Augen auf und durch

Alltag I Pornografie im Selbstversuch

Den Mantel mit dem neckischen Karnickelfellkragen habe ich zuhause gelassen. Aber meine Stiefel trage ich trotzdem, die machen einen geraden Rücken, und nur weil ich mit hohen Absätzen in eine Pornovideothek gehe, wird ja wohl niemand komisch gucken. Ich radle an der Technischen Universität vorbei, und für einen kurzen Moment überlege ich, ob ich mich nicht doch lieber in die Unibibliothek setzen und Bataille lesen sollte. Das ist vollkommen unverfänglich, und man kommt nicht so ins Schwitzen, denn in der Wissenschaft ist ein scharfer Blick ja legitim, auch für Frauen. Aber wenn es dann an die harten unsublimierten Fakten geht, heißt es ganz schnell, dass die Schaulust nun einmal männlich sei, und deshalb: Augen zu und durch. Genau so war das nämlich damals, als mich eine Kollegin im Anschluss an eine Tagung einlud, mit ihr in diesen Sexshop am Kottbusser Damm zu gehen.

Die Tagung beschäftigte sich mit dem Verhältnis von Feminismus und Pornografie, die Vortragenden waren ausnahmslos weiblich und entweder sehr jung oder sehr alt. Während die Alten nahezu einhellig behaupteten, dass die Gesellschaft sich zunehmend pornografisiere und dies den endgültigen Untergang der Emanzipation bedeute, waren die Jungen sich im Großen und Ganzen einig, dass eine Verdammung lediglich eigene Abgründe zu verdecken versuche, dass es doch vielmehr darum gehe, sich das Genre anzueignen, und genau das geschehe ja auch seit der Jahrtausendwende. Nach meinem Vortrag fragte mich eine Soziologin, ob ich überhaupt jemals in einem Pornoshop gewesen sei. Oder in einer Videokabine. Sie nämlich auch nicht, sagte sie auf einmal ganz freundlich, und reichte mir meine Jacke.

Der Mann hinter der Theke fand uns offensichtlich sehr niedlich. Grinsend und etwas zu dienstbeflissen fragte er: Ja bitte? Zum Glück war meine Kollegin nicht so verhuscht wie ich, sie bestellte eine Kabine wie ich morgens meine Brötchen. Ich dagegen fühlte mich wie ein Kaninchen vor der Schlange, und das, obwohl noch nicht einmal Kunden im Laden waren. Uns wurde die dritte Kabine von rechts zugewiesen. Wir schlossen die Tür und schauten uns etwas hektisch nach zusammengeknüllten Taschentüchern und schimmrigen Überresten unseres Vorgängers um. Aber es war zu dunkel. Und weil es uns aus dem selben Grund unmöglich war, den Zusammenhang zwischen den Schaltflächen, die sich auf unseren Armlehnen befanden, und den vielen Bildschirmen an der gegenüberliegenden Wand herzustellen, warfen wir einfach etwas Kleingeld in einen Schlitz und fingen an, auf den Knöpfen herumzudrücken. Meine Kollegin wurde auf einmal ganz aufgeregt. Und das nicht etwa, weil sie sich empörte, sondern weil die Bilder sie scharf machten. Mir ging es nicht anders, sattelfeste feministische Theoriebildung hin oder her. Aber obschon ich am längeren Hebel saß, konnte ich mich nicht für die eine oder andere Szene entscheiden, und so ließ ich gerne sie bestimmen. Und noch viel weniger konnte ich etwas sagen, ich konnte keine einzige Szene kommentieren, und deshalb tue ich es auch jetzt nicht. (Aber gleich kann ich es, warten Sie ab.) Als wir zurück in den Shop gingen, war ich mir sicher, dass mich alles verraten würde, vor allem meine Gesichtsfarbe. Die Soziologin dagegen war noch brennend an den Sexspielzeugen interessiert, und deshalb bat sie den Angestellten, uns das eine oder andere vorzuführen. Besonders eindrücklich - im wahrsten Sinne des Wortes - war eine Gummivagina. Ein Modell durfte man berühren, und weil das viele Kunden schon vor uns gemacht hatten, war sie rund um die Öffnung ganz speckig. Man kann die Vagina einfach so als Partialobjekt gebrauchen, oder aber in eine Puppe einbauen. Ganz wie man will, sagte der Angestellte und holte ein großes, durchsichtiges Paket vom Regal, aus dem uns ein Frauengesicht mit kreisrund geöffnetem Mund und stahlblauen Augen entgegenblickte.

