Auge um Auge, Haus um Haus

Türkei Gefechte zwischen der PKK-Guerilla und der Armee erinnern immer mehr an einen Bürgerkrieg
Anselm Schindler | Ausgabe 39/2015 14

Rasseln und Rattern tönt durch eines der Viertel von Amed (türkisch: Diyarbakır). Die Menschen sammeln sich auf ihren Balkonen und auf der Straße. Sie trommeln auf Töpfe und Teller, hämmern gegen Haustüren und Garagentore. Die Sonne geht gerade unter und an den schlecht verputzten Wänden der Gegend flackert der Schein brennender Barrikaden. Mit Tüchern vermummte Jugendliche haben einen Straßenzug unter ihre Kontrolle gebracht. Immer wieder hallt eine Parole durch das Dunkel der Gassen von Amed: „Bijî Berxwerdana Cizîr!“ – „Es lebe der Widerstand in Cizîr!“

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Tagelang hatte türkisches Militär die kleine Stadt belagert und besetzt. Es gab heftige Gefechte mit der PKK. Tote Zivilisten lagen auf den Straßen, Verletzte konnten nicht geborgen werden – es war eine Ausgangssperre verhängt. Wer trotzdem helfen wollte, geriet ins Visier von Scharfschützen der Armee, die auf den Minaretten der Stadt saßen. Mit aller Macht sollte die PKK-Guerilla aus Cizîr wieder vertrieben werden, doch konnten sich die Kämpfer halten, weil ihnen der Rückhalt in der Bevölkerung ebenso half wie ein Tunnelsystem, in dem sich Deckung finden ließ.

Cizîr ist eine Chiffre, mit der sich kennzeichnen lässt, was in Südostanatolien geschieht. Mit Bomben- und Raketenangriffen der Regierungssoldaten wie dem Gegenhalten bewaffneter linker Kurden wird die Schwelle zum Bürgerkrieg überschritten. Patronenhülsen liegen auf den Gehwegen Ameds, an machen Stellen klebt Blut auf dem Straßenpflaster und über Twitter kursiert der hashtag civilwar, was zutrifft, solange es in Amed jede Nacht knallt.

In einem Viertel verstummen plötzlich die Stimmen hinter der Barrikade. Nur das Knistern von Feuer ist zu hören. Angespannt starren alle in Richtung Polizeistation. Ein Schuss durchbricht die Stille. Tränengaskanister sausen zischend gegen den Schutzwall aus Pflastersteinen, Schutt und Gebälk. Die Menschen fliehen in eine Seitengasse, als mächtige Detonationen die Fensterscheiben klirren lassen. Junge Kurden versuchen, eine angreifende Polizeikette durch selbst gebastelte Granaten zu stoppen. Mit voller Wucht durchbrechen gepanzerte Fahrzeuge die Barrikade. Gasse um Gasse, Haus um Haus verschwinden hinter einem beißenden Nebel aus Tränengas. Dazu dröhnen vom Himmel Armeehubschrauber. Man weiß, dass vom Militärflughafen vor den Toren von Amed Kampfjets starten, um Bomben über PKK-Stellungen im Nordirak auszuklinken.

In den Straßen der Stadt Gever im äußersten Südosten ist es seit einigen Tagen wieder ruhiger. In vielen kleinen Läden und den Teehäusern drängen sich die Menschen. Sobald der Tag geht, kreisen jedoch auch hier die Helikopter.

