Aufsteiger vom Dienst

Porträt Bruno Le Maire steht bereit, sollte der französische Premier Édouard Philippe an der Rentenreform scheitern
Aufsteiger vom Dienst
Auch die Kaderschmiede des Staats- und Beamtenadels nahm Bruno Le Maire gern auf

Foto: Stephane de Sakutin/AFP/Getty Images

Zu Recht hat Emmanuel Macron die Rentenreform in seinem Buch über die Präsidentenwahl von 2017 als das schwierigste und wichtigste Vorhaben beschrieben. Dies zu bewältigen, blieb allerdings weitgehend Premier Édouard Philippe überlassen, dem der Präsident mit seinem Versprechen das Kuckucksei ins Nest legte, das Renteneintrittsalter von 62 Jahren nicht anzutasten. Genau das konnte oder wollte Philippe zunächst nicht halten, um dann nach 50 Streiktagen zurückzurudern und zu verkünden, es bleibt bei 62, doch könne dies die Regierung „bei Bedarf“ ändern. Seither gilt der Hobbyboxer Philippe im zähen Ringen mit den Gewerkschaften als angezählt und taumelt ein wenig durch den Ring. Schon denkbar, dass Macron demnächst das Handtuch wirft und ihn auswechselt. Philippes unübersehbare Schwäche hat die Begehrlichkeit eines Konkurrenten geweckt.

Als mächtigster Minister in der Regierung wärmt sich Wirtschaftsminister Bruno Le Maire schon mal auf, auch wenn er jegliche Ambition, Philippe abzulösen, pflichtschuldig und mit dem obligaten Hinweis bestreitet: „Ich bin glücklich an dem Ort, an dem ich bin und bleiben möchte.“ Daran ist zumindest so viel richtig, dass er Macrons Angebot ablehnte, nach Brüssel zu gehen und Frankreich in der EU-Kommission unter Ursula von der Leyen zu vertreten.

Die Spekulation, der Premier sei ablösungsreif, wird hauptsächlich in den Medien lanciert. Autoren werden nicht müde, die relativ bescheidene Karriere des abwertend als „Bürgermeister von Le Havre“ titulierten Regierungschefs mit dem kometenhaften Aufstieg Le Maires und dessen breiten beruflichen Erfahrungen in vier großen Ministerien zu vergleichen, um ihn als besser Geeigneten hochzuschreiben. Die Boulevardpresse spekuliert über medizinische und psychische Gründe, die es für ergraute, fast weiße Stellen im sonst schwarzen Vollbart des Premierministers gebe. Derlei Ferndiagnosen kontern andere, indem sie die Kaltblütigkeit eines Boxers hervorheben, der in bedrängter Lage die Fähigkeit entwickelt, zum „Thatcher mit Bart“ und „Exekutor mit eiserner Faust“ zu werden.

Bruno Le Maire wurde 1969 als Sohn eines Managers beim Kraftstoffkonzern Total und einer Schulrektorin im edlen Pariser Vorort Neuilly-sur-Seine geboren, er studierte nach der Schulzeit zwischen 1990 und 1998 an drei Elitehochschulen. An der École Normale Supérieure (ENS) belegte er das Fach Germanistik, an der Pariser Sorbonne erwarb er als Jahrgangsbester die „Maîtrise“, sprich: die Lehrbefähigung für Gymnasien. Mit einer Abschlussarbeit über den Schriftsteller Marcel Proust überstand er danach das anspruchsvolle Auswahlverfahren für Lehrkräfte an Hochschulen für moderne Sprachen und Literatur. Zwei Jahre arbeitete Le Maire als Lehrer, um nebenher Politikwissenschaft am Institut d’Études Politiques zu studieren, wo er 1993 das Diplom erwarb. Schließlich ging es zur Kaderschmiede des französischen Staats- und Beamtenadels, der École Normale d’Administration (ENA).

Bald gehört Le Maire mit seiner Expertise im Außenministerium zu den Vertrauten von Ressortchef Dominique de Villepin, als der zwischen 2002 und 2004 am Quai d’Orsay die Geschäfte führt. Nachdem de Villepin Ende Mai 2005 von Präsident Chirac zum Premierminister berufen wird, macht er Le Maire zum „Directeur de Cabinet“, um ihm den Beraterstab anzuvertrauen. Seinerzeit kommt der allseits Geförderte für die bürgerlich-konservative UMP (heute: Les Républicain) als Delegierter aus dem Département Eure (Normandie) erstmals in die Nationalversammlung. Bei dieser Bilderbuchkarriere ist es 2008 keine Überraschung, dass Le Maire mit 39 Jahren zum Staatssekretär im Außenministerium und dank seinen Deutschkenntnissen zum Beauftragten für die deutsch-französische Freundschaft avanciert. 2009 schließlich bekommt er unter Präsident Sarkozy sein erstes Ministeramt, das Ressort für Ernährung, Landwirtschaft und Fischerei. Mit den Kandidaturen als Regionalpräsident 2010 und für den Parteivorsitz der UMP im Jahr 2014 hat Le Maire weniger Glück. Er scheitert hier ebenso wie 2016 mit einer Bewerbung als Präsidentschaftskandidat der UMP. Eine Schmach, mit 2,4 Prozent unter fünf Bewerbern auf dem letzten Platz zu landen.

Le Maire gilt freilich nicht nur als politisch äußerst ambitioniert, sondern profiliert sich gleichsam als Intellektueller. Er verfasst 2014 mit Zeiten der Macht ein Buch über seinen Einsatz als Minister unter Sarkozy und legt ebenso belletristische wie musikkritische Werke vor. Mit dem acht Jahre jüngeren Macron, der einen ähnlichen Bildungsgang und eine vergleichbare politische Karriere durchlaufen hat, versteht sich Le Maire auf Anhieb. Er wird zum Wirtschaftsminister und starken Mann in der Regierung von Édouard Philippe. Die Konservativen schließen Le Maire prompt aus ihrer Partei aus. Dem fällt der Übertritt zum Präsidentenwahlverein La République en Marche alles andere als schwer.

Le Maires Ehrgeiz, mit Édouard Philippe einen zuletzt glücklosen Regierungschef zu beerben, ist unstrittig, doch gelten entsprechende Pläne bis auf Weiteres als Gerücht. Das zuweilen von Le Maire selbst bedient wird, wenn er öffentlich eine schnelle Lösung des Rentenkonflikts mit den Gewerkschaften anmahnt und den Premier ermuntert, die CFDT an den Verhandlungstisch zurückzuholen. Jene Organisation also, von der die Rentenreform ursprünglich mitgetragen wurde. Le Maires Solidarität mit Philippe wirkte brüchig, als der Macrons Versprechen vom Fortbestand der Rente mit 62 brach. Mit dem Allerweltssatz – „der Weg des Kompromisses ist immer der schwierigste“ – bot sich Le Maire förmlich als Wegweiser und neuer Premierminister an.

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