Aus dem Mond gefallen

Zeitschriftenschau Das Auf und ab der über 200-jährigen Verehrung Schillers und die Renaissance von Carl Schmitt - Michael Buselmeier sichtet neue literarische Zeitschriften

Friedrich Schillers Monatsschrift Die Horen stellte an Mitarbeiter wie Leser die allerhöchsten literarischen und philosophischen Ansprüche und konnte sich vermutlich deshalb nur drei knappe Jahre, von 1795 bis 1797 behaupten, obwohl der große Cotta Verlag hinter ihr stand.

Die 1955 in Hannover begründete Vierteljahrsschrift die horen beendete gerade den 54. Jahrgang. Auf Schillers Zeitschrift bezieht sie sich nicht nur im Titel. Ihre Themenhefte zu europäischen und außereuropäischen Literaturen, mehr noch ihre der deutschen Dichtung und den zu Unrecht vergessenen Schriftstellern gewidmeten Bände sind kenntnisreich und spannend zusammengestellt, einschließlich des umfangreichen Rezensionsteils.

Die jüngste Ausgabe enthält ein Dossier zum 250. Geburtstag des Namensgebers, darunter persönlich gefasste Beiträge von Schriftstellern, Erinnerungen an frühe Gedichtlektüren von Andrea Heuser, Ulla Hahn, Norbert Hummelt und Martin Lüdke, die Schiller ihre Achtung bezeugen, wo es doch zeitweise üblich war, sich ironisch über ihn zu erheben.

Im einleitenden Essay rekapituliert die Journalistin Evelyn Finger Phasen und Verwerfungen der Schiller-Verehrung durch zweieinhalb Jahrhunderte. Zwar habe Schiller das Lächerliche des bildungsbürgerlichen Gedenkens früh empfunden, doch aus Eitelkeit nach öffentlicher Anerkennung „gegiert“. Als erster deutscher Dichter sei er zur „vaterländischen Identifikationsfigur“ ernannt worden. Mit den von Massenumzügen begleiteten „Schillerfesten“ des Jahres 1859 erreichte die Popularität seiner Texte ihren Höhepunkt. Schließlich sei Schiller zum „Kronzeugen des Nationalsozialismus“ und zum „Tornisterheiligen des totalen Kriegs“ avanciert.

So flott und gleichsam unschuldig formuliert, klingt es fast so, als sei der klassische Dichter selbst dafür verantwortlich zu machen, dass sein nationalstolzes Pathos von den Nazis aufgegriffen wurde; als habe er das so gewollt oder zumindest in Kauf genommen. Wenn Evelyn Finger dann auch noch den tiefgründigen Germanisten und Stefan George-Jünger Max Kommerell als „rechtskonservativen Demagogen“ abstempelt, merkt man, wie wenig Gespür sie für die Widersprüche der Geschichte besitzt.

In Schillerzitaten

Klar, dass Schiller auch in der DDR staatstragend vereinnahmt wurde. Und heute? Herrscht Unbehagen gegenüber Schillers pathetischem Werk oder nicht eher Gleichgültigkeit, Desinteresse? Jedenfalls kann der Rezensent Fingers Behauptung, man ergehe sich auch heute noch „in Schillerzitaten“, nicht nachvollziehen.

Man ignoriert sein Werk wie seine Denkmäler, gerade auch in der Schule, wo kaum jemand noch Die Glocke oder Die Bürgschaft auswendig lernt. Nur das so genannte Regietheater macht sich gelegentlich noch über Schiller her, wie es ähnlich schon Erwin Piscator 1926 mit den Räubern tat, als er – aus der Position des Moskau treuen Kommunisten – den jüdischen Verräter Spiegelberg infamer Weise in die Maske Trotzkis steckte.

Ein weiteres horen-Dossier ist dem im August 2009 gestorbenen Dichter Adolf Endler gewidmet. In ihrem rühmenden Nachruf weist Sibylle Cramer auf die „spielerische Anarchie“ seiner Verse, ihren boshaften Humor hin. Als Sohn eines deutsch-böhmischen Vaters und einer belgischen Mutter 1930 in Düsseldorf geboren, siedelte der begeisterte Jungkommunist 1955 in die DDR über, wo er am Johannes R. Becher-Institut in Leipzig studierte. Wenige Jahre später erlebte er den Einsturz seiner politischen und ästhetischen Gewissheiten und richtete fortan Spottverse gegen den SED-Staat, die Fortschrittsideologie und die Parteisprache.