Aber eigentlich, erinnere ich mich jetzt, während ich mein Fahrrad abstelle, konnte ich die Augen gar nicht richtig erkennen, weil sich durch die Spiegelung der Plastikfolie immer wieder mein eigenes Gesicht vor das der Frau schob. Ein bisschen wie in Balzacs Erzählung über Das Mädchen mit den Goldaugen, denke ich, denn auch in ihnen haben sich die Liebhaber letztendlich immer nur selbst erkannt. Ich überquere die Otto-Suhr-Allee, den Eingang der Videothek EVS ganz fest im Visier. Ein Schild informiert mich, dass hier über 20.000 Filme ausgeliehen werden können. Ich mache mich gerade und öffne die Tür, in der Hoffnung, sofort einen Überblick zu bekommen. Drückende Stille schlägt mir entgegen, dazu ein schwarzer Vorhang, der mir die Sicht versperrt. Ich kämpfe mich durch den Stoff, aber aus dem Überblick wird leider nichts. Denn das EVS ist ein fensterloser Schlauch, an dessen Ende ich vage die Ausleihe vermute. Die Regale an den Wänden sind bis zur Decke mit Pornofilmen vollgestopft, davor stehen vereinzelt Männer, die sich stumm die Hüllen ansehen. Eingedenk meines Vorhabens, den Blick diesmal nicht zu senken, gehe ich aufrecht zwischen ihnen hindurch. Ein bisschen so wie auf einem Laufsteg, denke ich auf einmal - nur dass mich keiner anschaut.


Aber ich schaue. Ich sehe einen Fahrradkurier, der einen Riesenstapel DVDs vor sich her in Richtung Ausleihe trägt. Ich sehe einen älteren Herrn, der sich nicht recht entscheiden kann zwischen Unsere geile Tochter und Das sexte Gebot: Du sollst ficken. Ich sehe einen Mann um die 20, den ich für einen Geschichtsstudenten halte und der sich offensichtlich für Analsex interessiert.

Ich sehe nicht nur Männer, die sich Bilder ansehen. Ich sehe selbst die Bilder. Ich sehe Schwänze, die sich zwischen Brüsten reiben ("Tittenficks"), ich sehe Sperma, das auf Gesichter, Bäuche, Rücken spritzt ("Cumshots"), ich sehe Hintern, die von zwei Schwänzen gleichzeitig penetriert werden ("Double-Penetrations"), ich sehe Frauen in Schuluniformen, ich sehe Männer in Windeln, ich sehe riesengroße Dildos, ich sehe Frauen in Ketten, ich sehe Männer in Ketten, ich sehe Zungen, ich sehe Hoden, die gegen Ärsche klatschen, ich sehe Finger, die in Mösen stecken. Und ich sehe einen Angestellten, der geradewegs auf mich zukommt.

Er fragt unwirsch, was ich wolle, hier bekomme man nämlich nur Pornos. Als ich ihn freundlich darauf aufmerksam zu machen versuche, dass ich das durchaus mitbekommen habe, unterbricht er mich und sagt: Aber Sie stören die Kunden. Mir wird klar, dass ich jeden Moment rausfliege, und deshalb ziehe ich die Notbremse. Ich erzähle, dass ich eine Doktorarbeit schreibe und recherchiere. Auf einmal hellt sich sein Gesicht auf, ach so, sagt er. Ich sage ihm, was ich suche, er lächelt beeindruckt, das haben wir nicht im Regal, kommen Sie mal mit. Er holt eine Kladde unter der Ladentheke hervor, ich sehe lauter Brüste, die so sehr gequetscht werden, dass sie ganz blau sind und jeden Moment zu platzen drohen. Manchmal sind sie auch mit Wäscheklammern gespickt. Alles amerikanische Produktionen, erklärt mir der Angestellte, die nehmen es da nicht so genau mit der Gewaltverherrlichung. Wir kommen ins Gespräch. Ich nenne ihm weitere Filme, die ich gern ausleihen würde, jetzt ist er weniger beeindruckt. Pornografie für Frauen, ja, hätten sie schon, aber nur im Keller. Ich gehe mit. Auf der Treppe erklärt er mir, dass solche Filme einfach niemanden interessierten, da bekäme man ja überhaupt nichts zu sehen. Ich stelle mir vor, dass er mir, während er das sagt, auf den Hintern schaut. Aber wahrscheinlich ist eine Frau aus Fleisch und Blut nirgendwo so sicher vor Blicken wie in einer Pornovideothek.

Svenja Flaßpöhler ist Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes und prompoviert im Fach Philosophie zum Thema: "Funktion von Pornographie für die Moderne".


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00:00 03.06.2005

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