Aus dem Schatten

Kino Pedro Costas Film „Vitalina Varela“ ist Kolonialismus-Kritik in Form von Licht und Dunkel und leisen Monologen
Aus dem Schatten
30 Jahre Einsamkeit waren der Preis für die Entscheidung ihres Mannes

Foto: Grandfilm

Der Blick in die Tiefe zwischen der Häuserwand auf der linken und der Mauer auf der rechten Seite verliert sich schnell im Dunkel. Es ist, als ob diese schmale, sich zu einem kleinen Platz hin öffnende Gasse alles Licht verschluckt. Nur ein paar oberhalb der Mauer sichtbare Kreuze fangen das fahle Licht des Mondes ein und werfen es zurück. Ein erster Verweis oder auch eine erste Erinnerung an den seither alles bestimmenden Moment auf dem Kalvarienberg, in dem das Licht auf Jesu Gesicht die Welt in zwei Hälften geteilt hat. Den Schatten des irdischen Verrats, die Judas mit seinem Kuss heraufbeschworen hat, steht das sanfte Strahlen himmlischer Versprechungen gegenüber. Doch das kann das Schattenreich der menschlichen Existenz kaum erhellen. So bleibt es also bei den schwach erleuchteten Kreuzen und mit ihnen bei einer Ahnung von dem Licht, das die Welt verloren hat.

Aus dem undurchdringlichen Schwarz der Gasse tritt in der ersten Einstellung von Vitalina Varela, Pedro Costas siebtem Spielfilm, nach einiger Zeit eine Art Trauerzug. Ein paar der Männer, die anscheinend von einer Beerdigung kommen, können sich nur mit einer Unterarmgehstütze aufrecht halten. Der alte, stark zitternde Priester muss von zwei Männern gestützt werden und bricht schließlich auf der Straße zusammen. Das Leben in den Schatten liegt als schwere, erdrückende Last auf ihnen allen.

Vor vielen Jahren sind sie aus der einstmaligen portugiesischen Kolonie Kap Verde nach Lissabon gekommen, um dort als Maurer und Dachdecker, als Elektriker und Klempner auf den großen Baustellen zu arbeiten. Nun hausen sie in improvisierten Hütten und dunklen Zimmern an den Rändern der Metropole. Fast alle sind sie von Krankheit und Alkohol, von Drogen und der schweren körperlichen Arbeit gezeichnet. Die Hoffnungen, die sie einst nach Europa geführt haben, sind längst vergessen, wie die Familien, die sie in ihrer Heimat zurückgelassen haben.

Vitalina Varela ist eine dieser Verlassenen und Vergessenen, die Jahrzehnte auf die Rückkehr ihres Mannes oder aber auf ein Flugticket nach Lissabon gewartet haben. Ihre Geschichte hatte sie schon in Pedro Costas vorherigem Film Horse Money anhand einiger zentraler Daten und amtlicher Dokumente umrissen. Ganz sachlich erzählte sie damals von ihren beiden Hochzeiten, der standesamtlichen im Dezember 1982 und der kirchlichen im Frühjahr 1983, und von dem offiziellen Brief, den sie 30 Jahre später erhalten hat und der sie über den Tod von Joaquim de Brito Varela informierte. Es war in seiner Klarheit und Nüchternheit ein herzzerreißender Augenblick in einem ansonsten eher surrealen Filmgespinst, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Wirklichkeit kaum voneinander scheiden lassen.

Ein filmisches Gemälde

In Vitalina Varela nun verschiebt Pedro Costa den Fokus. Aus der Nebenfigur Vitalina, die seinem zentralen Protagonisten Ventura in Horse Money wie ein weiterer Geist der Vergangenheit erscheint, wird das Zentrum der Erzählung. Wie schon 2014 spielt Vitalina Varela sich selbst, oder genauer, sie stellt eine Version ihres Lebens und ihrer Geschichte dar. Diese Verschiebung des Schwerpunkts weg von den Männern, die für ihren Egoismus alles geopfert und dabei am Ende doch nur verloren haben, hin zu einer Frau, die mit ihrer Einsamkeit über drei Jahrzehnte hinweg den Preis für die Entscheidungen ihres Mannes gezahlt hat, weitet den Blick.

Nachdem sie 30 Jahre lang gewartet hat, ist Vitalina endlich auf dem Lissaboner Flughafen gelandet. Aber selbst in diesem Moment kommt sie noch zu spät. Denn als sie nachts barfuß aus der Maschine steigt, wird sie von einer Gruppe Frauen empfangen, die das Flugzeug putzen sollen. Eine von ihnen erzählt Vitalina, dass ihr Mann Joaquim doch schon vor drei Tagen beerdigt wurde – und es in Portugal folglich nichts für sie gibt.

Dieser nächtliche Augenblick hat in Pedro Costas Inszenierung, die jede einzelne Einstellung in ein filmisches Gemälde verwandelt – wie schon das Bild von den Trauernden, die aus der dunklen Gasse kommen –, etwas Sakrales. Die Reinigungskolonne erinnert an eine Gruppe von Heiligen auf einem Renaissance-Gemälde. Indessen wird Vitalina zu einer messianischen Figur. Sie mag zu spät eintreffen, aber ihre Ankunft verändert dennoch alles.

„Das Gesicht einer Frau im Sarg verrät ihr Leiden nicht“, verkündet Vitalina einmal. Ein Satz wie ein Stich mit einer Nadel, der den Luftballon der aufgeblasenen Egos der Männer in ihrem Umfeld zum Platzen bringt. Denn sie alle tragen ihr Leiden, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung geradezu vor sich her, fast schon wie eine Auszeichnung.

Leben am Rand

Im Gegensatz zu den Männern erträgt Vitalina ihr Schicksal, die Trauer über ein leeres und einsames Leben, mit stiller Würde. Sie leidet nicht öffentlich, für alle anderen sichtbar, sondern überlässt sich ihrem Schmerz und ihrem Zorn nur, wenn sie allein mit sich und dem Geist ihres verstorbenen Mannes ist. Dann werden ihre leisen Monologe und Erzählungen zu Dialogen mit einem Abwesenden. Das Schweigen des Toten ist das Schweigen aller, die ihre Heimat in Kap Verde hinter sich gelassen und damit ihr altes wie ihr neues Leben verpfuscht haben.

Einen lebendigen Gesprächspartner findet Vitalina in dem Priester, der ihren Mann beerdigt hat und dem sie eine weitere Trauerzeremonie in einer leeren Kirche abringt. Er ist es auch, der die Geschichte von Jesus und Judas erzählt und sie mit einem bitteren Resümee beendet: „Aus diesen Schatten sind wir gemacht.“ Dieses Dogma, das dem vom Verlust seines Glaubens gezeichneten Priester eine ganz eigene Heiligkeit verleiht, ist zugleich ein Schüsselsatz für Pedro Costas Filme, die eben auch aus diesen Schatten gemacht sind. Costas nachtschwarze Digitalbilder, die nur von natürlichen Lichtquellen und durch den geschickten Einsatz von Spiegeln erhellt werden, verankern die Menschen fest in den Schatten, die sie umgeben. Es sind ungeheuer kunstvolle Einstellungen, die auf beinahe organische Art vom Leben der Nachfahren des Kolonialismus an den Rändern der westlichen Wohlstandsgesellschaften erzählen. Costa stellt die Armut und die Marginalisierung seiner Protagonisten nicht aus. Er zeigt sie auf die Weise, in der Vitalina, Ventura und all die anderen sie tagtäglich erfahren.

Info

Vitalina Varela Pedro Costa Portugal 2019, 124 Minuten

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06:00 13.09.2020

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