Konrad Ege
Ausgabe 0716 | 18.02.2016 | 06:00 8

Aus dem Ruder gelaufen

USA Bei den Vorwahlen der Republikaner liegt ein Brandstifter vorn. Und die Feuerlöscher funktionieren nicht

Aus dem Ruder gelaufen

Donald Trump achtet auf eine gesunde Haarfarbe

Foto: Christopher Furlong/Getty Images

Gewinnt Donald Trump die republikanischen Vorwahlen? Mitte Februar, nach Trumps Sieg in New Hampshire, lässt sich nicht mehr abstreiten: Es ist wohl möglich, dass der von Verachtung für seine Rivalen triefende kluge Raubauke ganz vorn landet. Es ist freilich schwer einzuordnen, was wirklich los ist im rechten, frustrierten und vor allem weißen Amerika. Dem steinreichen Unternehmer hat es augenscheinlich nicht geschadet, dass er Muslime aussperren und elf Millionen Einwohner ohne Papiere deportieren möchte. Und dass er Foltermethoden schlimmer als Waterboarding einsetzen würde.

Es wird viel gesprochen über das „Establishment“, dem die republikanischen Vorwahlen aus dem Ruder liefen. Damit sind bürgerlich-konservative Eliten und führende Vertreter von Wirtschaft und Finanzwelt gemeint, die „Washington“ nicht als Feind sehen, sondern weitgehend als Garant ihrer Interessen – mit dem Vorbehalt freilich, dass sie manchmal Kompromisse eingehen und nicht immer den ganzen Kuchen bekommen. Politiker des Establishments, personifiziert durch die Familie Bush, passen sich gesellschaftlichen Trends an, ziehen jedoch im Notfall die Bremse. George W. Bush hat unmittelbar nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 eine Moschee besucht und betont, der Terror sei nicht der wahre Islam.

Dabei geht es nicht nur um Trump. Fast alle der mehr als ein Dutzend anfänglichen Anwärter der Republikanischen Partei – ein halbes Dutzend ist übrig – haben sich als Außenseiter inszeniert. Ted Cruz, der Sieger in Iowa, macht energisch Wahlkampf „gegen Washington“, gestützt auf konservative Evangelikale und mit göttlichem Segen, wie sein Vater Rafael Cruz mitteilt, von Beruf Prediger. Senator Cruz aus Texas hat sich zeit seiner Karriere bekriegt mit Parteikollegen im Kongress und sich offenbar extrem unbeliebt gemacht, als er denen attestierte, es fehle ihnen an ideologischer Reinheit im Kampf gegen Barack Obama. „Warum so viele Republikaner Cruz schon beim Kennenlernen nicht mögen?“, fragt ein Witz. Und die Antwort lautet: „Das spart Zeit.“

Präsidentensohn und -bruder Jeb Bush, personifiziertes Establishment, kann sich kaum Gehör verschaffen in Trumps Sperrfeuer der Beleidigungen. In New Hampshire machte die 90-jährige Barbara Bush mit Rollator Wahlkampf. Jeb sei „kein Angeber – wir lassen das nicht zu –, aber er ist anständig und ehrlich“ und „fast zu höflich“. Ihr Sohn solle bei Debatten „auch mal unterbrechen, wie die anderen das tun“, sagte Barbara Bush dem Fernsehsender CBS. Trump tweetete Richtung Jeb: „Mom kann dir nicht helfen mit ISIS, den Chinesen oder mit Putin. Jeb Bush kam auf elf Prozent in New Hampshire. Der angehende Kunstmaler George W. Bush macht Pause von Pinsel und Leinwand, ließ er zu Wochenbeginn wahlkämpfend in South Carolina wissen. Er verstehe es, dass Amerikaner „verärgert und frustriert“ seien, doch man brauche im Weißen Haus „niemanden, der unsere Frustration anheizt“.

Trump schmäht Bush

Bei der republikanischen Kandidatendebatte vergangenen Samstag, eine Woche vor den South-Carolina-Vorwahlen am 20. Februar, schritt Trump zum Frontalangriff auf die Bush-Dynastie. Mit rotem Gesicht und beim Thema Irak-Krieg. „Sie haben gelogen ... Sie sagten, da seien Massenvernichtungswaffen. Da waren keine. Und sie wussten, dass keine da waren.“ Und dann kam die für republikanische Verhältnisse ungeheuerliche Beschuldigung, Amerika sei „nicht sicher“ gewesen unter George W. Bush. „Das World Trade Center stürzte ein während der Herrschaft von George Bush.“ Das ist beinahe so gotteslästerlich wie Trumps Bemerkung vergangenes Jahr über Senator John McCain, der vielen Amerikanern als Held gilt wegen seiner Unbeugsamkeit in nordvietnamesischer Kriegsgefangenschaft. McCain sei kein Held, sagte Trump. „Ich mag Leute, die nicht gefangen genommen wurden.“

