Dieter Hanisch
08.05.2009 | 09:55 1

Aufstand der Heimkinder

Zeitgeschichte Im schleswig-holsteinischen Glückstadt kam es vor 40 Jahren zu einer Rebellion gegen ein Heimerziehungssystem, das noch in der Tradition der Nazizeit stand

Erst seit wenigen Jahren interessiert sich die Öffentlichkeit überhaupt für das Schicksal von Heimkindern in der Bundesrepublik der fünfziger und sechziger Jahre. Seit Februar 2009 beschäftigt sich auf Initiative des Bundestags sogar ein „Runder Tisch Heimkinder“ mit dem Thema. Frühere Heiminsassen verlangen vehement Aufklärung über das geschehene Unrecht. Eine Einrichtung im schleswig-holsteinischen Glückstadt tat sich in dieser Hinsicht besonders hervor. Vor genau 40 Jahren, in der Nacht vom 7. zum 8. Mai 1969, gab es dort einen Aufstand von Heimzöglingen, der möglicherweise sogar mit Hilfe von Marinesoldaten niedergeschlagen wurde. Unter den rebellierenden Jugendlichen, die als Strafe teilweise KZ-Kleidung tragen mussten, war auch der spätere RAF-Terrorist Peter-Jürgen Boock.

Bis heute sind die Hintergründe der Ereignisse kaum geklärt. Unter der Regie des Sozialministeriums in Kiel gibt es inzwischen auf Landesebene auch einen Runden Tisch zum Thema Heimerziehung. Langsam tastet dieser sich an die Wahrheit heran und hat dabei besonders die Geschehnisse um Glückstadt im Auge, wo es zu mehreren es Todesfällen kam. Christian Schrapper, Erziehungswissenschaftler der Universität Koblenz-Landau, begleitet das Kieler Gremium. „Die Quellenlage ist gar nicht einmal schlecht. Es gibt viele behördliche Dokumente zu den Vorgängen, wir haben Augenzeugenschilderungen, Presseberichte von früher, Protokolle von Parlamentsdebatten und zwischenministeriellen Schriftverkehr“, sagt Schrapper. Dass all die Darstellungen je nach Sichtweise nicht immer identisch sind, versteht sich fast von selbst.

Personelle Kontinuität seit der Nazi-Zeit

In Glückstadt wurde bereits im 18. Jahrhundert ein Zuchthaus errichtet. Während der NS-Zeit wurden dort 1933 und 1934 Regimegegner in sogenannte Schutzhaft genommen. Daneben und danach war die Einrichtung zugleich ein Konzentrationslager für Arbeitshäftlinge unter SA-Aufsicht. Seit dem 1. April 1951 nannte sich die Einrichtung Landesfürsorgeheim, in das Jugendliche und junge entmündigte Erwachsene beiderlei Geschlechts eingewiesen werden konnten. Aus Mangel an geeignetem Personal griff man in dieser Zeit auch auf „vorbelastete“ Beschäftigte aus der NS-Zeit zurück. Das haben Nachforschungen der Heiminsassen beim United States Holocaust Memorial Museum in Washington ergeben. Die Besserungsanstalt war daher eher vom Charakter des Verwahrens und Wegschließens als von einer pädagogischen Erziehung geprägt. Und alle Heimzöglinge wurden zudem zu Zwangsarbeiten herangezogen. Verweigerung und Widerstand wurden mit Isolationshaft und Schlägen gemaßregelt.

Nicht nur aus Schleswig-Holstein, sondern auch aus anderen westdeutschen Bundesländern wurde Jugendliche nach Glückstadt geschickt, das sich schnell den Ruf einer besonders strengen Einrichtung erwarb. Wenn der Heimaufenthalt mit renitenten Jugendlichen andernorts Probleme bereitete, sollte die „Glückstädter Härte“ die Widerspenstigen auf einen tugendhaften Weg bringen. Und es wurde Jugendlichen in anderen Heimen offen gedroht: „Wenn Du Dich nicht fügst, dann kommst Du nach Glückstadt!“

Matratzen mit Hakenkreuz

Der heute 57-jährige Otto Behnck aus dem schleswig-holsteinischen Schwedeneck, der im Herbst 1970 für drei Monate nach Glückstadt eingewiesen wurde, sagt rückblickend: „Man wollte uns brechen.“ Der in Kiel lebende Frank Leesemann (54) war als Jugendlicher von September 1969 bis Mitte 1971 in Glückstadt. Dort schlief er noch auf einer Matratze mit Reichsadler und Hakenkreuz. In der Kleiderkammer fiel ihm grau-weiß gestreifte Kleidung des ehemaligen NS-Arbeitslagers auf. Nach einem ersten von insgesamt über 20 Ausbruchsversuchen bekam er ein KZ-Hemd mit rotem Winkel und der Aufschrift „Außenkommando“ verpasst. Bei seiner Entlassung ließ er seine Karteikarte mitgehen, auf der das Wort Arbeitserziehungslager per Hand in Landesfürsorgeheim verändert wurde, aus „Häftling“ wurde „Zögling“, aus dem „Lagerkommandanten“ der „Heimleiter“.

