Auftakt

Widerstand Mecklenburg-Vorpommern vor dem G8-Gipfel

Nun wird um das Seebad Heiligendamm der Zaun eingerammt. Amtlich heißt er "technische Sperre", die Gegner sagen Mauer. Vom 8. bis 10. Juni des Jahres wollen in der luxuriösen Hotelanlage an der Ostsee, 20 Kilometer von Rostock entfernt, die G 8-Staatschefs mit noch einigen dazu geladenen Regierungsvertretern ausgesuchter Länder ihre jährliche Konferenz abhalten. Es ist die Klausurtagung der Wirtschaftsgiganten, die die nächste Etappe auf ihrer räuberischen neoliberalen Reise aushandeln.

Diese G 8-Treffen sind von ihrer Anlage her gegen alle sozialen Bewegungen gerichtet. Beide Seiten haben die Provokation von Anfang an begriffen. Während sich die Staatschefs von den Gastländern ohne Rücksicht aufwändig und martialisch schützen lassen, rücken die G 8-Kritiker von überallher zum massenhaften Protest an. - Welche Ideen dieser Protest hervorbringt, auch hinsichtlich alternativer Wirtschaftsformen, wie Aktionen vorbereitet werden, was für Menschen dabei in Erscheinung treten, welche Bündnisse von Gruppen zustande kommen, welche Skrupel und Einwände bedacht werden und wie eine "Infrastruktur des Protests" entsteht, wollen wir bis zum Juni verfolgen und beschreiben. Es wird auch nicht außer Acht bleiben, wie sich Polizei und Politik vorbereiten und welche Rolle die verschiedenen Medien für sich wählen.

Bad Doberan und Kühlungsborn sind die nächstliegenden größeren Orte. Ein Treffen von Lokalpolitikern fand hier im Januar statt, zusammen mit der 2001 nach den polizeilichen Gewalttaten von Genua gegründeten "Gipfelsoli Infogruppe", mit Attac und etlichen örtlichen Gruppen. Wenn sich die Bundes- und Landesregierung um die G8 kümmern, hieß es, dann sei es Aufgabe der kommunalen Politik, die aus aller Welt am 2. Juni, also vor dem Gipfel, erwarteten 10.000 Demonstranten zu empfangen. Die CDU meldete sich per Brief ab: mit den G 8-Gegnern rede sie nicht, auch Informationen brauche sie von dort nicht, die erhalte sie von der Sonderkommission "Kavala". Die Kommission mit dem seltsamen Namen wurde für die Kontakte zwischen Polizei und Behörden eingerichtet, hält aber bisher eher Informationen zurück. So kann der Bürgermeister von Bad Doberan, Hartmut Polzin, bis heute nicht in Erfahrung bringen, ob vorgesehen ist, die Stadt während der Konferenztage für Touristen und Demonstranten zu sperren.

Auch die Evangelisch-Lutherische Landeskirche weiß noch nicht, ob sie am Sonntag, dem 3. Juni, im Bad Doberaner Münster ihren geplanten zentralen Gottesdienst halten kann oder nach Rostock ausweichen muss. Sie stellt die Tage um den G 8-Gipfel unter das Motto "Heiliger Damm des Gebets", sie will der Opfer der Verarmung gedenken und dafür 100 Kirchen im Norden Deutschlands gewinnen. Die Kirche scheint mit ihren Konzepten am weitesten zu sein, doch das "Rostocker Bündnis" zieht nach, und als es Anfang Januar zu einem Koordinierungstreffen einlud, saßen im Saal 50 Personen, die 35 Gruppen und Initiativen vertraten.

Bei den Mecklenburgern steigt der Unmutspegel. Die wachsenden Kosten, mit denen das finanziell schwache Bundesland weitgehend allein konfrontiert ist, beunruhigen alle. Schon kriegen es die Menschen überall mit Budgetkürzungen zu tun. Seit dem vorigen Jahr stellen sich die G8-Gegner in den Orten um Heiligendamm vor und erläutern ihre Kritik. Die Offiziellen operieren mit dem Trick, gerade die Protestierer seien schuld an den hohen Kosten. Die rechten Gruppen versuchen wiederum, Wasser auf ihre deutschnationalen Mühlen zu lenken. In diesem Spannungsfeld bereiten sich die verschiedenen Kräfte - weit über Rostock hinaus - seit gut einem Jahr auf den Juni vor.

Nur die Eigentümer von Heiligendamm - die "Fundus-Gruppe" aus Köln - hoffen unberührt davon auf einen Nutzen: Sie sehen künftig die Luxusgäste anreisen, die bisher ausblieben. Der Zaun um Heiligendamm ist zweieinhalb Meter hoch, wird in zentnerschweren Betonklötzen verankert, ist zwölf Kilometer lang, mit "Unterkriech- und Übersteigungsschutz", mit Bewegungsmeldern, Kameras und zwei "Kontrollstellen", also Eingängen. Einige Landeigentümer mussten enteignet und entschädigt werden. Die Kosten für das Hightech-Produkt sind mit zwölf Millionen angegeben. Den Auftrag erhielt die Doberaner Firma Metall-Zaun-Stahlbau GmbH Kg, die einzigen Einheimischen, die bisher eine Art Vorteil von der Veranstaltung haben. Nach der Konferenz ist geplant, den Zaun wieder abzubauen. Ein Dokumentarfilm wird gedreht, der diese Geschichte erzählen soll.


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00:00 02.02.2007

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