Augstein bei Adenauer

Kommentar 60 Jahre deutsches Nachrichtenmagazin

Sommer 1953. Ich hatte mich an der Universität Würzburg immatrikuliert, saß auf einer Parkbank bei der Mensa und las Jens Daniel, wie sich Rudolf Augstein damals noch nannte, im neuesten Spiegel und ein Büchlein, das seine Spiegel-Kommentare zusammenfasste: Deutschland - ein Rheinbund?

Ich wusste nicht, dass der Verleger dieses gelbroten Bändchens ein gerade erst aus dem Gefängnis freigesetzter Massenmörder war. Aber eines wusste ich, so einer wie dieser Jens Daniel will ich werden. Mit einem eigenen Kasten - Kolumne nannte man das - im ansonsten damals noch namenlosen Spiegel. Gegen Adenauer. Gegen die Remilitarisierung. Woche für Woche.

Ich wusste nicht, dass Jens Daniel als Rudolf Augstein diese Remilitarisierung Westdeutschlands mitangestoßen hatte. Bevor noch die Bundesrepublik gegründet wurde, machte Spiegel-Chef und Ex-Leutnant Augstein im November 1948 eine Rundreise zu den besiegten Hitler-Generälen, um dann bei Adenauer deren Wunsch zu übermitteln: 30 Divisionen. Der Alte nickte und sprach: So sehe ich das auch. Er bat Augstein, jederzeit bei Tag und bei Nacht unangemeldet in sein Haus zu kommen, wenn er wieder so etwas Wichtiges habe.

Die Spiegel-Leser machten nicht mit, bei einer Postkartenaktion sagte die übergroße Mehrheit Nein zur Wiederaufrüstung. Erfreulicherweise war Augstein seine Auflage wichtiger als die deutschen Divisionen. Später schrieb er: "Die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue Staat wurde gegründet, um eine Armee gegen die Sowjets ins Feld zu ziehen."

13 Jahre nach dem Wunsch auf der Parkbank hatte ich meinen Kasten im Spiegel. Ich hätte mir ausrechnen können, wie ich dazu kam. Die Anzeigenkunden waren unzufrieden mit der Druckqualität. Schnell und gut konnte nur Springer das Heft produzieren. Doch die Spiegel-Leser waren gegen Springer, die Studenten rebellierten gegen die Totschlagparolen von Bild. Und so wurde ich Medienkolumnist im Spiegel. Dass ich regelmäßig über die Springer-Presse herfiel, entsprach meiner Überzeugung, war aber auch sehr erwünscht, das lenkte davon ab, wer das alles druckte. Ich fühlte mich wohl im Spiegel-Haus, ich, der Kritiker der anderen Medien, wusste nichts von der Vergangenheit meines Mediums. Im Keller des schönen neuen Glashauses, das wir bald bezogen, lagen keine Leichen, schwimmen durften wir dort und saunieren.

1972 flog ich raus. Das Anzeigenaufkommen war erstmals in der Geschichte des Spiegel gefallen, um 15 Prozent. Inserenten hatten sich über mich beschwert. Doch Augstein bewunderte ich weiter, bis er 20 Jahre später, 1992, die Dummheit beging und die Spiegel-Kampagne gegen Manfred Stolpe damit rechtfertigte, dass der Spiegel schon immer ein "Organ der Aufklärung" gewesen sei, von Anfang an.

Da erst stieg ich endlich in meinen Keller, wo die Faksimile-Bände der ersten Jahre des Spiegel standen. Ich entdeckte, was von der Öffentlichkeit längst vergessen, ja so nie wahrgenommen wurde. 1949 gab es eine Rechtfertigungsserie, geschrieben vom ersten Gestapochef Rudolf Diels persönlich. Dann eine Entlastungsserie für den SD-Einsatzgruppenführer Arthur Nebe, der mit seiner Truppe 45.467 Menschen umbrachte, geschrieben von Augstein und Nebes Stellvertreter Bernhard Wehner. Und schließlich eine wüst antisemitische Serie gegen Displaced Persons, in Deutschland verbliebene Zwangsarbeiter, geschrieben von den SS-Hauptsturmführern Horst Mahnke und Georg Wolff aus der Mordzentrale der Nazis, dem Reichssicherheitshauptamt. Sie waren Mitarbeiter von Alfred Six, dem Führer des Vorauskommandos Moskau der Einsatzgruppe B. Six selbst - in Nürnberg zu 20 Jahren verurteilt, aber schon 1952 entlassen - wurde 1953 der Verleger von Augsteins Buch, das ich auf der Parkbank in Würzburg las. Das alles wird auch heute noch zum 60-jährigen Jubiläum des Spiegel vertuscht. Spiegel-Chronist Leo Brawand, ein Mann der ersten Stunde, der alles miterlebt hat, machte jetzt aus Mahnke und Wolff im Deutschlandfunk, zwei harmlose Leute der Waffen-SS.

In den sechziger Jahren war der Spiegel nach links gerückt, die Besetzung der Redaktion, die Spiegel-Affäre überhaupt zwangen ihn dazu. Dass er einen Kanzler Strauß und damit die atomare Bewaffnung der Bundeswehr verhinderte, bleibt Augsteins Verdienst.

Aber nach seinem Tod ist der Spiegel mehr denn je uninteressant geworden. Stefan Aust, der die Macht übernahm, hat aus dem Spiegel "ein geschwätziges Blatt unter anderen" gemacht, wie Augsteins kluge Tochter Franziska erkannte. Sie sagte es: "Der Fisch stinkt vom Kopf her."

Otto Köhler, Spiegel-Kolumnist 1966-1972

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00:00 12.01.2007

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