In einem langen Gespräch, das Jürgen Verdofsky im Oktober 2007 mit Adolf Endler führte, ist von frühen „SED-Gesängen“ und „Agitprop-Gedichten“ die Rede. Er sei immer sehr unglücklich gewesen und habe das Leben als Hölle empfunden, auch zu der Zeit, als er „Hurra-Gesänge“ schrieb. Er habe von Nachdichtungen und Kinderstücken gelebt und sei immer skeptischer und staatsferner geworden. Er habe ein „schwarz-humoriges Verhältnis“ zum Leben entwickelt, sich in Gedichten und Prosasplittern „alles von der Seele geschrieben“ und seine Biografie aufgearbeitet. Anders als etwas Christa Wolf habe er eine Grenze, eine rote Linie überschritten und ähnlich wie Wolfgang Hilbig Texte geschrieben, die sich in der DDR nicht mehr veröffentlichen ließen.

In der Februarausgabe des Intellektuellen-Organs Merkur kann man etwas über eine Carl Schmitt-Renaissance lesen, die seit über einem Jahrzehnt in Gang sein soll – und vielleicht noch etwas länger. Denn die radikale Linke bediente sich bereits in den 70er Jahren der Theorien des rechten Ideologen und scharfsinnigen Ideologiekritikers, um mit dem verhassten Liberalismus abzurechnen.

Karl Heinz Bohrer denkt Ulrich Raulffs Erfolgsbuch über Stefan Georges Nachleben weiter. Er referiert also nicht brav den Inhalt des Buches, wie mindere Rezensenten das tun, sondern präpariert zwei, drei Aspekte heraus, die ihm weiterführend erscheinen, etwa den reformpädagogischen Impuls Georges, der noch nach dem Zweiten Weltkrieg in Gestalt von Hellmut Becker und Georg Picht eminent wirksam war.

Ungewohnt im Merkur hingegen die das Heft eröffnenden Tagebuch-Notizen des Frankfurter Soziologen Karl Otto Hondrich aus dem Jahr 1996, sensible Beobachtungen und Reflexionen über zwei Haustiere: „Der Mensch schaut auf sein Tier. Es rührt ihn, wie gut er es kennt und wie ähnlich es ihm ist.“ Mit Charly, dem Hund, teilt der Autor sein „Mannsein“, und er versteht die „Geschlechterspannung“, die ihn zur weißen Hündin auf und davon galoppieren lässt. Tiger, die Katze, ist krank, sie hat einen Tumor im Hals. Ihr Zustand verschlimmert sich so sehr, dass Hondrich, nach mehreren Arztbesuchen, das Tier töten lassen muss. Ein bewegender Abschied: „Ich berührte seine Stirn mit meiner Stirn.“

Hondrich schildert detailliert das Sterben, beweint den Verlust wie den eines nahen Menschen, untersucht Tigers Beziehung zu ihm und seine zu Tiger: „Indem ich an Tigers Sterben teilnehme, nehme ich einen Teil meines eigenen Sterbens vorweg.“ Und er erinnert sich an Momente der Nähe auf dem Sofa, auf dem Schreibtisch: „Oft sind wir mit einem Tier länger und öfter zärtlich als mit einem Menschen.“

Woher kommt das anhaltend große Interesse an Stefan George und seinem Kreis, das sich nicht zuletzt im Erfolg der monumentalen Bücher von Thomas Karlauf über George (2007) und Ulrich Raulff über Georges Nachleben (2009) dokumentiert? Sollte es gerade das heute so Fremdartige und fast Verbotene, weil Elitäre und Feudalistische sein, die Strenge von „Herrschaft und Dienst“, der Geheimbund, der so anziehend wirkt? Genauer: der Dichter, der ein Täter sein wollte, und der Täter, dem das Wort des Dichters höchste Autorität war?

Hier ist von Claus von Stauffenberg die Rede, dem Hitler-Attentäter, der mit seinem älteren Bruder Berthold 1923, als 15jähriger, in den Kreis des Meisters eintrat, was dort als eine wundersame Fügung verstanden wurde. Schon der Name Stauffenberg klang in Georges Ohren wie eine Verheißung, als wären die machtvollen Staufer wiedergekehrt.

