Aus der Art geschlagen

Kindererziehung Während die eigenen Kinder die E-Gitarre malträtieren, spielen die Söhne des Kollegen Klavier und Geige. Warum sind die Kinder anderer Eltern immer besser erzogen?

Manchmal wundere ich mich. So wie neulich: Ein Kollege hält eine Lesung, musikalisch begleitet wird er von seinen beiden Söhnen. Die sind so alt wie meine. Der eine spielt Klavier, der andere Geige.

Meine Söhne spielen E-Bass und E-Gitarre. Das „E“ steht vermutlich für laut und manchmal auch für chaotisch. Die Haarfarbe meiner Söhne wechselt täglich. Ihr Irokesenschnitt lässt keinen Zweifel daran, dass sie nicht mehr meine süßen, kleinen Lockenköpfe sind. Und als ich sie neulich bat, mir bei der Vorbereitung einer Lesung wenigstens die Stühle zu schleppen, war der eine verschwunden und der andere ließ sich erst nach langen, zähen Verhandlungen, bei denen ich zehn Euro verlor, vom Helfen überzeugen.

In solchen Fällen versuche ich mich damit zu trösten, dass bei perfekt erscheinenden Familien hinter der Fassade vielleicht auch das mir bekannte Durcheinander herrscht: Streit und Diskussionen und Kinder, die manchmal friedlich und kooperativ, oft aber auch vorwurfsvoll und streitsüchtig agieren, der ganz normale Wahnsinn der Pubertät?

Es wird ständig verglichen

Wie gut erziehe ich? Erziehen andere besser? Vergleiche unter Eltern sind an der Tagesordnung. Erwachsene sind heute schnell dabei, wenn es darum geht, aus dem Verhalten der Kinder Rückschlüsse auf die Fähigkeiten der Eltern zu schließen. Als Mutter begegne ich immer wieder Kommentaren, Kommentaren über das Pro und Contra unserer Erziehung. Es gibt Eltern, die fragen sich, wenn sie unsere Kinder sehen, wer die wohl erzogen hat – und ob man da überhaupt von Erziehung sprechen kann. Andere Eltern brüsten sich damit, unsere Kinder und die Eltern unserer Kinder zu kennen und fragen auch schon mal bei Erziehungsproblemen nach. Beiden gemeinsam ist, dass sie sich Gedanken machen – um den Erfolg unserer Erziehungsmethoden.

Mich selbst wundert es, dass es scheinbar durchaus Kinder gibt, die besser funktionieren. Kinder, die sich mühelos ins Familienleben einreihen, die ihre Hausaufgaben machen und ihre Zimmer aufräumen. Vielleicht sind die Eltern anderer Kinder strukturierter, haben – frei nach Supernanny – von Anfang an die richtigen Grenzen gesetzt. Vielleicht.

Es gibt eine Alternative: Vielleicht sollten Kinder gar nicht gut „funktionieren“. Längst haben sich die Erziehungswerte in unserer Gesellschaft verschoben. Waren vor noch nicht allzu langer Zeit Fleiß und Ordnung und Gehorsamkeit Werte der Erziehung, so hat sich die Messlatte längst gewandelt zu Ich-Stärke, Individualität und Kritikfähigkeit. Gut so. Die Sache hat nur einen Haken: Wer will schon den (Familien-)Alltag mit Menschen verbringen, die das eigene Leben sprengen?

Da wären Fleiß, Ordnung und Gehorsam schon viel bequemer. In dem Wunsch, einen reibungslosen Alltag und gleichzeitig gut erzogene Kinder hin zu bekommen, schiele ich nach rechts und nach links. Das Ergebnis ist verwirrend. Es gibt Eltern, die habe ich früher für ihre Erziehung bewundert. Die eine Tochter ist heute im Heim, die andere vorübergehend in der Psychiatrie wegen Drogenproblemen. Es gibt Eltern, denen konnte ich beim Erziehen nicht zuschauen – deren Kinder sind glücklich und frei, haben das Abitur schon mit 17 gemacht.

Es scheint kein Patentrezept zu geben, so wie die Werte Fleiß, Ordnung und Gehorsamkeit uns einst glauben ließen. Wie nie zuvor erstreben wir für unsere Kinder Individualität und Selbstständigkeit, doch wie nie zuvor mischen wir uns auch in die Entwicklung unserer Kinder ein.

Noch nie war uns Erziehung so wichtig wie heute. Und noch nie waren Eltern so ehrgeizig. Wir haben Janusz Korczak und Pestalozzi gelesen, und die Walddorfpädagogik mit der Montessoripädagogik verglichen. Wer viel Energie in harte Arbeit steckt (und das ist Kindererziehung zweifelsohne), der möchte auch Früchte ernten. Doch wer Individualität und Selbstständigkeit sät, kann schlecht Produkte seiner selbst erwarten.

Wer ist die Super-Familie?

Eltern konkurrieren untereinander und das ist heikel. Die Konkurrenz geht von unterschiedlichen Ausgangslagen aus und hat ein nicht klar definiertes Ziel. Familiesein heißt immer, auch ein zusammengewürfelter Haufen an Einzelnen zu sein. Und die können zusammen passen. Oder auch nicht. Das Leben und die Familiengeschichte gehen unplanbare Wege.

Kinder haben genug mit sich selbst zu schaffen, sie müssen nicht auch noch Verantwortung für das pädagogische Tun ihrer Eltern tragen. Meine Kinder, das kann ich Ihnen verraten, beackern dieses Feld, indem sie unser pädagogisches Wirken auszuhebeln und Widersprüche aufzudecken versuchen. Sie wollen nicht nur keine funktionierenden Kinder sein, sie treten tagtäglich auch den Beweis dafür an, dass wir keine funktionierenden Eltern sind.

Perfekte Eltern – perfekte Kinder? Mal ehrlich: Müssen wir es nicht einfach leben, das ganz normale Chaos familiären Alltags; zwischenmenschliche Beziehungen, die anstrengen und wohl tun, die uns lachen und weinen, streiten und versöhnen lassen - ohne Wertung, aber mit Werten?


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11:34 18.10.2009

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