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Aus der alten DDR-Schule ist nur eines abzuleiten - der Ansatz sozialer Gleichheit

PISA Junge Poeten, polytechnisch

Im Wertebewusstsein der heutigen Gesellschaft rangieren klassisch denkintensive Gewerbe weit hinter denen, die ihren Stand über die Massenunterhaltung definieren. Das war bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch anders. Die industrielle Revolution und die unmittelbare Nachkriegszeit honorierten neue Ideen, Technologien, das Denkprodukt schlechthin und formten ein inzwischen weitgehend geschmähtes Ideal: Kannst Du was, so bist Du was. Heute will kaum noch einer aufbauend investieren. Schule, Forschung, Kinderbetreuung brauchen danach viel zu weite Wege. Trotz Betonung von Bildungsförderung wurden Aufwendungen auch in den letzten Jahren weiter gekürzt. Und das, obwohl die jetzt beklagte Misere seit Mitte der siebziger Jahre bekannt ist. Damals wurden in 20 Ländern Erhebungen durchgeführt, westdeutsche Schüler schnitten in vergleichbar blamabler Weise ab. Das Lamentieren über Schule, Kinder und Bildung ist solange heuchlerisch, wie sich die Schlussfolgerungen in Klagen erschöpfen.

Um es vorweg zu sagen: Die Erinnerung an die DDR-Schule ist nicht etwa ein Allheilmittel, auf das in einer prekären Situation zurückzugreifen wäre. Sie hat sich nie einem internationalen Test unterzogen - abgesehen von den Mathematik-, Chemie-, Russisch-, Deutsch-Olympiaden, die allerdings nur Spitzenleistungen in den Vergleich nahmen, nicht die des Durchschnitts. Sie hatte ihre eigenen Mängel, die ähnlich gravierend zu Buche schlugen - etwa in der allgemeinen Unfähigkeit des Gebrauchs von Fremdsprachen. Sie hat Bildung solange ideologisch überfrachtet, bis Teile des klassisch humanistischen Zweigs dauerhaft geschädigt waren. Die Naturwissenschaften, der freien Interpretation durch politische Vorgaben weniger ausgeliefert, konnten ihre normsetzende Kraft allerdings bewahren. Einer der Gründe, warum es leicht zu sein scheint, auf diesem Gebiet die bessere Position der damaligen Schule zu beschreiben. Vereinfachte Analysen aber bergen ebenso viele Risiken wie übertriebene Ängste.

Die heranwachsende Generation ist weder dümmer noch intelligenter als ihre Vorgänger, und zwar diesseits und jenseits der Elbe. Sie ist allerdings von einer inhomogenen Gesellschaft vorgeformt, die auf gleiche Ausgangspositionen nur noch verbal Wert zu legen scheint. Eine für alle verbindliche Basisschule, die - gleich einem Baum, gut gepflegt und mit einem umfassenden Nahrungsangebot versehen - schließlich die ideale Spitze trägt, gibt es nicht. Stattdessen eine Unmenge von Therapien, die den Baum solange schüttelten, bis auch die letzten Früchte noch madig gemacht und heruntergefallen waren. Die deutschen Schultypen sind inzwischen stigmatisiert und von vornherein klassifiziert. Für die sogenannte Basisbildung gibt die Bundesrepublik entschieden weniger Geld aus als z.B. Österreich, Norwegen, Schweiz oder USA. Wer etwas auf sich hält, versucht die Kinder möglichst ohne Verlustzeiten auf das auch finanziell besser ausgestattete Gymnasium zu schicken. Wer den möglichst frühen Absprung verpasst, stellt fest, dass die gedachte Durchlässigkeit der einzelnen Typen kaum funktioniert.