Im jüngsten Heft von Sinn und Formräsoniert Thomas Karlauf über Claus von Stauffenberg und dessen Verhältnis zu George und muss sich dabei zunächst mit politisch korrekten Historikern wie Richard Evans auseinandersetzen, die von der ganzen „Operation Walküre“ nichts halten. Ein Mann, der für die parlamentarische Demokratie nur Verachtung übrig hatte, sei – so Evans – als Vorbild für künftige Generationen ungeeignet.

Als guter Mensch

Doch Karlauf kontert, dass Demokratie-Tauglichkeit nicht der Maßstab historischen Interesses sein könne. Stauffenberg habe aus Patriotismus gehandelt und nicht, um als guter Mensch in die Geschichte einzugehen.

Alles, was die Brüder Stauffenberg geschworen und als Testament hinterlassen haben, atmet – so Karlauf – den Geist Stefan Georges. In seinem Bannkreis haben sie das Attentat auf Hitler, der ihre hehren Ideale verraten hatte, geplant und durchgeführt. So wirkte die Welt des Neuen Reichs, das von dem „Dritten Reich“ anfangs gar nicht so weit entfernt war, neben der Familientradition und dem Soldatentum als „Tathintergrund“, als Antrieb und geistige Disposition.

Für George hing das Schicksal des Abendlands von seinem Jüngerkreis, dem „Geheimen Deutschland“ ab. Die Jünglinge sollten sich für den „Tag der Bewährung“ bereithalten. Stauffenberg hatte nach Ansicht Karlaufs die Normen und Werte Georges vollkommen verinnerlicht, nämlich „das Ethos der Tat um ihrer selbst willen.“ „Ihr sollt den dolch im lorbeerstrauße tragen“, forderte der Meister.

Der Dichter Jean Paul, einst berühmt durch Großromane wie Siebenkäs, Titan, Flegeljahre, war ein Sprachbesessener mit einem heute befremdenden, schwer zugänglichen Werk, das sich durch abschweifende Satzgebärden und grandiose Metaphern, durch kosmische Bilder und Träume auszeichnet. Lyrisch erhabene und lapidar witzige Passagen stehen schroff nebeneinander. Die Titanen fliegen himmelhoch auf, nur um abzustürzen, andere Seelen haften schul- und kleinmeisterlich am Boden. Auf Schiller wirkte Jean Paul fremd wie einer, „der aus dem Mond gefallen ist.“

Dass ausgerechnet Bella triste, die erfolgreiche Zeitschrift für junge Literatur aus Hildesheim, Jean Pauls Romanen einen umsichtigen Beitrag widmet, ist erstaunlich. Navid Kermani, ein habilitierter Orientalist, der als freier Schriftsteller in Köln lebt, bemüht sich, den Reichtum einer Literatur einzufangen, der nicht nur sprachlich „mehr Möglichkeiten zur Verfügung stehen, Wirklichkeit zu erfassen“, als beispielsweise heute geschriebenen Texten: „Wo ich in anderen Büchern auf eine Leinwand starre, die meinen Blick beengt, stehe ich bei Jean Paul auf einer weiten Ebene, auf der ringsum alles Mögliche verstreut liegt, das Höchste und das Niederste, Weltgedanken und Alltagsbeobachtungen.“

Tatsächlich quellen Romane wie Quintus Fixlein oder Flegeljahre über von Einfällen; ein Handlungsgestrüpp, das den Verdacht nährt, „dass Jean Paul gerade der Ehrgeiz getrieben haben könnte, Übersicht unmöglich zu machen.“ Seine Bücher bestehen „nicht nur aus Abschweifungen, sondern der Erklärung, aus Abschweifungen zu bestehen.“ Das meint, der Erzähler neigt dazu, das eigene Erzählen zu kommentieren. Er folgt jedenfalls nicht dem gängigen Illusionsmodell, das auf Identifikation und Spannung baut. So gleicht jedes seiner Bücher einer „Ruine“.



die horen Nr. 236, 2009 (Johann P. Tammen, Wurster Str. 380, 27580 Bremerhaven), 14,-
Merkur
Heft 2, Februar 2010 (Mommsenstr. 27, 10629 Berlin), 12,-
Sinn und Form Heft 1, 2010 ( Postfach 210250, 10502 Berlin), 9,-
Bella triste Nr. 23, 2009 (Moltkestraße 64, 31135 Hildesheim), 5,-

16:00 16.02.2010
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