Konrad Ege
05.05.2011 | 09:10 17

Auge um Auge

USA Barack Obama hat geschafft, was George W. Bush nicht gelang – doch die Kollateralschäden des „Krieges gegen den Terror“ für die amerikanische Gesellschaft wiegen schwer

Freude und Erleichterung sind groß in den USA über den Tod von Osama Bin Laden, aber atemlose Berichte vom „Freudentaumel“ im ganzen Land waren doch etwas übertrieben: Es schlug immerhin schon Mitternacht an der Ostküste, als Präsident Obama „dem amerikanischen Volk und der Welt“ mitteilte, Eliteeinheiten hätten den „Führer von al Qaida“ getötet. Nüchtern betrachtet genoss man zwar im Morgenlicht den lang ersehnten militärischen Erfolg, die Strafe für den Massenmörder und den Beweis amerikanischer Macht – doch mit der Seebestattung vom Flugzeugträger im Arabischen Meer ging keine historische Epoche zu Ende. Sehr fraglich ist ohnehin, ob bin Laden hinter den Mauern seiner pakistanischen Zufluchtsstätte wirklich noch „Führer“ war oder nur noch der geistige Pate nicht mehr sonderlich erfolgreicher Träumer vom Kalifat, denen die arabische Demokratiebewegungen das Wasser abgegraben haben.

Ein guter Tag für Amerika, sagt Obama. Fast zehn Jahre haben Militär und Geheimdienste Jagd gemacht auf den Top-Terroristen, den gewalttätigen Restposten aus dem von CIA und Saudi-Arabien finanzierten Krieg gegen die Sowjets in Afghanistan, verantwortlich für die Anschläge des 11. September 2001, bei denen knapp 3.000 Menschen ums Leben kamen im New Yorker World Trade Center, im Pentagon und beim Flugzeugcrash in Pennsylvania. Die zum „Krieg gegen Terrorismus“ mit vielen tausend Toten in Afghanistan und im Irak ausgeweitete „Jagd“ hat nach US-Regierungsangaben Anschläge verhindert. Zu einem hohen Preis.

Geistiger Belagerungszustand

Viele der mitternächtlichen Jubler in Washington und New York waren junge Menschen – kaum alt genug, um legal ein Bier zu trinken und sich an eine Zeit zu erinnern, als es den Begriff homeland security noch nicht gab. Und erst recht kein Ministerium für den Schutz des Heimatlandes, keine Nacktscanner in Flughäfen und keinen Ex-Präsidenten, der sich damit brüstet, Folter-Anweisungen gegeben zu haben.

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood hat schon 2003 einen Brief an Amerika geschrieben, um ihrer Sorge über die dortigen Zustände Ausdruck zu geben: Sie sei sich „nicht mehr sicher, wer ihr seid“, angesichts all dessen, was im südlichen Nachbarland passiere bei der vermeintlichen Terrorismusbekämpfung. „Ihr macht eure Verfassung kaputt“, klagte Atwood. „Schon jetzt können eure Wohnungen durchsucht werden, ihr könnt entführt und ohne Grund eingesperrt werden, eure Briefe können geöffnet und eure privaten Daten durchsucht werden.“ Und all das zum Schutz der Bevölkerung, wie es hieß. Der „Anti-Terror-Krieg“ hat die USA, den „hellsten Leitstern der Freiheit“, wie George W. Bush in seiner Ansprache nach den Anschlägen meinte, in einen schweren Konflikt gestürzt zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwischen dem Anspruch auf Freiheit für die eigenen Bürger sowie auf Rechtsstaatlichkeit – und dem Verlangen nach Sicherheit, das über die Rechtsstaatlichkeit triumphierte.

