Aus der Deckung

Bildband Werner Bischof wurde auch der James Dean der Fotografie genannt. In diesem Jahr wäre er 100 geworden. Ein neues Buch zeigt alle Talente des Schweizers
Marc Peschke | Ausgabe 27/2016

Der Schweizer Journalist Manuel Gasser schrieb 1946 etwas Bemerkenswertes über Werner Bischof. Es liege auf der Hand, dass dieser Fotograf, „wäre er zu einer anderen Zeit, das heisst vor der Erfindung der Photographie, geboren, seine Begabung auf irgend einem anderen Gebiet verwirklicht hätte. Man kann sich leicht vorstellen, dass er Pflanzen und Früchte zart und sorgfältig mit dem Silberstift auf reinliches Papier zeichnet oder dass er Tierbilder nach Art der antiken Gemmenschneider in Stein gräbt.“

Diese Sätze haben schon vor 70 Jahren das Wesen der fotografischen Kunst von Werner Bischof eingefangen, die Zartheit und die Sorgfalt, mit der dieser bedeutende Schweizer Bildautor die Welt in Fotografien zu gießen verstanden hat. Doch Bischof war kein Gemmenschneider. Er war, auch wenn er als Zeichner viel konnte, durch und durch Fotograf. Er war einer, der mit Licht und Schatten zeichnete, dabei auf der Suche war nach Zartheit und Poesie, der aber wusste, dass das nicht alles war. Verwüstung, Brutalität, Krieg – auch das hat Bischof fotografiert.

Spektakuläre Briefe

Werner Bischof hatte nur wenige Jahrzehnte, um sein Werk zu vollenden. In diesem Jahr wäre er 100 geworden. Doch er starb mit 38 Jahren während einer Reise in den peruanischen Anden, bei einem Autounfall. Als James Dean der Fotografie hat man ihn beschrieben – und ja, da ist etwas dran: Verletzlich, attraktiv, melancholisch blickt er auf seinen Selbstporträts in Schwarzweiß den Betrachter an.

Bischofs Werk ist in der Schweiz legendär. Dort steht er gleich hinter seinem Landsmann Robert Frank. Auch in Deutschland kennt man ihn als Magnum-Fotografen, doch ist er hier nur einer von vielen. Jetzt ist pünktlich zum Jubiläum ein Buch mit dem Titel Werner Bischof. Standpunkt erschienen, das viel dafür tut, ihn neu zu entdecken.

Es finden sich alle seine wichtigen Reportagen darin. Die Bilder aus dem indischen Bundesstaat Bihar von 1951 und 1952, die den Hunger zeigen, der sich entstellend in die Physiognomien und Körper der Menschen eingefressen hat. Aber nicht nur Bischofs Fotografien präsentiert uns dieser Band: auch Notizen, Briefe, Zeilen, mit der Schreibmaschine geschrieben – den Bildern zugeordnet. Sie schallen im Gedächtnis nach, zerren den Fotografen noch deutlicher aus der Deckung: Das habe ICH erlebt! Das ist die Wahrheit!

Die Tagebucheinträge Bischofs, Liebesbriefe auch, Korrespondenz mit anderen Magnum-Fotografen oder seinem besten Freund Ernst Scheidegger sind – man darf es so schreiben – spektakulär. Eindrucksvoll poetisieren die Texte die Fotografien.

Die Bilder aus den USA, 1953 und 1954 in Farbe entstanden, sind der visuelle Schlussakkord. Zu diesem Zeitpunkt glaubte Bischof nicht mehr an die Fotografie als Reportage-Story für Zeitungen und Magazine, wie seine Selbstzeugnisse belegen. Er zweifelte nicht nur daran, er zweifelte an der Fotografie an sich, an ihren Limitierungen in ästhetischer und humanistischer Hinsicht. Das war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg noch anders gewesen: Bischof hatte das kriegszerstörte Deutschland fotografiert. Das verwüstete Norditalien. Bilder des Kriegs, die so puristischen Fotografien aus Kyoto, Bilder aus dem Mittleren und Fernen Osten, aus Nord- und Südamerika. Das alles sehen wir in einem Buch, das hervorragend gestaltet ist und auch viele bisher unveröffentlichte Kontaktbögen zeigt, auf denen angezeichnete Bildausschnitte viel über den Bildgestalter Bischof verraten. Darüber hinaus finden wir Zeichnungen von ihm, die an die ganz jungen Jahre nach der Ausbildung an der noch vom Bauhaus geprägten Fotoklasse der Kunstgewerbeschule in Zürich erinnern. An die Zeit, als Bischof nach Paris ging, um Maler zu werden. Das Zeichnen sollte er sein ganzes kurzes Leben lang nicht aufgeben.

Doch wie artikuliert sich Bischofs fotografische Sprache? Stets operiert er an den Grenzen. Sein tief empfundener Humanismus, seine politische Sicht, seine Liebe zu den Feinheiten von Licht und Schatten, sein fotografischer Lyrismus, sein Wille, als Dokumentarist ein Zeugnis abzulegen, aber stets auch der unbedingte Wille zum Stil, zur vollendeten Komposition: All das macht ihn aus.

Es ist ein Drama mit diesem Werk, hat der Schweizer Journalist Hugo Loetscher einmal geschrieben. „Der reine Traum im Konflikt der Welt – dieses Drama gibt seinen Bildern die Stärke.“ Und dabei ist das wirklich Grandiose, dass sich die verschiedenen Stränge des Fotografischen bei Werner Bischof zu einem unvergleichlichen Gesamtsound verdichten.

Mit seinen letzten Bildern aus den USA schließt sich der Kreis. Jetzt zeigt er Straßen, Highways, Autoschlangen, Strukturelles, Abstrahierendes. Ein Spiel der Formen, wie ganz am Anfang in der Fotoklasse der Kunstgewerbeschule bei seinem Lehrer Hans Finsler. Die Suche nach Abstraktion, das ist der Anfang und das Ende. Dazwischen ein Werk, das noch einmal zeigt, was Fotografie sein kann. Ein „Standpunkt“, der nicht nur von der Welt draußen erzählt, sondern genauso von dem Fotografen selbst. Von dem, der uns die Augen öffnet.

Info

Werner Bischof. Standpunkt Marco Bischof u. a. (Hg.) Scheidegger & Spiess 2016, 312 S., 77 €

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