Aus dem Funken schlägt Misstrauen

Pakistan Das Verhältnis zu den USA bleibt nach der Kommandoaktion gegen bin Laden ­erschüttert. Die Armeeführung ­fürchtet, die Kontrolle über ihre Atomarsenale zu verlieren

Präsident Obama scheint zu hoffen, der 2. Mai habe das Blatt im Afghanistan-Krieg gewendet. Jedenfalls nutzt er die Operation Geronimo, um ein frisches narratives Element einzuführen, das mehr Schwung in bleierne Metaphern bringen soll. „Osama bin Ladens Tod eröffnet eine Möglichkeit zur Versöhnung mit den Taliban, die es vorher nicht gab“, so ein hoher Regierungsvertreter in der Washington Post. „Die Administration versucht, einen Funken aus Osamas Tod zu schlagen, mit dem sich Friedensgespräche zünden lassen.” Klingt poetisch. Ist es auch realistisch? Die Optimisten spekulieren, die Taliban hätten nach der Terminator-Aktion eine Heidenangst, seien offen für Gespräche und auf „Konstruktives“ bedacht.

Das lässt einen entscheidenden Umstand außer Acht: Die USA haben ihren „militärischen Fussabdruck“ in Afghanistan verewigt, mit einem tiefen Profil aus Militärbasen, Flughäfen, Abschussrampen für Drohnen und Spezialgefängnissen – allzeit bereit, das Land für den Bedarfsfall im Griff zu behalten. Dieser Fußabdruck in einem geopolitischen Schlüsselstaat Zentralasiens ist die eigentliche Konsequenz des seit der Intervention 2001 dauernden Konflikts, obwohl darüber ungern gesprochen wird. Für die Taliban ist er ein unüberwindliches Hindernis auf dem Weg zum Verhandlungstisch – selbst wenn sich Präsident Hamid Karzai unter amerikanischem Druck bereit finden sollte, das Arrangement mit den Gotteskriegern durch eine Partnerschaft zu legitimieren. Trotzdem setzt Washington darauf, dass sich die Hürde nehmen lässt, wenn nur die Furcht der Taliban groß und der Beistand der pakistanischen Generalität hilfreich genug sind. Es erscheint fraglich, ob die Rechnung aufgeht.

Erst der Anfang

Die Beziehungen zwischen Washington und Islamabad waren schon angespannt und fragil, bevor sie am 2. Mai der schwere (Rück-)Schlag traf. Mit einer arroganten Machtdemonstration, die es zum amerikanischen Vorrecht erhebt, pakistanische Souveränität zu verletzen, hat Barack Obama die Generäle in Islamabad in eine unhaltbare Position gebracht. Bestehende Geheimabkommen, nach denen aus innenpolitischen Rücksichten bei allen US-Operationen in Pakistan zumindest ein Schein von Souveränität gewahrt bleiben sollte, wurden gebrochen. Das ist auch deshalb demütigend, weil Erzfeind Indien nicht mit Häme spart und laut darüber nachdenkt, wie sich der „Selbstbedienungsangriff vom 2. Mai“ kopieren ließe. Dass unter diesen Umständen in Islamabad innere Feinde mobil machen, überrascht wenig. Generalstabschef General Kayani hat bereits kurz nach der Operation Geronimo die Superbrigade 111 alarmiert, auf dass sie einen möglichen Staatsstreich verhindere. Währenddessen wüten die Taliban und töten bei einem Doppelanschlag in Peshawar mehr als 80 Menschen. Erst der Anfang, mutmaßen Beobachter.

Mit ihren Zumutungen zwingt die US-Administration das politische Pakistan zum Schulterschluss. In einer scharfen, einstimmig verabschiedeten Resolution stellt sich das Parlament hinter seine Generäle und verurteilt den US-Angriff auf die eigene Souveränität. Das Hohe Haus verbittet sich kategorisch weitere unilaterale Unternehmen dieses Zuschnitts auf dem eigenen Territorium und droht für den Wiederholungsfall, NATO-Versorgungstransporte für Afghanistan zu unterbrechen.