Für unabhängig erklärt

Abseits des Stadtzentrums, das sich unter Kontrolle des türkischen Militärs befindet, türmen sich in den Seitenstraßen gleichfalls Barrikaden, errichtet durch die kurdische Bevölkerung, als die Armee in ihren Bezirk einrücken wollte. Wie es heißt, waren in einigen Barrieren Sprengsätze versteckt, die oft aus Gaskartuschen hergestellt wurden – ein letztes Mittel der Verteidigung, wenn sich Fahrzeuge nicht anders aufhalten ließen. „Panser“ nennen sie in Gever das auf sie zurollende Kriegsgerät, in Anlehnung an das deutsche Wort Panzer. Ein Teil des hier eingesetzten Equipments stammt aus deutscher Produktion. „Mit euren Waffen bringt ihr uns um“, rastet ein junger Kurde aus und zeigt in Richtung einer Straße, in der türkische Soldaten in Stellung gegangen sind und die Geschützläufe ausrichten.

In den vorwiegend von Kurden bewohnten Städten der Türkei greift der Staat seit Jahren die dort entstandene Selbstverwaltung an. Tausende wurden inhaftiert. Seitdem Präsident Tayyip Erdoğan die PKK wieder militärisch attackieren lässt und jede Verständigung entfällt, haben viele dieser Kommunen ihre Unabhängigkeit vom türkischen Staat erklärt. Basisdemokratische Volksräte nehmen sich der Geschicke der Städte an. Das geschieht inmitten eines langsam Fahrt aufnehmenden Bürgerkrieges. „Wir wollen mit dem, was wir tun, den Idealen der kurdischen Befreiung dienen“, sagt eine junge Frau aus einer aufständischen Jugendorganisation. Mit „Idealen“ ist das auf den inhaftierten PKK-Führer Abdullah Öcalan zurückgehende Prinzip eines demokratischen Konföderalismus gemeint, der – anders als noch in den 80er Jahren – den Nationalstaat ablehnt und stattdessen basisdemokratische Rätestrukturen will.

Das gilt auch für Gever, wo seit Wochen der Belagerungszustand herrscht. Anfang des Monats hallte die Parole „Sehid namirin!“ durch die Straßen – „Die Märtyrer sind unsterblich!“–, als Tausende Ali Kaval die letzte Ehre erwiesen. Der junge Kurde fiel in der Nacht zum Weltfriedenstag am 1. September einem Polizeieinsatz zum Opfer. Vier Geschosse trafen Brust und Kopf, abgegeben aus einem vorbeifahrenden Fahrzeug. Seither ziehen regelmäßig Beerdigungsprozessionen durch die Straßen, wenn Menschen ihre Wut herausschreien, und PKK-Fahnen über ihren Köpfen wehen.

Armee aufgewertet

„Europa muss endlich handeln“, sagt die Mutter eines der Getöteten mit flehendem Tonfall. Wie es aussieht, wird das nicht geschehen. Aus der EU kommt zwar Kritik an Tayyip Erdoğan, aber das eine ganze Region faktisch unter Kriegsrecht steht, wird entweder nicht wahrgenommen oder ignoriert. Westliche Korrespondenten müssen die Kampfzone meiden und halten sich an staatliche türkische Medien, die einseitig berichten. Dort wird behauptet, dass Raketen, die zuletzt mehrfach auf Gever niedergingen, von der PKK-Guerilla abgefeuert worden seien. Fragt man die Menschen, von deren Häusern nur Trümmerfelder blieben, hört man anderes: „Keine Frage, der Beschuss kam aus einem 15 Kilometer entfernten Militärstützpunkt“, erzählt der Bewohner eines ausgebrannten Domizils. Beim Gebäude nebenan sind die Außenwände von Einschüssen übersät. Es werden Kriegsverbrechen begangen, sagt die linke prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) und muss um ihre politische Existenz fürchten.

Dass Erdoğan einen derart aggressiven Kurs steuert, hängt mit den für den 1. November angekündigten Neuwahlen zusammen. Es ist aber auch ein Zeichen dafür, dass die Armee, deren Machtfülle mit der EU-Annäherung beschnitten wurde, wieder an politischem Einfluss gewinnt.

Anselm Schindler ist freier Autor und derzeit im Südosten der Türkei unterwegs

06:00 29.09.2015

Ausgabe 15/2020

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