In den USA ist eine Art imperiale Präsidentschaft entstanden. Der 2001 unter fragwürdigen Umständen per Gerichtsurteil an die Macht geratene George W. Bush traf im Namen der nationalen Sicherheit Entscheidungen über Krieg und Frieden, die eigentlich der Kongress hätte fällen müssen. Das galt auch für die Frage, ob internationale Abkommen eingehalten werden oder nicht. Die Selbstermächtigung der Exekutive hat zu Guantánamo geführt und zu einem Justizministerium, in dem Folter und Geheimgefängnisse rechtlich abgesegnet wurden. Die Nation befände sich schließlich im Krieg, hörte man – nur für dessen Ende gab es nie irgendwelche Kriterien. Der US-Militäretat erreichte seit 2001 Rekordhöhen, die Sicherheitsindustrie durfte jubeln. Kritiker wurden an den politischen Rand gedrängt. Man lebt in den USA noch heute in einem geistigen Belagerungszustand und öffnet in der Washingtoner Untergrundbahn Brieftasche und Rucksack, wenn man von einem Sicherheitsbeamten dazu aufgefordert wird.

Eine Friedensbewegung mobilisierte kurz vor dem Irak-Krieg, fand aber wenig  Rückhalt und hatte Probleme mit der Bedrohung und der Propaganda von der Bedrohung. Im Übrigen lassen sich Berufsstreitkräfte viel leichter in den Krieg schicken als ein Heer von Wehrpflichtigen. Billigen Patriotismus gibt es im Sonderangebot: Man fühlt sich patriotisch schon beim Applaudieren im Flugzeug für Passagiere in Uniform. Sterben tun die anderen.

Kaum Unterschiede zu Bush

Etwa 7.000 Soldaten inzwischen, so dass Obama viele Friedensbewegte maßlos enttäuscht hat. Dabei hielt er seine sicherheitspolitischen Vorstellungen nie verborgen. Im Wahlkampf kündigte er im Oktober 2008 an, er werde den Krieg gegen den Terrorismus wenn nötig nach Pakistan ausweiten. Dort sei möglicherweise Osama bin Laden. „Wir werden bin Laden töten“, so ein Präsidentschaftskandidat, der zudem kritisierte, dass der Krieg im Irak („eine Fehlentscheidung“) vom eigentlichen großen Anliegen der USA ablenke, nämlich dem Krieg gegen den Terror.

Einmal Präsident geworden, zeigte Obama bei „Sicherheitsfragen“ kaum gravierende Unterschiede zu Bush. Er untersagte das Foltern, doch beißen Bürgerrechtsverbände weiter auf Granit, wenn sie versuchen, die Verantwortlichen für stattgefundene Folterungen zur Rechenschaft zu ziehen. Obama hat der Washington Post zufolge ein Entscheidungspapier unterzeichnet, wonach es erlaubt ist, im Kampf gegen Terror auch US-Bürger im Ausland töten zu lassen, die nach Ansicht der US-Regierung Terroristen sind.

Zehntausende US-Soldaten stehen weiter im Irak. Und Afghanistan? Es gibt keine klare Antwort, wie lang die Präsenz dort noch dauern soll. Wer Obamas Ansprache zu bin Ladens Tod hört, wird keine Neubesinnung feststellen, eher Triumphalismus. Die Militäraktion sei „ein Zeugnis für die Großartigkeit unseres Landes... Heute nacht haben wir einmal mehr daran erinnert, dass Amerika schaffen kann, was es anstrebt“. In einem Bogen hat Obama „fast zehn Jahre“ Krieg gewürdigt, der mit dem „Abschlachten unserer Bürger“ begonnen habe.

Als US-Präsident Barack Obama am Freitagmorgen den Einsatzbefehl für die Operation Geronimo gab, lagen über Osama bin Ladens Versteck im pakistanischen Abbottabad noch dichte Wolken. Das Sonderkommando musste bis zum Sonntag warten, bis der Himmel klar genug für einen Anflug mit Hubschraubern war. Zuvor hatten die US-Geheimdienste dem Weißen Haus gemeldet, dass Osama bin Laden hoch wahrscheinlich auf dem Anwesen lebe. Sicher sein konnte sich der Präsident, der den Einsatz auf

dem Bildschirm live mitverfolgte, allerdings erst, als ein Soldat meldete: Geronimo im Einsatz getötet.

Mit dieser Nachricht endete die mehr als zehn Jahre dauernde Suche nach dem Staatsfeind Nr. 1 der USA: dem Bauingenieur, Multimillionär, Islamisten und Al-Qaida-Chef Osama bin Laden.

