatur) einen Fonds für die geschädigten Arbeiter ein. Und er machte der Stadt ein vergiftetes Lob: „Leipzig war mein Waterloo. Sie hat, wie ich, den Hang zum Größenwahn.“ Tobias Prüwer

06:00 27.07.2016

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