Aufstand der Meuterer

Tumulte auf Magdeburger WASG-Parteitag In Sachsen-Anhalt steht die Kooperation zwischen Linkspartei.PDS und Wahlalternative vor dem Aus

Magdeburg, Samstag vergangener Woche. Für einen Moment sieht es so aus, als könnte Matthias Höhn die Beherrschung verlieren. Doch der 30-Jährige ist Profi genug, um zu wissen, wann er gehen muss. Er reißt seinen Mantel vom Garderobenständer und entflieht den Streithähnen. Wut und Enttäuschung stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

Drinnen, im Magdeburger Haus der Gewerkschaften, fallen die 67 Teilnehmer des ersten ordentlichen Parteitages des WASG-Landesverbandes Sachsen-Anhalt verbal übereinander her. Sie beschimpfen sich wüst. Und das ist noch milde ausgedrückt. Einige Mitglieder drohen sich sogar körperliche Gewalt an. Eigentlich wollte Matthias Höhn, der als Landesvorsitzender die Fahne für die Linkspartei.PDS in Sachsen-Anhalt hochhält, ein Grußwort an die Delegierten richten. Eine freundlich gemeinte Geste, die dem Fusionsprozess von Linkspartei und WASG nützlich sein sollte. Doch Höhn muss zu seiner Überraschung feststellen, dass er in den Augen vieler Delegierter ein ungebetener Gast ist. Dreieinhalb Stunden lassen sie ihn warten. Als er da noch immer nicht ans Rednerpult darf, verlässt er den WASG-Parteitag.

"Wir sind noch nicht fertig...", steht auf dem Spruchband, an dem Höhn auf seinem Weg an die frische Luft vorbei muss. Und tatsächlich: Jetzt fliegen erst richtig die Fetzen. Im Saal gibt Hans-Jörg Guhla aus der Kleinstadt Genthin den Ton an. Der 46-jährige Lehrer macht Stimmung gegen den Landesvorstand, der sich der Linkspartei regelrecht anbiedern würde. Dolores Rente, die Landesvorsitzende, kontert: "Wir haben eine Kooperationsvereinbarung mit der Linkspartei, wer daran rüttelt, fällt dem WASG-Bundesvorstand in den Rücken." Doch das ist Hans-Jörg Guhla egal. Er hat unter dem harmlos klingenden Namen "Bernburger Kreis" eine Gruppe von Leuten um sich geschart, die auf Revolte aus sind. Bereits im vergangenen Jahr versuchten die 45 Mitglieder ihren Landesvorstand zu entmachten, um mit einer eigenen Liste bei den Landtagswahlen am 26. März 2006 in Sachsen-Anhalt anzutreten. Damals scheiterte das Vorhaben. Diesmal sind die Abweichler erfolgreicher. Sie stürzen den kompletten Landesvorstand. Außerdem spricht sich eine deutliche Mehrheit der WASG-Mitglieder gegen eine weitere Vertiefung der Beziehungen zur Linkspartei aus.

Neuneinhalb Stunden Zank und Streit liegen hinter Dolores Rente, als sie am späten Samstagabend völlig entnervt das Haus der Gewerkschaften in Magdeburg verlässt. Sie sagt: "Ich hab´s ja schon immer gewusst, dass hier einige Herren nur darauf aus sind, sich einen Posten zu sichern." Der Seitenhieb gilt Hans-Jörg Guhla. Er hat es geschafft, sich zum neuen Landesvorsitzenden der WASG in Sachsen-Anhalt krönen zu lassen. Doch die geschasste Dolores Rente hat Zweifel daran, dass der Lehrer langfristig mit seinem politischen Kurs Erfolg haben wird. Sie hält das alles für ein Falsches Spiel und hofft, dass die Menschen im Land es durchschauen. Trotz ihrer Abwahl will Dolores Rente Mitglied der WASG bleiben. Außerdem will sie wie geplant über die Landesliste der Linkspartei zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt antreten.

Auch knapp eine Woche seit dem Chaos-Parteitag von Magdeburg reißen die Unmutsbekundungen über seinen Ausgang nicht ab. Matthias Höhn, den am Tagungsort niemand ihn hören wollte, ließ mitteilen: Nach dem Parteitag der Wahlalternative bestehe für die PDS im Land keine Möglichkeit mehr, die Gespräche für ein Zusammengehen fortzusetzen. Wörtlich sagte er: "Ich erwarte vom Bundesvorstand der WASG ein klares Signal, ob das Kooperationsabkommen auf Bundesebene auch für die Landesverbände verbindlich ist."

Das geforderte Signal ließ nicht lange auf sich warten. Klaus Ernst, Bundesvorsitzender der WASG, zweifelte öffentlich die in Magdeburg erzielten Abstimmungsergebnisse an. "Ich habe gehört, dass WASG-Mitglieder vom Stimmrecht ausgeschlossen wurden. Wenn das stimmt, sind sowieso alle dort gefassten Beschlüsse null und nichtig." Auf dem Parteitag wurden tatsächlich sechs neue WASG-Mitglieder wieder nach Hause geschickt. Dolores Rente hatte sie beim Naturschutzbund angeworben, für den sie arbeitet. Offenbar sollten die "Neuen" helfen, ihre Abwahl zu verhindern.

Hans-Jörg Guhla, der Neue an der WASG-Spitze in Sachsen-Anhalt, nimmt die Kritik seines Bundesvorsitzenden gelassen: "Das ist seine persönliche Meinung. Wir werden sehen, ob jemand gegen die Beschlüsse klagt." Der für Anfang März geplante WASG-Bundesparteitag wurde am Wochenende abgesagt. Bei dem Scherbenhaufen, den die WASG in Sachsen-Anhalt hinterlassen hat, schwant Linksparteichef Lothar Bisky nichts Gutes. "Ich bin mir fast sicher, dass die Linke durch den WASG-Parteitag von Magdeburg Stimmenverluste bei der anstehenden Landtagswahl hinnehmen muss."


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00:00 27.01.2006

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