Kommentare (17)

wbieber 05.05.2011 | 13:01

Der Rachedurst ist gestillt, Vergeltung genommen. Ein Land suhlt sich in niederen Gefühlen. Dabei spricht doch Gott in der Heiligen Schrift: „Die Rache ist mein“. Der Gott des Neuen Testamentes hat es in den USA auf die Dollarnote geschafft, von der Politik wird er missbraucht. Dass wir mit einer religiösen Nation in den Krieg gezogen sind, erweist sich im Nachhinein als Fehler:
bit.ly/lK4qax

Gold Star For Robot Boy 05.05.2011 | 14:46

"Fast zehn Jahre haben Militär und Geheimdienste Jagd gemacht auf den Top-Terroristen, den gewalttätigen Restposten aus dem von CIA und Saudi-Arabien finanzierten Krieg gegen die Sowjets in Afghanistan, verantwortlich für die Anschläge des 11. September 2001, bei denen knapp 3.000 Menschen ums Leben kamen im New Yorker World Trade Center, im Pentagon und beim Flugzeugcrash in Pennsylvania. Die zum „Krieg gegen Terrorismus“ mit vielen tausend Toten in Afghanistan und im Irak ausgeweitete „Jagd“ hat nach US-Regierungsangaben Anschläge verhindert."
Warum hat eigentlich beim Freitag keiner den Arsch in der Hose
die lächerliche us-amerikanische Regierungspropaganda zum 11.September in Frage zu stellen ? Selbst Dick Cheney hat die Verantwortung Bin Ladens für den Anschlag in Zweifel gezogen, niemand in der FC glaubt die offizielle 9/11-VT des Bush Regimes,die verdeckte Unterstützung des militanten Islamismus endete keineswegs nach dem Abzug der Sowjets und viele tausend Tote in Afgh. und Irak klingt reichlich untertrieben.
Obama zeigt kein Photo von Osama:Verschwörungstheorien blühen

Magda 05.05.2011 | 15:03

Das Ding mit dem "Auge um Auge" wird immer gern bemüht. Aber es ist und bleibt ein vieldeutiges Wort und wurde - leider - auch oft in antisemitischem Sinne verwendet. Der Gott des Neuen Testaments gegen den alttestamentarischen-jüdischen Rachegott.

Hier ein Link zum Titel:
www.uni-heidelberg.de/presse/ruca/ruca03-3/auge.html

Die haben einen alten Spiegel-Titel zur Brust genommen.

Da heißt es: "Wenn es darum geht, harte Vergeltung in eine griffige Formel zu fassen, muss zumeist das Bibelwort "Auge um Auge, Zahn um Zahn" herhalten. Die sprichwörtlich gewordene moderne Verwendung des Zitates wird dem biblischen Befund jedoch in keinem Fall gerecht. Manfred Oeming, Ordinarius für alttestamentliche Theologie und Prorektor der Hochschule für Jüdische Studien, weist schlüssig nach, dass es sich bei der üblichen Auslegung des Bibelwortes um eine Verzerrung, ja böswillige Verdrehung seines wahren Sinnes handelt."

Sehr empfehlenswert.

Columbus 11.05.2011 | 14:46

Lieber Herr Ege,

Glauben Sie nicht, dass nun, nach dem Ende Bin Ladens, neuer Schwung in die Exit-Strategien kommt, weil man die Jagd nach Top-Terroristen einer wachsenden Wählerzahl nicht mehr verkaufen kann (vor allem tendenziell republikanische Wähler finden nicht mehr so leicht Gelegenheit, sich an den viel extremeren Vorstellungen der rechten Sicherheitspolitiker aufzurichten)?

Auch wenn es die relativen Schlichtheit der öffentlichen Meinung in der jeweils gerade gängigen Version grell ausleuchtet, so denken doch viele, "The mission is now accomplished". - Das wird doch breit, selbst in den breitesten und flachsten Medien, auf der anderen Seite der Atlantiks diskutiert.

Das CBS- "60 Minutes" Interview Obamas zeigt einen nachdenklichen Präsidenten, der allein in diesem Gespräch mehr Argumente wälzt und abwägt, als Bush während seiner ganzen Amtszeit.

