August

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August fand seine Unterhose nicht. Er konnte sich erinnern, wie er sie in der Nacht abgestreift hatte. Mehr wusste er nicht mehr. Jetzt, da er aufgewacht war, war sie weg. Eine baumwollene blaue Unterhose, Größe M von Sloggi.

Seine Mutter schenkte ihm jedes Jahr zu Weihnachten fünf Paar Unterhosen. Er hatte jeweils einen Bestand von 15, mehr brauchte er nicht. Nach drei Jahren steckte er sie in einen Kleidersack und stellte den vors Haus.

Auf einem Markt in Yaoundé war er einmal auf eine seiner ausgemusterten Unterhosen gestoßen. Das eingenähte marineblaue "A" ließ keinen Zweifel offen. Er kaufte sie und nahm sie mit nach Hause, nur um sie ein halbes Jahr später wieder in einen Kleidersack zu stopfen.

Sich selbst Unterhosen zu kaufen, kam ihm nicht in den Sinn. Mit den fünf Weihnachtshosen seiner Mutter kam er gut über die Runden. Die Hosen waren mit einem Gummiband versehen, das saß, aber nicht einschnitt, und auch die Passform war schön. Wenn ihn eine Frau in Unterwäsche sah, wusste er sofort, was sie dachte: "Bequeme, kochfeste Unterhosen. Ein solider Mann."

Jetzt aber war die blaue Sloggi weg. Er schüttelte den Kopf. Ohne Unterhose kam er nicht ins Bad. So sehr war die Unterhose bereits zu seiner zweiten Haut geworden, dass er ohne sie nicht aufstehen zu können glaubte.

Mit Wehmut erinnerte er sich an die Zeit, in der er ohne Unterhosen herumgerannt war - unbekümmert und ohne Scham.

Vor fünf, sechs Generationen noch hatten die Leute gar keine Leibwäsche gehabt. Heute kam man fast schon mit Unterhosen zur Welt.

Eigentlich hatte er sie immer nachlässig wie einen leichten Schal getragen. Oft hatte er sie ganz einfach vergessen. Wenn er es sich recht überlegte, war er zu seiner süßen kleinen Mutter nicht anders gewesen: nachlässig und vergesslich. Trotzdem hielten ihm seine Freundinnen manchmal vor, er würde sie um die Lenden tragen. Aber sein Therapeut hatte ihn stets gestützt, selbst den Kauf in Yaoundé verteidigt.

August, August, murmelte er vor sich hin, und es klang, als ob seine Mutter zu ihm spräche. Von ferne, wie durch Stoff hindurch. Er schwitzte und verfluchte seinen Monatsvetter.

Gedankenverloren blickte er zu Boden und entdeckte ein rotes Höschen. Verwundert schaute er es an. Er wusste nicht, woher es kam. Neugierig griff er danach und schlüpfte hinein. Es passte. Aber es fühlte sich anders an. Hinter diesem Stoff musste es etwas Anderes geben, das spürte er. Diese Unterhosen waren mehr als nur Unterhosen. Er ahnte, dass da etwas war, was über sie hinausführte, und doch war es nicht zu fassen. Mit dem Finger fuhr er über den Feinripp, um dem nachzuspüren. Er hoffte das Muster zu erkennen, nach dem sie gestrickt waren. Er wollte sie tragen, dass alles klar wäre, für immer alles klar wäre zwischen ihnen: nur er und sie. Aber nichts war klar. Es war etwas zwischen ihnen. Etwas Unsichtbares, das immer unsichtbarer wurde, je länger er sie trug.


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00:00 03.09.2004

Ausgabe 38/2020

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