Das Magazin New Yorker brachte bereits vor Monaten auf den Punkt, wer die Bürger sind, die Trump zujubeln. „Eine lockere Allianz“ derer, die sich als Opfer einer sich ändernden Welt fühlen. Trump gibt offenbar vielen wenigstens das Gefühl, sie stünden endlich auf der Seite eines Gewinners. Freilich kommt die Freundschaft mit Widersprüchen, denn viele von Donalds Fans sind eigentlich Menschen, die nach seinen Maßstäben zu den Verlierern gehören. Trotzdem ist sich der Kandidat seiner Leute gewiss. Selbst wenn er mitten auf der Fünften Avenue in Manhattan stehen und jemanden erschießen würde – „ich würde keine Wähler verlieren“, posaunte Trump in Iowa.

Der Wahlkampf macht ihm offenbar Spaß. Es geht um ihn, nicht um Programme. In seinem von ihm häufig erwähnten Bestseller The Art of the Deal (Die Kunst, einen Deal zu schließen) erläuterte Donald Trump bereits 1987, wie Werbung und Vermarktung funktionieren: Ein Schlüssel zum Erfolg sei Großspurigkeit. Sie nähre Wunschträume, schrieb Trump. Viele Menschen hätten selber keine großen Pläne, doch sie könnten sich begeistern für andere, die große Pläne hätten. „Und da kann ein wenig Übertreibung nicht schaden. Menschen wollen glauben, dass etwas das Größte und Tollste und Spektakulärste ist.“ Er nenne das „wahrheitsgetreue Übertreibung“ (truthful hyperbole), eine unschuldige und angeblich sehr effektive Form der Übertreibung. Er habe außerdem erlebt, dass die Medien Hunger hätten auf eine gute Geschichte, je sensationeller, desto besser.

Mexiko muss zahlen

Trump präsentiert keine detaillierten Pläne. Er sagt einfach, er werde der „beste Präsident für Jobs sein, den Gott je erschaffen hat“. Und Mexiko müsse eben für die Grenzmauer zahlen. Mit China werde er bessere Handelsverträge aushandeln. Bei der Außenpolitik seien komplexe internationale Bündnisse überflüssig. Er will das stärkste Militär der Welt; doch nur für die USA. So hat sich Trump mehrmals über die Stationierung der US-Streitkräfte in Südkorea erregt, die den USA nichts bringe. Und über die kostspielige Militärpolitik im Nahen Osten. Der Irak-Krieg habe die gesamte Region destabilisiert, war Trump bei der republikanischen Debatte am Samstag überzeugt.

Für die Think-Tanks ist der Mann nicht nur wegen seiner uninformierten Statements ein Albtraum. Thomas Wright, außenpolitischer Experte der Brookings Institution, meint, Trump würde die nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffene Ordnung auflösen: „Es wäre das Ende der amerikanischen Ära.“ Die National Review, seit Jahrzehnten Hausorgan eines respektablen Konservativismus, leitartikelte im Januar in einer Sondernummer gegen Trump, dieser sei ein „philosophisch frei treibender Opportunist“, der den konservativen Konsens innerhalb der Republikanischen Partei kaputt mache. Er tue dies „zugunsten eines unscharfen Populismus mit den Beiklängen des starken Mannes“.

Derartige Entrüstung kommt zu spät. Der starke Mann erntet, was das Establishment sei Jahren wachsen lässt. Zumindest seit Barack Obamas Amtsantritt vor sieben Jahren. Führende Republikaner gingen seinerzeit sofort auf Totalopposition. Da kam es gelegen, dass sogenannte Tea-Party-Gruppierungen die rechte und weiße Basis mobilisierten gegen angebliche Pläne der Regierung, Amerikanern die Schusswaffen wegzunehmen, mit der Gesundheitsreform Todeskommissionen einzurichten und letztendlich Amerika zu zerstören. Selbst als Trump seinen Wahlkampf mit dem Spruch startete, die Migranten aus Mexiko seien Drogendealer, Vergewaltiger und Kriminelle, herrschte Schweigen in der Parteiführung.

Trump braucht keine riesige Wählermobilisierung. Relativ wenige Bürger machen sich die Mühe bei Vorwahlen. Im Jahr 2012 gewann Mitt Romney nach Angaben von realclearpolitics.com die republikanischen Vorwahlen mit nur zehn Millionen Stimmen.