Ungeachtet dessen laufen die US-Drohnenangriffe weiter auf Hochtouren und wirken wie ein Countdown zum Endspiel. Wird Pakistan auch das notgedrungen hinnehmen oder wird es zur Konfrontation um Drohnen oder Versorgungstransporte kommen? Das Killerkommando von Abbottabad flog auf speziellen Befehl Präsident Obamas mit „Top Cover“ – das heißt, es waren alle Vorkehrungen getroffen, um auf eventuelle pakistanische Störmanöver oder gar Angriffe gegen das Osama-Kommando militärisch zu reagieren.

So ungeheuer klamm

Inzwischen hat der US-Krisendiplomat, Senator John Kerry, mit Zuckerbrot und Peitsche in Islamabad vorgesprochen und erklärt, er habe ein Bonbon zu vergeben. Welches, ließ er offen. So dass spekuliert wird, der Emissär könnte Pakistan eine Schlüsselrolle bei Verhandlungen über die künftige Regierung in Kabul angeboten haben. Oder mehr Wirtschaftshilfe? Das Land ist nach der Flutkatastrophe vom Vorjahr so furchtbar klamm, dass es die vom IWF verlangten Reformen nicht termingerecht angehen kann – ein Kreditstopp droht. Auch lassen überfällige US-Militärhilfen seit Monaten auf sich warten. General Kayani kann dringende Zahlungen an die Truppe nicht leisten, obwohl trotz allem die Produktion von Nuklearwaffen weiterläuft. Die Dollars, die Pakistans Militärmaschine im Dienst des amerikanischen Krieges in Afghanistan ölen, füttern unter anderem das am rasantesten wachsende Nukleararsenal der Welt. Eine Antwort des Eigentümers auf eine gefühlte Bedrohung und die labile Nachbarschaft?

Am 28. April – vier Tage vor der Operation gegen bin Laden in Abbottabad – berichtete die Washington Post, Premier Yousaf Raza Gilani habe den afghanischen Staatschef Karzai aufgefordert, die Amerikaner aus seinem Land zu werfen und ein neues geopolitisches Kapitel aufzuschlagen, in dem Afghanistan, Pakistan und China zusammen glücklich werden könnten. Gilani bestritt dies umgehend – doch sollen Wochen zuvor bereits General Kayani und ISI-Chef, Generalleutnant Ahmad Shuja Pasha, in Kabul für eine Lösung geworben haben, bei der China mit im Boot sitzt.

Pakistans Souveränität existierte schon vor dem 2. Mai nur noch als Phantom. Allem Anschein nach haben die Amerikaner unerwartete Fortschritte bei der Aufklärung von Taliban-Bastionen im Grenzgebiet zu Afghanistan zu verzeichnen, was sich in höchst erfolgreichen Drohnen-Angriffen niederschlägt. Als Pakistans Generäle dies registrierten, war es zu spät und die Kontrolle über US-Militäraktivitäten im eigenen Land weitgehend entglitten. In diesem Moment zogen Regierung und Armee die Notbremse und gaben sich plötzlich unerbittlich: Sie verweigerten Visa, enttarnten US-Agenten, schickten CIA-Kontrakter nach Hause und versuchten, der CIA Handschellen anzulegen. ISI-Chef Shuja Pasha wurde zum strikten Verfechter dieses Kurses, um so mehr will CIA-Chef Panetta seinen Kopf rollen sehen.

Als der Konflikt eskalierte, versuchte die US-Regierung, ihn mit der Operation Geronimo nach dem Prinzip des zerschlagenen Gordischen Knotens zu lösen – eine gefährliche, neue Ebene der Konfrontation. In Pakistan herrscht seither Alarmstimmung und wird befürchtet, Geronimo könnte die Generalprobe für eine Operation Nukebox gewesen sein. Was, wenn sich morgen US-Black-Hawk-Kommandos der Führung des pakistanischen Atomarsenals bemächtigen? Was, wenn diese Sorge die Armeeführung veranlasst, die Potenziale Hals über Kopf zu verlagern? Während die Freunde al Qaidas auf Hochtouren Bomben bauen?

Ursula Dunckern berichtet für den Freitag aus Pakistan und Indien

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:00 28.05.2011

Ausgabe 38/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 2

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community