Augenzeuge

Höllenfahrt Der Berliner Schriftsteller Hans Christoph Buch hat die Kriegsgebiete dieser Erde nicht auf CNN, sondern selbst gesehen

Die koloniale Peripherie Europas und der USA, die von der Sklaverei geprägte Karibik und deren Mutterland Afrika, nimmt im schriftstellerischen Werk H.C.Buchs eine zentrale Rolle ein - so noch in seinem letzten, aus Fiktion und Geschichte intelligent und erzählkräftig gewobenen Roman von der weißen Entdeckung Schwarzafrikas, Kain und Abel. Insofern war es durchaus folgerichtig, dass er sich auf das literarische Experiment journalistischer Reportagen aus der "Dritten Welt" einließ, wozu er sich vor allem bei der Zeit verdingte, und sich als ein in hohem Maße moralisch engagierter Schriftsteller systematisch in die so zahlreich gewordenen Höllen des "Weltbürgerkriegs" begab, an die Orte des modernen Schreckens neuer Genozide und hemmungsloser Machtkämpfe. Was die meisten von uns nur aus Zeitungsberichten, von Fernsehbildern oder aus der einschlägigen analytischen Literatur her kennen - Buch hat alles mit eigenen Augen gesehen, hat auf dem Boden der Killing Fields von Kambodscha gestanden, den Staub Afghanistans eingeatmet, die Hitze des bürgerkriegszerfressenen Sudan in seine Schreibe integriert, den geschundenen und verfolgten Menschen in Algerien, Kosovo, Burundi oder Osttimor in die Augen geschaut und sich ihre Geschichten erzählen lassen. Das ist ein Vorsprung des empirischen Augenscheins, der zumindest in dieser Breite verglichener Schauplätze der neuen Barbareien kaum Seinesgleichen hat und es schwer, ja fast unmöglich macht, seine Erklärungen zu bestreiten und mit ihm über seine Urteile zu rechten - denn er war da und hat gesehen, zum Teil auch am eigenen Liebe gespürt, worüber er redet. Und er ist, was ihn ehrt, daraus als verwundeter Mensch zurückgekehrt, wovon diese Berichte eindrucksvoll und, man wird es sagen dürfen, erschütternd Zeugnis ablegen
Die Reportagen stammen vom Ende der neunziger Jahre und lesen sich wie eine Dantesche Höllenfahrt. Aber während Dantes schier nicht enden wollendes Schreckensszenario erträglich gemacht wird durch die Bilderkraft der poetischen Sprache - und uns schließlich doch tröstend ins Paradies führt - kann Buch keine Erlösung, keinen Hoffnungsschimmer anbieten. Unerbittlich zwingt er seine Leser, sich auf Horrorgeschichten einzulassen, die sich geradezu ermüdend wiederholen und man oft nicht mehr recht weiß, auf welchem der Schauplätze des Schreckens man sich gerade befindet - in Tschetschenien, der Karibik oder in Afrika: wie sich die Bilder der Schlächter und ihrer Opfer gleichen! Doch die Wiederholung hat Methode, die Quantität der Informationen schlägt in Qualität um: Wer da noch weiter von einer "neuen" oder überhaupt einer "Weltordnung" reden kann, der weiß nicht, wovon er spricht.
Dann aber fällt der literarisch gebildete Schriftsteller Buch dem aus Zorn und Verzweiflung über die Gleichgültigkeit der Welt Amok-laufenden Reporter Buch in den Arm (Amok, so lernen wir hier, ist ein indonesischer Begriff und es sind in der Tat lauter wirkliche Amokläufe, die da nicht nur in Osttimor beschrieben werden), indem er sich auf dem Umweg über die Weltliteratur Distanz zu den grauenvollen Dingen schafft, der er erfahren hat und seine Berichte an ihnen spiegelt. "Mein Heilmittel war die Literatur." Lessings berühmten (und viel zu wenig gelesenen) Laokoon-Essay liest er als Versuch "über die Darstellbarkeit von Leiden und körperlichem Schmerz, Grausamkeit und Gewalt" und versucht mit diesem und anderen literarischen "Schlüsseln", die er bei Tolstoi, Goethe, Stendhal und anderen findet, Türen zur Erklärung des Unerklärlichen menschlicher Brutalität, Grausamkeit und Bestialität - aber auch von passiver Leidensbereitschaft und stumpfer Opferrolle - zu öffnen.