Das war in der DDR-Schule schon deshalb anders, weil sie ihre alten Eliten verloren hatte (Krieg, Abwanderung, Verfolgung, Hochmut). Ihr blieb gar nichts anderes übrig, als den Nachwuchs aller sozialen Gruppierungen zu sichten, zu fördern und die entdeckten Potenziale auszuformen. Angefangen bei den Arbeiter- und Bauern-Fakultäten der unmittelbaren Nachkriegszeit, die bewusst aus den bislang benachteiligten Schichten schöpften. Für die normalen Lehreinrichtungen folgte daraus zwingend der Gesamtschul-Ansatz, der so lange wie möglich auf angestrebt hohem Niveau alle Kinder mitzunehmen hatte, um erst spät die bis dahin entdeckten Talente in weiterführende Schulen abzugeben. Die Grundschule basierte auf einem System von Vorschuleinrichtungen, die sich nicht als Verwahreinrichtungen verstanden, sondern schon im frühkindlichen Alter Bildungsangebote unterbreiteten. Dass es im Gesamtsystem zu Ungerechtigkeiten kam, Kinder wegen der weltanschaulichen Vorlieben ihrer Eltern diskriminiert wurden, darf nicht verschwiegen werden, ändert aber am Ansatz dieser Schule wenig. Lehrer mussten davon ausgehen, dass die Vermittlung des Stoffes fast ausschließlich ihnen und außerschulischen Einrichtungen oblag, da Eltern in der Regel nicht helfend eingreifen konnten, auch nicht als Finanziers von Nachhilfe. Ein Lehrer war ein "guter Lehrer", wenn wenig Schüler die einzelnen Klassenstufen noch einmal durchlaufen mussten. Dabei konnte diese Schule - Frauen wie Männer waren schließlich zu beinahe hundert Prozent in den Arbeitsprozess einbezogen - davon ausgehen, dass die Gesellschaft vielfältige Angebote zur Verfügung stellen würde, um unterschiedliche Fähigkeiten optimal zu fördern. Das führte zu inhaltlich breit gefächerten Arbeitsgemeinschaften, angesiedelt in den Schulen, oft aber auch bei den heute pauschal verachteten Pionierhäusern, die mit anderer Methodik als die Schule Wissen experimentell verwerteten oder ausbauten. Man kann über Bezeichnungen wie "Junge Kosmonauten" höhnisch lachen, Kinder erlebten dort Mathematik, Astronomie, Physik in einer für sie spannenden Form. Die Ergebnisse der "Jungen Poeten" wurden nie in anderer Form als in den Poesiealben des Verlages Junge Welt publiziert, aber die Literatur in ihrer Wirkungsgeschichte wurde anders erlebt als bei üblicher Schullektüre. Leiter solcher Arbeitsgemeinschaften hatten in der Regel eine gleichwertige Ausbildung wie Lehrer, Kontakte knüpften die Kinder über die gemeinsame Art, Wissen zu verwerten, ihre Normen waren durch solche Vorlieben in der Freizeit ebenso geprägt, wie durch Elternhaus oder Schule. Die Kosten dafür waren auch in der DDR hoch, ob sie aber so viel höher lagen als die nachsorgender Einrichtungen heute, ist zu bezweifeln.

Von Anfang an hatten die Bildungseinrichtungen der DDR allerdings ein Problem: Sie waren besser als das, was davon in den allgemeinen wirtschaftlichen Kreislauf geriet. Das gedachte Heilmittel war der sogenannte Polytechnische Unterricht für Kinder der Oberstufen. Wer heute behauptet, dieser Unterricht habe tatsächlich Bildung und Praxis verbinden können, macht sich etwas vor. Zwar konnte in den besten Fällen ein Eindruck von den Notwendigkeiten der Wirtschaft vermittelt, Achtung vor der Art und Weise, wie produziert wird, erreicht werden. So wurden Werkstücke berechnet, über deren Einsatz nachgedacht, Materialien selbst bearbeitet und ihre Genauigkeit angemahnt. In der Regel aber erschöpfte sich diese Polytechnik in der Vermittlung von handwerklichen Fähigkeiten: Einen Nagel würde auch der künftige Philosoph in die Wand schlagen können.

Wenn es daraus heute etwas abzuleiten gilt, dann höchstens, dass in allen Gesellschaftsformationen Bildung mit Praxisanforderungen möglichst eng verknüpft werden sollte, ohne allerdings eine Unterordnung zu erfahren. Das bloße Hantieren mit technischem Gerät ist jedenfalls keine Therapie.

Seltsamerweise leistete sich ein eigentlich dogmatisches Land gerade auf dem Gebiet der Bildung undogmatische Ausbrüche: Für besondere Fälle standen eine Vielzahl von Sonderschulen zur Verfügung - kostenfrei. Das galt für besondere Sprachtalente wie für Mathematikgenies oder, umgekehrt, für Kinder, die dem Unterricht nicht folgen konnten, aber dennoch bis zum Abschluss der 8. Klasse geführt werden sollten. Diese Gesellschaft verfügte nur in einigen Fällen über moderne Technik, hatte aber damit begonnen, sie für die Schulen bereit zu stellen. Die Ergebnisse waren (noch) spärlich.

Der Ansatz allerdings belegt die andere Philosophie: Ressourcen fördern und erschließen, in ihrer Wirkungsgeschichte vermitteln und daraus schöpfen. Schule nicht allein als Kostenfaktor behandeln, sondern als Instrument, das die künftige Gesellschaft entscheidend mit formt. Das hat die DDR gern politisch verstanden, es gilt allerdings vor allem für das, was eine Gesellschaft als Lebensnorm begreift. Wird am Ende der hektisch in Einzelabteilungen agierenden Gesellschaft von heute stehen, dass sie - frei nach Brecht - dabei ist, das Volk nicht zu bilden, sondern sich ein neues zu kaufen?

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00:00 11.01.2002

Ausgabe 39/2020

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