Angesichts der Erzählungen von ehemaligen Heiminsassen in Glückstadt, die von Drill und Drangsalierung, von sexuellen Übergriffen und Misshandlungen berichten, die sich ausgebeutet und zum Teil um Jahre ihrer Jugend beraubt fühlen, versteht man Ulrike Meinhofs Frage in ihrem 1971 veröffentlichten Buch Bambule nach der „Fürsorge – Sorge für wen?“. Es handelte sich dabei nicht nur um Einzelschicksale, sondern um ein gesellschaftliches Phänomen, das rund 800.000 Kinder und Jugendliche betraf - mit zum Teil psychischen Folgen bis zum heutigen Tag. Das war auch ein maßgeblicher Grund dafür, weshalb sich erst seit wenigen Jahren die Betroffenen mit ihren Erlebnisschilderungen an die Öffentlichkeit trauen, in der nun heftig darum gestritten wird, ob die erzieherischen Verfehlungen systematische Züge besaßen oder nicht.


Zeuge: Marinesoldaten schlugen Aufstand nieder

Dass es in Glückstadt vor genau 40 Jahren zum Aufstand kam, hatte sicherlich auch mit der Kritik am damaligen Erziehungssystem durch die Studentenbewegung und die Außerparlamentarische Opposition zu tun. Die Ereignisse auf der Straße gingen auch an den Heimen nicht spurlos vorbei. Der Auslöser des Aufstandes war dabei eher banal. Später hieß es, dass Päckchen, die den Zöglingen von Familienangehörigen zugeschickt wurden, nicht ausgehändigt worden seien. In ihrem Film „Der Baader Meinhof Komplex“ versuchten Uli Edel und Bernd Eichinger, den Aufstand in wenigen Bildsequenzen zu skizzieren.

Die in Haus 1 und 2 untergebrachten 80 Heimzöglinge zündeten Matratzen und Kleidungsstücke an, rissen sanitäre Anlagen aus den Wänden, zertrümmerten Fenster wie Möbel und attackierten das Heimpersonal. Einer der Rebellierenden war der damals 17-jährige Peter-Jürgen Boock, der nach der Heimrevolte in das hessische Jugendhaus von Rengshausen verlegt wurde. Dort kam er unter anderem mit Andreas Baader und Gudrun Ensslin in Kontakt, die sich wie Meinhof für die Interessen von Heiminsassen einsetzten, und fand kurze Zeit später Unterschlupf in deren WG, ehe er selbst zum Terroristen der zweiten Generation wurde.

Brisant im Zusammenhang mit der Glückstädter Heimrevolte sind die Aussagen des gelernten Rohrschlossers Gerd Meyer aus Schleswig. Dieser war als damaliger Zögling Augenzeuge. Der heute 57-Jährige beteuert, gesehen zu haben, wie in Glückstadt stationierte Marinesoldaten im Innenhof vorfuhren und unter Einsatz von Tränengas den Aufstand niederschlugen. „Ich kannte doch den Unterschied von Polizei- und Bundeswehruniformen, von Polizei- und Militärfahrzeugen“, sagt Meyer. Auch Boock hatte bereits auf den verfassungswidrigen Bundeswehreinsatz hingewiesen, doch wollte man ihm keinen Glauben schenken. Im Bericht des damaligen Heimleiters Walter Blank hieß es dagegen, nur 20 Heiminsassen hätten sich an den Aktionen beteiligt und man habe noch bevor die gerufene Polizei und Feuerwehr eingreifen mussten, die Lage wieder in den Griff bekommen.