Aber es will ihm nicht recht gelingen. Er findet letztlich weder überzeugende Erklärungen für die Gewalttätigkeiten noch irgendeinen politischen Sinn hinter dem Geschehenen und verlässt sich am Ende resignierend auf die Autorität Tolstois, der in seinen Kriegsberichten auch "den Sinn der Geschichte, den Intellektuelle jedweder Couleur für bare Münze nehmen, als Schwindel und Falschgeld entlarvt" habe und dass es sich im Grunde "um eine Kette sinnloser Metzeleien" handele, die er als Schriftsteller-Chronist ungeschönt und im rohen Naturzustand des reinen Augenzeugen uns vorstellt. "In diesem Augenblick donnert, als Retter in der Not, eine Fahrzeugkolonne der Bundeswehr vorbei: Leopardpanzer mit lachenden, verschwitzten Soldaten, die uns aus einem Panzerturm fröhlich zuwinken ..." - diese befreiende Erscheinung von Ordnung, Freundlichkeit und Zivilisation in Gestalt der NATO enthält, ohne ausgesprochen zu werden, die emotional erfahrene politische Botschaft des verzweifelt mit-leidenden H. C. Buch. Und auf dieser Ebene wird man sie ihm auch schwer übel nehmen können.
Buchs Bericht aus den Höllen der "internationalen Gemeinschaft" kennt keine Helden und keine Weggefährten. Die vielen Helfer und Freiwilligen vor Ort erscheinen ihm in der Regel als Repräsentanten routiniert-bürokratisierter Selbstbeschäftigungsorganisationen oder als selbsternannte Besserwisser. Mit den schreibenden Journalisten hat er bestenfalls Mitleid, weil ihre Berichte von den fernen Redaktionen umgeschrieben werden. Für die akademische Analyse hat er, weil zumeist erfahrungsleer, nur Verachtung übrig. Das mag in einigen, vielleicht sogar vielen Fällen zutreffen - aber ebenso wichtig ist es, sich an Kants erkenntniskritische Aussage zu erinnern: Anschauungen ohne Begriffe sind blind. "Nach mehrwöchiger Reise kreuz und quer durch Kambodscha und Gesprächen mit Vertretern fast aller Bevölkerungsschichten", so heißt es einmal enthüllend - und das gilt nahezu für alle dieser Reportagen - "fange ich an, den Durchblick zu verlieren." Und ein andermal bemerkt er ehrlich: "der Augenschein, der angeblich nie trügt, sagt über das wirkliche Geschehen nichts mehr aus." Aber nirgends gibt Buch zu erkennen, ob oder dass er sich vor Antritt seiner Reisen mit Geschichte, Ethnologie, Soziologie oder Ökonomie dieser Länder, ehe er sie in "Augenschein" nahm, beschäftigt hat; folglich lernen wir auch nichts über Hintergründe, Interessen, Motive, über die Politik, die mit diesen Mörderfiguren gespielt wird - es sei denn, ein Gesprächspartner erzählt ihm etwas. Für den wohl "schlimmsten Völkermord seit dem Holocaust", der nicht nur von Teilen der allerdings einflusslosen Linken hingenommenen und beschönigten, sondern auch von der US-Regierung, die etwas gegen ihren Protegé Pol Pot hätte tun können, passiv geduldeten Ermordung von 1,6 Millionen Kambodschanern durch die Roten Khmer, ist es zum Beispiel ein katholischer Pater, der Buch eine dann unhinterfragt übernommene Erklärung für "dieses blutrünstige Schauerdrama aus dem Dschungel Südostasiens" liefert: Der Buddhismus sei schuld. Die (dem Katholiken natürlich fremde, ja missionarisch von ihm bekämpfte) Vorstellung von Seelenwanderung habe die Duldung der Verbrechen, und das buddhistische Ideal der Bedürfnislosigkeit bei den Roten-Khmer-Kadern deren Fanatismus begründet. Buch: "Hier, im buddhistischen Erbe der Weltabgewandtheit und Entsagung, liegt eine der Ursachen für den Erfolg dieses ideologischen Massenwahns." Von solchen Kurzschluss-Thesen ist es dann zum Analogie-Schluss auf den Islam als Verantwortlichem für den internationalen Terrorismus nicht gerade weit. Anschauungen ohne Begriffe sind nicht nur, sie machen auch blind.
In diesem Sinne sind diese notwendigen und verdienstvollen, im deutschen Sprachraum in ihrer geballten Fülle einmaligen Reportagen aus allen fünf Kontinenten sehenden Auges "blind". Aber paradoxerweise liegt darin gerade ihre Bedeutung, ihre Herausforderung: dass wir nämlich selbst - ohne auch nur ein Jota von Buchs empirischer Evidenz unterschlagen und verdrängen zu dürfen - die eigene Leere des Begriffs von den Verbrechen der Politik mit der blutigen Masse solcher Anschauungen füllen müssen. Das wird es dann noch schwerer machen, die Verhältnisse auszuhalten, als es nach diesem grauenhaften, geradezu übelerregenden Blick in die Abgründe der Gegenwart möglich ist.

Hans Christoph Buch: Blut im Schuh. Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkriegs. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2001, 346 S., 25,- EUR

00:00 03.05.2002

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