Grüße
Christoph Leusch

Columbus 11.05.2011 | 15:00

Gold Star For Robot Boy schrieb am 05.05.2011 um 12:46

Also, GSFRB, unchain Dick Cheney, er ist fast so ein guter Lügenbold wie Tony Blair. Aber, wer die Lügenpropaganda der Bush-Krieger nicht glaubt, der sollte umgekehrt auch ein wenig Abstand zu den kruden Meinungen halten, die Bin Laden exkulpieren. Sein Netzwerk und er persönlich, in den Jahren 2004-2006, haben sich mehrfach bekannt und 9-11 ist nur ein Teil der Taten weltweit, zu denen mit Genugtuung und Befriedigung Bekenntnisse aus diesen Kreisen an die Presseagenturen gingen. - Die Osama Videoproduction Inc. funktionierte sogar in Attobadad.

Die Obama-Admin. hat sich zu einem Abzug bekannt und will das ihr übergebene, schlechte Erbe beenden.

Nur, wie soll das geschehen, wenn man nicht die Mehrheit der Bev. sicher hinter sich hat, -derzeit ergeben sich neue Chancen-, oder bedroht ist, bei der nächsten Wahl weggefegt zu werden, von Leuten die zu Bush und weit darüber hinaus gehend, zurückkehren wollen?

LG
Christoph Leusch

Gold Star For Robot Boy 12.05.2011 | 00:24

Sein Netzwerk und er persönlich haben sich mehrfach bekannt, in den Jahren 2004-2006 ?
Und in den restlichen Jahren ? Bitte verschonen Sie mich mit Verweisen auf mutmaßliche Bekennervideos, deren Authentizität von Experten angezweifelt wird. Dieser ganze PR Müll, der von privaten Terrorfahndern wie Site und Intel an Regierungen, Geheimdienste und Presse verhökert wird, basierend auf der Infiltration von "Terrorwebsites"...damit dann in
der Tagesschau mal wieder ordentlich Panik verbreitet werden und Krieg und Überwachung gerechtfertigt werden kann...laaaangweilig.
Interessanter finde ich die kaum bekannte Tatsache, dass der momentan in der Kritik stehende pakistanische Geheimdienst ISI eine Zahlung an Mohammed Atta organsiert hatte und die USA dieser Sache damals nicht weiter nachgegangen sind.
Den Unterschied zwischen Bush und Obama müssen Sie mir noch mal erklären.

"In spite of its illegality, the Obama administration frequently uses targeted assassinations to accomplish its goals. Five days after executing Osama bin Laden, Mr. Obama tried to bring “justice” to U.S. citizen Anwar al-Awlaki, who has not been charged with any crime in the United States. The unmanned drone attack in Yemen missed al-Awlaki and killed two people “believed to be al Qaeda militants,” according to a CBS/AP bulletin.Two days before the Yemen attack, U.S. drones killed 15 people in Pakistan and wounded four. Since the March 17 drone attack that killed 44 people, also in Pakistan, there have been four drone strikes. In 2010, American drones carried out 111 strikes. The Human Rights Commission of Pakistan says that 957 civilians were killed in 2010."

Islamic militant leader Osama bin Laden, the man the United States considers the prime suspect in last week's terrorist attacks on New York and Washington, denied any role Sunday in the actions believed to have killed thousands.
(CNN,2001)

Private Terrorfahnder (Intel/Site)

www.freitag.de/community/blogs/gsfrb/operation-blutsturzal-kaida-feiert-paketbomben-idee-

www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2007/10/09/AR2007100902055.html

Gold Star For Robot Boy 12.05.2011 | 00:33

Glauben Sie an tatsächliche Exit-Strategien, nachdem Obama den AfPak Krieg AUSGEWEITET hat ?

"Clinton said bin Laden's death at the hands of U.S. forces in Pakistan nearly a decade after the Sept. 11, 2001 terrorist attacks proved the United States was committed to tracking down the perpetrators of extremist violence and bringing them to justice. "Even as we mark this milestone, we should not forget that the battle to stop al-Qaeda and its syndicate of terror will not end with the death of bin Laden," she said."
(Time,2.5.11)