Ausbeutung von Jugendlichen

Als einen von zwei verantwortlichen Rädelsführern benannte Oberamtmann Blank Harry Radunz, der am 31. Mai 1969 erhängt in seiner Arrestzelle aufgefunden wurde. In der Folge häufen sich kritische Zeitungsberichte über die Zustände in Glückstadt. Die Nordwoche titelte etwa „Terror im Erziehungsheim“ und „Methoden aus dem Mittelalter“. Sogar im Kieler Landtag wurde daraufhin über Glückstadt gestritten – am Ende zunächst ohne Folgen. Das anfangs stets mit 140 Zöglingen belegte Heim wurde erst wegen rückläufiger Zahlen zum 31. Dezember 1974 geschlossen.

Heute weiß man von diversen als Suizide registrierten Todesfällen. Inzwischen geht es den früheren Heimzöglingen um eine öffentliche Entschuldigung für das begangene Unrecht. Die Geschichte der so genannten „schwarzen Pädagogik“ soll nicht mehr tabubehaftet sein, es soll über Verantwortliche und Verantwortung gesprochen werden und die heutzutage nur in den seltensten Fällen in gut situierten Verhältnissen lebenden Betroffenen diskutieren auch die heikle Frage nach einer Entschädigung. Für Arbeitsleistungen wurden sie damals entweder gar nicht entlohnt oder nur symbolisch etwa mit Zigaretten; ganz zu schweigen von der sozialversicherungsrechtlichen Seite. Fakt ist: Firmen wie landwirtschaftliche Betriebe haben mit billigen Arbeitskräften Gewinne erzielt.

Kommentare (1)

Alexander Markus Homes 08.05.2009 | 19:24

Zum Thema Heimerziehung habe ich im Mai 2006 das Buch "Heimerziehung: Lebenshilfe oder Beugehaft? Gewalt und Lust im Namen Gottes" veröffentlicht, das bei Books on Demand GmbH, Norderstedt (ISBN 3-8334-4780-X), erschienen ist.

In einem Kapitel geht es beispielsweise um Heimkinder, die in den fünfziger und sechziger Jahren – bis Anfang der siebziger Jahre – insbesondere in christlichen Heimen schwer misshandelt wurden (so beispielsweise im Eschweiler Kinderheim St. Josef und Kinderheim St. Hedwig in Lippstadt). Im Fall St. Hedwig liegen mir zwei eidesstattliche Erklärungen von Betroffenen vor, die versichern, von der damaligen Kinderärztin mittels Injektionen im Genital – und Blasenbereich misshandelt worden zu sein.

Es waren insbesondere Nonnen – nicht alle –, die, wie zahlreiche Betroffenenberichte in diesem Buch aufzeigen, im Namen Gottes Heimkinder prügelten, malträtierten, quälten, erniedrigten und entwürdigten, um ihnen Disziplin, Gehorsam, Fleiß, Sauberkeit, Unterordnung und den Glauben an ihren Gott aufzuzwingen. Die „Bräute Jesu Christi“ gehörten Schwestern-Orden an wie beispielsweise der „Ordensgemeinschaft der Armen Dienstmägde Jesu Christi“ in Dernbach, dem „Orden der Hedwigschwestern“ in Berlin und dem „Paderborner Vincentinerinnen-Orden“.

Nicht nur in früheren Jahrzehnten wurden Heimkinder gequält, sexuell missbraucht und gedemütigt. Ich beschreibe auch zahlreiche Fälle aus den 90er Jahren – beispielsweise schwere Misshandlungen, sexueller Missbrauch, Freiheitsberaubung im St. Joseph-Haus in Seligenstadt (1992), St. Josef-Stift in Eisingen bei Würzburg (1995), Don Bosco-Internat in Bendorf bei Neuwied (1995) und St. Kilian in Walldürn bei Mosbach (1995). Und ich beschreibe einen Fall aus Anfang 2001 (Außenwohngruppe des Vereins Lebensgemeinschaft Meineringhausen in Frankenberg – nähe Marburg) und einen weiteren Fall aus Anfang 2006 (Kinderheim Martinshof in Wachtberg bei Bonn).

Im Buch enthalten ist auch ein Interview, das ich mit einer Nonne vom „Orden der Armen Dienstmägde Jesu Christi“ geführt habe. Die Nonne berichtet ganz offen und ehrlich, wie „im Namen Jesu Christi“ Kinder in einem katholischen Heim, in dem sie arbeitete, körperlich und seelisch gequält, gedemütigt, bestraft wurden. Mit dem Straf- und Unterdrückungsinstrument „Gott“, so die Nonne, wurde den Kindern Gehorsam, Willigkeit, Anpassung und Unterwerfung abverlangt. Sie selbst bekennt sich dazu, Kinder auf das Schwerste misshandelt zu haben.