Aufschrei im Abendland

Flüchtlingsdebatte Die "Emma" schwimmt unverhohlen und reflexhaft im rechten Fahrwasser. Wenn Rechtspopulistinnen zu Feministinnen werden – und umgekehrt

"Sie traute sich nicht mehr auf die Toilette. Die Männer, der Lärm, das war alles zu viel für sie" – so heißt es in einer aktuellen Reportage der Frauenzeitschrift Emma. Ihr zufolge sind in Flüchtlingsunterkünften "sexuelle Übergriffe an der Tagesordnung". "Deutsche Frauen machen sich Sorgen", schlagzeilt unverhohlen nationalistisch die Hauspostille der Feministin Alice Schwarzer, die schon in den vergangenen Jahren durch ein – vorsichtig ausgedrückt – schablonenhaftes Bild vom Islam auffiel. "Unsere Gleichberechtigung ist in Gefahr, weil jetzt hunderttausende meist junger Männer in unser Land strömen", fürchtet die Emma. Denn männliche Migranten seien "auf der Flucht nicht nur Opfer, sondern auch Täter".

Auf keiner Pegida-Demo und bei keinem Talkshow-Auftritt der AfD fehlt inzwischen der Hinweis, dass 70 Prozent der Neuankömmlinge männlich seien. Muslimische Männer unter 30, da weiß man doch, was abgeht: Voller Hormone, gelangweilt und ohne sinnvolle Beschäftigung lungern sie vor den Wohnheimen herum und kommen auf dumme Gedanken. Zum Beispiel, vorbeilaufende Frauen anzuquatschen, zu belästigen oder Schlimmeres. Im Netz pöbeln Kommentatoren gegen "nordafrikanische Verbrecher, die aus den Gefängnissen nach Europa verschifft werden" und warnen vor Verhältnissen, wo sich junge Frauen "ihre blonden Haare schwarz färben müssen, um einer Vergewaltigung zu entgehen".

Belege für solche Behauptungen gibt es nicht. Die Chemnitzer Tageszeitung Freie Presse erreichte vor ein paar Wochen der Hinweis auf eine Straftat im sächsischen Reinsdorf. Eine Drogerie-Angestellte habe Asylbewerber beim Klauen erwischt und sei noch am selben Abend von sechs Männern überfallen und vergewaltigt worden. "Meines Wissens liegt sie im Koma im Krankenhaus", so der Informant in seiner E-Mail. Doch die Nachricht war eine Ente. Weder die Polizei im zuständigen Kreis Zwickau noch irgendein Hospital der Region konnte sie bestätigen. Dennoch bot die erfundene Geschichte in den sozialen Netzwerken sofort Anlass für Hetze: gegen männliche Flüchtlinge.

Stimmung auf Kosten männlicher Asylbewerber

"Fliehen ist männlich", titelt das Magazin Focus, und warnt vor einer "gefährlichen Spezies". In den Unterkünften komme es immer häufiger zu gewaltsamen Übergriffen, überhaupt schaffe das "Frauenbild islamischer Einwanderer" massive Probleme. Doch statt seriöser Fakten kursieren vor allem Gerüchte. Selbstverständlich produzieren Not und Unsicherheit auch Aggressionen in den Heimen. Hilfsorganisationen warnen aber davor, Einzelfälle aufzubauschen und Panik zu schüren. AfD-Politiker wie Björn Höcke und Frauke Petry hält das ebenso wenig wie publizistische Scharfmacherinnen davon ab, auf Kosten männlicher Asylbewerber Stimmung zu machen. Da tun Rechtspopulistinnen plötzlich so, als seien sie Feministinnen – und umgekehrt werden Feministinnen zu Rechtspopulistinnen.

Die Emma sollte längst mitbekommen haben, wie rechtspopulistische Brandstifterinnen, mit denen sie sich zusammen in einen Diskurs begeben, ticken. Die berufen sich auf eine "christlich geprägte Kultur, in der es Frauen am besten geht": So formulierte es in Stuttgart die erzkonservative Autorin Gabriele Kuby im Oktober auf einer Demonstration gegen die Bildungspläne zur angeblichen "Zwangssexualisierung" in Baden-Württemberg.

Perfide Umkehr linker Ideen

"Frauen als Freiwild?", überschrieb die selbsternannte "Christin und Feministin" Birgit Kelle ihr Bedrohungsszenario. Sie lege "den Finger in die Wunde, nämlich den täglich wachsenden Überschuss tatendurstiger Männer im besten Alter, aber ohne Paarungschancen bei den deutschen Frauen". Im christlichen Abendland gelte der Grundsatz ‘Frauen und Kinder zuerst’ – bei den Flüchtlingen dagegen die Maxime ‘Junge Männer zuerst’. Für diese, die im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht andere Regeln aufstellen wollten, hat sie ein einfaches Rezept parat: Abschiebung.

"Wer es nicht erträgt, dass wir verkehren, mit wem wir wollen, sollte bei uns nicht einwandern dürfen", forderte Kelle. Ihren Beitrag im Focus kündigte sie als "Aufschrei" an – und staubte dafür auch noch das Hashtag-Zeichen ab. Unter diesem Online-Label sammelte die feministische Bloggerin Anne Wizorek einst weibliche Erfahrungen mit sexueller Belästigung. Perfide bedient sich Rechtspopulistin Kelle also einer linken Idee. Sie verkauft sich als Retterin der Frauen, macht aber zugleich in ihren Büchern mit Schlagworten wie "Gender Gaga" Stimmung gegen erwerbstätige Mütter und Gleichstellungspolitik: Allzu weit soll die Emanzipation im Abendland dann doch nicht gehen.

"Uns gefällt nicht, dass es Pegida gefällt. Das macht aber nicht falsch, was wir fordern", postet Emma trotzig auf Twitter. Und auf Facebook: "Jedem denkenden Menschen müsste eigentlich klar sein, dass wir eine gänzlich andere Haltung vertreten als rechte Hetzer." Es gehe nicht darum, Hass zu schüren sondern um eine "differenzierte Auseinandersetzung mit der Flüchtlingsproblematik unter Berücksichtigung der besonderen Situation der Frauen", rudert die Redaktion zurück.

Dieses Anliegen sei Alice Schwarzer und ihren Kolleginnen nicht abgesprochen. Einige der Punkte, die Emma in einem "Forderungskatalog" benennt, sind diskussionswürdig – zum Beispiel, weibliche Flüchtlinge auf Wunsch möglichst separat unterzubringen, ihnen zumindest eigene Toiletten und Waschräume zur Verfügung zu stellen. "Nulltoleranz für frauenfeindliche Flüchtlinge!", das klingt allerdings eher nach Pegida. Da ist er wieder, der böse muslimische Mann: Reflexhaft schwimmt Emma, sobald es um den Islam geht, ohne Berührungsängste im rechten Fahrwasser.

Thomas Gesterkamp ist Journalist und Buchautor in Köln. Für die Friedrich-Ebert-Stiftung schrieb er über den “Geschlechterkampf von rechts”

12:38 06.11.2015
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