Währenddessen beschäftigen sich die Demokraten erst einmal mit sich selbst und fragen sich, ob sie eine Politik der kleinen Schritte wollen oder eine „politische Revolution“, ob Hillary oder Bernie wählbarer sind. So viel Ungewissheit hat es schon lange nicht mehr gegeben. Fragen und keine Antworten: Wie verhält sich das republikanische Establishment, sollte Trump die Vorwahlen gewinnen? Und wie das demokratische, sollte Sanders gewinnen? Und falls es für Trump nichts wird bei den Vorwahlen? Vor Tagen erst drohte der Kandidat erneut, er könne auch als Unabhängiger kandidieren.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 07/16.

Kommentare (8)

larmueller 18.02.2016 | 15:14

Was sich die Kandidaten momentan in den Vorwahlen in den USA leisten ist wirklich erschreckend. Es geht nicht mehr um Inhalte, sondern um Personen. Man nimmt sich ständig gegenseitig das Wort, unterbricht andere und greift andere persönlich an. Genau dies hat sich ein Herr gewünscht: Donald Trump. Denn darin ist er stark, in der Selbstvermarktung und darin andere zu diffamieren! Die Kandidaten und ihre Berater in beiden Lagern - Rupublikaner und Demokraten - sollten sich langsam aber sicher eine Strategie überlegen, wie sie verhindern, dass Herr Trump der nächste Präsident der USA wird. Ich bin mir sicher, dass dann viele Dinge passieren, über die er vorher noch gar nicht gesprochen hat! Und die vorhersehbaren und nicht vorhersehbaren Dinge, die er angehen wird, gut sind für unsere Welt - ich wage es zu bezweifeln! Dafür ist er viel zu sehr Egomane und Narzisst. Er wird das tun was gut für Ihn ist und für die USA, wenn andere darunter leiden müssen, wird er dies tolerieren!

Sägerei 18.02.2016 | 23:12

Für den Hinweis, dass J.W. Bush am 11.9.2011 Präsident der Vereinigten Staaten war hat Trump immerhin einen kleinen Pluspunkt bei mir gelandet. Vor 10-12 Jahren war das Buch "Against All Enemies" von Richard Clarke ein Bestseller auf beiden Seiten des Atlantiks. Clark war konservativer Sicherheitsberater aller Präsidenten seit Reagan und beschreibt eindrücklich wie J.W. Bush sofort nach Amtsantritt jegliche Bedrohung durch Al Kaida heruntergestuft, Arbeitsgruppen der Vorgängerregierung aufgelöst und das gesamte Anti-Terrorprogramm auf die spätere "Achse des Bösen" ausgerichtet hat. Es ist ja nicht so, dass M. Atta und Co. gänzlich unbekannt waren.

Herby Neubacher 19.02.2016 | 09:49

Ich finde es einen blanken Skandal das ein Papst jemandem abspricht ein Christ zu sein. Katholiken haben kein Exclusivrecht auf Christentum - und sie haben ncht das Recht Glauben abzusprechen.

Das ist eine schlanke Unverschaemtheit und es zeigt wie weit sich die katholische Kirche von Jesus Christus und seiner Lehre entfernt hat.

"Wer unter euch ohne Suende ist der werfe den ersten Stein' -

Paepste haben immer brutalste Politik gemacht durch die gesamte Geschichte der Kirche und haben sicherlich nicht nur reichlich Mauern gebaut sondern Andersglaeubige mit Feuer und Schwert vernichtet. Das qualifiziert sie nicht gerade den Stab ueber andere zu brechen.

Das ist mit Sicherheit mehr als unchristlich. Was immer man von Donald Trump halten mag - der Papst hat kein Recht in dieser Weise offentlich zu exkommunizieren.

Er soll sich raushalten und sich lieber um seinen eigenen paedophilen Schweinestall kuemmern. Da gibt es genug auszumisten. Namentlich fuer einen Christen.

Ratatörskr 21.02.2016 | 12:36

Und nun nehmen Sie für sich in Anspruch, "den ersten Stein zu werfen"?

Wir leben im 3. Jahrtausend der Zeitrechnung und der Papst hat durchaus das Recht dazu, nicht mehr einen Faschisten-Trump(f) zu unterstützen, wie der einstige Papst den Superantichrist Adolf der Schrecklichste! Wie kommen Sie dazu, ihm sein Denken und Sagen absprechen zu wollen. Kritisieren Sie Franziskus wieder, wenn er die ersten Geschäfte mit diesem Trump(f) machen sollte!

Franziskus scheint zu wissen, dass in seinem Haus aufzuräumen ist. Auch die Dinge, die dogmatisch gehandhabt werden, ohne Dogmen zu sein. Vielleicht kommt ihm der Gedanke, dass er Faschisten ebenso exkommunizieren kann, wie damals, bis in die 5oer Jahre schlichte Mitglieder der kommunistischen Partei.

Jeder Fundamentalismus ist zurückzuweisen, auch Ihre unkritische fundamentalistische Auffassung, dass Sie dem Papst einen eigenen Standpunkt in schönster antidemokratischer Haltung absprechen!